Diskussionssynthese - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Diskussionsprotokoll – Juni 2007

Wie konnte der Faschismus in Deutschland an die Macht kommen?


F: Zwei Hauptiden: Der Krieg als Lösung für die Krise. Vielleicht eher eine Folge als eine Lösung. Denn der Krieg kehrt immer wieder. Zweitens: Die Judenvernichtung als Bevölkerungsregulator, verstehe ich nicht!

S: Die Juden mussten immer als Sündenbock herhalten, als Personifizierung von bestimmten Eigenschaften des Kapitalismus. Die IdeF: Die negativen Aspekte sind weg wenn die Juden weg sind! Die Alliierten benutzten Auschwitz im nachhinein als Kriegsrechtfertigung.

T: Beide Referate begrüßen. Der Holocaust als Maßnahme gegenüber der Überbevölkerung? Es geht hier um Kapitalismus und nicht darum, dass ein Volk psychopatisch wird. Die Juden als Sündenbock, das zum einem. Das System war auf Krieg ausgerichtet, man musste die Arbeiterklasse grenzenlos ausbeuten, auch im Arbeitslager. Die Reproduktionskosten müssen dort nicht mehr aufgebracht werden, die Arbeitskraft fast gratis. Aber schon vorher sprach man von einer Verschwörung des internationalen Kapitals.

F: Juden und Zigeuner ohnehin seit Jahrhunderten am schlechtesten dran, von einem Ort zum anderen vertrieben. So war es nicht schwer, sie alles zu nehmen. An und für sich nichts Neues.

S: Beim G8 Gipfel sind die schwarzen Blöcke schuld, wir brauchen angeblich mehr Polizei und eine Nulltoleranzstrategie. Der Staat nutzt das für die eigene Zwecke aus. Damals halt die Juden.

A: Ein Sündenbock wichtig, um die Menschen für den Krieg zu mobilisieren. NS-Propaganda unterschied zwischen schaffendem und raffendem Kapital. Die Juden sollten für alle Übel verantwortlich gemacht werden, der allgemeine Hass wurde kanalisiert. Eine Ablenkung vor den wirklichen Problemen.

T: Der rote Faden ist der Kapitalismus, aber auch die Rolle der Arbeiterklasse. Entscheidend das Scheitern der Revolution in Deutschland aufgrund der konterrevolutionären Rolle der Sozialdemokratie. Das Kräfteverhältnis Lohnarbeit und Kapital hier entscheidend.

J: Ich begrüße ebenfalls die Referate. Wie vollzieht sich Geschichte überhaupt? War Hitler die Ursache von Krieg und Judenvernichtung? Bestimmen böse Ideen und Menschen die Geschichte, oder materielle Ursachen? Der zweite Weltkrieg war eine Fortsetzung des ersten Weltkriegs, der damals von der Arbeiterklasse unterbrochen wurde, obwohl er nicht zu Ende ausgefochten war. Die Revolution unterbrach den Weltkrieg und drängte Deutschland in eine besonders unhaltbare Lage. Wichtig zu wissen, dass die geheime Aufrüstung Deutschlands bereits Anfang der zwanziger Jahre einsetzte, lange vor den Aufstieg des Nationalsozialisten.

Im ersten Referat die ThesF: Die soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung führte notwendigerweise zum Faschismus. In wie fern stimmt das? Der Faschismus siegte zuerst in Italien, dann Deutschland und Spanien, nicht aber in Westeuropa oder Nordarmerika. Man heißt es im 1. Referat, der Faschismus sei die beste Herrschaftsform des „Monopolkapitalismus“. Im Westen und in der UdSSR gab es eine massives Eingreifen des Staates im Wirtschaftsleben (5-Jahrespläne), ohne das dies die Form des Faschismus annahm. Wie diese Unterschiede erklären?

A: Richtig ist, dass der zweite eine Fortsetzung des ersten Weltkrieges war. Bereits von Rosa Luxemburg vorhergesagt. Sie zeigte auf, dass der Krieg ein Ausdruck des Systems auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ist. Von daher mussten alle Staaten in den dreißiger Jahren den Krieg vorbereiten. In Amerika unter dem New Deal diente die Integration der Gewerkschaften. In Deutschland war die Bourgeoisie vor die Entscheidung gestellt, den Krieg durch die SPD oder die NSDAP führen zu lassen. Deutschland musste alle Machtmittel zusammenfassen, und Hitler hat das deutsche Kapital mit seinem Konzept überzeugen können.

T: Warum diese Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs? In Italien und Deutschland war die Arbeiterklasse bereits geschlagen. In den anderen Ländern des Westens brauchte man die eigene Arbeiterklasse dann nicht mehr physisch niederzuschlagen, denn man konnte die Klasse dort mit der Ideologie des Antifaschismus für den Krieg gewinnen. Deutschland stellte scheinbar das Böse dar.

S: Die Idee ist verbreitet, dass im 2. Weltkrieg verschiedene politische Systems gegeneinander gekämpft haben. Wir haben die Rolle des Kleinbürgertums in Deutschland gesehen, in Form einer reaktionären „antikapitalistischen“ Ideologie.

A: Im Krieg massakrieren sich die Arbeiter millionenfach. Wie die Menschen dazu bringen? Das ist gar nicht so leicht. Deserteure werden standrechtlich erschossen. Es muss Hass geschürt werden.

Es war gut, im Referat auf Wikipedia zurückzugreifen. Dort finden wir zwei Behauptungen. Erstens: Der Faschismus war notwenig um die Revolution zu verhindern. Zweitens: Das es besonders reaktionäre Flügel des Monopolkapitals gibt. War das „Monopolkapital“ in den USA weniger reaktionär als in Deutschland? Was die erste Behauptung betrifft, kam Hitler an die Macht, um die Revolution zu verhindern? Als die Matrosen 1918 in Kiel gemeutert sind und die Herrschaft des Kapitals wankte, waren die imperialistischen Staaten sich einig, den Krieg abzubrechen, um die Revolution zu verhindern. Das Kapital war sich einig, wenn es darum ging, die Arbeiterklasse zu schlagen. Die Sozialdemokratie übernahm die Hauptrolle darin.

Das Beispiel Spanien. Die Niederlage der Arbeiterklasse in den 1930er Jahre brachte Franco an die Macht. Als aber eine ungeschlagene Generation der spanischen Arbeiterklasse in den 1970er Jahren außer Kontrolle zu geraten drohte, musste der Francoregime abgesetzt und die Demokratie eingeführt werden, um die Klasse wieder im Griff zu bekommen.

T: Faschismus und Antifaschismus sind beide Arbeiterfeindlich, das haben sie gemein. Die Ausrede der Demokratie, um die Bevölkerung anzugreifen, ist der Faschismus.

S: Den Zusammenhang zwischen Monopolkapitalismus und Faschismus bitte weiter zu klären versuchen. Das ist mir noch unklar.

A: Zunächst war es in Deutschland damals zunächst mehr die Schwerindustrie, die auf Hitler setzte, während der modernere Chemieindustrie zögerlicher war, weil es von Weltmarkt nicht abgeschnitten werden wollte. Erst als die Perspektive des Krieges für alle Fraktionen lockte, scharten sich alle hinter der NSDAP. Im übrigen kann ich mit den Begriff Monopolkapitalismus wenig anfangen, was soll das sein?

M: Die drei Fragen bisher waren, wieso kam der Faschismus an die Macht, wie der Holocaust erklären, aber auch die Frage, ob der Krieg die Probleme des Kapitals löst.

S: Der Krieg ist eine dringende Notwendigkeit und ein unbewusster Lösungsversuch. Es kann die Produktivität erhöhen, aber auch die Gefahr der Revolution herauf beschwören. Der Krieg kann für den einzelnen Staat Gewinn erheischen.

T: Ist der Krieg eine Lösung? Besser zu sagen, der Krieg gehört zum Kapitalismus dazu. Im aufkommenden Kapitalismus dient der Krieg dazu, dem System neue Gebiete zu erschließen. Durch den 2. Weltkrieg haben sich zwei Weltmächte durchgesetzt, USA und UdSSR. Hiroshima erlitt der Atombombenabwurf mehr aufgrund der bereits sich abzeichnende Rivalität der Siegermächte, eine Warnung der USA an Moskau.

A: Im 19 Jahrhundert gab es einen Aufschwung des Systems. Die Wirtschaftskrise brach mit Urgewalt ein als Flurbereinigung. Im 20 Jahrhundert gibt es diesen Zyklus von Hochkonjunktur und Rezession so nicht mehr. Jetzt kann man aber denken, dass im 20 Jahrhundert der Krieg die Rolle der Krise übernimmt, die Überproduktion beseitigen, um ein Aufschwung einzuleiten. Wird das in Irak nun sein, gab es einen Aufschwung in Vietnam nach dem dortigen Krieg? Jedenfalls führt der Krieg nicht automatisch zum Wiederaufbau.

J: Bei der IKP Artikel fällt auf, dass sie Weltkrieg und Holocaust als rationale Folgen des Kapitalismus erklären wollen. Der Artikel ist eine sehr gute und mutige Antwort auf die Propaganda der Bourgeoisie, aber vielleicht ist man übers Ziel hinaus geschossen, wenn man etwa die Judenvernichtung rein als Rationalität hinstellt. Die Einbahntransporte nach Auschwitz gingen auf Kosten der Frontversorgung. Die Vernichtungslager haben 24 Stunden am Tag Menschen ausgelöscht, die man stattdessen aus kapitalistischer Sicht zu Tode hätte ausbeuten können. Die IKP hat Recht, den Kapitalismus als Ursache des Krieges auszumachen. Aber ist der Krieg eine Lösung für die Krise? Rosa Luxemburg zeigt auf in der Juniusbroschüre, es geht im Weltkrieg um Weltherrschaft. Der Krieg um diese Herrschaft ist mit der Krise unvermeidbar, aber wirtschaftlich machen die Hauptländer sich gegenseitig kaputt, die für einander die Hauptabnehmer sind. Übrigens kann man die Überproduktion viel gezielter ohne Krieg zerstören, wie das z.B. die EU das jährlich tut.

A: Der Krieg gehört zum Kapitalismus dazu. Aber das System wird auch immer irrationaler, denn es wird von Gesetzten beherrscht, die hinter dem Rücken der Menschen sich vollziehen. Vielfach gehen die Kriegsgewinner als Verlierer aus den „Frieden“ heraus, wie die USA heute in Irak. Die Demokratie ist eine Herrschaftsform, die Geld kostet, und die man sich daher v.a. in den starken Ländern leisten werden kann.

T: Krieg ist Konkurrenzkampf mit anderen Mitteln. Aber im modernen Krieg leiden oft sowohl Gewinner und Verlierer wirtschaftlich darunter.

Kurze PausF: Worüber wollen wir jetzt weiterdiskutieren? Bisher diskutiert über 1) Warum kam Faschismus an die Macht? 2) Kann der Krieg eine kapitalistische Lösung für die Krise sein? 3) Wie kann man den Holocaust erklären? Noch nicht gesprochen haben wir über die Haltung des Antifaschismus.

R: Begrüße die beiden Referate – sehr interessant. Kurz zum IKP-Artikel. Sehr lobenswert, weil es ein Frontalangriff gegen die antifaschistische Ideologie ist. Sehr mutig und richtig so klar zu sagen, dass Auschwitz als Alibi genutzt wird. Grundidee des Artikels ganz richtig, dass die wirtschaftliche Rationalität – Mensch nur als Quelle des Profits zu betrachten - ein mörderisches Gesetz ist. Es gibt dafür viele Beispiele. Erste Massenmorde unter den Nazis war die Euthanasie, d.h. etwa 100.000 Menschen wurden durch Ärzte mittels Spritzen ermordet. Man hat genau ausgerechnet, wie viel kostet die Ernährung von Behinderten, für die wir Waffen kaufen könnten.

Wenn es aber um die Judenvernichtung geht, dann gibt es ein Problem, dies rational zu erklären, wie das Referat sagt. Grundaussage der IKP: Überschuss der Bevölkerung über die Bedürfnisse der Produktion, deshalb mussten Juden vernichtet werden. Steht im Widerspruch zu dem, was Marx sagt. Marx sagt, dass die Arbeitslosigkeit, also überschüssige Arbeitskräfte dafür sorgen, dass die Löhne niedrig gehalten werden und so bindet man die ganze AK an die Herrschaft des Kapitals. Arbeiter werden im Kapitalismus nicht durch nackte Gewalt zur Mehrarbeit gezwungen. Wenn Arbeiter keine Arbeit zum Überleben finden, dann ist das deren Privatproblem, interessiert Kapitalisten nicht. Anders in früheren Klassengesellschaften. Sklave muss, wenn auch wenig, vom Sklavenbesitzer ernährt werden. Es ist aber kein ökonomisches Problem für den Kapitalismus, wenn Menschen dahin sterben, wohl aber ein sozial-politisches Problem. Daher ist die Erklärung der IKP hier nicht einleuchtend. Es gibt aus wirtschaftlichen Gründen keinen Grund, diese hungernden Menschen zu töten. Höchstens könnte es ein politisches Problem geben: zu viele Arbeiterlose = Gefahr der Revolution. Genau dieses Argument bringt aber die bordigistische IKP nicht. Italienische Linke vertritt die Ansicht, dass Faschismus erst an Macht kam, als die Arbeiter geschlagen waren. Dann kann aber die Revolution keine Begründung sein für Menschenvernichtung.

Auch kann man Argumente finden, dass die Judenvernichtung wirtschaftlich sogar Deutschland geschadet hat. Logistik wurde schon erwähnt. Anderes Beispiel, jüdische wissenschaftliche Elite hätte Deutscland Vorteile bringen können. Denkbar, dass es dann als erstes die Atombombe haben hätte können, vielleicht wäre es entscheidend für Krieg gewesen . Wirtschaftlich und militärisch zweifelhaft, ob Judenvernichtung der deutschen Bourgeoisie was gebracht hat. Dennoch ist es geschehen.

S: Vielleicht hat es aber auf ideologischer Ebene der deutschen Bourgeoisie was gebracht. Dass man versucht hat, ein gemeinsames Feindbild zu entwerfen. Frage, ob es im Verhältnis zum Aufwand stehen würde. Um vom eigentlichen Problem des Kapitalismus abzulenken. Aber stünden dann Nutzen – Aufwand im Verhältnis für das deutsche Kapital?

A: Ab einem bestimmten Punkt gibt es Selbstläufer, es entsteht eine Eigendynamik. Auch am Ende des Krieges haben manche deutsche Oberen Hitler umbringen wollten, weil sie nicht mehr überzeugt waren, dass er der beste Vertreter des deutschen Kapitals war. Außerdem weckt der Krieg auch stets die niedrigsten Instinkte, die schlimmsten Waffen kommen zum Einsatz, nur um sein Interesse durchzusetzen.

T: Ich habe jetzt gerade einen Moment, wo ich nichts verstehe.

R: Vielleicht ist das gut, kannst du das erklären?

T: Warum wurden denn jetzt die Juden überhaupt vernichtet? Eben wurde These vertreten, dass es wirtschaftlich für deutsche Bourgeoisie nicht unbedingt nützlich gewesen wäre. Und zum IKP Artikel: Sie sagen, bevor Faschismus an Macht kommt, muss AK geschlagen sein. Grund für Judenvernichtung sei daher: überschüssige Bevölkerung ist gefährlich, weil dann Revolution ausbrechen könnte.

A: Heute ist das ja wieder so. Riesige Arbeitslosigkeit.Das System bietet denen nichts mehr an, dann droht Entwicklung hin zur revolutionären Gärung.

R: These war einfach, wenn Menschen überflüssig werden in kapitalistischer Produktion, dann kann dies dem Kapital egal sein können, es sei denn, die AK könnte Revolution machen. Arbeiterklasse war damals aber schon geschlagen. Warum also?

S: Vielleicht, weil die als Sündenböcke benutzt wurden. Selbst als der Krieg schon für Deutschland verloren war, wurden weiter die Juden in die KZs deportiert und vernichtet. Selbst heute trifft man noch Leute, die davon sprechen, dass es eine Weltverschwörung von den Juden gegeben hätte. Hier handelt es sich um eine Personifizierung: die Probleme des Systems werden auf eine Minderheit übertragen. Dann schaut man sich nicht die Widersprüche der Gesellschaft an.

A: Im Mittelalter hat der Feudalherr eine bestimmte menschliche Beziehung zu seinem Bauern gehabt. Von dem lebt man, dann lässt man ihn nach Möglichkeit nicht krepieren. Im Kapitalismus ist man gar nicht mehr miteinander verbunden, jede ist eine Ware. Das Grundübel ist, dass der Arbeiter nur als Mehrwerterzeuger zu funktionieren hat.

B: Ich finde es heute schwer Zusammenhänge herzustellen. Tausend Dinge gehen mir durch den Kopf. Viele Dinge hängen hier miteinander zusammen. Wir reden von einem kurzen Zeitraum. Arbeiterklasse war gerade erst geschlagen. Vielleicht bestand ja die Gefahr, dass die Arbeiter doch noch mehr ihr Klassenbewusstsein entdecken. Da brauchte man einen Sündenbock, so war es für das deutsche. Kapital dann auch nützlich. Viele Arbeiter ließen sich ja auch anstecken. Als ich mich für das Referat vorbereitet habe, kam mir der Gedanke, es gibt Parallelen in der Situation der Arbeiterklasse damals und heute. Man versucht, dass Bewusstsein der AK einzutrüben. Aber heute könnte der Faschismus nicht an die Macht kommen, da wäre der Widerstand zum Glück zu groß. Andererseits ist die Krise wieder sehr scharf und massiv.

S: Zur Frage des Bewusstseins – da haben wir, glaube ich, etwas andere Meinungen. Zwar mangelt es an Klassenbewusstsein, aber es ist ja da, wenn auch nur fragmentarisch. Es ist heute zersplitterter. Es ist ein Bewusstsein für die Auswirkungen da, nicht aber für die Ursachen. Die Wirklichkeit aber konfrontiert die Menschen, zwingt früher oder später doch zu einem Fragen, Suchen und Nachdenken.

T: Zu diesen geäußerten Gedanken. Denke, es ist schwierig für Bourgeoisie die Krise zu verstecken, siehe auch die Ökokatastrophe, da besteht Gefahr der Vernichtung der ganzen Erde. Da ist aber für jeden Platz für oder gegen Einzelheiten zu sein. Faschismus steht heute sicher nicht auf der Tagesordnung, auch ein Weltkrieg nicht.

A: Die Niederlage, welche die Arbeiterklasse in den 20ern einstecken musste. Ich denke, dass die sehr hart war, ein echter Schlag ins Gesicht der Arbeiter. In den Jahren danach hat es lange gedauert bis sie wieder aufgestanden sind – bis 1968. Es waren dunkle Jahre für die Arbeiterklasse. Dennoch waren diese Jahre Zeiten, wo die Bourgeoisie aufpassen musste. Nicht umsonst nannten sich die Nazis NationalSOZIALISTen. Heute aber fällt es den Staaten schwer den Arbeitern zu sagen, sie sollen ihre Klassenbrüder erschießen. Wenn die Arbeiter wieder ihre Kraft gewinnen, dann können sie ihr Klassenbewusstsein als Waffe einsetzen.

R: Zur Judenvernichtung meine Meinung. Beide Referate haben zwei verschiedene Fragen behandelt. 1. Warum Faschismus in Deutschland an Macht? 2. Wieso Holocaust möglich?

Da der Holocaust von der dt. Bourgeoisie organisiert wurde, scheint es naheliegend, dass es einen Zusammenhang gibt. Wie näher erklären? In bürgerlicher Ideologie ist ein Erklärungsansatz: Empirismus. Man klebt an den Fakten, z.B. a) Sieg des Faschismus b) Holocaust. Leicht, einen Weg von Ursache und Wirkung herzustellen. Holocaust wäre Ergebnis von faschistischer Machtergreifung. Man kann dann sagen, es gebe eine Verrückten oder es gab Kollektivwahnsinn. Eine direkte Verbindung wird hergestellt. Scheint erstmal überzeugend. Möchte ich aber hier mal in Frage stellen.

ThesF: Faschismus/Nazis oder dt. Staat nicht gleichzusetzen mit Antisemitismus im 20.Jh.

Beispiel: erste antisemitische Pogrome im 20.Jh. waren 1919 in Ungarn nach der Niederlage der Räterepublik. Also von Militärdiktatur, unterstützt von England und Frankreich.

2. Beispiel: Schon in den 30ern war Antisemitismus ein Merkmal des stalinistischen Regimes. Hat sich nach 2. Weltkrieg in Osteuropa fortgesetzt.

3. Beispiel: Das „J“ in den deutschen Pässen der deutschen Juden zur Erkennung wurde 1938 von dem demokratischen Schweizerischen Staat vorgeschlagen und eingeführt, denn man wollte die Juden nicht haben und gleich erkennen und zurückschicken können.

4. Beispiel: Vorschlag im Kriegsministerien in USA und England: die Einbahnlinien zu KZs zu bombardieren, damit die Judenvernichtung aufgehalten werden könnte. Wurde immer abgelehnt. Wenn man Quellen anschaut, die Argumente als Begründung für Ablehnung waren antisemitisch. In den 30ern war Hitler z.B. in USA oder GB recht beliebt wegen seines Antisemitismus und Antikommunismus. Damals grassierte der Antisemitismus nach der revolutionären Welle in fast allen Ländern, ob demokratisch oder faschistisch, Ost oder West. Willkommen waren die Juden fast ausschließlich in China. Antisemitismus muss nicht direkt mit Weltkrieg zusammenhängen. Sieht man heute bei den fundamentalistischen Islamisten, die sind Antisemiten, auch ohne Weltkrieg.

Meine ThesF: Antisemitismus wurde als Krankheit, Massenwahn, hervorgerufen vom dekadenten Kapitalismus.

Es ist gesagt worden in Diskussion, man hat den Antisemitismus in Deutschland benutzt habe, um Bevölkerung für Krieg zu mobilisieren. Weiß nicht, ob das stimmt. Wen mobilisieren? Arbeiter waren ja schon vorher geschlagen. Da brauchte man keine besondere Mobilisierung. Außerdem war der Antisemitismmus bei Arbeitern nicht so stark, auch in Deutschland nicht. Im Westen oder Russland hieß es nicht, wir kämpfen gegen Faschisten, um die Juden zu retten. Der Antisemitismus war dort ja auch groß.

Aber es ist schon wichtig zu sagen, dass es ein spezifisches Produkt des Kapitalismus ist.

Wie ein Teilnehmer vorhin schon sagte, Mensch wird eine Ware und persönliche Beziehung wird ersetzt durch den Markt, das Geld. Man stellt nicht mehr was her, damit alle was haben, sondern es geht um Profit. Im Kapitalismus wird dies auf die Spitze getrieben, weil die Arbeitskraft selbst zu einer Ware wird. Beziehungen zwischen Menschen werden versachlicht. Hat besondere Auswirkungen auf den Menschen, auch gerade auf sein Gefühlsleben. In einer kapitalistischen Warenwirtschaft stehen Gefühle im Wege, wenn man sich durchsetzen muss, über Leichen gehen, um zu bestehen. Gefühle müssen unterdrückt werden. Kapitalismus erzeugt immer tiefer werdende Spaltung zw. Denken und Fühlen. Unterdrücken heißt aber nicht verschwinden, dafür werden sie unkontrollierbar und überfallen dann die Menschen. Dies ist ein Spiegelbild der Entwicklung, die in der Gesellschaft vor sich gehen. Siehe ökonomische Beziehungen, die sich hinter dem Rücken der Menschen abspielen. Sie tragen dann erheblich zur Barbarei bei. Wahn des Antisemitismus ist Teil davon.

Wenn man über Holocaust und Faschismus diskutiert, werden oft zwei Sachen gegenübergestellt: Funktion des Kapitalismus oder Wahnsinn. Dabei stimmt beides. Der Kapitalismus heißt Wahnsinn.

Im 20.Jh. sieht man als Hauptgegenfaktoren gegen solchen Wahnsinn: die Arbeiterbewegung. Dort, wo die Arbeiter stark sind, schützen sie etwa die Juden. Z.B. 1905 in Russland. Oder im 2. Weltkrieg war der einzige ernsthafte Versuch die Juden zu retten, ein Massenstreik der holländischen Arbeiter, um die Juden vor Deportation zu schützen. Er weitere sich nach Belgien aus. Es gibt viele Beispiele, dass Juden von Arbeitern versteckt wurden, siehe die Arbeiter, die Anne Frank und ihre Familie versteckten.

Antisemitismus kam erst zur Macht als Arbeiterklasse ganz geschlagen war. Arbeiterklasse kämpft ja gerade gegen eine solche Versachlichung, sie will ja Mensch sein, keine Ware mehr. Also ist sie eine Gegenkraft gegen den Wahnsinn des Kapitalismus.

A: Bin einverstanden und denke, ein guter Beitrag für die Diskussion. Am Anfang der Diskussion haben wir gesagt, dass die Juden oft in Geschichte in die Rolle der Sündenböcke gedrängt wurden. Idee des Sündenbocks hängt eng mit dem Wesen des Kapitalismus zusammen.

F: Diskussion über 2. Weltkrieg und Judenvernichtung. Aber was ist grundsätzlich mit Feindbildern? Bei allen Bürgerkriegen sieht man dies. Palästinenser vs. Israel. Früher war der Kommunismus im Westen das Feindbild. Auf jemand zeigen, von sich ablenken. Man erzeugt dann ein Wir-Gefühl, dass ganz stark werden kann, ob im Fussballverein, in der Schulklasse. Auch die Arbeiterbewegung braucht ja ein Zusammengehörigkeitsgefühl für ihren Kampf.

Die Arbeiter damals brauchte man wirklich nicht mobilisieren für den Krieg, eh geschlagen. Man sagt ja, 1 Mann kämpft besser, der mit Hingabe kämpft, als 10 bezahlte Söldner.

A: Der Kapitalismus untergräbt die menschliche Gemeinschaft. Ohne eine solche Gemeinschaft aber geht die Menschheit zugrunde, also versucht man Scheingemeinschaften aufzubauen. Daher ist es wichtig zu betonen, dass es eine echte Gemeinschaft gibt, die dem entgegensteht: die Gemeinschaft der Arbeiterklasse, die gegen die Strömung der kap. Strömung kämpft für eine echte menschliche Gesellschaft.

T: Mich hat der Gedanke sehr beeindruckt, dass der Kapitalismus alle Gefühle unterdrückt, die dann krankhaft zum Ausdruck kommen und dies z.T. den Holocaust erklären kann, oder auch heute, wenn man von so schlimmen Schicksalen wie Kindermisshandlung etc. hört. Was heute versteckt stattfindet, findet dann in Zeiten des Faschismus öffentlich statt.

Ein Kommunist kämpft für eine wahrhaft menschliche Gesellschaft, da sieht man, gegen welchen Schutt des kapitalistischen Gesellschaft man kämpft.

S: Mir sind jetzt auch die Ursachen deutlicher geworden, und dass die Judenvernichtung so etwas wie eine kollektive Wahnentladung war und dann im Nachhinein eine kollektive Schuld attestiert wurde.

F: Kollektivschuld ist aber doch eher eine Propagandageschichte.

A: Es war aber ein Meisterstück von der dt. Regierung, dass die Kollektivschuld benutzt wurde, um der dt. Regierung nach 50 Jahren wieder zu ermöglichen, militärisch in einen Krieg einzugreifen – auf dem Balkan. Dann sind wir auch bei der Frage, ob Auschwitz z.B. Atombombenabwurf rechtfertigt.

F: In Diskussionen, auch in der Schule, wird oft der Einwand gebracht, dass der Unterschied gewesen sei, Holocaust war planmäßig, aber Hiroschima, Bombardierung aller Großstädte sei nicht planmäßig gewesen. Dies stelle ich aber sehr in Zweifel.

T: Interessant ist auch, dass gerade die Arbeiterviertel bombardiert wurden, nicht nur Industrieanlagen, wie behauptet.

F: Habe ein interessantes Buch über Dresden 1945 gelesen – britischer Historiker. Auf einer Seite der Schienen war Industrie, andere Seite Arbeiterviertel. Entgegen der Behauptungen, wurden aber die Arbeiterviertel und Innenstadt bombardiert, dann auch noch mit Brandbomben und zudem zum Ende des Krieges. Dies ist ja auch nur ein Beispiel von vielen.

A: Habe mal mit kurdischem Jugendlichen gesprochen. Seine Familie wurde getötet oder gefoltert. Er aber sagte, soll ich in dieser Spirale der Gewalt bleiben und auch morden, oder soll ich hier ausbrechen und eine echte Lösung finden, die das System überwindet? Hat sich für Letzteres entschieden. Gewalt erzeugt eben nur Gegengewalt. Größere Räuber prägen Geschichtsbilder und nennen sich die Guten.

Runde beschließt nun zum Abschluss zu kommen. Allgemeine Eindrücke von der Diskussion.

A: Bedeutung der Debatte. Jeder versucht was zu sagen, um gemeinsam zu klären. Am Ende hat jeder mehr verstanden. Sehr gut. Man muss noch lernen, noch besser auf einander einzugehen.

S: Fand es sehr gut, auch wenn ich z.T. ganz verwirrt war. Jahrelang habe ich dies durchgekaut, aber mehr in der Schule, auf bürgerliche Art. Hier hat sich aber eine neue Betrachtungsweise aufgetan – viel differenzierter, wahre Ursachen zu verstehen. Es gibt nicht nur die Alternative, Nazi zu sein oder Position der Bourgeoisie.

F: Habe leider einen Teil verpasst. Aber es ist mir sehr wichtig hier mitzudiskutieren und ich will jetzt öfter teilnehmen. Werde noch das Protokoll nachlesen. Fand ich sehr gut, dass man das erste Referat mitlesen konnte. Gut.

B: Ich fand es gut, aber es war auch schwer, weil es so viele Elemente gab, die es zusammenzubringen galt. Insgesamt sehr gut.

T: Den Zirkel gibt es ja schon jetzt einige Jahre und es wird immer besser. Und ich finde es toll, dass sich immer Leute finden, die Verantwortung übernehmen und Referate, Synthese, gemeinsame Diskussionen machen und uns nicht zufrieden geben, mit den Antworten in den Medien. Wir müssen selbst Antworten finden, auch in der Geschichte, die uns für die Gegenwart und die Zukunft wappnen werden. Bin sehr zufrieden.

J: fand es gut, sind tiefer vorgestoßen. Diskussion war heute primär um die Fragen: Wie konnte der Holocaust zustande kommen? Kann der Krieg die kapitalistische Krise lösen, wie die IKP sagt? Warum konnte der Faschismus in Deutschland die Macht kommen?

Übrigens möchte ich euch noch an dieser Stelle erzählen, dass ich im Mai an einem Diskussionszirkel um die Gruppe Eiszeit in Zürich teilgenommen habe. Es war eine sehr interessante und solidarische Diskussion über den Staat. Sie halten wohl meist keine Referate, sondern lesen alle einen Text als Vorbereitung und diskutieren dann ihre Fragen. Sie wollen auch ihre Protokolle veröffentlichen. Vielleicht könnte man ja mal Texte oder Protokolle von ihnen diskutieren und mit ihnen eine Diskussion aufbauen. Was haltet ihr von der Idee?

Letztes Mal hat ja schon eine Teilnehmerin vorgeschlagen, über den Massenstreik zu diskutieren. Was ist der Massenstreik? Welche Beispiele in der Geschichte, welche Bedeutung in Zukunft? Finde ich eine gute Idee. Man könnte den Text von Rosa Luxemburg über den Massenstreik als Diskussionsgrundlage nehmen.

Allgemeine Zustimmung zum Themenvorschlag Massenstreik. Für das nächste Mal Text lesen, Fragen vorbereiten.

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