Synthese der Diskussion im Dezember 2007
zum Lokführerstreik in Deutschland,
zum Eisenbahnerstreik in Frankreich
und zur Arbeiterkämpfe in Argentinien in den 1960/70er Jahren
Zuerst wurde von einem Teilnehmer eine Einleitung zum Lokführerstreik vorgetragen. Eine Einleitung zu den Arbeiterkämpfen in Argentinien wurde später, im Laufe der Diskussion vorgetragen. In der Diskussion haben wir folgendes hervorgehoben:
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die heutige Situation der Arbeiterklasse,
die Gleichzeitigkeit der Kämpfe weltweit,
öffentliche Meinung bezüglich der Kämpfe und die Unterstützung der Kämpfe in der Bevölkerung,
die Rolle der Gewerkschaften,
die Generationsfrage.
Dass die Arbeiterklasse gleichzeitig weltweit ihre Lebensbedingungen verteidigt, indem sie streikt, ist ein Beweis dafür, dass die Angriffe gegen die Arbeiterklasse keine Einzelerscheinungen sind und auch nicht etwas Spezielles für das oder jenes Land, sondern eine Notwendigkeit für die Weltbourgeoisie darstellen. Die Lage der Arbeiterklasse hat sich international verschlechtert. Die Bourgeoisie weiß, dass der Unmut und die Wut in der Klasse sich zu einer Massenbewegung entwickeln können, und zieht alle Register, um die Bewusstseinsbildung in der Klasse zu verhindern. Dazu gehört die Hetze durch die Medien, die uns Glauben machen will, dass es egoistische Berufsgruppen gibt, die unrealistische Lohnerhöhungen (z.B. Lokführer in Deutschland, Krankenschwestern in Finnland) fordern, oder Privilegien genießen wollen (Eisenbahner in Frankreich), und das alles auf Kosten der Allgemeinheit. Im Namen der Solidarität sollen alle verzichten. Die Hoffnung der Bourgeoisie, dass die Leute, die besonders schlecht dran sind, sich besser mit ihrem Los abfinden, wenn die anderen auch nicht mehr bekommen, scheint nicht in Erfüllung zu gehen. Die Solidarität, die uns von der herrschenden Klasse vorgeschlagen wird, bedeutet, dass wir fester an den „Vater Staat“ glauben, und die Konkurrenz bejahen sollen. Wir haben in der Diskussion reflektiert, welche Reaktionen wir in unserer unmittelbaren Umgebung über den Lokführerstreik erlebt haben. Bei einem Teil der Leute gibt es keinerlei Verständnis für die Kämpfe, es scheint die Hetze einen guten Nährboden gefunden zu haben. Aber genauso kam es vor, dass wenn man mit den Leuten ein Gespräch führt, wenn man Bezug auf das eigene Arbeiterdasein nimmt, die Leute doch allmählich anfangen, das Bild, das die Medien uns vor die Augen führen, in Frage zu stellen. Im Großen und Ganzen gibt es aber eine Bejahung und Unterstützung der Kämpfe und nicht nur in Deutschland. Diese Unterstützung ist ein Teil der Reifung, die in der Klasse im Gange ist. Gerade, weil die Angriffe der Bourgeoisie keine Einzelerscheinung sind, ist es möglich, dass in der Arbeiterklasse das Gefühl von 'wir' immer mehr aufkommt. Man kann diese Bewegung nicht künstlich ins Leben rufen, keine Organisation der Welt kann die Arbeiterklasse dazu aufrufen. Das ist ein Reifeprozess. Dass manche Streiks, die vor unseren Augen geschehen, schon einen bedeutenden Beitrag hin zu den zukünftigen Massenstreiks in sich haben, kann man oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten erkennen.
Die Teilnehmer dieser Diskussion hatten sich schon lange mit der Geschichte der Gewerkschaften befasst, und waren zu der Überzeugung gekommen, dass die Gewerkschaften seit dem 1. Weltkrieg in den Staat integriert und keine Organisationen der Arbeiterklasse mehr sind, sondern der herrschenden Klasse, dazu da die Arbeiterklasse zu kontrollieren und ihre Kämpfe zu sabotieren. Dieser Überzeugung befestigte sich im Laufe der Diskussion, indem festgestellt wurde, dass die Arbeiterklasse heute weltweit in der Situation steht, wo sie wieder anfängt sich zu bewegen, aber die Gewerkschaften ihr bei dieser Bewegung nicht nur zur Seite stehen, sondern im Gegenteil alles unternehmen, um ihre Kämpfe zu verhindern. Immer, wenn die Arbeiter in ihrem Kampf selbstständig werden, wenn sie Gespräche mit anderen Arbeitern suchen, wenn sie ihre Forderungen selber formulieren, haben sie immer zuerst die Gewerkschaften gegen sich. In Deutschland ist der Unmut unter den Lokführern sehr groß gewesen. Die Gewerkschaft GDL hat eine Lohnforderung von 30 % aufgestellt, hat sich sehr radikal gegeben. Der Lohnkampf zieht sich hin. Was die GDL erst mal erreicht hat, ist, dass ihr gelungen ist, Dampf unter den unzufriedenen Arbeitern abzulassen, aber auch die Lokführer von der übrigen Klasse zu isolieren. Die GDL will sich nur für ihre Mitglieder stark machen, die übrigen Arbeiter interessieren sie nicht. Die GDL hat auch von Anfang an klipp und klar festgestellt, dass für sie der eigenständige Tarifvertrag wichtiger ist als die Lohnerhöhung von 30 %. Ein Teilnehmer stellte richtig fest, dass es bei diesem Konflikt auch um Konkurrenz zwischen den Gewerkschaften geht, also Konkurrenz innerhalb der Bourgeoisie. Für die herrschende Klasse bietet das Ganze natürlich die Möglichkeit, die Arbeiterklasse zu spalten. Für die Arbeiterklasse dagegen tut sich nur eine Perspektive für ihre zukünftigen Kämpfe auf, wenn sie sich nicht mehr vor die falsche Alternative stellen lässt, wie z.B. ob die große Einheitsgewerkschaft oder die kleinen Spartengewerkschaften für sie das Richtige sind, sondern ihre Kämpfe in die eigene Hände nimmt. In Frankreich, wo gleichzeitig mit den Kämpfen der Lokführer in Deutschland Streiks der Eisenbahner stattfanden, konnte man sehen, dass Mitglieder der Gewerkschaften ihre Mitgliedsausweise zerrissen. Auch dort gaben sich die Gewerkschaften viel Mühe, um die kämpfenden Arbeiter zu sabotieren und von anderen Arbeitern zu isolieren. Eine kleine Gewerkschaft hat am Tag, als eine große Demonstration stattfinden sollte, einen Tarifvertrag unterschrieben, die anderen Gewerkschaften haben entweder ihre Mitglieder davor gewarnt, mit anderen Arbeitern zusammen zu demonstrieren, oder haben nur ihre Mitglieder zum Streik aufgerufen, oder nur einen 24 Stunden Streik aufgerufen. Wieder andere Gewerkschaften waren darauf aus, einen Kampf bis zum letzten Mann zu führen oder ihre Mitglieder zu radikalen Aktionen anzustiften, anstatt, dass diese mit anderen Arbeitern zusammengekommen wären.
Von den Kämpfen der Arbeiterklasse in Argentinien konnten wir erfahren, dass es den Arbeitern 1969 in Cordoba gelungen war, unabhängig von Gewerkschaften und von dem Fraktionskampf der Bourgeoisie (Peronisten/Antiperonisten) zu kämpfen. Der steigende Unmut in der argentinischen Arbeiterklasse war nicht mehr durch die Militärdiktatur zu bändigen. Einer der wichtigsten Mittel der argentinischen Bourgeoisie, die Arbeiterklasse zu besiegen, waren starke in den Staat fest verankerte Gewerkschaften.
Wir haben erfahren, dass jetzt in Frankreich die Studenten die Streikenden unterstützt haben. Das hat bei uns die Bewegung der Studenten im Frühjahr 2006 in Erinnerung gerufen. Eine der bedeutendsten Bewegungen innerhalb der Arbeiterklasse seit 1968. Es war damals beispielhaft, wie die am meisten fortgeschrittenen Studenten ihre Vollversammlungen in proletarischer Art selbständig organisiert haben. Die Bewegung der Studenten 2006 und die Intervention von Studenten in den jetzigen Streiks in Frankreich, ist ein Zeichen, dass eine neue Generation der Arbeiterklasse auf die Bühne der Kämpfe getreten ist. Diese Generation ist ohne den Schatten des Stalinismus aufgewachsen und sie haben den Zusammenbruch des Ostblocks als kleine Kinder erfahren. Die Ideologie der Bourgeoisie, der Kommunismus ist tot, konnte sie nicht derart beeinflussen, wie die Generationen davor. Sie haben gezeigt, dass sie gegenüber den älteren Generationen offen sind, ganz im Gegenteil zur 68er Generation. Gewiss ist die Bewegung 1968 eine Notwendigkeit gewesen, junge Leute haben sich gegen autoritäre Strukturen in der Gesellschaft aufgelehnt. Sie haben gespürt, dass irgendetwas in unserer Gesellschaft nicht stimmt. Eine Näherung der Generationen war nicht möglich, weil die ältere Generation durch die Schrecken des Weltkriegs und der Konterrevolution dialogunfähig gemacht wurde und die Jugend ihnen die Schuld an ihrer Misere gab. Aber für die Arbeiterklasse ist der Zusammenhang der Generationen lebensnotwendig, man lernt voneinander. Von der jungen Generation kommt neuer Elan, neue Ideen, die Generation der Älteren gibt die Tradition und die Erfahrung der Arbeiterklasse weiter. Heute ist die 68er Generation, die Generation, die noch das Arbeiten über den Tariflohn, das Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, den unbefristeten festen Arbeitsvertrag kannte. Wenn man denkt, unter welchen Bedingungen die jungen Leute heute arbeiten müssen, müssen sich die Arbeitsverhältnisse ihrer Eltern ja schon bald wie Geschichten aus Tausend und einer Nacht anhören. Man soll natürlich nicht anfangen, sich nach alten Zeiten zurückzusehnen, sondern die Arbeiterklasse muss zusammen über ihre Geschichte und über die Gründe nachdenken, die zur der Situation heute geführt haben, und vor allem darüber nachdenken, was ist die Perspektive für die Zukunft der Arbeiterklasse und für die Zukunft der ganzen Menschheit.