Diskussionssynthese - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Synthese zur Diskussion im April 2007

über den Kapp-Putsch im März 1920


Einleitung

Die Diskussion wurde an diesem Termin nicht durch ein Referat eingeleitet, da der geplante Referent aus bis dahin nicht bekannten Gründen nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte. In der vorhergehenden Veranstaltung wurde allerdings schon vereinbart, dass sich die möglichen Teilnehmer durch eigene Beiträge auf das Thema vorbereiten sollten. So gab es dann zwei kurze schriftliche Redebeiträge sowie einen Text zum Thema aus einem DDR-Wörterbuch der Geschichte, die uns als Grundlage bzw. Ausgangspunkt zur Diskussion standen und die unter der Seite „Referate“ auf unserer Homepage nachzulesen sind. Im Folgenden seien die Inhalte hier kurz zusammengefasst:


Thesen der Kurzreferate:

Kleines politisches Wörterbuch – DDR: „Kapp-Putsch“:

Wir haben in der Diskussion versucht, die Ereignisse in ihren historischen Rahmen zu setzen und ihre Bedeutung herauszuarbeiten. Dabei ergaben sich zwei Teile der Diskussion:

  1. allgemeiner Rahmen der Ereignisse
  2. Ereignisse konkret
    • Mut und Entschlossenheit der Arbeiterklasse (z.B. im Ruhrgebiet)
    • welche Kampfmittel hat die Arbeiterklasse?

I. Allgemeiner Rahmen der Ereignisse

Hier ergaben sich im Anschluss an die kurzen Einleitungen verschiedene Fragen, die wir in der Diskussion versuchten zu beantworten.

1. Was war die Hauptursache für den Putsch?

Von den Teilnehmern kam die Frage auf, was wohl das hauptsächliche Motiv des Putsches gewesen sei. Was sollte zerschlagen werden? Sollte die Arbeiterklasse durch die Putschisten endgültig zerschlagen werden? Es wurden verschiedene Thesen aufgestellt. In den Einleitungen wurde gesagt, dass die ostelbischen Junker unter Führung von Kapp wieder einen Krieg mit den Siegermächten anstrebten. Für diesen Zweck sei es aber notwendig gewesen, die Arbeiterklasse vorher vernichtend zu schlagen, um sie dann für die nationalen Interessen der Bourgeoisie einspannen zu können. Die Kappisten würden somit gegen die Arbeiterklasse und gegen die Demokratie vorgehen, dabei aber die Gefahr unterschätzen, dass die Arbeiterklasse damit provoziert und aktiviert werden könnte.

Zunächst äußerte eine Teilnehmerin ihre Meinung, dass der Putsch ein Machtkampf zwischen der deutschen herrschenden Klasse gewesen sei. Das Agrarkapital wollte seine alten Privilegien zurückerobern. Ein weiterer Teilnehmer betonte die sehr komplizierte politische Lage. Der Ausgang hierfür läge in dem Konflikt innerhalb der herrschenden Klasse, nicht explizit in Deutschland sondern international. Erst später habe sich der Kampf zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse entwickelt. Wie ist nun das Motiv für den Putsch zu verstehen? Hier erhoben die Teilnehmer zwei verschiedene Thesen: Einerseits wurde die besondere Geschichte Deutschlands genannt. Die Vereinigung kam sehr spät und von oben. Preußen war ein Militärstaat. 1871 erhielt Deutschland sein westliches Gebiet, das Ruhrgebiet. Dort entstand gerade größere Schwerindustrie. Die Herrschaftsform war geprägt durch einen Kompromiss. Die militärisch-politische Herrschaft hielt die Großindustrie im Westen, wohingegen die Agrarindustrie im Osten die wirtschaftliche Macht besaß. Außerdem verlor Deutschland den I. Weltkrieg. Die Entente verlangte Abrüstung. Sie eliminierte einen Teil der deutschen herrschenden Klasse und reduzierte das Heer auf 100.000. Damit würde das Industriekapital herrschen und für Sprengstoff sorgen! Aber das Industriekapital wollte das Militär nicht entmachten, sogar die SPD tat nichts gegen den Putsch, weil man das Militär brauchte. International gesehen sei es so gewesen, dass Großbritannien Deutschland als Gleichgewicht gegenüber Frankreich aber auch gegen Sowjetrussland nicht entmachten wollte, denn die deutsche Armee hatte u. a. z.B. mitgeholfen, die Finnische Revolution nieder zu schlagen. Dagegen hätte Frankreich Deutschland jedoch ganz entmachten wollen.

Die zweite These ging davon aus, dass alle Teile der Bourgeoisie dachten, die Arbeiterklasse sei geschlagen. Auch die SPD habe diese Illusion gehabt, sonst hätte sie nicht zum Generalsstreik aufgerufen. Die Kappisten selbst haben dabei nicht die Arbeiterklasse schlagen sondern verhindern wollen, daß Deutschland auseinander bricht.

2. War die Arbeiterklasse bereits geschlagen?

Zu dieser Frage gab es in der Diskussion verschiedene Ansichten. Einige TeilnehmerInnen meinten Ja, andere Nein, ein weiterer sagte, in gewisser Hinsicht sei die Arbeiterklasse schon seit 1918/19 geschlagen gewesen. Aber es wurden dabei auch große Unterschiede innerhalb Deutschlands beschrieben. So sei die Arbeiterklasse in Berlin seit den Ereignissen im Januar 1919 traumatisiert. Wegen ihrer damaligen großen Niederlage konnten sie keinen massiven Widerstand mehr leisten. Es gab fast keine Mitglieder mehr in der KPD. Der Generalsstreik wurde schnell ausgerufen und zeigte seine Wirkung. Die Aktivitäten der Arbeiterklasse seien hier als reiner Abwehrkampf zu sehen. Während die Arbeiter in Berlin schon geschlagen waren, war die Kampfkraft der Arbeiter im Ruhrgebiet dagegen unglaublich groß. Sie standen aber für sich alleine und isoliert und obwohl die Arbeiterklasse noch riesige Kräfte besaß, konnte sie den Weg zur Revolution nicht ebnen. Somit sei nach dieser Niederlage der Weg frei gemacht für die Entstehung des Faschismus.

Aus diesen Argumentationen heraus ergaben sich jetzt mehrere Fragen, die sehr lebendig diskutiert wurden: War die Niederlage der Arbeiterklasse im Verlaufe des Putsches entscheidend für das Ende der Revolution? Ab wann genau war die Sache der Arbeiterklasse eigentlich verloren. Hätten die Arbeiter während des Kapp-Putsches die Möglichkeit gehabt, die Sache für sich umzudrehen? Unter diesem Aspekt haben wir dann die internationalen Arbeiterkämpfe von 1919 bis 1936 etwas genauer betrachtet. Auch hier kamen verschiedene Thesen auf. Es wurde von einem Teilnehme gesagt, dass es in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg viel Bewegung innerhalb der Arbeiterklasse gegeben hätte. Es läge kein großer Zeitabschnitt zwischen den Kriegen, aber es sei sehr viel passiert in dieser Zeit, die Arbeiterklasse habe die Weltrevolution gewagt. Allerdings seien die Bewegungen nach 1919 z.B. die Revolution in China 1927 und die Spanischen Freiheitskämpfe 1936 nach dem faschistischen Militärputsch von Franco von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, da die Arbeiterklasse in anderen Ländern schon geschlagen war. An dieser Stelle bezeichnete ein anderer Teilnehmer die Deutsche Revolution von 1918/19, explizit die Ereignisse im Januar 1919 in Berlin, als entscheidenden Wendepunkt der Weltrevolution. Die Arbeiterklasse erlitt hier eine entscheidende Niederlage. Die führenden Köpfe wurden dezimiert und konnten sich für die Ziele der Arbeiterklasse nicht mehr einsetzen und an deren Weiterentwicklung mitwirken. Damit wurde sozusagen der „Kopf“ der Revolution abgeschlagen. Damit musste die Weltrevolution scheitern. Ein anderer Teilnehmer meinte dazu, wenn die Weltrevolution nicht voranginge, muß sich ergo irgendwann wieder die Bourgeoisie melden. Und so sei es auch zu erklären, dass z.B. in Italien 1921 nach der Niederschlagung der Arbeiter in Norditalien und der Niederlage des Kapp-Putsches Mussolini die Macht übernehmen konnte.

Im Verlauf der Diskussion wurde von den Teilnehmern noch ein weiterer wichtiger Wendepunkt für die Niederlage der Arbeiterklasse benannt. Mit der Machtübernahme durch den Hitlerfaschismus in Deutschland 1933 hat die Arbeiterklasse in Westeuropa und vor allem in Deutschland als zentralem europäischen Land, eine gewaltige ideologische Niederlage erlitten, die auch das Weltproletariat bitter erfahren musste. Die Weltrevolution war also endgültig gescheitert, die Arbeiterbewegung schwächte sich drastisch ab. Dagegen konnten sich die faschistischen Kräfte verstärken und die Macht übernehmen. Aus der Diskussionsrunde heraus kam nun die Idee, dass es eine Verbindung gäbe zwischen der Niederlage der Arbeiterklasse und dem Aufstieg des Faschismus, welche wir dann in der Folge aufgriffen und erörterten:

3. Verbindung zwischen Niederlage der Arbeiterklasse und Aufstieg des Faschismus

Konnte also der Faschismus an die Macht kommen, weil die Arbeiterklasse geschlagen war? Zur Beantwortung der Frage wurde von einer Teilnehmerin auf die Situation im I. Weltkrieg verwiesen, die uns zeigt, welchen Einfluß die Arbeiterklasse auf die politische Situation haben kann. Es wurde gesagt, dass der I. Weltkrieg nicht beendet worden ist, weil die Mittelmächte besiegt waren. Es gab damals keine fremden Truppen auf deutschem Boden. Der Krieg war militärisch noch nicht beendet. Das Vorzeitige Ende sei vielmehr durch die Deutsche Revolution begründet gewesen, die Weltbourgeoisie hatte Angst vor einer bevorstehenden Weltrevolution. Ein anderer Teilnehmer beschrieb noch einmal die Zwischenkriegsjahre von 1918 – 1936. Hier hätte es ein ständiges Hin- und Her im Kräfteverhältnis zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie gegeben. Die Arbeiterklasse hätte immer wieder Kämpfe gestartet. Dagegen hat die Bourgeoisie die Entwicklung Richtung Faschismus vorangetrieben, weil, wie an anderer Stelle schon erwähnt, die Arbeiterklasse durch ihre großen Niederlagen erheblich geschwächt war, konnte und musste die Weltbourgeoisie wieder auf den Vormarsch geraten. Es wurde also festgestellt, dass der Faschismus erst möglich wurde, als die Arbeiterklasse entscheidend geschlagen war. Die Bourgeoisie habe den Faschismus gebraucht, um die Arbeiter wieder für sich benutzen zu können. Ein Teilnehmer erklärte an dieser Stelle, dass ihm mit diesen Zusammenhängen klarer wurde, warum die deutsche Bourgeoisie als Kriegsverlierer gleich versuchte, sich wieder fit zu machen, einen neuen Krieg vorbereitet und dabei natürlich auch versucht, sich die Arbeiterklasse „zurecht zu biegen“. So konnte man dann nach der Machtergreifung der Nazis die Arbeiter der Entente für den Antifaschismus mobilisieren. Eine Teilnehmerin bemerkte hierzu noch, daß mit der Machtübernahme des Faschismus das „Denken“ in den Köpfen der Arbeiter aufgehört hätte. Das Bewusstsein hatte einen herben Rückschlag erlitten und befasste sich nur noch mit der Frage, ob Mann/Frau für oder gegen den Faschismus sei. Das Interesse für ein allgemeines geschichtliches Verständnis und die Suche nach einer grundsätzlichen Lösung des gesellschaftlichen Problems sei verloren gegangen. In diesem Zusammenhang übte eine andere Stimme Kritik an der SPD, die immer nur ihre „klare Linie“ vertreten hätte. Sie hätte damals nicht geschaut, wie sich die Arbeiterklasse entwickelt und was diese will und damit ihren Teil zur Niederlage der Arbeiter beigetragen. Trotzdem habe die deutsche Sozialdemokratie dann im Verlauf immer mehr Stimmen bekommen, weil sich die Bedingungen für die Arbeiter doch insgesamt wieder verbesserten.


II. Ereignisse konkret

Im zweiten Teil der Diskussion haben wir uns mit einem konkreten Ereignis aus den Märzkämpfen im Ruhrgebiet beschäftigt. Eine Teilnehmerin verlas einen Augenzeugenbericht vom 18. März 1920 in Wuppertal („Kampf der Revolutionäre und Arbeiter gegen das Militär – siegreich!“), der uns die damalige Zeit näher brachte und uns überzeugend den Mut und die Entschlossenheit der Arbeiterklasse im Kampf dokumentierte. Im Folgenden wird der Bericht kurz zusammengefasst:

Drei Armeen wurden ins Ruhrgebiet geschickt, weil die Arbeiter dort am kämpferischsten waren. Weil die Eisenbahner streikten, mussten die Soldaten zu Fuß dorthin kommen. Vor Ort herrschte ein Standgericht. Das bedeutete, wer abends nach draußen ging, sollte erschossen werden. Die Armee kam nach Wuppertal-Elberfeld und ging davon aus, dass sich die Menschen nicht außerhalb ihrer Wohnungen aufhielten. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich die Arbeiter den Aufforderungen widersetzen würden. Alle Arbeiter waren nachts draußen führten intensive Diskussionen. Armee unternahm dagegen zunächst nichts. Am nächsten Tag fand dann eine große Arbeiterdemonstration statt. Da Militär stellte sich die Frage, was zu tun sei. Man konnte nicht aller erschießen, man hatte Sorge, dass es dann zur Revolution kommen würde. So ließen sie dann 3 Stunden lang den Neumarkt frei.

Als die Arbeiter in Solingen hörten, daß die Armee in Elberfeld war, sind 1000 Menschen, über die Hälfte davon Frauen und viele Kinder, mit Stöcken bewaffnet losgezogen, um den Arbeitern in Elberfeld zu helfen. Das Militär schoß ohne Vorwarnung in diese Menge. Ein Teil kam durch, weil die Elberfelder Arbeiter ihnen Schleichwege zeigten und sie in einer Ziegelfabrik versteckten. Diese wurden in der Nacht allerdings von der Bürgerkriegspolizei gefunden und gefangen genommen. Das wollten die Arbeiter nicht hinnehmen und waren bereit, das Rathaus zu stürmen, um die Gefangenen zu befreien. Mitglieder der SPD und ein Pfarrer sprachen stundenlang auf dem Neumarkt auf die Arbeiter ein, sie sollen doch friedlich sein, die Polizei sei doch ihr Freund…Als diese dann gingen, stürmten die Arbeiter das Rathaus und holten die Waffen, um die gefangenen Arbeiter zu befreien. Es entwickelte sich eine große Arbeitersolidarität über die Stadtgrenzen hinweg. Neben Remscheid kamen Arbeiter zur Hilfe aus Bochum, Dortmund, Wuppertal etc. Nach 4-5 Tagen war das Ruhrgebiet in den Händen der Arbeiter, 3 Armeen mussten fliehen. So haben die Arbeiter gemeinsam das Militär vertrieben und damit ihren Sieg davongetragen.

Das Militär wurde also gelähmt und geschlagen, weil die Arbeiter in den Generalstreik traten und jeden Tag solidarisch und immer koordinierter kämpften und dies mit viel Mut und Entschlossenheit. Bourgeoisie und Militär ist so teilweise durch die Arbeiterklasse erniedrigt worden. Der Bericht hat uns gezeigt, zu welchen bewussten und konsequenten Aktivitäten die Arbeiter in der Lage sein können. Eine Erfahrung, die es vielen Arbeitern heute schwer fällt sich vorzustellen, weil das Bewusstsein der Arbeiterklasse durch die großen Niederlagen der damaligen Zeit einen herben Rückschlag erlitten hat. Deshalb wurde in der Diskussion auch durch einzelne Teilnehmer betont, wie wichtig es sei, sich mit den geschichtlichen Ereignissen genauer auseinanderzusetzen, damit das Denken eine bewußtere klare Richtung einnehmen kann.

Welche Kampfmittel hat die Arbeiterklasse?

Aus der Diskussion heraus über die konkreten Erfahrung der Arbeiterklasse im März 1920 und allgemein in der Geschichte stellte nun eine Teilnehmerin die Frage, ob die Arbeiter in ihrem Kampf, auch im Vergleich zum Auftreten der Bourgeoisie, zu sozial, zu kollektiv und nicht aggressiv genug seien, um die wichtigen anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Die Bourgeoisie würde ihr Feld nicht freiwillig und friedlich räumen, sie würde der Arbeiterklasse auch mit der letzten Härte und aller möglichen Brutalität entgegentreten. Müssen hier die Arbeiter bei aller menschlicher Absicht nicht auch unmenschliche Mittel anwenden? Es entwickelte sich an dieser Stelle eine sehr lebhafte Diskussion darüber, welche Kampfmittel das Proletariat besitzt, um einen erfolgreichen Weg gehen zu können. Es wurde hier zunächst von einem Teilnehmer argumentiert, daß es darum geht, Ziele und Mittel konkret zu klären, in Zusammenhang zu setzen und zueinander abzustimmen. Dazu gehöre ein prinzipielles Bedürfnis der Arbeiter und Revolutionäre, auch die Saboteure und Gegner vom Inhalt und der Notwendigkeit ihres Weges zu überzeugen, statt sie zu misshandeln und zu ermorden. Ein anderer Teilnehmer hielt diese Aussage einerseits für richtig und positiv, fragte aber gleichzeitig, ob das nicht bedeuten würde, daß die Arbeiterklasse scheitern muß, weil die Bourgeoisie sich ja aggressiv wehren würde, z.B. die Arbeiter gleich erschießen, während die Arbeiter die Konterrevolutionäre auch wieder freiließen. Damit würde ja die Arbeiterklasse dezimiert und in ihrer Kampfkraft gemindert, während die Konterrevolutionäre wieder zum Gegenschlag ausholen könnten. Eine weitere Teilnehmerin setzte hier die Frage an, ob die Arbeiter in diesen Momenten überhaupt die Möglichkeit hatten, erfolgreich zu kämpfen, hatten sie damals ihr Ziel bewusst vor Augen? Es wurden dann verschiedene Argumente eingebracht. Ein Teilnehmer erklärte, daß sich die Militärtruppen aus verschiedenen Teilen zusammensetzten, nämlich den hoch privilegierten , erzreaktionären Offizieren, dann der Sicherheitspolizei, die von Beginn an für den Bürgerkrieg ausgebildet ist und dabei in ihre Aufgaben und Handlungen den Mord mit einschließt und schließlich noch aus den Freikorps (als Rechtsradikale) und Freibeutern (die z.B. auch nicht vor Leichenplünderung im Ruhrgebiet zurückschreckten). Wegen all dieser Kräfte sei es den Arbeitern nicht möglich gewesen zu verhandeln. Sie mussten gleich verhindern, daß die ArbeiterInnen nicht erschossen und vergewaltigt werden. Obwohl von der Bourgeoisie das zuverlässigste Militär eingesetzt wurde, hat die Arbeiterklasse es aus eigener Kraft geschafft, dies zu schlagen. Die größte Kraft der Arbeiter sei dabei ihre Einheit gewesen. Allerdings war es für sie fatal, daß sie in Deutschland häppchenweise, d.h. in verschiedenen Gebieten isoliert voneinander, geschlagen wurden, sonst wäre die Revolution in Deutschland möglich gewesen. Eine andere Stimme betonte die breite Solidarität als wichtige Waffe im Kampf der Arbeiterklasse und es sei dabei ein sehr hohes Ziel, die Arbeiter zu überzeugen. Auch davon, daß es nicht in erster Linie darum geht, die Konterrevolutionäre zu erschießen, sondern daß nach Möglichkeiten gesucht werden müsse, die Handlungen der Konterrevolutionäre zu unterbinden, z.B. dadurch daß man diese für die jeweils notwendige Zeit gefangen hält. Militärisch gesehen, meinte der Teilnehmer, sei die Arbeiterklasse unterlegen, habe aber eben ihre eigenen Mittel und Methoden, die sie erfolgreich nutzen kann. An dieser Stelle räumte noch jemand anderes ein, daß nämlich die Aktionen der Arbeiter kein blinder Aggressions- oder Racheakt gewesen sei sondern diese trotz notwendiger Konsequenz und Härte in ihrem Vorgehen auch ihre Sensibilität bewiesen. So hätten diese z.B. im Ruhrgebiet die während den Kämpfen umgekommenen Arbeiter und auch Soldaten der Konterrevolution beerdigt. Sie trafen sich, sangen gemeinsam Lieder, die zum weiteren Kampf aufriefen, zum Kampf gegen das bestehende System, zum Kampf für eine allgemeine große Menschlichkeit. Eine Teilnehmerin warf hier ein, daß sie denke, daß das Militär und die Polizei statt vor körperlicher Gewalt oftmals viel mehr Angst vor einer ganz anderen Waffe hätte, nämlich unserer Waffe der Debatten und Argumente. Sie belegte dies am Beispiel der Studentenbewegung gegen das CPE in Frankreich. Die Studenten seien auf die Polizisten zugegangen und haben sie direkt gefragt: Würdet ihr auf uns schießen? Daraufhin hätten diese sich stillschweigend zurückgezogen, weil sie Angst vor der Debatte hatten und dies, obwohl sie bewaffnet waren. Hieran zeigt sich, wo die Kraft der Arbeiter zu suchen und zu finden ist.


Ergebnisse der Diskussion

Am Ende der Veranstaltung zogen wir nach einer wieder sehr lebhaften und konstruktiven Diskussion ein gemeinsames Fazit. So konnten wir feststellen, daß die Ereignisse um den Kapp-Putsch in die revolutionäre Welle, ausgelöst durch die Oktoberrevolution in Russland, einzubetten sind. Es handelte sich hier um den größten Massenstreik in der Geschichte der Arbeiterbewegung, an dem sich 12 Millionen Arbeiter beteiligten. Es entwickelten sich einzelne Kämpfe, die teilweise in bewaffnete Auseinandersetzungen mit dem Militär gipfelten. Da diese Kämpfe aber, vor allem im Ruhrgebiet, isoliert blieben und sich nicht auf das gesamte Land ausdehnten, musste die deutsche Arbeiterklasse eine herbe Niederlage einstecken, die den gravierenden Wendepunkt für den Verlauf der Weltrevolution darstellte. Die Revolution konnte nicht weitergehen, denn die Proletarische Revolution kann nur eine Weltrevolution sein. Dabei konnte Russland nur ein Auftakt sein. Fehler, die die Arbeiterklasse auf ihrem Weg machte und macht, können sich nur auflösen, wenn sich die Revolution international ausdehnt, sonst geht ihr Weg zurück. Die Arbeiter müssen im Kampf Schritt für Schritt erkennen, wo die nächste Aufgabe steht und wie sie zu meistern ist. So zeigt uns die Qualität der Ruhrkämpfe während des Kapp-Putsches, daß eine erfolgreiche deutsche Revolution und die Weltrevolution möglich gewesen wären.

Wir haben uns durch die Auseinandersetzung mit dem heutigen Thema des Zirkels wieder ein Stück Menschheitsgeschichte näher gebracht und sie analysiert. Darüber war sich die gesamte Diskussionsrunde einig und zufrieden und brachte dies auch in der Abschlußrunde zum Ausdruck. Die Teilnehmer beantworteten sich als Resümee aus der Diskussion die Frage, warum sie sich immer wieder mit der Geschichte beschäftigen, nämlich, weil man aus ihr lernen kann und weil dies notwendig ist, denn es ist die Aneignung der Geschichte der Arbeiterklasse, die als einzige in der Lage sein kann, der Menschheit ein zutiefst menschliches Gesicht zu verschaffen. Es wurde gesagt, daß wir alle Produkt der verschiedensten geschichtlichen Ereignisse, wie auch dem Kapp-Putsch, sind und nur ein klares historisches Bewusstsein uns helfen wird, die Welt zu verstehen und die Ziele und Aufgaben für die Zukunft abzustecken.

Bei der Suche nach einem geeigneten Thema für den nächsten Diskussionszirkel einigten wir uns auf den Faschismus. Wir werden uns mit der Frage befassen: Wie konnte der Faschismus in Deutschland 1933 an die Macht kommen. Der Termin ist wie immer auf unserer Homepage zu finden und nachzulesen.

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