Diskussionssynthese zur Diskussion im Dezember 2004
Über die Bedeutung der Geschichte
Das erste Referat vertrat die Ansicht, dass die Arbeiterklasse aus den Erfahrungen der Geschichte für den Kampf für die klassenlose Gesellschaft lernen müsse. Im Anschluß daran ergab sich eine lebhafte und kontrovers geführte Diskussion. Einig waren sich alle Teilnehmer darin, dass die Arbeiterklasse – entgegen der bürgerlichen Propaganda – überhaupt nicht tot ist und sich nun, angesichts der immer massiveren Angriffe von Seiten des Kapitals, endlich wieder mehr zur Wehr setzt. Wir sprachen über die Bedeutung der Kämpfe bei Daimler, Karstadt und vor allem bei Opel. Einigkeit wurde auch darüber zum Ausdruck gebracht, dass innerhalb des Kapitalismus keine dauerhaften Lebens- und Arbeitsverbesserungen möglich sind und dass deshalb die Systemfrage gestellt werden muss, d.h. Sozialismus oder Barbarei. Im Zusammenhang mit diesen aktuellen Beispielen neuerwachter Kampfkraft der Arbeiterklasse diskutierten wir nun ausgiebig, ob das Proletariat Nutzen aus der Beschäftigung mit der Geschichte (und der Zukunft) ziehen könne oder nicht.
Grob gesagt gab es zwei divergierende Auffassungen zu der Bedeutung der Geschichte für die Arbeiterklasse. Einige in der Zirkelrunde vertraten die Ansicht, dass man sich als Arbeiter nur mit der Gegenwart und den aktuellen Problemen in der Arbeits- und Lebenswelt befassen solle. Da die Geschichte aus der Sicht der Arbeiterklasse nur negative Beispiele und Niederlagen parat halte, „schrecke Geschichte ab“ (als Beispiel wurde die Machtergreifung der Nazis 1933 genannt). Wenn daher politisierte Arbeiter den anderen Klassenbrüdern und -schwestern mit Beispielen aus der Geschichte wie z.B. der Russischen Revolution von 1917 kämen, sei dies ein „gefährlicher Umweg“. Für einen anderen Teil der Teilnehmer war diese Auffassung nicht richtig. Diese vertraten vielmehr die Ansicht, dass man die Gegenwart nicht künstlich von Vergangenheit und Zukunft trennen könne, sondern dies vielmehr ein Prozeß sei. Die Arbeiterklasse solle aus den Erfahrungen früherer Arbeitergenerationen und Kämpfen lernen, um nicht etwa wieder gleiche Fehler zu machen wie in der Vergangenheit oder sich eben positive Erfahrungen wieder aneignen und weiterentwickeln. Gegen den Vorwurf, Geschichte werde so rein moralisch betrachtet, entgegneten diese Teilnehmer, dass das Proletariat die Realität immer so sehen müsse, wie sie wirklich ist – egal, ob es sich um die vergangene oder die gegenwärtige Realität handele.
Dieser Auffassung wurde nun aber entgegengehalten, dass im Grunde jederzeit die kommunistische Revolution möglich sei, z.B. auch im Mittelalter. Hinderlich sei damals nur die religiöse Verbrämung der Menschen gewesen. Daher sei der Stand der Produktivkräfte nicht entscheidend, um die klassenlose Gesellschaft einzuführen. Dem hielt eine Teilnehmerin entgegen, dass die Idee der klassenlosen Gesellschaft so alt sei wie die Menschheit selbst. Dennoch hätte man nicht zu jeder Zeit den Kommunismus einführen können. Als Beispiel nannte sie die sozial-revolutionäre mittelalterliche Bewegung der Taboriten im 15. Jahrhundert. Diese wollten eine Gesellschaft ohne Herrscher und Beherrschte errichten. Die gesellschaftliche Arbeit wurde damals aber fast ausschließlich in Einzelproduktion der Handwerker, Bauern usw. erstellt. Zudem litt die Gesellschaft damals permanent an Mangel, Unterproduktion und Mißernten, so hätte damals doch keine Gesellschaft errichtet werden können, wo man die Bedürfnisse aller Menschen sicher hätte erfüllen können. Daher mußte der Versuch der Taboriten und anderer solcher Bewegungen scheitern.
Dann gingen wir über zum zweiten Teil der Diskussion, nachdem wir das zweite Referat gehört hatten, dass sich auf einen Aufsatz von Plechanow stützend, auf die Frage konzentrierte, wer oder was eigentlich Geschichte macht und welche Auswirkungen verschiedene Sichtweisen hierzu auf den Kampf des Proletariats haben können.
Auf Grund der inneren Widersprüche des Kapitalismus stehe die proletarische Revolution auf der Tagesordnung (Überproduktionskrise, Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion, aber privater Aneignung). Hierüber bestand allgemeine Einigkeit. Einer der Teilnehmer, der die Auffassung vertrat, Geschichte spiele keine Rolle, meinte, dass die Revolution jederzeit möglich sei, theoretisch auch „heute nachmittag“. Nach Plechanow wäre dies eine Sichtweise der Welt, wo der reine Wille den Lauf der Menschheit bestimme. Dem stimmten zwei Teilnehmerinnen nicht zu, da diese Sichtweise zu kurz greife. Denn ja, einerseits seien die objektiven Bedingungen für die Weltrevolution schon längst reif, aber andererseits könne dies nur durch den bewußten (!) und aktiven Kampf der Arbeiterklasse erreicht werden. Da aber das Bewußtsein der Arbeiterklasse heute noch nicht so weit sei, kann die Revolution faktisch nicht jederzeit, auch nicht heute nachmittag stattfinden, dies beweisen auch die aktuellen Arbeiterkämpfe, da sie noch nicht den Kapitalismus in Frage stellen. Daher werde Geschichte sowohl von den objektiven ökonomisch-gesellschaftlichen Bedingungen als auch von dem aktiven Faktor Mensch gemacht und zwar mit der Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse.
Des Weiteren kam es zu einer Diskussion über die Einschätzung des ehemaligen Ostblocks. Während allgemeine Einigkeit darüber bestand, was die Sowjetunion nicht gewesen ist, nämlich kein Kommunismus, bestanden hingegen unterschiedliche Auffassungen über das eigentliche Wesen des ehemaligen Ostblocks. Einige Teilnehmer vertraten die Auffassung, dass die Tatsache, dass dort die Kapitalistenklasse abgeschafft wurde, gleichbedeutend mit der Abschaffung des Kapitalismus an sich gewesen sei. Zwar sei dies nicht der Kommunismus gewesen, aber es sei dennoch menschlicher für die Arbeiter im Osten gewesen als im Westen. „Im Osten wurden die Leute mit einer Grundausstattung ausgestattet.“ Außerdem habe sich der Osten wenigstens um seine Leute gekümmert, auch wenn nicht alles toll gewesen sei. Die anderen Teilnehmer waren mit dieser Auffassung aus mehreren Gründen nicht einverstanden.
Erstens war die Sowjetunion nicht nur kein Kommunismus, sondern auch kein besseres Zwischenstadium zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Als ein Grund dafür wurde die Tatsache genannt, dass der Kapitalismus ein weltumspannendes System ist, wo keine noch so großen Inseln eines gegensätzlichen Gesellschaftssystems eingeführt werden können. Der Kapitalismus könne nur auf Weltebene durch den Kommunismus abgeschafft werden. Hier stützten sich Vertreter dieser Ansicht auf die Erfahrungen der Geschichte, denn die Marxisten hatten die erfolgreiche proletarische Revolution in Russland nur als Beginn der Weltrevolution gesehen. Als die Revolution in anderen Ländern wie Deutschland, Österreich, Ungarn usw. aber scheiterte, sei die isolierte Revolution in Rußland zum Scheitern verurteilt gewesen. Die Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ wurde erst 1924 von Stalin erfunden.
Als zweites Argument wurde hervorgebracht, dass in Rußland die Privatkapitalisten zwar enteignet und entmachtet wurden, jedoch lediglich durch den Staat ersetzt wurden, so dass es im Ostblock weiterhin einen Kapitalismus gab, nämlich einen sehr rigiden Staatskapitalismus.
Als weitere Beweise, dass der Ostblock staatskapitalistisch gewesen sei, wurden die Tatsachen angeführt, dass es noch immer die Lohnarbeit gab, die Ausbeutung der Arbeiterklasse, Besitzende (Bürokraten des Staates) und die unterdrückte Arbeiterklasse.
Darüber hinaus sei ja auch 1961 die Mauer gebaut worden, um zu verhindern, dass das Proletariat in den Westen flüchte, wo es für die selbe Ausbeutung wenigstens einen besseren Lohn erwarten konnte. Daher stelle man sich vor eine falsche Alternative, wenn man frage, ob nun der Osten oder Westen besser (gewesen) sei.
Um uns klarer über das Wesen der Sowjetunion zu werden – war es ein „proletarisches Staatgebilde“ oder „Staatskapitalismus“, sprachen wir über die Arbeiterkämpfe im Ostblock. Für die, für die der Ostblock staatskapitalistisch war, war die Tatsache, dass es immer wieder massive Arbeiterkämpfe und Streiks gegeben hat, ein klarer Hinweis darauf, dass die Staaten des Ostblocks keineswegs die Interessen der Arbeiterklasse vertraten. Wenn diese Staaten tatsächlich im Interesse der Arbeiter gehandelt hätten, wie könne man dann erklären, dass es erstens Arbeiterstreiks gegen die schlimmen Arbeitsbedingungen gegeben hat und zweitens, dass die Arbeiterkämpfe stets mit brutaler Waffengewalt durch das Militär mit Blut ertränkt worden sind? (Siehe Kämpfe 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn, CSSR, Polen 1970, 1980 um nur die wichtigsten zu nennen). Hier stimmte einer der Teilnehmer zu, der zuvor die Sowjetunion nicht als staatskapitalistisch gesehen hat. (Leider nur angerissen werden konnte die Frage, ob Staat und Sozialismus in sich schon ein Widerspruch seien, oder nicht.)
Resümee:
Allein die Tatsache, dass bis zum heutigen Tag stets aufs Neue in den bürgerlichen Medien der ehemalige Ostblocks als Kommunismus – und damit als Beweis für das Scheitern des „unmenschlichen, brutalen Kommunismus“ – dargestellt wird, ist es notwenig, über solch wichtige historische Ereignisse und Phänomene wie z.B. die Russische Revolution oder die Sowjetunion zu diskutieren. Wie soll die Arbeiterklasse als Kampfesperspektive den Kommunismus wieder neu entwickeln, wenn sie solchen Lügen aus den Medien einfach glaubt?
Auch die Teilnehmer, die sich in der Diskussionsrunde gegen die Bedeutung der Geschichte im Klassenkampf des Proletariats ausgesprochen haben, haben sehr angeregt über die Sowjetunion diskutiert, weil es ihnen als Teil der Arbeiterklasse offenbar wichtig erschien. Geschichte soll nicht als Selbstzweck oder moralische Institution herhalten. Auch ist für die Arbeiterklasse in ihrem Kampf für die klassenlose Gesellschaft sicher nicht jedes historische Detail von Bedeutung, dennoch ist es elementar wichtig aus den Erfahrungen und Kämpfen früherer Generationen des Proletariats zu lernen, sie kritisch zu hinterfragen und sie produktiv im Kampf heute und morgen einzusetzen.
(Dies ist sicher nicht das Resümee aller Zirkelteilnehmer!)
Jedenfalls hat sich gezeigt, dass es noch großen Diskussionsbedarf gibt. Viele Fragen sind offen geblieben, manche haben sich sicher aber auch erhellt.