Synthese zur anschließenden Diskussion vom 19. Februar 2005:
„Die Dekadenz des Kapitalismus – Was ist dran an der Dekadenztheorie?“
Nachdem wir das Referat gehört hatten, wurde die Diskussion eröffnet. Einige Teilnehmer begrüßten das Referat. Eine andere Teilnehmerin meldete sich zu Wort und erklärte, dass ihr auch nach dem Referat leider noch immer nicht klar sei, was die Dekadenztheorie eigentlich genau sei und warum es dabei handele. So konzentrierte sich die Diskussion von Anfang an auf die Klärung des Wesens der Dekadenztheorie.
Eine andere Teilnehmerin erklärte, dass im frühen 19. Jahrhundert noch primär zwei Tendenzen gab, um den Lauf der Welt zu erklären. Einerseits durch die Religion, wo alles durch Gott erschaffen und gelenkt wird. Andererseits durch die Auffassung, dass die ganze Welt ungeordnet und chaotisch verlaufe. Doch gerade im Laufe vor allem des 19. Jahrhunderts sei es zu einer Entwicklung und Systematisierung der Wissenschaft gekommen. Dazu gehörten neben den Naturwissenschaften besonders auch die Geschichtswissenschaft. Der Philosophie Hegels zufolge bilde die Geschichte keine Aneinanderreihung sinnloser Ereignisse, sondern eine in sich zusammenhängende Dynamik. Diesen Gedanken habe Marx aufgegriffen und weiterentwickelt. Das große Verdienst von Marx sei gewesen aus dem Sozialismus eine Wissenschaft gemacht zu haben, die auf dem Klassenkampf des Proletariats, der Untersuchung der Produktionsverhältnisse und der materialistischen Geschichtsauffassung basiert. Die Dekadenztheorie sei ein Teil des historischen Materialismus, um die historischen Entwicklungsgesetze und Tendenzen zu untersuchen und zwar für die Vergangenheit, die Gegenwart als auch die Zukunft. Ein anderer Teilnehmer griff diesen Gedankengang auf und entwickelte zwei Grundgedanken der marxistischen Weltsicht:
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Es gibt im Laufe der Menschheitsgeschichte einen Fortschritt.
Allerdings ist diese Entwicklung nicht gradlinig, sondern durchläuft Höhen und Tiefen (aufsteigende und niedergehende Phasen).
Daraufhin diskutierten wir näher, was denn eigentlich die Aufgaben der Gesellschaft sind. Weitgehende Einigkeit bestand darüber, dass die Hauptfunktion der Gesellschaft darin besteht das Überleben der Menschheit zu sichern. Bis zum Kapitalismus haben alle Gesellschaft in einer Mangelwirtschaft gelebt. Doch der Mensch habe sich nie damit abgefunden, denn das Ziel des gesellschaftlichen Menschen sei nicht nur zu Überleben, sondern zu Leben. Die Menschen hätten im Laufe der Geschichte daran gearbeitet, die Ergiebigkeit der Arbeit zu verbessern, Technik, Wissenschaft und Bildung weiter auszufeilen, um die Lebensqualität möglichst zu verbessern. Und heute sei die Befreiung der Menschheit möglich, denn erstmals leide die Gesellschaft nicht an Mangel, sondern an Überproduktion.
Doch nun ergaben sich weitere Fragen. Eine Teilnehmerin fragte, ob dies nicht ein Widerspruch sei, von einem generellen Fortschritt, gleichzeitig aber auch von Niedergangsphasen zu sprechen. Ein Teilnehmer meldete sich zu Wort und argumentierte, dass bis auf die Urgesellschaft die Gesellschaft bisher stets in Klassen gespalten gewesen sei. Darüber hinaus sei aber ab einem bestimmten Zeitpunkt die Produktivität nicht mehr mit der Ausbeutung der herrschenden Klasse vereinbar, d.h. die Produktivität könne es der Menschheit erlauben auf einer weitaus höheren Stufe zu leben, genau dies aber werde von den Herrschenden zu verhindern gesucht. Der Widerspruch werde dann immer eklatanter, doch die herrschende Klasse gebe ihre Macht natürlich niemals freiwillig auf. Und deshalb komme es letztlich auch zu Niedergangsphasen, die solange währten, bis die Herrschenden durch den Träger des Neuen überwunden werde. Eine weitere Wortmeldung gab als konkretes Beispiel die heutige kapitalistische Gesellschaft. Die kapitalistische Gesellschaft sei in zwei Klassen gespalten und der Hauptwiderspruch sei, dass es einerseits eine gesellschaftliche, internationale Produktion gäbe (vertreten durch die Arbeiterklasse), andererseits aber eine private, nationale Aneignung gäbe (vertreten durch die Bourgeoisie). Im Grunde genommen bedeute der Kampf für den Kommunismus zunächst einmal „nur“, dass es neben der bereits bestehenden gesellschaftlich kollektiven Produktion, auch eine gesellschaftliche Aneignung des produzierten Reichtums gäbe, d.h. dass nicht für Profit, sondern für die Bedürfnisse der Menschen produziert werde. Natürlich sei dies aber ein sehr schwieriger und langwieriger Kampf, denn die herrschende Klasse tue alles in ihrer Macht stehende, um ihre Herrschaft zu behaupten. Und zwar um jeden Preis.
Ein weiterer Teilnehmer verwies darauf, dass man nicht moralisch den Kapitalismus als das „Böse“ an sich verurteilen sollte. Vielmehr habe der Marxismus eine historische Methode um etwa den Kapitalismus in den verschiedenen historischen Epochen einzuschätzen. Der Kapitalismus habe nämlich die Produktivität in bis dahin unvorstellbarem Maße gesteigert und die Arbeiterklasse geschaffen. Damit aber sei der Kommunismus überhaupt erst zu einer Möglichkeit und Notwendigkeit geworden. Auch die Ausbeutung an sich sei nicht per se nur schlecht, auch wenn sich dies zunächst völlig widersinnig anhöre. In der Urgesellschaft habe es keine Ausbeutung gegeben, weil es viel zu wenig gegeben habe. Ausbeutung habe erst entstehen können, als man ein Mehr produzieren konnte, so dass man sich selbst und jemand weiteren miternähren konnte. Er verwies auf Engels, der die Sklaverei in der Antike als Fortschritt gelobt hatte, weil früher die Kriegsverlierer einfach verspeist oder getötet wurden, da ein solcher Mangel geherrscht habe. So wurde die Sklaverei selbst für die Sklaven zum Fortschritt, da sie als Kriegsverlierer am Leben bleiben konnten und produzierten. Dadurch wurde überhaupt erst eine deutliche Vermehrung der Bevölkerung möglich. Daher stellten für Engels selbst solche brutalen Dinge einen Fortschritt dar auf dem Weg der Überwindung des Mangels. Obwohl nun durch die Sklaverei im Altertum überhaupt erst die antike Blüte in Kunst und Kultur ermöglicht wurde, da es erstmals Menschen gab, die nicht all ihre Zeit auf Nahrungssuche und Arbeit verwenden mussten, wurde ab einem bestimmten Zeitpunkt die Sklavengesellschaft zu einem Hindernis. Das Römische Reich wurde immer größer und schwerer zusammenzuhalten. Die Sklaven selbst wurden zur Mangelware. Der Kampf um bereits bestehende Sklaven wurde somit ein Kampf um das bereits Bestehende. Damit aber trat das System auf der Stelle und konnte sich nicht weiterentwickeln. Da aber Sklaven keinen Antrieb zur Arbeit hatten (außer rohe Gewalt), konnten sie nur mit primitiven Instrumenten arbeiten, da sie komplizierte Geräte kaputt machten. So aber wurde es immer schwieriger die antiken Millionenstädte zu versorgen. Die herrschende Klasse der Antike verabscheute die Arbeit und kümmerte sich daher auch nicht um eine Weiterentwicklung der Produktionsverhältnisse. Auf Grundlage der antiken Sklavengesellschaft war eine Weiterentwicklung nicht möglich. Daher kam es zum Niedergang, d.h. zur Dekadenz der Antike, die schließlich überwunden wurde. Auch für die Entwicklung des Feudalismus und des Kapitalismus könne man ausführlich die aufsteigende positive Entwicklung als auch die schließlich hemmende Niedergangsphase charakterisieren.
In diesem ersten Teil der Diskussion haben wir uns in erster Linie auf die eigentliche Theorie der Dekadenz konzentriert und dazu versucht, neben Klärung dessen Wesens auch ihre praktische Anwendbarkeit auf die Geschichte diskutiert. In der zweiten Phase der Diskussion begannen wir nun ausführlicher über die Dekadenz des Kapitalismus zu diskutieren.
Die grundsätzliche Frage, die sich uns stellte, war: Ist die kapitalistische Krise unüberwindbar? Gerät der Kapitalismus infolge seiner inneren Widersprüche schließlich notwendigerweise in seine Dekadenzphase, wo die einzige Alternative nur noch heißen kann – Sozialismus oder Barbarei?
Wir diskutierten darüber, dass etwa die Gruppe Battaglia Communista die Ansicht vertritt, dass der Krieg die Lösung für die Krise sei. Gegen diese Auffassung gab es einige Einwände. In erster Linie wurde argumentiert, dass wenn diese Auffassung zuträfe, der Kapitalismus dann das erste Gesellschaftssystem sei, dass ewig weiterleben könne. Wenn aber der Kapitalismus stets einen Lösungsweg aus seiner Krise finden könne, dann sei der Kommunismus keine Notwendigkeit mehr, sondern eine reine Utopie. Wir wandten uns also der Frage des Krieges zu. Ist der Krieg die Lösung für die Krise des Kapitalismus? Dagegen wurden Stimmen laut, die sagten, dass der Kapitalismus dann immer Krieg führen würde, wenn dies tatsächlich die Lösung wäre. Doch dann wiederum könnten sich die kapitalistischen Staaten doch gleich absprechen und vernünftig wie geordnet einen Teil der Produktion zerstören oder Fabriken schließen, um die Überproduktionskrise aufzulösen. Tatsächlich werde dies doch sogar schon seit Jahren so praktiziert. So werde es doch schon längst im Bergbau, bei der Stahlindustrie und in der Landwirtschaft gemacht: Subventionen werden gekürzt und Betriebe geschlossen. Die Überproduktionskrise sei bisher aber nicht dadurch gelöst worden. Als zusätzliches Problem wurde weiter die Massenarbeitslosigkeit genannt, durch die die Kaufkraft noch weiter sinke und die Krise verschärfe.
„Doch was war mit der Wiederaufbauperiode nach dem 2. Weltkrieg?“, wurde eingeworfen. Dem wurde entgegnet, dass man den höchsten Lebensstandart in Europa in den 1950er Jahre in Schweden und in der Schweiz finden konnte. Und zwar aus dem Grund, weil sie sich nicht am Krieg beteiligt hatten und auch keine Zerstörungen erfahren hatten. Dass nach dem Krieg Deutschland, Japan und Südkorea wieder aufgebaut worden seien, sei historisch gesehen eine Ausnahmeerscheinung. Die USA hatten diese Gebiete einerseits aufgebaut, weil es diese Märkte für ihre Waren brauchte, andererseits, um dem Hauptkonkurrenten UdSSR in diesen Gebieten das Wasser abzugraben. Außerdem seien nach dem 2 Weltkrieg systematisch die außerkapitalistischen Märkte kapitalisiert worden. Zudem wurde in einem zuvor noch nicht gekannten Umfang das Kreditwesen gefördert und so eine künstliche Nachfrage forciert.
Eine Teilnehmerin erinnerte auch daran, dass der Zirkel doch bereits über den Krieg im Kapitalismus diskutiert und in diesem Zusammenhang über Rosa Luxemburgs „Juniusbroschüre“ gesprochen hatte. Luxemburg hatte dort nämlich dargelegt, dass mit der Aufteilung der Welt die rivalisierende Staaten im ersten Weltkrieg nur noch um eine Neuaufteilung der Märkte kämpfen konnte und dass in Wirklichkeit keine Nation ein wirklicher Kriegsgewinner mehr sein konnte. Als Grund nannte sie die Tatsache, dass im modernen Kapitalismus die Produktion und Märkte bereits international und eng verwoben sind, so dass z.B. ein Land wie England ein Interesse haben musste seinen Kriegsgegner und Konkurrenten Deutschland wieder erholen und entwickeln zu lassen, da Deutschland einer der wichtigsten Abnehmer englischer Waren bildete usw.
Abschließend wurde in der Diskussionsrunde die Frage angerissen, warum so viele politische Gruppen die Dekadenztheorie ablehnen. Die Dekadenztheorie der Marxisten besagt ja, dass eine positive Weiterentwicklung des Kapitalismus nicht möglich ist. Zugleich aber wird in diesem marxistischen Konzept das Vertrauen und die Überzeugung deutlich, dass allein das Proletariat eine Lösung anbieten kann, nämlich den Klassenkampf bis hin zur Weltrevolution für die klassenlose Gesellschaft. Es wurde die These in den Raum gestellt, dass viele Gruppen, die die Dekadenztheorie ablehnen, kein Vertrauen in die Arbeiterklasse haben. Daher würden sie nur den negativen Aspekt, nämlich die Ausweglosigkeit der kapitalistischen Krise in der Dekadenz sehen. Als Folgeerscheinung würden sie dann fälschlicherweise die Dekadenztheorie als fatalistisch einstufen und auch die Tiefe der Krise zu relativieren suchen. Doch dürfe man nicht den positiven und aktiven Faktor in der Dekadenztheorie übersehen: die Arbeiterklasse.
An dieser Stelle mussten wir die Diskussion aus Zeitgründen schließen, doch waren sich alle anwesenden Teilnehmer am Ende einig, dass die Diskussion noch weiter vertieft werden muss. Da wir uns am heutigen Tag primär auf die eigentliche Theorie der Dekadenz konzentriert haben, einigten wir uns darauf beim nächsten Mal folgender Frage genauer auf den Grund zu gehen: Ist die Krise des Kapitalismus unüberwindbar oder nicht? Wie genau funktioniert das kapitalistische System und was genau sind dessen Widersprüche?