Diskussionssynthese - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Synthese der Diskussion

Über das Geschlechterverhältnis im Kapitalismus und im Kommunismus



Diskussionzirkel in Köln, 17.12.05.


Das Referat zum Thema: „Wie gestaltet sich das Geschlechterverhältnis im Kapitalismus und wie wird es sich im Kommunismus verändern?“ wurde von allen Teilnehmer der Diskussionsrunde begrüßt und inhaltlich unterstützt. Eine Genossin äußerte, dass sie besonders beeindruckt war von der Schilderung der Verformung der menschlichen Beziehungen im Kapitalismus. Andere Teilnehmern griffen die Darstellung der Entwicklung der Familie im Verlauf der Geschichte des Kapitalismus auf. In der Frühphase der industriellen Entwicklung bestand die Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft darin, die Familie aufzulösen. Da dies jedoch den Nachschub an freien Arbeitskräften für den Arbeitsmarkt und an Soldaten für das Militär abzuschneiden drohte, musste dieser Tendenz u.a. durch ein Minimum an Arbeitsschutzmaßnahmen entgegengewirkt werden. Das Ergebnis war die bürgerliche Kleinfamilie, welche auch im Proletariermilieu Wurzeln schlug. Das Untergraben der alten patriarchalischen Familie ging am weitesten innerhalb der Arbeiterklasse, da dort die Familienväter über keinerlei Eigentum verfügten. Wie eine Teilnehmerin feststellte, hat sich allerdings seitdem die der bürgerlichen Gesellschaft innewohnende Tendenz, die Familie aufzulösen, dennoch fortgesetzt – auch gegen den Willen der Bourgeoisie selbst. Die herrschende Klasse braucht die bürgerliche Familie, nicht nur ökonomisch, sondern auch als Gesellschaftsideal, um ihr System zu stabilisieren. Es zerfällt trotzdem. Dies ist einer der Gründe, weshalb der Kapitalismus selbst kaum je in der Lage war, auf eigene Faust seinen Arbeitsmarkt mit genügend „Arbeitswilligen“ zu versorgen, sondern stets neue Arbeitskräfte aus vorkapitalistischen Strukturen beziehen musste. Die bereits von August Bebel festgestellte Entwicklung zu immer kleineren Familieneinheiten gipfelt heute in der Familie als allgemeinen „Kriegsschauplatz“ sowie im Aufkommen der Einpersonenhaushalte. Nicht zuletzt der Zerfall der Familie heute deutet die Notwendigkeit einer neuen Gesellschaftsordnung an.

Eine andere Idee des Referates, welche in der Diskussion aufgegriffen wurde, war, dass die Krise der Geschlechterverhältnisse als Mittel fungiert, um der Einheit der Arbeiterklasse entgegenzuwirken. Diese spalterische Kraft ist um so wirksamer, je weniger die Arbeiter selbst sich dieses Problems bewusst werden. Einerseits wird die Ideologie der Geschlechterspaltung zielstrebig von patriarchalischen Reaktionären ebenso zielstrebig verbreitet wie von militanten Feministinnen. Andererseits profitiert die herrschende Klasse von der Zerrüttung des Vertrauens zwischen Mann und Frau aufgrund einer Jahrtausende alten Klassengesellschaft und v.a. aufgrund von Jahrhunderten der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft. Ein Teilnehmer wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die heutige Gesellschaft ohnehin alle Eigenschaften fördert und belohnt, welche das Zusammenleben der Menschen erschwert, und diejenigen der Lächerlichkeit preisgibt, welche die Solidarität und das gegenseitige Verständnis zum Ausdruck bringen.

Es wurde lobend erwähnt, wie eindrucksvoll das Referat die Zerstörung der menschlichen Beziehungen im Kapitalismus schildert. Das Referat stellt fest: „So haben echte Liebe, Zuneigung, Leidenschaft, Vertrauen, Offenheit, Entfaltung der Persönlichkeit und bewusstes Wahrnehmen und Ausleben von Gefühl und Sexualität keine Zukunft, können nicht gelebt werden. Der vom Kapitalismus geschürte Gegensatz zwischen Mann und Frau wird so noch verschärft, der Sinn und Wert des individuellen Lebens in Frage gestellt, wenn die gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht erkannt und bewusst durchbrochen werden.“ Woher nimmt das Referat seine Zuversicht – so wurde gefragt –, dass die heute hoffnungslos erscheinende Situation überwunden werden kann?

Bezug nehmend auf Marx und Engels sowie auf den Philosophen Immanuel Kant, haben sowohl das Einleitungsreferat als auch ein schriftlicher Diskussionsbeitrag, welcher bereits vor dem Zirkeltreffen einging („Einige Gedankensammlungen zum Thema: Geschlechterverhältnis im Kapitalismus und im Kommunismus“), das Verhältnis zwischen Mann und Frau als einen elementaren Ausdruck der menschlichen Natur angesprochen. Ein Genosse vertrat die Auffassung, dass die Zuversicht des Referates mit dieser Vorstellung von einer Menschennatur, welche immer mehr im Gegensatz zur Wirklichkeit des Kapitalismus gerate, zusammenhängt. Aus der Erkenntnis heraus, dass die menschliche Natur nicht unwandelbar, sondern sich in einer stetigen Entwicklung befindet, haben manche Revolutionäre geschlossen, dass es „idealistisch“ sei, überhaupt von Menschennatur zu sprechen. Demgegenüber wurde im Verlauf unserer Diskussion die Idee entwickelt, dass neben dem Vertrauen in der Arbeiterklasse – und eng damit zusammenhängend – das Vertrauen in der menschlichen Natur den Marxisten die Kraft gebe, für die Zukunft zu arbeiten. In seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ hat Bebel auf einige diese menschlichen Eigenschaften hingewiesen. Dazu gehört das Bedürfnis, im Dienste der Gemeinschaft Großes zu leisten. Bereits heute, im Kapitalismus, bildet dieses Bedürfnis oft die Hauptquelle des wissenschaftlichen Fortschritts, während die Kapitalistenklasse lediglich die Früchte dieser Erfindungen und Verbesserungen einheimst. Und auch wenn die Arbeiter selbst am besten wissen, wie man die Produktion vervollkommnen kann, sehen sie sich gezwungen, dieses Wissen für sich zu behalten, da sie im Kapitalismus das erste Opfer des technischen Fortschritts sind. Die Haupttriebfeder der Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus ist nicht die Konkurrenz, wie die Bourgeoisie glaubt, sondern die Überwindung der individuellen durch die gemeinschaftliche Arbeit.

Es gibt ebenso ein tief in der Menschennatur begründetes Bedürfnis nach Freiheit der Wahl der Tätigkeit und Abwechselung der Beschäftigung, welches in der heutigen Gesellschaft in keiner Weise befriedigt werden kann. Dazu gehört die Abwechslung bzw. die Vereinigung von Hand- und Kopfarbeit. Der Marxismus ist außerdem schon immer davon ausgegangen, dass es einen dem Menschen innewohnenden Drang nach Fortschritt und Vollkommenheit gibt. Diese Annahme wurde durch die moderne Psychologie vollauf bestätigt, welche nachgewiesen hat, dass bereits im Leben des Kindes bestimmte Entwicklungsschritte erforderlich sind und dass der Mensch sich zurückentwickeln kann, wenn es ihm nicht gelingt, diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Andere Genossinnen und Genossen betonten, wie erstaunlich es ist, dass es allen Widrigkeiten der heutigen Gesellschaft zum Trotz noch so viel Menschlichkeit gibt. Dies erweist sich beispielsweise im Falle von Katastrophen, wenn die Herrschenden sich nicht nur gleichgültig, sondern auch noch unfähig zeigen, während die Bevölkerung vor Ort sich oft unglaublich gemeinschaftlich und opferbereit zeigt. Weit entfernt davon, kopflos umherzuirren, zeigen die Betroffenen regelmäßig einen beeindruckenden Erfindungsreichtum und eine große Zielstrebigkeit.

Die Befreiung der Arbeiterklasse hat viel mit Menschlichkeit und menschlicher Natur zu tun, wurde betont. Das Proletariat kämpft als Befreier der Menschheit von der Ausbeutung, und nicht nur im eigenen Interesse.

In diesem Zusammenhang und auf das Geschlechterverhältnis Bezug nehmend, wurde die Frage der Eifersucht thematisiert. Eine Genossin warf ein, dass in der Urgesellschaft nicht die Konkurrenz, sondern die Solidarität herrschte. Deswegen kann man davon ausgehen, dass es damals notwendigerweise keine Eifersucht gab. Somit wurde die Frage gestellt, ob Eifersucht eine Spielart der Konkurrenz sei, welche mit der Überwindung der Klassengesellschaft absterben werde. Eine andere Genossin betonte, dass die Verhaltensweisen der Gesellschaft sehr maßgeblich von der Notwendigkeit des Überlebens bestimmt wurden. Die Urgesellschaft beispielsweise hätte ohne Zusammenhalt gar nicht überleben können. Ein anderer Teilnehmer wies aber auch darauf hin, dass es das Problem der Eifersucht bereits bei den höheren Wirbeltiere gebe, von denen die Menschen abstammen. Insbesondere die Eifersucht des Mannes musste in der menschlichen Horde überwunden werden. Erst dadurch, nämlich in der Gemeinschaft, konnte die Menschwerdung erst wirklich ihren Lauf nehmen. Dadurch erst wurde die Voraussetzung für die Entwicklung der Jäger- und Sammlergesellschaften, der Hirtenvölker sowie der Sesshaftigkeit v.a. in der höher entwickelten Ackerbaugesellschaft geschaffen. Der Genosse argumentierte, dass uralte Verhaltensweisen nicht notwendigerweise verschwinden, sondern dass sie umgewandelt werden können. Alte Triebe werden unter dem Einfluss der Kultur zu neuen gesellschaftlichen Bedürfnissen. Er bezog sich dabei auf den sog. Arbeiterphilosophen Dietzgen, der aufgezeigt habe, wie das Vorhergehende in das Neue eingehe, wobei die Änderungen dann eine neue Qualität annehmen.

Im Verlauf der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass Engels in „Der Ursprung der Familie...“ angenommen hatte, dass bei den Menschen die Eifersucht, anders als bei den höheren Wirbeltieren, nicht ursprünglich, sondern als Produkt der Kulturentwicklung entstanden sei. Er nahm dies an, da die gewalttätige Eifersucht des Mannes die Entstehung der Urhorde verhindert hätte. Jedoch wusste Engels, dass diese Annahme spekulativ war. Denn nirgends auf der Welt hat man diese Urform der menschlichen Gemeinschaft finden und studieren können. Die Psychoanalyse glaubt allerdings, durch die Erforschung des unbewussten Lebens ein Zugang zu dieser Urform zu gewinnen. Aufgrund der festgestellten Ähnlichkeit zwischen Verhaltensweisen von Kindern, v.a. aber von Neurotikern mit Ritualen und Tabus der urkommunistischen Gesellschaften ist beispielsweise Freud zu der Überzeugung gelangt, dass es auch bei Menschen eine ursprüngliche Eifersucht gab, welche im Wesentlichen durch den Vatermord überwunden wurde. Denn nachdem die Söhne den Vater erschlagen hatten, der die Frauen für sich behalten wollte, haben sie anschließend aus Reue gegenüber dem Vater darauf verzichtet, gegeneinander um das Erbe des Vaters zu kämpfen, d.h. sie haben freiwillig auf die eigenen Mütter und Schwestern verzichtet (aufkommendes Inzestverbot). Sollte diese Annahme zutreffen, bedeutet dies, dass eine künftige kommunistische Gesellschaft der menschlichen Kultur eine neue Grundlage geben müsste. Während die bisherige Gesellschaft die Eifersucht mittels Schuldgefühlen gebändigt habe – und zwar bis zu dem Punkt, wo die Schuldgefühle selbst zu einem der Haupttriebe der modernen Barbarei geworden sind –, muss der Kommunismus effektivere und menschenfreundlichere Mittel finden, um der Eifersucht entgegenzutreten – v.a. durch die Hebung des Selbstwertgefühls jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft. Im Kommunismus wird die Eifersucht wahrscheinlich nicht „verschwinden“. Genau so wird bei Trennungen sogar eher eine tiefere Trauer zurückbleiben – entsprechend der größeren Tiefe der Beziehungen überhaupt. Im Kommunismus werden weder Leidenschaften noch das Leid abgeschafft werden. Genauso wenig wird die künftige Gesellschaft ein „Schlaraffenland“ sein, wie ein Teilnehmer es formulierte. Denn eine Gesellschaft ohne Probleme ist nicht nur unmöglich, sondern wäre auch unerträglich langweilig.

In diesem Zusammenhang wurde die sozialistische Sicht des Geschlechterverhältnisses erörtert. Sowohl das traditionelle „Gebot“ der lebenslangen Ehe wie auch die Forderung bestimmter, sich u.a. auf Wilhelm Reich berufender Therapeuten und Sektenführer nach „Abschaffung der Eifersucht“ haben unermessliches Leid über Millionen von Menschen gebracht sowie das Vertrauen der Geschlechter zueinander zerrüttet. Demgegenüber wurde auf das schlichte Prinzip und die Forderung der Arbeiterbewegung hingewiesen: Freiheit der Liebeswahl sowie freie Auflösung der Beziehungen. Der Sozialismus erfindet hier nichts Neues, sondern ist bestrebt, auf unendlich höherer Stufe, im Rahmen der weltweiten Menschengemeinschaft, in etwa das wiederherzustellen, was Jahrtausende lang im Rahmen der oberen Stufen der urkommunistischen Gesellschaft herrschte. So bescheiden diese Forderungen auf dem ersten Blick erscheinen mögen: Denkt man darüber nach, wird man schnell feststellen, wie wenig sie in der heutigen Welt zu realisieren sind und welch unermessliches Leid überwunden werden könnte, wenn diese Regel sich durchsetzen würde. Nicht nur die materielle Not, die Sorge um die Kinder sowie die Angst vor Einsamkeit kettet unzählige verfeindete Paare aneinander. Hinzu kommt das moralische Urteil der heutigen Gesellschaft, welche allen Ausschweifungen zum Trotz an das Ideal des Zusammenlebens bis zum Tode (ob in gegenseitiger Zuneigung oder nicht) eisern festhält. Eine Teilnehmerin sprach über ihre eigene Erfahrung, als sie Missbilligungen und Ausgrenzungen erfuhr, nachdem sie ihren damaligen Lebenspartner verlassen hatte, so dass sie schwer unter Schuldgefühlen litt. Wie Bebel in seinem o.g. Buch feststellte: Kein menschliche Wesen kann über die Liebe gebieten, und niemand ist schuldig, wenn er sie fühlt oder entbehrt.

Die auswertende Schlussrunde betonte die Wichtigkeit des Themas. Das Referat hat bedeutende Punkte aufgeworfen, welche keineswegs ausdiskutiert worden sind. So unterstrich eine Genossin die Bedeutung der Frage der Existenzangst und regte an zu vertiefen, inwiefern solche Ängste ein Produkt der Gesellschaft und inwiefern sie mit dem Menschsein schlechthin verbunden sind. Dazu gehört die Frage des Todes. Auch manche Fragen, welche im oben erwähnten schriftlichen Diskussionsbeitrag aufgeworfen wurden, harren noch darauf, debattiert zu werden. Es wurde betont, dass das aktuelle Referat, das vorangegangene Referat wie auch dieser Diskussionsbeitrag Anzeichen dafür sind, dass innerhalb der politisierten Minderheiten der Arbeiterklasse das Interesse an der Theorie, aber auch die Fähigkeit zur theoretischen Vertiefung sich auf dem Vormarsch befinden.

Obwohl das aktuelle Thema noch keineswegs erschöpfend behandelt wurde und viele Fragen noch offen blieben, einigte sich die Runde darauf, dass die interessantesten Themen der letzten beiden Diskussionsrunden die Frage der künftigen Gesellschaft betrafen. Somit einigten wir uns darauf, das nächste Mal dazu überzugehen, die Frage zu beleuchten, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen kann oder wird. Wir beschlossen, auf die Frage der Geschlechterbeziehungen zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukommen – vielleicht auf der Grundlage des besagten schriftlichen Beitrags.

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