Diskussionssynthese - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Zusammenfassung der Diskussion im August 2006

über Religion


Als erstes wurde nochmals an die Diskussion von letztem Mal angeknüpft und eine Zusammenfassung dieser Diskussion vorgetragen.

Es kam dann als erstes die Frage auf: Gibt es im Kommunismus noch das Bedürfnis nach Religion?

Darauf wurde geantwortet, dass das Bedürfnis nach Religion in den materiellen Verhältnissen der Menschen begründet ist. Religion gab es auch schon vor dem Aufkommen von Klassengesellschaften. Da es Religion also schon vor dem Aufkommen von Klassengesellschaften gab, wird das Bedürfnis auch nicht automatisch mit der Abschaffung von Klassen wegfallen. Ein Teilnehmer meinte, dass es auch im Kommunismus ein Bedürfnis nach Religion gäbe, dass er sich nicht vorstellen könnte, dass die Religion dann verschwinde. Dass er zwar denke, es gäbe dann keine religiösen Systeme mehr und man würde Gotteshäuser nicht mehr nur als solche betrachten und heilige Schriften auch einfach als Literatur nehmen.

Dem gegenüber meinte ein anderer Teilnehmer, er habe die Hoffnung, dass Religion überflüssig wird. Die Religion verschwindet nicht automatisch und von alleine, sondern der Mensch muss dem bewusst etwas Anderes entgegensetzen. Der Mensch muss über sich ein Selbstverständnis und ein Verständnis der Welt gewinnen, nur dann kann die Religion ersetzt werden. Wir stellen uns den Kommunismus nicht als Paradies vor, in dem es keine Probleme mehr gibt. Ein Mensch ohne Probleme ist kein Mensch und eine Welt ohne Probleme ist keine Menschenwelt mehr. Der Kommunismus ist erst der Anfang der Geschichte der Menschheit. Der Mensch wird im Kommunismus seine Probleme auf eine andere Art und Weise lösen und er wird auch Erkenntnis nicht in der Art gewinnen, wie die Religion sie anbietet. Dass der Mensch sich selbst versteht und die Welt, darin ist nichts Bedrohliches. Wenn der Mensch ein Selbstverständnis von sich gewinnt, braucht er keinen Gott mehr. Im Kommunismus wird es neue Probleme geben, aber der Mensch hat dann auch bessere Methoden und Mittel zur Verfügung, um mit ihnen fertig zu werden. Wenn der Mensch im Kommunismus spintisiert, seiner Fantasie freien Lauf gibt, dann ist das nicht mehr schlimm, weil es keinen Zwang mehr für ein Reich der Tröstung gibt und der religiöse Fanatismus wegfällt.

Eine andere Teilnehmerin: Auch sie denkt, dass die Religion überflüssig wird. Je mehr die Menschen über sich nachdenken und sich erkennen, desto weniger haben sie einen Gott nötig.

Als nächster größerer Fragenkomplex tauchte auf: Was sind die Ursachen für das Bedürfnis nach Religion? Oder anders gesagt: Was sind die Entstehungsbedingungen der Religion? Wird es auch im Kommunismus eine Angst vor dem Tod geben? Ist es überhaupt notwendig, dass sich der Mensch mit der Frage des Todes beschäftigt? Oder: Muss der Mensch alles wissen?

Darauf wurde geantwortet: Einer der Gründe für die Entstehung der Religion ist die Sterblichkeit des Menschen. Ein anderer Teilnehmer meinte: Ein weiterer Grund ist das Bedürfnis des Menschen, die Welt zu verstehen und sich das Weltgeschehen zu erklären. Neugier und Staunen sind urmenschliche Eigenschaften. Und die Religion gibt Erklärungen über die Entstehung der Welt und den Sinn des Lebens. In dieser Hinsicht haben die Religionen eine große Bedeutung in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Auf die Frage, ob der Mensch sich mit der Frage des Todes beschäftigen muss, ob er alles wissen muss, wurde geantwortet: Er muss vielleicht nicht alles wissen, aber er will alles wissen. Dinge, die der Mensch nicht versteht, machen ihm Angst. Daher kommt der Drang zum Verstehen. Sobald der Mensch die Sachen und das Geschehen versteht, verliert er die Angst. Angst ist nicht nur etwas Schlechtes, sie ist etwas Wichtiges für das menschliche Leben, weil sie auf Gefahren hinweist. Vor dem wirklichen Verstehen der Welt haben die Menschen spekuliert, wie alles zusammenhängt; haben probiert, wie man leben muss, um lange zu leben. Und sie haben ihre Erfahrungen ausgetauscht und das hat die Menschheit weitergebracht. Auch wenn die Menschen heute die Naturereignisse verstehen, stehen sie ratlos vorm Chaos und Zerfall der Gesellschaft. Die Angst vor dem Blitz ist so ziemlich verschwunden, aber es entstehen neue Ängste vor den Unsicherheiten, wie sie mit der Lohnarbeit gegeben sind und Undurchschaubarkeit des gesellschaftlichen Lebens. In der heutigen Gesellschaft ist der Mensch als Individuum allein, und sein Leben hat nur einen Sinn, wenn er etwas daraus gemacht hat, wenn er im Konkurrenz seine Gegner besiegt. Im Kommunismus ist man aber nicht allein, sondern ein Teil der Gemeinschaft. Der Mensch schafft dann etwas in seinem Leben aus Freude und um zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen, als de­ren Teil er sich versteht. So wird er anders mit seinem Leben umgehen können, und verstehen, dass auch, wenn sein indi­viduelles Leben vorbei ist, die menschliche Gemeinschaft, wozu auch er gehört, weiterlebt. Es wird eine große Entwicklung im Verständnis des Verhältnisses von Werden und Vergehen, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Individuum und Kollektiv geben. Die Menschen werden sich auch mit dem Phänomen ‚Religion’ befassen; denn es war ja Teil der Menschheitsentwicklung.

Ein anderer Teilnehmer meinte: Die Angst vor Tod wird auch im Kommunismus bleiben. Die Religion ist auch eine Organi­sation und als solche wird man sie nicht mehr brauchen. Die Aufgabe der Religion kann von der Philosophie übernommen werden. Der Ausgangspunkt von Philosophie und Religion ist derselbe. Aber die Religion ist negativ für die Menschheit. Die Religion verlangt einfach Glauben. Die Rolle der Religion ist begrenzt.

Es wurde dann noch mal unterstrichen, dass der Kommunismus keine statische Gesellschaft ist, dass der Mensch sich nur durch Konflikte entwickelt, dass Harmonie einschläfert. Und dass Angst etwas Positives ist, wenn sie nicht überwertig wird. Und weiter, dass die selbständige Auseinandersetzung mit der Angst und dem Tod weiter bringt, als der Glaube ans Jenseits.

Ist die Angst vor dem Tod eine unveränderbare Tatsache? Heute ist die Angst vor dem Tod sehr groß. Kranksein und Tod werden versteckt. Im Kommunismus wird ein Verständnis dafür da sein, dass Leben und Sterben, Entstehen und Vergehen zusammengehören und die Menschen werden nicht mehr isoliert von einander sein, sondern sie werden sich als Teil der Menschheitsgeschichte fühlen in der Folge der Generationen. Man wird z.B. über Abtreibung sprechen können.

In der Debatte entwickelte sich die Idee, dass es einen grundsätzlichen Unterschied gibt zwischen der Religion einerseits und dem historischen und dialektischen Materialismus und Marxismus andererseits. In der Religion schafft Gott die Menschen, im Marxismus sind die Götter ein Produkt der Menschen. Einer der Gründe für die Schaffung von Göttern ist die Angst und das Beeindrucktsein von den Naturgewalten. Das Bedürfnis nach Religion entsteht aus den materiellen Bedingungen, unter denen die Menschen leben. Und die Menschen machen sich ihre Götter in Analogie zu den jeweiligen Zuständen, in denen sie leben. Die Menschen dachten sich die Götter in Analogie zu sich selbst als Wesen mit menschlichen Eigenschaften und so glaubten sie auch, diese durch Rituale und Opfergaben und Zaubermittel beeinflussen zu können, sie gnädig zu stimmen. Dass die Menschen sich die Natur als beseelt vorstellten, war ein Fehler, aber ein großartiger Fehler, weil die Menschen aus diesem Fehler lernen und sich so weiter entwickeln konnten.

Ein weiterer Grund für die Entstehung von Religionen ist das Traumerlebnis. Aus der Erfahrung des Traumes haben die Menschen geschlossen, dass es eine andere Welt gibt neben der Welt des Wachseins. Es stimmt, dass es eine andere Welt gibt, auch wenn sie nicht über den Wolken ist oder wo auch immer im nebulösen Jenseits. Die Träume sind nicht nur Schäume, sie haben eine Bedeutung; in den Träumen werden Erlebnisse verarbeitet, werden Problemlösungen vorbereitet, sie weisen auf Zukünftiges hin usw. Die Welt der Träume ist eine andere Welt, es ist die Welt des Unbewussten, die Freud dann erforscht hat. Freud bestätigt damit durch seine Forschung, was die Menschen schon Jahrtausende hindurch irgendwie wussten, dass es neben der ‚Wachwelt’ eine eigene selbstständige andere Welt gibt. Die Menschen nahmen an, dass sie eine Seele haben, die sich im Traum vom Körper trennen kann. Die Materialisten des 17. Jahrhundert nannten diese Vorstellungen Blödsinn. Durch Freud wurde durch wissenschaftliche Erforschung die Existenz der Seele bestätigt. Religion hat einen wahren Kern. Aber die Menschheit ist weitergeschritten und kann nun über die Religion hinausgehen. Die Religion ist überholt. Die Menschen kannten natürlich die Phänomene der Epilepsie und der Schizophrenie und erfuhren sie ebenfalls als andere Welten und dachten Epileptiker und Schizophrene stünden mit dem Göttlichen in Verbindung.

Der Tod hatte schon von Anfang an für die Menschen eine große Bedeutung, was z.B. an den ägyptischen Grabstätten, den Pyramiden zu sehen ist und an den schon in der Urzeit so wichtigen Bestattungszeremonien – Tiere kennen das nicht. Was heute neben der ausgeprägten Todesangst dazukommt, ist die Todessehnsucht wie bei den Selbstmordattentätern.

Zur Unterstreichung wurde gesagt, dass man im alten Ägypten glaubte, dass die Menschen im Traum schon einen vorüber­gehenden Zugang zum Totenreich haben.

Dazwischen kam die Frage des Atheismus auf. Der Atheismus verbleibt im Rahmen der religiösen Vorstellung. Die 68er Bewegung war gegen die Amtskirche gerichtet, wie gegen die Autoritäten überhaupt, aber sie hat sich neue höhere Wesen und Bibeln gemacht wie z.B. den Großen Steuermann Mao tse tung, das Idol Che Guevara oder die Maobibel. Die Revolutionäre haben keinen Hass auf die Religion, sie werden nicht von einer Antistimmung, von einem roten Tuch wie die Atheisten beherrscht. Die Revolutionäre verhöhnen niemals die religiösen Gefühle der Menschen. Solche Mohammed Karikaturen, wie sie jetzt der Stein des Anstoßes sind, sind niemals Sache des Proletariats.

Zurück zur Angst vor dem Tod und ihrem Zusammenhang mit der Religion. Was man heute feststellen kann, ist eine zunehmende Todessehnsucht. Die Angst vorm Tod überschwemmt sozusagen die Persönlichkeit und das trotzdem oder gerade deswegen oder auf jeden Fall damit verbunden, dass das Erlebnis des Todes kaum noch erfahren wird, 85 % sterben heute im Krankenhaus, so dass ein normal Sterblicher heute aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Todesfall mehr miterlebt. Man kann mit dem Tod heute nicht mehr umgehen. Die Angst vor dem Tod wird übermächtig. Die Religion hat immer nur begrenzt die Angst vorm Tod nehmen oder lindern helfen können. Neben der Religion sind in manchen Erdgegenden Opium und Koka Mittel gegen die Angst vorm Tod. Warum ist die Angst vorm Tod so mächtig geworden? Die Leute leiden darunter, dass sie an Gar-nichts-mehr glauben können, dass sie Nihilisten sind; und für Nihilisten hat nichts mehr eine Bedeutung. Dieses Ge­fühl ist modern. Es gibt keine Gemeinschaft mehr, Einsamkeit ist ein Grundübel der heutigen Zeit. Mit dem Tod ist alles weg, was man sich als Einzelner im Leben erworben hat, Reichtum, Ehre usw. Das Einzige, was bestehen bleibt, ist die Ge­meinschaft, die Folge der Generationen. Was große Revolutionäre auszeichnet, ist, dass sie tief verbunden sind mit der Arbeiterbewegung, mit den Revolutionären vor ihnen, die sie als ihre Freunde und Genossen sehen, oder allgemeiner dass sie von einer Liebe zur ganzen Menschheit beseelt sind. Für Marxisten ist die Geschichte, die Menschheit kein Unsinn, nichts Belangloses, sondern sie lebt in uns.

Es wurde nun in Erinnerung gerufen, dass die Religion die Angst schürt. Man entwickelt aber im Laufe der Zeit eine Immunität gegen die Angst. Die etablierten Religionen sind gescheitert, deshalb gibt es Sekten. Ursprünglich konnten die Religionen Trost spenden, jetzt aber nicht mehr.

Wichtig war es, dass ein Teilnehmer unterstrich, dass zum Bedürfnis nach Religion, das aus den Verhältnissen hervorgeht, das Bestreben der Herrschenden dazukommt, die Religion für ihre Zwecke zu benutzen. Mit dem Entstehen der Klassengesellschaften wird die ursprüngliche Gemeinschaft zerstört. In jeder Religion kommt irgendwann das Herrschaftsverhältnis dazu. Jede Religion nimmt in Anspruch Trostspender zu sein, aber gleichzeitig verbreitet sie auch Angst, um dann Trostspender sein zu können. Jede Religion hat die Waffen ihrer Krieger gesegnet und den Krieg ihrer Nation als heiligen Krieg erklärt.

Die Diskussion kam immer wieder darauf zurück, dass wir Teil, unverzichtbarer und aktiver Teil, einer großen Bewegung sind, dass wir Glied von der Vergangenheit zur Zukunft sind, dass wir verbunden sind der Arbeiterbewegung der Vergangenheit und wir ein Bewusstsein haben, dass die zukünftige Menschheit uns braucht, dass wir helfen den Kommunismus vorzubereiten. Wir haben nicht nur eine Verantwortung vor unseren Kindern und Enkeln, vor den zukünftigen Generationen, sondern wir führen auch das Vermächtnis unserer Vorkämpfer weiter und haben eine Verantwortung gegenüber den vergangenen Generationen.

Das historische Bewusstsein ist unverzichtbar, aber es gibt auch etwas Unmittelbares, warf ein Teilnehmer ein. In politischen Auseinandersetzungen mit anderen entwickelt man sich selbst. Was ich bin, habe ich durch andere und durch die Auseinandersetzung mit anderen. Nur in der Gemeinschaft kann sich das Individuum entwickeln. Im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist der Tod etwas Tragisches. Das wird sich auch nicht ändern, aber man wird ein anderes Verständnis dazu und einen anderen Umgang damit gewinnen. Dieses Bewusstsein und der Austausch mit anderen ist heute nicht mehr selbstverständlich. Alleinsein ist tragisch, aber man ist nicht allein. Man ist nicht allein, weil man von anderen abhängig ist; aber manchmal muss man für sich sein. Die Religion verspricht, die Isolation überwinden zu helfen, aber sie kann dieses Versprechen nicht halten. Wenn man sich nur als Funktionsträger fühlt und erfährt, ist man mutlos und eingeschüchtert. Die proletarische Bewegung drängt nach Austausch und Solidarität. Für den heutigen isolierten Menschen scheint die Einsamkeit als etwas Selbstverständliches, zum Los der Menschen Gehöriges. Der Teilnehmer zitierte noch den Satz: Herrschaft ist nichts Anderes als die Leugnung der Abhängigkeit.

Weiter: Leute, die an Religionen hängen, wirken oft sehr einsam und verschlossen. Religiöse Menschen sind damit beschäftigt, Pluspunkte für das Jenseits zu sammeln. Nur wer gut ist, wer funktioniert, kommt in den Himmel. Nur wer hier auf Erden auf der guten Seite war, kommt auch im Jenseits auf die gute Seite. Woran misst sich, ob man gut ist? Daran, dass man funktioniert hat hier. Man hängt an Äußerlichkeiten und wird dadurch behindert, sich konkret mit den Sachen zu befassen. Aber nur wenn man sich mit den Dingen beschäftigt, können sie das Angstmachende verlieren. Religiöse Menschen, vor allem Sektierer sind sehr aufdringlich und haben keinerlei Fingerspitzengefühl. Sie sind sehr arm dran, weil sie allein mit ihrem Gott gelassen sind, diesem Überirdischen und ‚Außer- und Unmenschlichen’.

Ein Punkt, der besprochen wurde, war: Ist die Religion Privatsache? Antwort: Es gab die Hoffnung, dass mit der Trennung von Staat und Kirche, die Macht des Klerus gebrochen und die Religion verschwinden würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Im westlichen Kapitalismus ist die Religion zwar Privatsache geworden, und damit ist zwar der Druck zur Religionsausübung gemindert worden, aber die Menschen sind auch allein gelassen mit ihrem Gott.

Eine Teilnehmerin meinte, Lenin habe die Religion als Privatsache betrachtet.

Ein anderer Teilnehmer: Ist für Revolutionäre heute ist die Religion eine Privatsache? Wie ist die Position der Revolutionäre zur Religion? Revolutionäre schreiben einander zwar nicht vor, was man zu denken hat. Aber für sie ist es auch nicht egal, was man denkt. Die 2. Internationale trat für die Trennung von Staat und Kirche ein. War es eine taktische Sache, dass die 2. Internationale die Religion zur Privatsache erklärte, und zwar deswegen, weil die SPD eine Massenpartei war und in dieser Partei viele Gläubige wa­ren und man diese Gläubigen nicht vor den Kopf stoßen wollte?

Und weiter zu Religion als Privatsache: Die Religion ist unter Revolutionären keine Privatsache. Andererseits bei der Arbeiterbewegung im Allgemeinen. Beim Kampf der Arbeiter 1905 in Petersburg und in Russland war die Mehrheit der kämpfenden Arbeiter religiöse Menschen. Ausgangspunkt der Kämpfe war eine Bittprozession unter der Führung eines Pfaffen zum Zaren. Als das Feuer der zaristischen Polizei auf die Menge gerichtet wurde, zeigte sich sehr schnell, dass, wenn die Arbeiter sich als Klasse bewegen, dass dann die Religion an Boden verliert. Es braucht nicht geschossen zu werden, die Religion verliert immer an Boden, wenn sich die Arbeiterklasse selbständig organisiert und sich verteidigt. Wenn Arbeiter zusammenkommen, verliert die Religion. Die Religion ist dem Wesen der Arbeiterklasse etwas Fremdes.

Eine Teilnehmerin meinte: Die Angst vorm Tod und die heutige Todessehnsucht sind kein Gegensatz, sondern sie schaukeln sich gegenseitig hoch. 1945 war in Deutschland große Zerstörung und es wurden Hunderttausende vermisst. Der Tod war allgegenwärtig und als Angehörige einer Verlierernation mussten sie auch die Schande ertragen. In dieser Situation wurden so viele Kirchen in Deutschland gebaut wie nie vorher und die Religionen hatten großen Zulauf. Zum ersten Mal war die Regierungspartei eine Partei, die sich christlich nannte, die Christliche Demokratische Union. Dort wo Tod herrscht und Schuldgefühle herrschen, ist der Pfaffe nicht weit. Die aufstrebende Bourgeoisie glaubte, Wissenschaft könne die Religion überwinden. Als aber die Arbeiterklasse als Klasse hervortrat, machte die Bourgeoise eine Kehrtwende, und gebrauchte die Religion als Ideologie gegen die Arbeiter. In der Dekadenz des Kapitalismus schwindet eine Zukunftsperspektive, sodass die Religion wieder gebraucht wird, um einen Ersatz zu bieten. Es ist in der heutigen Welt schwer ohne Illusionen zu leben. Spinoza sagt: Man muss den Mut haben, ohne Illusionen zu leben, die Wahrheit anzuschauen, so schrecklich sie auch sein mag. Marx ähnlich: Man muss die Religion überwinden, um ohne Illusion zu leben. Kopernikus, Darwin, Freud sie haben Illusionen zerstört. Wenn die Arbeiterklasse Illusionen hat, muss sie das bitter bezahlen, im Gegensatz zur Bourgeoisie, die nicht ohne Illusionen leben kann. Die Wissenschaft als solche kann die Religion nicht überwinden; es braucht eine gesellschaftliche Kraft, die die Welt so verändert, dass eine Religion nicht mehr nötig ist.

Die Forderung, dass, wer in eine revolutionäre Organisation eintreten will, nicht gläubig sein darf, stellt sich gar nicht, sagte eine Teilnehmerin zur Frage, ob die Religion Privatsache ist, weil, wer sich auf eine revolutionäre Organisation zubewegt, anfängt nachzudenken und sich intensiv mit den Triebkräften der Geschichte auseinanderzusetzen und sich dabei von religiösen Vorstellungen notwendigerweise entfernt. Was die Arbeiter verbindet, sind ihre gemeinsamen Interessen, und ihr Kampf zur Verteidigung dieser Interessen ist eine konkrete Angelegenheit. Er wandte sich gegen jedes taktische Manövrieren innerhalb der Arbeiterbewegung und zitierte Luxemburg, die sagte: Man darf das Gewissen der Menschen nicht vergewaltigen. Und Erkenntnis ist ein freiwilliger Prozess, der seine Zeit braucht. Wer taktisch mit seinen Klassengenossen umgeht, unterstellt ihnen Dummheit. Wenn revolutionäre Minderheiten, die Vorstellung haben, sie wären die Erzieher der Arbeiter, dann ist das eine falsche Vorstellung. Man muss sagen, was man meint, und tun, was man sagt. Er meint, dass Lenin ein taktisches Verständnis zum Umgang mit der Religion hätte.

Ein anderer Teilnehmer meinte dagegen, dass Lenin kein taktisches Verständnis gegenüber religiösen Arbeitern gehabt hätte, wohl aber gegenüber den Kirchen, die ja Teil der alten herrschenden Klassen waren und denen gegenüber kann und müsse man taktisch geschickt vorgehen, so z.B. in militärischen Auseinandersetzungen mit dem Klassenfeind. Alles was eine revolutionäre Organisation macht, muss es gegenüber den Organen der Klasse vertreten können. Das braucht nicht immer sofort zu geschehen, aber zu gegebener Zeit. Wahrheitsliebe heißt nicht alles auszusprechen, was einem gerade in den Kopf kommt. Die Wahrheitsliebe ist nicht immer eine so einfache Sache. Man muss vieles berücksichtigen und in größerem Rahmen sehen. Aber das ist deutlich von taktischem Manövrieren zu unterscheiden.

Dem widersprach ein anderer Teilnehmer, der sagte, dass Taktik durchaus auch etwas Gutes haben könne und er nannte als Beispiel dafür, dass der Termin für den Oktoberaufstand 1917 nicht öffentlich genannt wurde. Es war eine Schwäche der 2. Internationalen, dass sie glaubte, sie müsse für die Klasse handeln und denken.

In einem anderen Redebeitrag wurde gesagt: Es gibt eine Privatsphäre und die ist zu respektieren. Ein anderer Teilnehmer hat dem zugestimmt, und meinte, dass man damit verantwortungsvoll umgehen muss und sehen soll, wo die Grenzen sind. In diesem Zusammenhang wurde auch gesagt, dass man als Revolutionär gegenüber Kindern eine besondere Verantwortung hat, dass man Kinder nicht mit revolutionärem Gedankengut überfallen und ihnen nicht die Kindheit, z.B. Weihnachten mit dem Glanz des Tannenbaums nehmen darf, aber sehr wohl den Kindern bestimmte Prinzipien weitergibt und versucht, ihnen ein tref­fendes Bild der Welt zu vermitteln.

In der Schlussrunde, in der jeder seine Einschätzung der Diskussion kundtut, wurde allerseits gesagt, dass die Diskussion sehr fruchtbar gewesen, dass nichts die lebendige Diskussion als Mittel der Klärung ersetzen könne. Es wurde die Qualität des Einleitungsreferats hervorgehoben und gesagt, wie wichtig es ist zusammenzukommen, wenn man nicht im Alltagsstress aufgefressen werden will. Je nachdem, welche Leute miteinander diskutieren, ist die Dynamik der Diskussion eine ganz andere. Gut, dass im Zirkel solche Themen wie Religion oder Geschlechterverhältnis diskutiert werden, und man dabei wieder an eine Tradition in der Arbeiterbewegung anknüpft, sich mit allen Sachen auseinanderzusetzen.

Es wurden zwei Themen für die nächste Diskussion vorgeschlagen: die sogenannten sozialistischen Länder und die Gewalt­frage. Die Zirkel entschied sich für das zweite Thema, weil diese Frage gerade in der Gegenwart jeden berührt und sich die Arbeiterklasse von blinder Gewalt und den Terror absetzen muss.

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