Diskussionssynthesen - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Synthese vom Zirkeltreffen vom 16.02.08 zum Thema:

„Welche Organisation braucht die Arbeiterklasse?
Welche Rolle werden die Organisationen der Linken des Kapitals in den zukünftigen Kämpfen spielen?“


Nach dem Referat zur Einleitung (Gedanken und Fragen zum Thema) wurde von den Teilnehmern entschieden, dass noch etwas Zeit zum Überlegen und zum Nachlesen des Referattextes (zwei Teilnehmer waren etwas später gekommen) eingeräumt wird. Eine Teilnehmerin schlug vor, mit der Ausgangsfragestellung des Referats zu beginnen: Welche Organisation braucht die Arbeiterklasse?


Geschichtliche und zukünftige Bedeutung der Arbeiterräte:
Das Referat wurde von einer Teilnehmerin begrüßt. Es sei erwähnt, dass angemerkt wurde, dass ein verhinderter Teilnehmer, durch die Beteiligung an der Ausarbeitung des Referats, an der Diskussion teilgenommen hat und dass dies ein besonderer Ausdruck der Diskussionsweise ist.
Es wurde die Bedeutung der schon im Referat beschriebenen Notwendigkeit zur Eigenständigkeit der Kämpfe der Arbeiter heute dargelegt. Die Organisationsweise der Arbeiterklasse muss den wirksamen gesellschaftlichen Bedingungen angepasst werden. Die Bedingungen in der Phase der Ausdehnung der kapitalistischen Warenproduktion über den Globus ermöglichten eine ständige Organisationsform, die Gewerkschaften, mit denen die Arbeiter für sich wirkliche Reformen erreichen konnten. Heute kann diese Organisationsweise für die Arbeiter nicht künstlich am Leben erhalten werden, da allgemeine Reformen für die Arbeiter nicht mehr möglich sind. Die in den Arbeiterkämpfen entstehenden Organisationsformen wie Streikkomitees verschwinden mit der jeweiligen Streikbewegung. Wir leben nicht mehr in der Phase des Aufschwungs des Kapitalismus, sondern in der Phase des Niedergangs, mit innerhalb des Kapitalismus unüberwindbaren Widersprüchen. Es gelingt dem Weltwirtschaftssystem Kapitalismus nicht, seine größtmögliche Organisationsform die Nationen zu überwinden.
Es wurde klar gemacht, dass die Antworten heute nur weltweit gegeben werden können und dass es nicht um einen unmittelbaren Erfolg, sondern um die Zukunft der gesamten Menschheit geht.
Zudem wurde aufgezeigt, dass die zukünftigen Arbeiterräte, so wie die weltweit vernetzte Produktion dies heute schon aufzeigt, weltweit voneinander abhängig sein werden, dass die Räte eine „natürliche“ Organisationsform sind und ein Zusammenkommen zur Problemlösung, wo Beschlüsse gefasst und diese dann umgesetzt werden, beinhalten, wie dies z.B. schon bei Indianerstämmen praktiziert wurde und dass sich die Arbeiterräte spontan als Möglichkeit entwickelt haben, den Kampf zentralisiert zu organisieren.


Sind die Arbeiterräte heute vorzubereiten?
Es wurde auch die Frage gestellt, ob die Arbeiterräte schon heute vorbereitet werden müssen und ob dies möglich ist.
Es gab von einem Teilnehmer die Aussage, dass wenn die Räte vorbereitet werden müssen, dann in einer materiellen Form, z.B. dadurch, dass man Orte des Zusammenkommens bereitstellt.
Dazu wurde von anderen Teilnehmern bemerkt, dass dabei nicht die materiellen Errungenschaften, die Gewalt (Waffen, ...) Ausschlag gebend sind, sondern die Debatte, das Zusammenkommen und aufeinander zugehen, die Solidarität, insbesondere zwischen den Generationen von Nöten sind und die Stärke und die Qualität der Arbeiterklasse ausmachen und dies deshalb, da die Mittel mit dem Ziel verbunden sind.
Es wurde bemerkt, dass z.B. Zirkeltreffen dieser Art schon mit zur Vorbereitung auf die zukünftigen Räte dazugehören und dass die heutige Generation anfängt, sich auf die zukünftige revolutionäre Bewegung hinzubewegen und vorzubereiten, wie dies die Studentenbewegung von 2006 in Frankreich, deren Stärke ja gerade die Debatte und das Aufeinanderzugehen war, gezeigt hat.
Übereinstimmend wurde geäußert, dass das Zusammenkommen und die Bewusstwerdung heute insbesondere auch aufgrund der drohenden zunehmenden Isolierung notwendig sind.


Ist zur Organisation der Arbeiter eine Partei notwendig?:
Einig waren sich die Teilnehmer darüber, dass der Partei eine zusammenfassende, reflektierende Funktion zukommt, dass die Partei Antworten auf die konkreten Notwendigkeiten der weltweiten revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse finden muss und dass die Partei helfen muss, die Isolierung der einzelnen Bereiche zu überwinden und die notwendige Bewusstwerdung voranzubringen.
Es wurde gesagt, dass die Partei als eine Art Wahrnehmungsorgan verstanden werden kann, als zentrales Organ der voneinander abhängigen Weltwirtschaft und dass die Zusammenfassungen von dem, was auf der Welt passiert, dann wieder an die verschiedenen Bereiche weitergegeben werden.
Dass aber erst, wenn die Frage gestellt wird, auch die Antwort darauf gegeben werden kann. Erst wenn sich Arbeiterkämpfe verbreitern, können die sich stellenden Fragen beantwortet werden.
Dabei gibt es die Schwierigkeit, die aktuellen Fragen mit den Erfahrungen aus der Vergangenheit zu verbinden.
Ein Teilnehmer stand dem historischen Begriff der Partei kritisch gegenüber, was das Gefühl, der Partei aus historischen Gründen nicht trauen zu können, mit einbezieht. Es wurde ein Beispiel aus der revolutionären Bewegung in Deutschland gebracht. Damals bewirkte Liebknecht, der ein bewusster und erfahrener Teil der kommunistischen Revolutionäre war, indem er sich als führende Persönlichkeit von der „Parteidisziplin“, von der kollektiven Debatte der Organisation abwandte, und verfrüht zum Aufstand aufrief, für die Arbeiter eine schlimme Niederlage. Von den Arbeitern wurde von der Partei viel erwartet, insbesondere weil die Partei und repräsentativ eben ihre Führungspersönlichkeiten ja schon wissen werden, was sie tun.
Es wurde in diesem Zusammenhang gefragt, wie die Räte und die Partei selber, sich schützen können, wenn in der Partei eine falsche Richtung aufkommt; wie mit dem Einfluss und der Macht der Partei gegenüber den Räten umzugehen ist.
Dass die Partei Gefahr läuft, sich von den Arbeiterräten zu entfremden, wenn diese nach Kampfperioden verschwinden.
Darauf wurde geantwortet, dass die gesamte Arbeiterklasse durch das Bewusstwerden einer Überhöhung der Partei entgegenwirken kann und muss, dass es wichtig sei, dass jeder Arbeiter das Ganze im Kopf mitmacht, sich daran beteiligt, und dass es notwendig ist, im Konkreten groß zu denken, das Konkrete in einen allgemeinen Zusammenhang zu stellen.
Weiter wurde gesagt dass die Arbeiterräte für ihr Tun verantwortungsvoll entscheiden müssen, dass Kritik und Misstrauen, der kritische Geist der Jugend, wie heute vorhanden, notwendig, undd dass die revolutionäre Bewegung nicht mehr so Personen bezogen sein wird wie noch zu Zeiten als z.B. Lenin, als Produkt der damaligen Entwicklung, eine besondere Rolle inne hatte, weil er das, was viele Arbeiter noch nicht bewusst sagen konnten, bewusst machen konnte.
Anmerkend ist festzuhalten, dass sich die Teilnehmer einig darüber waren, dass es wichtig ist die Begrifflichkeiten Partei, Räte, Disziplin... besser zu klären und es wurde aufgezeigt, dass dabei Begriffe nur in ihrem geschichtlichen Zusammenhang, also in ihrer wirklichen Bedeutung zu verstehen sind, und dass Begriffe in ihrer wirklichen Bedeutung oft diskreditiert wurden.


Muss die Weltpartei heute vorbereitet werden?:
Bei der Frage nach der Entstehung der Partei gab es unterschiedliche Gewichtungen.
Eine Position war, dass es heute die Notwendigkeit für eine Weltpartei gibt, dass die Zeit dazu reif sei, aber es dabei viele Hindernisse gibt, und dass dieser Prozess nicht erst beginnen darf, wenn eine revolutionäre Bewegung ausbricht, sondern umgekehrt, dass dieser Prozess dieser vorausgehen muss.
Dieser Position wurde von einer Teilnehmerin mit der Aussage begegnet, dass die Reifung innerhalb der Arbeiterklasse die Partei hervorbringt und nicht umgekehrt, und es wurde gesagt dass diese Reifung heute vor unseren Augen vor sich geht, dass diese Reifung nicht gleichmäßig vor sich geht, dass es notwendig ist, dass Teile der Arbeiterklasse voran gehen, und dass in der Geschichte nicht selten eine Minderheit über die Notwendigkeiten klarer war als die Mehrheit.
Insbesondere die Demokratie mit ihrer Ideologie, dass jeder seine Meinung hat, hindert die Arbeiterklasse heute in ihrem Bemühen nach Klarheiten.
Es wurde diskutiert, dass die Weltpartei aus den Kämpfen als Vereinigung und nicht aus zerstückelten Einheiten hervorgeht, nicht mehr aus nationalen Organisationen wie in der II. und III. Internationale hervorgeht, und dass als Ziel schon heute eine Weltpartei in der Vorstellung vorhanden sein muss. Es wurde verdeutlicht, dass die Bewusstesten und Erfahrensten Teile der Arbeiterklasse in diesem Prozess schon heute daran arbeiten müssen.

„Offene Diskussion“:
Von den Teilnehmern wurde beschlossen, dass die Frage nach der Bedeutung der Partei noch weiter vertieft werden muss, und dass dies beim nächsten Zirkeltreffen geschehen soll, auch um eine Kontinuität, eine zusammenhängende Auseinandersetzung mit diesem Problem zu ermöglichen. Dazu soll ein Fragenkatalog erstellt werden, der auch als Einleitung in der nächsten Diskussion vorgestellt werden kann.
Als offenes Thema, welches in der verbleibenden Zeit diskutiert werden kann, wurde ein Thema vorgeschlagen, welches alle Beteiligten beschäftigt, die Frage nach der Lohnarbeit, den alltäglichen Problemen, die wir damit haben. Darüber hinaus wurde diese Problematik der Lohnarbeit als Thema für das übernächste Zirkeltreffen festgehalten und begrüßt, dass dieses Thema aufgrund der Alltäglichkeit und Allgemeingültigkeit viele Arbeiter erreicht.
Zur Lohnarbeit wurde gefragt, wie mit dem Gefühl der Sinnlosigkeit im Alltag umzugehen ist und geäußert, dass es trotz entwickelteren Bewusstseins schwer ist, mit der Lohnarbeit zu leben, dass die Spannungen aber auch mit zunehmender Klarheit teils überwunden werden können, dass die politische Positionierung bei Gelegenheit konkret mit den Situationen aus der Arbeit heraus zu verbinden sind, dass es gut ist, zuzuhören und auf das Gesagte wirklich einzugehen und dass „das jeder für sich“ dem hinderlich ist, und es wurde gesagt dass es gut ist, wenn die Mühe nicht auf die Arbeit begrenzt bleibt, sondern darüber hinausgeht.



Schlussrunde:
Es wurde die Wichtigkeit der Auseinandersetzung, das ermutigende Gefühl nicht allein zu sein und sich zu ergänzen bemerkt und gesagt, dass es ein Bedürfnis ist, an solchen Diskussionen teilzuhaben. Aber es wurde auch geäußert, dass widersprüchlichere Positionen, die diesmal nicht anwesend waren, auch zum Weiterkommen beitragen.

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