Synthese vom Zirkeltreffen vom 18.10.08 zum Thema:
"Kunst und Kommunismus"
Die Diskussion war reich und spannend. Das schriftliche Einleitungsreferat wurde sehr begrüßt, leider hatten nicht alle Teilnehmer die Möglichkeit gehabt, es vorher eingehend zu lesen.
Ich beschränke mich hier darauf, die Hauptaussagen wiederzugeben. Alle waren sich darüber einig, dass der erste Diskussionsbedarf abgedeckt ist, dass dennoch vieles noch diskutiert werden kann und sollte, denn längst nicht alle Fragen sind geklärt (die Widersprüche und offenen Fragen sind in der Synthese deutlich). Wir hoffen auf eine Vertiefung der Diskussion durch Beiträge abwesender Interessierten zu der Synthese.
Folgende Themen wurden angesprochen:
Mensch und Kunst
- Der Mensch ist das einzige Wesen, das ohne Zweck Schönheit schafft und braucht
- Kunst steckt in jedem Menschen, aber ist jeder Mensch ein Künstler?
- Kunst ist eine menschliche Fähigkeit, die entwickelt werden muss und kann.
- Kunst ist notwendig für die Menschen, schon in der Urgeschichte sieht man erste künstlerische Ausdrücke.
- Kunst ist ein Teilaspekt der Menschennatur. Wir sind entfremdet von der menschlichen Natur, aber wir tragen sie in uns. Aber was ist eigentlich die Menschennatur?
Was ist überhaupt Kunst?
- Die Definition von Kunst ist eine dynamische Frage, sie hängt von der Epoche ab. Im Kapitalismus kann sich der Künstler den Verhältnissen nicht entziehen. Die Qualität eines Kunstwerkes wird im Kapitalismus an seinem Kaufwert gemessen. Die wahre Kunst ist aber nicht an ein Produkt gebunden – sie ist Selbstzweck.
- Kunst hat einen Zweck als Befriedigung, für den Menschen an sich – das kann man im Kapitalismus nur schwer leben.
- Kunst ist nicht zweckfrei, auch wenn es dem Künstler nicht bewusst ist. Kunst hat einen Einfluss, so oder so. Es bewirkt etwas – Kunst ist Kommunikation mit sich und den anderen.
- Kunst an sich ist ein kreatives Lebensgefühl – Kunst kann das Leben widerspiegeln – jedoch gibt der Kapitalismus kaum Raum für Kunst und ermöglicht nicht die volle künstlerische Entfaltung
- Kunst ist subjektiv und objektiv
subjektiv= eigene Wahrnehmung und Sicht der Welt – ich kann tun, was ich will
objektiv = allgemeiner Wahrheitsanspruch - Kunst ist objektiv, insofern als für andere zugänglich
Kunst ist intersubjektiv
- Kunst ist keine Abbildung der Wirklichkeit, Interpretation gehört immer dazu.
- Kunst und Kreativität: ist es das gleiche?
- Kunstbegriff besser definieren: Kunst, Kreativität, Kunstfähigkeit, Kunsthandwerk, was heißt das alles? Kreativität = etwas entsteht. Talent und Methoden sind dann wichtig, um das Entstehende zu verwirklichen. Kreativität ist nötig für die kapitalistische Produktion.
- Wer entscheidet, was Kunst ist? Ist Kunst das, was ich darin interpretiere? Kunst ist Identifikation oder Abgrenzung.
- Die öffentliche Meinung kann nicht entscheiden, was Kunst ist. Im Kommunismus werden sich die Menschen über Kunst unterhalten, auch darüber, was Kunst ist und was nicht.
- Kunst ist ein Ausdruck der Zerrissenheit des Menschen, des Leids.
- Was gehört alles zur Kunst, was nicht?
Der Künstler
- In jedem Menschen steckt etwas vom Künstler, aber nicht jeder Mensch ist ein Künstler.
- Was macht aus einem Menschen einen Künstler, was treibt ihn dazu?
- Sich selbst zu erkennen ist Antrieb zur Kunst. Glück und Leid können Antrieb sein.
- Künstler haben eine Ehrlichkeit der Weltanschauung – sie gucken die Wirklichkeit, wie sie ist (Balzac)
Kunst im Kapitalismus
- Der künstlerische Ausdruck der Gefühle ist auch im Kapitalismus möglich.
- Ebenso wie der Kapitalismus den Menschen von seiner wahren Natur entfremdet, entfremdet er ihn von der Kunst
- Im Kapitalismus ist Kunst selbst vom Künstler ein Stück entfremdet, da käuflich (Kunstproduktion nach Auftrag, Kunstmessen, Kunstauktionen, Kunst als Kapitalanlage)
- Die Kunst ist auch Opfer der Arbeitsteilung (Museen)
- Sie steht (wie die Bildung im allgemeinen) nur der bürgerlichen Klasse zur Verfügung. Die Arbeiterklasse verfügt in der Regel finanziell, zeitlich, und von der Bildung her selten über einen Zugang zur Kunst (Museen, Autorenfilme, Philharmonie, Literatur etc…)
- Der Kapitalismus bietet der Arbeiterklasse eine Pseudokunst an, die vor allem gute Gewinne abwirft (Musik, kommerzielle Filme), die die Kreativität aber abstumpfen lässt.
- Der Kapitalismus ist in der Lage Kunst, die auch jenseits des Mainstreams entsteht, zu vereinnahmen (z.B. Graffitis).
- Im Kapitalismus ist ein falscher Kunstbegriff. Menschliches Schaffen ist Kunst. Kunst ist Lebensqualität. Kunst ist nicht das, was wir als Kunst kennen.
- Kunst wird im Kapitalismus missbraucht und ist nicht frei. Aber sie ist überall vorhanden in allen Produkten, jemand hat sie schließlich entworfen.
- Heute wird Kunst vor allem als „sich von den anderen abheben“ erlebt.
Kunst im Klassenkampf / in der Revolution/im proletarischen Kampf
- Und dennoch bricht sich die Kunst immer wieder Bahnen – der alte Maulwurf drückt sich auch in der Kunst aus – das Bedürfnis des Menschen nach seiner wahren Natur und seiner Verwirklichung.
- In jedem revolutionären Geschehen entsteht Kunst.
- Es kann aber nicht von einer proletarischen Kunst gesprochen werden, denn dies würde bedeuten, dass die Arbeiterklasse sich in dieser Gesellschaft „etabliert“ und eigene Strukturen entwickelt. Vielmehr gibt es aber das Bestreben nach einer menschlichen Kunst: die Arbeiterklasse als Träger der Zukunft der Menschheit ist auch Träger der zukünftigen menschlichen Kunst.
Kunst im Kommunismus
- Kunst und Kreativität sind unterschiedlich – Kunst ist Kreativität aber Kreativität ist nicht immer Kunst. Die Kluft zwischen beiden wird im Kommunismus kleiner werden. Es wird ein Aufblühen kreativer Fähigkeiten geben, alle Menschen werden ihre künstlerische Ader entdecken.
- In der Urgesellschaft gab es keine Trennung zwischen Arbeit und Kunst. Im Kommunismus wird es wieder so sein. Durch die Abschaffung der Entfremdung wird es wieder zu einer menschlichen Einheit werden.
- Kunst wird im Kapitalismus als etwas besonderes, abgehobenes präsentiert. Aber was ist Kunst? Gibt es im Kommunismus besondere Abstufungen? Gibt es noch „kleine“ und „große“ Kunst? Kunst ist ein Antrieb für den Menschen.
- Im Kommunismus wird es noch überragende Talente geben (ein Geschenk für die Menschheit wie Marx sagt). Es wird keine Mainstreamkunst mehr geben. Es wird keine nur individuelle Kunst mehr geben, sondern Gemeinschaftskunst. Die individuelle Kunst ist ein Ausdruck der Vereinzelung der Menschen. Im Kommunismus dagegen ist die Kunst der Ausdruck der Gemeinschaft (interessant dazu William Morris – die Kunde von Nirgendwo).
- Der Kapitalismus ist extrem kunstfeindlich. Erst im Kommunismus kann sich das Individuum entfalten. Im Kapitalismus ist das Individuum reiner Schein. Im Kommunismus sind alle Menschen Michelangelos, manche sind aber Michelangelo ¹º. Die Atmosphäre wird fruchtbar sein, es gibt keine Konkurrenz mehr
- Der Kommunismus ist keine Gesellschaft ohne Probleme oder Leid. Es wird keine Zerrissenheit mehr geben, aber wohl ein persönliches unglücklich Sein, das auch Kunst entstehen lässt
- Entfremdung führt zur Zerrissenheit. Das gibt es im Kommunismus nicht mehr. Aber Liebesleid und Krankheiten wird es noch geben. Vielleicht wird es noch mehr persönliches Leid geben, weil die menschlichen Gefühle noch mehr in den Vordergrund rücken können. Es wird aber ein wirkliches menschliches Leiden sein, nicht mehr so armselig wie heute. Die Menschen werden leidenschaftlicher . Die Künstler werden das Menschliche vorantreiben.
- Wird es wirklich im Kommunismus noch Krankheiten geben? Wenn ja, welche Art? Wird es auch tatsächlich Liebesleid geben oder werden sich die Gefühle und Beziehungen unter den Menschen sehr verändern und wir können uns das nicht vorstellen ?
- Ohne Widersprüche, keine Entwicklung.
- Im Kapitalismus müssen die Menschen Probleme lösen, im Kommunismus stehen sie vor kollektiven Herausforderungen, die sie geistig und psychisch erfüllen, nicht mehr vor Problemen.
- Im Kommunismus wird es weiter Kommunikationsprobleme geben.
Alle waren von der Diskussion begeistert. Sie war sehr kontrovers in einem positiven und solidarischen Sinne und auch sehr dialektisch, denn die Meinungen der einzelnen konnten sich durch die Diskussion präzisieren und vertiefen, gar ändern.
Viele Themen (Krankheit und Gesundheit, Menschennatur, Liebe und Beziehungen) können Themen zukünftiger Diskussionstreffen werden. Das nächste Mal wollen wir über Erziehung im Kapitalismus und in der kommunistischen Zukunft diskutieren.