Massenstreik, Gewerkschaften und Arbeitsteilung heute
Der Diskussionszirkel Rheinland hat im Sommer 2007 eine Debatte über die Frage des Massenstreiks geführt. Grundlage dieser Diskussion war der Text Rosa Luxemburgs aus dem Jahr 1906: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften. Als wir daraufhin von der Redaktion der Diskussionszeitschrift Aufheben gebeten wurden, einen Beitrag zur Frage des Massenstreiks zu verfassen, waren wir aus mehreren Gründen sehr erfreut. Zum einem, weil wir diese Zeitschrift als Podium eines offenen und fruchtbaren Meinungsaustausches unter den Politisierten im deutschsprachigen Raum, die eine Vielzahl von Auffassungen zur Sprache kommen lässt, sehr schätzen. Zum anderen, weil wir der Frage des Massenstreiks eine große Aktualität beimessen und uns eine möglichst breite und öffentliche Debatte darüber wünschen.
Wir hatten ohnehin vor, eine Synthese unserer eigenen Diskussion für die Website des Zirkels zu verfassen. Nun aber beschlossen wir, einen der Teilnehmer des Zirkels zu beauftragen, auf der Grundlage unserer Diskussion einen Beitrag für Aufheben anzufertigen.
1905: Ein soziales Erdbeben
Als Rosa Luxemburg ihre Broschüre 1906 schrieb, ging es ihr darum, etwas völlig Neues, in seinen Ausmaßen Ungeheuerliches zu begreifen, das sich soeben im größten Land der Erde abgespielt hatte. Es ging um die Analyse einer ganzen Welle von Massenstreiks, die vor allem im Jahr 1905 Russland überrollten: eine Explosion des Klassenkampfes, wie die Welt sie bis dahin noch nicht gesehen hatte, die alle bisherigen Vorstellungen über den Kampf des Proletariats sprengte. Aufgehoben war die Trennung zwischen den verschiedenen Berufsgruppen. Aufgehoben auch die Trennung zwischen politischem und wirtschaftlichem Kampf. Hinfällig die Unterscheidung zwischen dem Kampf für unmittelbare Forderungen und dem Kampf für die Revolution. Plötzlich erschien das Wegräumen des vorkapitalistischen Plunders nicht mehr als eine Aufgabe, die die Arbeiterklasse noch Seite an Seite mit der Bourgeoisie erledigen konnte, sondern als eine Aufgabe der sozialistischen Revolution selbst. Schließlich brachten die Kämpfe von 1905 ein völlig neues Organisationsprinzip hervor. Nicht mehr den Gewerkschaften und auch nicht mehr der Arbeiterpartei fiel die Aufgabe zu, die Kämpfe zu organisieren und die Massen zu mobilisieren, sondern die Massen übernahmen diese Aufgabe selbst. Die Sowjets erblickten das Licht der Welt, zu Deutsch die Arbeiterräte. Die Formulierung von Marx, dass die Befreiung des Proletariats nur das Werk des Proletariats selbst sein könne, wurde greifbar wie noch nie zuvor. Es war ein geschichtliches Erdbeben, das nicht nur das Zarenreich, sondern die kapitalistische Weltordnung insgesamt erschütterte. Und nicht nur das. Es erschütterte die marxistische Arbeiterbewegung, indem es die Frage der sozialistischen Revolution auf die Tagesordnung stellte und indem es jahrzehntelang geltenden Annahmen die Grundlage entzog.
Der Massenstreik - heute kein Thema mehr?
Wenn wir heute die Broschüre Rosa Luxemburgs diskutieren, so geht es uns natürlich darum, etwas über die Geschichte und aus der Geschichte zu lernen. Aber nicht weniger als für Rosa, für Trotzki oder für Lenin vor einem Jahrhundert geht es uns vor allem darum, die Welt von heute zu verstehen.
Was hat die Frage des Massenstreiks mit unserer Gegenwart zu tun? Auf den ersten Blick herzlich wenig. Soziale Erdbeben wie die von 1905 sind weit und breit nicht in Sicht. Die Lohnabhängigen sind auf der ganzen Linie arg in die Defensive gedrängt worden. Personalabbau, Massenentlassungen, Werksschließungen und Produktionsverlagerungen werden beschlossen und durchgeführt, ohne dass die Betroffenen viel dagegen ausrichten können. Die Erwerbslosen werden systematisch drangsaliert. Sie werden nicht nur in die absolute Verarmung, sondern auch noch in die Vereinzelung gedrängt, so dass sie sich den Angriffen des Staates zumeist hilflos ausgeliefert fühlen. Und die Gewerkschaften, diese zu Stützen der bürgerlichen Gesellschaft mutierten, ehemaligen Arbeiterorganisationen, die 1905 zum ersten Mal in Russland von der Selbstorganisation der kämpfenden Massen überrollt wurden: Sind sie nicht überall Herr der Lage? Zwar erleben wir heute, wie die großen Zentralverbände der Gewerkschaften, wie der DGB in Deutschland, scharenweise von ihren Mitgliedern verlassen werden, entweder weil sie arbeitslos geworden sind und folgerichtig den Sinn einer Gewerkschaftszugehörigkeit nicht mehr erkennen können oder weil sie zu diesen Gewerkschaften tatsächlich kein Vertrauen mehr haben. Aber erleben wir nicht, wie stattdessen kleine Spartengewerkschaften sich breit machen, die, wie bei den Ärzten, Piloten oder den Lokomotivführern, unverhohlen Entsolidarisierung und den Kampf eines Jeden für sich propagieren? Und ist der Staat nicht ohne weiteres in der Lage, einen Streik, der tatsächlich volkswirtschaftlichen Schaden anrichten könnte (wie den der Eisenbahner), schlichtweg per Gerichtsbeschluss zu verbieten?
Werden künftige Massenkämpfe heute vorbereitet?
Wenn man die kleinen Scharmützel der letzten Jahre – wie bei Mercedes, Opel, AEG, Telekom in Deutschland oder bei den U-Bahnen in New York und London – mit den ebenso gigantischen wie heldenhaften Streiks von 1905 in Russland vergleicht, so erscheint die Gegenwart in der Tat etwas trostlos. Aber bereits hier kann man von der Broschüre Rosa Luxemburgs lernen, kann man lernen, auch unsere Gegenwart mit anderen Augen zu betrachten. Wenn man die Welt von heute mit dem Höhepunkt des Massenstreiks von 1905 vergleicht, so übersieht man, dass der Massenstreik ein Prozess ist, der über Jahre hinweg vorbereitet wird. Der Massenstreik, so Rosa, ist nicht ein einmaliges Ereignis, das sozusagen vom Himmel fällt, sondern er hat einen über Jahre sich erstreckenden Werdegang mit einer eigenen Geschichte und Vorgeschichte. Die Anfänge des Massenstreiks sind unscheinbar. Sie werden oft erst im Nachhinein als solche erkannt. In Russland war das eine Phase von zehn Jahren, von 1896 bis 1906. Sie begann in Sankt Petersburg „als ein rein ökonomischer partieller Lohnkampf“. Daraus wurde ein Generalstreik, an dem 40.000 Arbeiter beteiligt waren. „Heute mag dieses Ereignis, an den gewaltigen Massenstreiks der Revolution gemessen, als eine Kleinigkeit erscheinen. In der politischen Eisstarre des damaligen Russlands war ein Generalstreik etwas unerhörtes, es war selbst eine ganze Revolution im kleinen.“ (Luxemburg Werke, Band 2, S. 104). Vielleicht werden wir eines Tages zurückblicken und erkennen, dass beispielsweise der spontane, sechstägige Betriebsbesetzungsstreik bei Opel in Bochum 2004 eine „Revolution im Kleinen“ war, der den Anfang vom Ende der „politischen Eisstarre“ der Zeit nach 1989 eingeläutet hat, als der Anschein des öffentlichen Konsenses über das Ende des Kommunismus und des Überholt-Seins des Klassenkampfes zu bröckeln begann.
Über dieser Art von Scharmützel gibt uns Rosa Luxemburg folgende Auskunft: Ihr Auslöser ist von untergeordneter Bedeutung. Ihr Ausbruch ist elementar. Sie sind nur äußerlich rein ökonomisch. Die Niederlagen, mit denen sie zumeist enden, sind nicht von Dauer. Aber weshalb wird aus diesem Vorgeplänkel eine mächtige, allgemeine Bewegung? Weil sie der sichtbare, an die Oberfläche stoßende Teil von etwas sind, was in der ganze Klasse sich anhäuft. Während die Bourgeoisie Kapital akkumuliert, akkumuliert die Arbeiterklasse Not und Elend, Erschöpfung und Erniedrigung, Entfremdung und Entmenschlichung, Groll und Empörung. Erst wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Massenstreik treten, so Rosa, erkennen sie umfassend und mit vollem Bewusstsein, wie unerträglich ihr Leiden geworden ist. Aber es ist mehr als nur Leiden. Es ist ein Leiden am Kapitalismus, am System der Lohnarbeit. Mehr noch als das Leiden selbst ist es die Erkenntnis über das Leiden, das Erkennen der Ursachen, was den Arbeiterkampf auf eine höhere Stufe führt. In der Epoche des Massenstreiks wird alles fühlbar und auch thematisiert, was die Lohnsklaverei eigentlich ausmacht. Die stagnierenden oder sinkenden Löhne, die Ausdehnung oder Intensivierung der Arbeitszeit oder beides zusammen, das hochfahrende Benehmen der Betriebsleitung und die Brutalität von Vorgesetzten, die Ermangelung von Kultur oder die Beschneidung des Zugangs des Proletariats dazu, die Wohn- und Lebensbedingungen außerhalb des Betriebes, die Repressalien des Staates und die schreiende Ungerechtigkeit des Justizsystems, die Korruption und der Zerfall der bürgerlichen Demokratie, vor allem aber die allgemeine und wachsende Unsicherheit der Lohnarbeit – all dies und noch viel mehr sammelt sich an. All dies wird immer fühlbarer und bewusster bis zu dem Punkt, wo die Unzufriedenheit in Empörung umschlägt, wo nur ein Funken reicht, um etwas in Gang zu setzen, wo jeder Angriff gegen einen Teil der Klasse – und sei es gegen eine einzelne Arbeiterinnen oder Arbeiter – als ein Angriff gegen die gesamte Klasse empfunden wird. Diese kollektiv gespeicherte Erfahrung lässt die Masse mitunter mit schlafwandlerischer Sicherheit handeln – eine Intuition, die ein Teil des Bewusstseins ist. Schließlich empfängt eine solche Bewegung ihre eigentümliche Kraft aus der starken Verwurzelung in den tiefsten inneren Tendenzen des Kapitalismus. Die Ereignisse von 1905 wurden vorbereitet, die Vorbereitungskämpfe dazu wurden hervorgerufen durch Handels- und Industriekrisen, durch Arbeitslosigkeit und durch den imperialistischen Krieg.
Das Potenzial von heute erkennen
Wenn wir die Frage des Massenstreiks heute so betrachten, wie die Broschüre von Luxemburg sie vor hundert Jahren betrachtet hat, so machen wir eine erstaunliche Entdeckung. Wir stellen nicht nur fest, wie groß die Ähnlichkeiten zwischen damals und heute sind. Wir stellen sogar fest, dass der soziale Sprengstoff, der sich heute ansammelt, bei weitem das übertrifft, was vor 1905 akkumuliert wurde. Ungleich tiefer die Krise, ungleich verbreiteter die Gefahr der Arbeitslosigkeit. Jetzt, in Zeiten des Abbaus des „Sozialstaates“, gewinnt die Erwerbslosigkeit immer mehr ihren ursprünglichen Schrecken zurück. Auch der imperialistische Krieg – damals der Konflikt zwischen Russland und Japan in Fernost, heute im Irak oder in Afghanistan – regt zum Nachdenken über das Wesen des System an. Zumal der Krieg heute, angesichts der bestehenden Waffensysteme, aber auch des Terrorismus immer direkter auch die Zivilbevölkerung trifft. Hinzu kommt, dass heute neue Bedrohungen ins Bewusstsein drängen, wie die des Untergangs aufgrund der vom Kapitalismus angerichteten Umweltkatastrophen. Hinzu kommt, dass dieser Prozess, der schon damals kein spezifisch russischer, sondern ein internationaler Prozess war, heute noch viel deutlicher eine weltweite Entwicklung ist.
Das Beispiel Deutschlands veranschaulich diese Entwicklung. Einst galt das Nachkriegsdeutschland als Hort des kapitalistischen Wohlstands und des sozialen Friedens. Jetzt wird der einstige Vorzeigestaat von Arbeiterkämpfen heimgesucht, die zwar noch punktuell, isoliert und gewerkschaftlich kontrolliert bleiben, aber immer mehr Teile der Klasse erfassen und immer mehr Aspekte der kapitalistischen Misere thematisieren. Auch hier sehen wir Parallelen zu Russland vor hundert Jahren. Damals stellte man erstaunt fest, welche Rolle die Handelsangestellten, die Beschäftigten in den Banken, in den Büros und bei den Behörden, die Bediensteten der Gastronomie, ja das Hauspersonal der Reichen und sogar die niedrigsten Dienstränge der Polizei im Kampf übernommen hatten. Heute erfährt die Bevölkerung erst durch die Streiks der Klinikärzte oder der Lokführer, welch erbärmlichen Gehälter diese bis jetzt als privilegiert geltenden Berufsgruppen erhalten. Ja, diese Gruppen sind selbst erstaunt festzustellen, dass sie zu den „working poor“ gehören.
Deutschland im Sommer 2007: Sogar in den offiziellen Statistiken muss eingeräumt werden, dass die Arbeitslosen und die Rentner aufgrund der Steuermehrbelastung, der Lebensmittelteuerung und der Unterhaltskürzungen 15 Prozent weniger erhalten als vor einem Jahr. Währenddessen erhält die Landesbank Sachsen mit sofortiger Wirkung 17 Milliarden Euro, weil sie sich am amerikanischen Immobilienmarkt verspekuliert hat. Der Streik der Eisenbahner wird per Gerichtsbeschluss verboten, da ein Streik nur das unmittelbare Unternehmen, nicht aber die Volkswirtschaft schaden darf (so die Begründung). Ungeachtet allem Triumphgeschrei über die sinkende Erwerbslosigkeit und die boomende Wirtschaft rollt die Entlassungswelle weiter, vermehren sich die Erpressungen der Belegschaften (was man betriebliche Vereinbarung nennt). Und die Wirtschaftsexperten rätseln in spätabendlichen Diskussionsrunden im Phoenix-TV darüber, wie man den Lohnabhängigen schonend beibringen kann, dass die Reallöhne in den kommenden Jahren um eine weitere 30 Prozent fallen werden.
Hinzu kommt, dass eine neue Generation die Szene des sozialen Kampfes betritt, die noch weniger als die Eltern aus der 68er Zeit eine geschlagene Generation ist. Diese Generation hat man in Frankreich vor einem Jahr gesehen, in den Massenkämpfen an den Schulen und Hochschulen gegen die Prekarisierungsgesetze der Regierung. Man hat sie aber auch in Rostock und Heiligendamm erlebt, die jungen Politisierten, die an dieses System nicht mehr glauben und nach Alternativen suchen.
Wenn man das alles sozusagen mit den Augen Rosa Luxemburgs – sprich: mit ihrer Methode - betrachtet, so kommt man nicht umhin, die Hypothese aufzustellen, dass wir erneut in eine Phase des Massenstreiks treten. Die Tatsache, dass die Reifungsphase hin zu Massenstreiks aufgrund der Erfahrenheit der Bourgeoisie, der Wirksamkeit der demokratischen und gewerkschaftlichen Kontrollmechanismen des Staates und der zunächst einschüchternden Wirkung der Massenarbeitslosigkeit wahrscheinlich sehr viel länger dauern wird, ändert an der Richtung der Entwicklung nichts.
Die Rolle der Gewerkschaften
Tatsächlich bilden die Gewerkschaften heutzutage einen der mächtigsten Bremsfaktoren gegenüber der Entwicklung des Klassenkampfes. Das war 1905 in Russland anders. Damals schufen die Massenstreiks eigentlich den ersten Impuls für die allgemeine Gründung von Gewerkschaften. Aber diese Gewerkschaften standen von Anfang an im Schatten der Arbeiterräte, den eigentlichen Organisatoren des Kampfes. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. 1905 signalisierte den Eintritt in eine neue Phase, in der die Klasse nur gemeinsam, durch die Ausdehnung des Kampfes, etwas erreichen konnte. Die gewerkschaftlichen Kampfmethoden waren somit geschichtlich überholt. „Nur in der Gewitterluft der revolutionären Periode vermag sich nämlich jeder partielle kleine Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer allgemeinen Explosion auszuwachsen. In Deutschland passieren jährlich und täglich die heftigsten, brutalsten Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Unternehmern, ohne dass der Kampf die Schranken der betreffenden einzelnen Branche oder der einzelnen Stadt, ja Fabrik überspringt.“ (S. 129)
In Deutschland war die Entwicklung des Massenstreiks schon damals viel schwieriger als in Russland, eben weil es dort mächtige, mitunter auch sozialdemokratische Gewerkschaften gab. Die Lage dort hatte somit mehr Ähnlichkeit mit der Lage heute in allen alten Industriestaaten. Als Rosa ihre Broschüre über 1905 schrieb, hatte sie somit die Lage in Deutschland nicht weniger im Blick als die Lage in Russland. Deshalb schrieb sie nicht allein über den Massenstreik, sondern über „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften.“
Als Reaktion auf die Niederlage der Revolution am Ende des Ersten Weltkrieges entstand eine politische Denkrichtung, die sich Rätekommunismus nannte und deren Besonderheit nicht so sehr in der Propagierung der Arbeiterräte bestand (das taten auch andere) als in der Ablehnung des Instruments der Klassenpartei, die als die Quelle allen Übels ausgemacht wurde.
In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wusste Rosa Luxemburg, dass innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung die Gewerkschaften viel mehr als die Partei Hauptprotagonisten des Opportunismus waren. Als der Weltkrieg ausbrach, gab es viele innerhalb der Partei, ja selbst innerhalb der parlamentarischen Fraktion der Partei, die sich zunehmend gegen den Krieg wandten. In den Reihen der SPD tobte drei Jahre lang ein Kampf zwischen den Kriegsbefürwortern und den Kriegsgegnern, bevor Erstere den entgültigen Sieg davon trugen und ihre Gegner aus der Partei hinauswarfen. Die Gewerkschaften hingegen hatten bereits vor Kriegsausbruch ein Übereinkommen mit der Regierung getroffen, um für soziale Ruhe an der Heimatfront zu sorgen. Im Verlauf des Krieges übernahmen die Gewerkschaften immer mehr die Durchführung der Kriegswirtschaft und des Kriegsrechts in den Betrieben. Mehr noch: der so genannte Gewerkschaftsflügel war die treibende Kraft bei der Eroberung der Partei durch das Kapital, bei der Niederschlagung der Revolution in Deutschland und bei der Ermordung ihrer führenden Köpfe wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. In Deutschland waren die Gewerkschaften ursprünglich ein Geschöpf der Sozialdemokratie. Sie standen von Anfang an unter der politischen Führung der Partei. In der Zeit der Hochkonjunktur vor dem Ersten Weltkrieg – als Bernstein die marxistische Grundlage der Partei in Frage zu stellen begann – äußerte sich die Entwicklung des Opportunismus in der damaligen Arbeiterbewegung vor allem durch die Bestrebungen der Gewerkschaften, sich von der „Vormundschaft“ der Partei zu befreien und eine Haltung der politischen „Neutralität“ einzunehmen. Diese Bestrebungen erhielten durch die revolutionären Ereignisse in Russland neue Nahrung.
In dieser Lage forderte Rosa Luxemburg in ihrer Schrift nun die Wiederherstellung des Führungsanspruchs der Partei gegenüber den Gewerkschaften. Auf dem Mannheimer Parteitag der SPD 1906 forderten Kautsky und 32 weitere Genossen – durch die revolutionären Peitschenhiebe Luxemburgs sowie durch die aus Russland herüberschwappende Atmosphäre vorangetrieben – in einem Ergänzungsantrag zur Resolution des Parteivorstandes, dass sich jeder Sozialdemokrat an die Beschlüsse der Parteitage zu halten habe und dass die SPD die höchste und umfassendste Form des proletarischen Klassenkampfes sei. Diese entscheidende Passage des Antrags zog Kautsky jedoch zurück, nachdem die Vertreter des Gewerkschaftsflügels ihre Zähne gefletscht hatten. Das Wesen des Zentrismus Kautskys bestand darin, im Interesse der Einheit innerhalb der Partei und insbesondere zwischen Partei und Gewerkschaften vor dem Opportunismus zurückzuweichen und dabei die marxistische, theoretische Grundlage der Partei selbst von Innen zu zerstören.
Die Einheit zwischen politischem und wirtschaftlichem Kampf
Rosa Luxemburg hatte diese Forderung der Linken mit den Ergebnissen der Kämpfe in Russland begründet. Diese Kämpfe, so ihr Argument, hätten bewiesen, dass die alte Trennung zwischen wirtschaftlichem und politischem Kampf hinfällig geworden sei. Dies habe einschneidende Konsequenzen sowohl für die bisherige Massenparteien der Sozialdemokratie als auch für die Gewerkschaften. Wir zitieren hier ausführlicher:
„Die Trennung zwischen dem politischen und dem ökonomischen Kampf und die Verselbständigung beider ist nichts als ein künstliches, wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der parlamentarischen Periode. Einerseits wird hier, bei dem ruhigen, ‚normalen’ Gang der bürgerlichen Gesellschaft, der ökonomische Kampf zersplittert, in eine Vielheit einzelner Kämpfe in jeder Unternehmung, in jedem Produktionszweige aufgelöst. Anderseits wird der politische Kampf nicht durch Masse selbst in einer direkten Aktion geführt, sondern, den Formen des bürgerlichen Staates entsprechend, auf repräsentativem Wege, durch den Druck auf die gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode revolutionärer Kämpfe eintritt, d.h. sobald die Masse auf dem Kampfplatz erscheint, fallen sowohl die Zersplitterung des ökonomischen Kampfes wie die indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes weg; in einer revolutionären Massenaktion sind politischer und ökonomischer Kampf eins, und die künstliche Schranke zwischen Gewerkschaft und Sozialdemokratie als zwei getrennte, ganz selbstständige Formen der Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt (...) Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der Arbeiterklasse, einen ökonomischen und einen politischen, sondern es gibt nur einen Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet ist (...) Der gewerkschaftliche Kampf umfasst die Gegenwartsinteressen, der sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen der Arbeiterbewegung (...) Die Gewerkschaften vertreten die Gruppeninteressen und eine Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse und ihre Befreiungsinteressen im ganzen.“ (S. 155, 156)
Der Massenstreik bedeutet nun, dass weder die Klassenpartei noch die Gewerkschaften die Kämpfe organisieren, sondern die Kämpfenden selbst im Verlauf ihres Kampfes. Die Partei muss sich auf die ursprünglichste ihrer Aufgaben besinnen, auf die „politische“ Führung, auf die Verteidigung, Verbreitung und Weiterentwicklung der historischen Entwicklung des Klassenbewusstseins. Die Rolle der Gewerkschaften hingegen schrumpft immer mehr, da auch die Streikvorbereitung mittels einer Streikkasse entfällt. Daher die offene Feindschaft der deutschen Gewerkschaften gegen den Massenstreik bereits damals. Je überflüssiger sie für den Arbeiterkampf werden, desto mehr suchen sie ihr Heil im Lager des Klassenfeindes, wo sie als Barrieren gegen den Klassenkampf gut zu gebrauchen sind.
Rosa Luxemburg erkannte 1906 noch nicht diesen Endpunkt der gewerkschaftlichen Entwicklung, genauso wenig wie sie die volle Bedeutung der Sowjets erkannte. Großartig ist es aber, wie weitgehend und wie tief sie die Grenzen des gewerkschaftlichen Kampfes bereits auslotete. Sie zeigte auf, dass selbst in Zeiten der relativ stabilen und angeblich friedlichen Expansion des Systems (selbst in Großbritannien als Heimatland der Gewerkschaftsbewegung) das Gros der Arbeiterklasse nie gewerkschaftlich erfasst wurde. Sie wies darauf hin, dass besonders niedergehaltene Teile der Klasse, wozu selbst viele Schlüsselbereiche des Proletariats zählten, der gewerkschaftlichen Organisierung kaum zugänglich waren: die „zusammengeknäulte Masse der Heloten“. Dazu zählten im damaligen deutschen Kaiserreich die Bergleute, die Textilarbeiterinnen, die Eisenbahner sowie die Postbeschäftigten und nicht zuletzt die Landarbeiter. Rosa wetterte gegen die Geringschätzung der unorganisierten Massen und ihrer politischen Reife. Sie sagte sogar voraus, dass diese Sektoren eine führende Rolle in den kommenden revolutionären Kämpfen spielen werden - eine Voraussage, die in der Deutsche Revolution exakt eintraf. Der Massenstreik endet in einem Fiasko, wenn nicht die ganze Klasse einbezogen wird, so Rosa. Diese Einbeziehung der Massen, ihre Vereinigung im Kampf kann aber niemals mit gewerkschaftlichen Mitteln erreicht werden. Gerade darin liegt das Geheimnis der Sowjets, die die Mitglieder der verschiedenen Gewerkschaften, die „Organisierten“ und „Nichtorganisierten“, Beschäftigte und Erwerbslose vereinigen.
Warum ist das alles so wichtig? Weil heutzutage noch immer die Vorstellung verbreitet ist, dass die Gewerkschaften aufgrund ihrer proletarischen Zusammensetzung den Interessen des Klassenkampfes dienlich gemacht werden können. Die Wiedergeburt der Spartengewerkschaften in Deutschland, von manchen als Ausdruck einer neuen gewerkschaftlichen Militanz begrüßt, bringt lediglich eine längst bestehende und reaktionär gewordene gewerkschaftliche Borniertheit zum Ausdruck, die Rosa bereits vor einem Jahrhundert gegeißelt hatte.
„Die Spezialisierung ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher Leiter sowie der naturgemäß enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten ökonomischen Kämpfen in einer ruhigen Periode verbunden ist, führen bei den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum Bürokratismus wie zur Borniertheit der Auffassung.“ (S. 163)
„Die Masse der Genossen wird zur urteilsunfähigen Masse degradiert, der hauptsächlich die Tugend der ‚Disziplin’, d.h. des passiven Gehorsams, zur Pflicht gemacht wird. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie (...) besteht in den Gewerkschaften in einem viel höheren Maße das Verhältnis der Obrigkeit zu der untergebenen Masse.“ (S. 165)
Wie wahr das alles ist, auch wenn Rosa noch nicht wissen konnte, dass diese Borniertheit in reine Mordlust gegen Revolutionäre umschlagen sollte!
Massenstreik und Teilung der Arbeit
Die Gewerkschaftsbewegung war nichts als eine vorübergehende Stufe in der Entwicklung der Arbeiterbewegung. In einer Phase, wo der Sturz des Kapitalismus, die Überwindung der Klassengesellschaft auf die Tagesordnung der Geschichte kam, mussten die Gewerkschaften zu Fesseln des Klassenkampfes werden. Sie mussten es, denn sie verkörpern und verewigen eine gewisse Stufe der Arbeitsteilung innerhalb der Arbeiterklasse selbst. Aber die Arbeitsteilung, wie sie sich geschichtlich entwickelt hat, ist selbst untrennbar mit der Klassengesellschaft verbunden, die sie mit hervorgebracht hat. Der Kampf des Proletariats ist mehr als ein Kampf gegen das materielle Elend, er ist eine Erhebung gegen die bestehende Arbeitsteilung selbst, angeführt von ihren hauptsächlichen Opfern - den Lohnsklaven. Das Geheimnis des Massenstreiks ist das Bestreben der Proletarier, wieder ganze Menschen zu werden. Im Massenstreik werden die Spaltungen in Berufe, Wirtschaftszweige, Nationen usw. aufgehoben. Die Trennungen, die die Konkurrenz diktiert – auch die zwischen Denken und Fühlen – werden in Frage gestellt. So schilderte Rosa, wie die Kämpfenden in Russland gelacht und gesungen haben, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Sie fielen einander in die Arme. Selbst nachts blieben sie auf der Straße, um sich nicht in der Vereinzelung der jeweils eigenen Wohnung verkriechen zu müssen. Eine nie gekannter, zutiefst kollektiver Idealismus machte sich breit. „Aber im Sturm der revolutionären Periode verwandelt sich eben der Proletarier aus einem (gewerkschaftliche) Unterstützung heischenden vorsorglichen Familienvater in einen ‚Revolutionsromantiker’, für den sogar das höchste Gut, nämlich das Leben, geschweige das materielle Wohlsein im Vergleich mit den Kampfidealen geringen Wert besitzt.“ (S. 133)
Das Resultat des Massenstreiks ist vor allem „eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus des Proletariats, des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen.“ (S. 114) Was dabei das Wichtigste ist, macht Rosa Luxemburg ebenfalls klar: „Tatsächlich ist nicht bloß eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus der Arbeiterschaft eingetreten. Das materielle Lebensniveau als eine dauernde Stufe des Wohlseins findet in der Revolution keinen Platz (...) Das Kostbarste, weil Bleibende, bei diesem scharfen revolutionären Auf und Ab der Welle ist ihr geistiger Niederschlag: das sprungweise intellektuelle, kulturelle Wachstum des Proletariats, das eine unverbrüchliche Gewähr für sein weiteres unaufhaltsames Fortschreiten im wirtschaftlichen wie im politischen Kampfe bietet.“ (S. 117)