Diskussionssynthesen - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Synthese der Diskussion über Erziehung und Revolution, Teil II

Vorbemerkung: So eine Zusammenfassung wie diese, kann nur begrenzt, die Lebendigkeit, die Dynamik, das Anregende einer Diskussion wiedergeben. Einer bringt einen Gedanken vor, wirft eine Fragestellung auf, ein anderer geht zum Teil darauf ein, aber geht auch schon wieder darüber hinaus. Es werden kleine Ergänzungen gemacht. Was da unter dem einzelnem Namenskürzel zu lesen ist, heißt nicht, dass der Einzelne das so gesagt. Es wurden auch Ergänzungen hinzugefügt, die von anderen an einem anderen Zeitpunkt der Diskussion vorgebracht wurden. Was der Verfasser wollte, ein Stück weit das Anregende der Diskussion zu vermitteln und das Bemühen deutlich werden zu lassen, die Dinge in ihrer Tiefe in ihrem Zusammenhang und in ihrem Werden zu verstehen.


Als Einleitung wurden Auszüge aus dem Text von William Morris „Kunde von Nirgendwo“ und ein Text über Amos Comenius vorgelesen.

Diskussion:
Es wurden die Fragen gestellt: Warum ist Erziehung für das Proletariat wichtig? Kann man von Pädagogen wie Comenius etwas lernen, was die Bewusstseinsentwicklung der Arbeiterklasse anbelangt, wie Proletarier ihre Kinder erziehen sollen, wie das Proletariat am besten lernt?

Im Laufe der Diskussion wurden noch andere Fragen gestellt. Zusehen, wie weit wir in der Beantwortung der Fragen gekommen sind.

An: Uns ist vieles ganz selbstverständlich geworden, wir merken gar nicht mehr, wie sehr wir von der Gesellschaft geprägt sind. Bei Kindern ist noch nicht alles so festgefahren und festgelegt, so dass wir an ihnen merken können, wie eingefahren wir schon sind. Der Erzähler bei Morris kommt als Mensch der alten Gesellschaft in eine kommunistische Gesellschaft. Er kann sie gar nicht verstehen. Der Mensch, der im Kommunismus aufgewachsen ist, konnte in dem Text von Morris mit dem Begriffe Schule z.B. gar nichts anfangen, warf Im ein.

Später wurde in der Diskussion gesagt, dass Comenius eine gute, umfassende Schulbildung für alle wollte. Und die Frage ist, ob Schulbildung der Endpunkt der Entwicklung. Es wurde daran erinnert, dass Marx untersucht hat, was das Geld ist, wie es entstanden ist, wie und warum es wieder abgeschafft werden muss. Bedarf es überhaupt der besonderen Institution Schule zum Lernen, bedarf es eines besonderen Berufsstandes zum Lernen, könnte nicht das Leben ein Ort des Lernens für alle sein, wo jeder gleichzeitig Lehrer und Schüler, wenn man bei diesen Begriffen bleiben will.

Eb: Alle beide Comenius und Morris nehmen den Standpunkt der Zukunft ein, um die Grausamkeit der Gegenwart zu beleuchten.

Or: Ja, es ist wichtig, einen Standpunkt außerhalb der gegebenen Gesellschaft zu beziehen. Comenius hat im 17. Jahrhundert gelebt, also in der Zeit des 30-jährigen Krieges. Seine Familie wurde schwer betreffen von den Wirren und dem Elend dieses Krieges. Seine Texte sind wohl auch als Antwort auf diese Schreckenszeit zu verstehen.

In: Bei Pädagogen wie Comenius herrscht die Auffassung, dass der Mensch etwas Besonderes ist, dass er große Potenzen hat und sie treten für eine ganzheitliche Bildung ein. Die 1968er Generation war noch ziemlich beeinflusst vom Stalinismus.

Eb: Ja, das stimmt. Ich bin im Osten groß geworden. Da war der Einfluss des Stalinismus natürlich noch stärker. Zur Zeit des Stalinismus lag es nahe, sich zwischen Arten des Kapitalismus zu bewegen, zwischen dem stalinistischen und dem westlichen Kapitalismus. Heute gibt es weltweit einen einzigen Kapitalismus. Die erzwungene „Kollektivität“ „drüben“ hatte im Vergleich zur Beliebigkeit und der völligen Isolation im Westen auch etwas für sich. Ich frage mich manchmal: Bin ich das oder ist da irgendetwas Anderes, was mir mal eingetrichtert wurde, wie ich zu funktionieren habe.

In: Die antiautoritäre Erziehung war das Pedant zum Stalinismus. Antiautoritäre Erziehung bedeutete Vernachlässigung der Kinder; sie wurden allein gelassen in einer kinderfeindlichen Welt. Der Stalinismus lehnte das Individuum völlig ab. Es ging angeblich nur um die ganze Gesellschaft. Aber die Gesellschaft besteht aus Einzelnen. Und ob eine Gesellschaft menschengerecht ist, ist vom Wohlbefinden und vom Glück der Individuen in der jeweiligen Gesellschaft zu bestimmen. Die extreme Individualisierung im Westen und die Ablehnung des Individuums unterm Stalinismus.

Aus Angst die Kinder zu indoktrinieren sprach man z.B. mit den Kindern nicht über Politik. Man verwechselte Indoktrination, Eintrichtern von Wissen, Manipulation mit Einführung einer neuen Generation in die Gesellschaft, mit dem Weitergeben des Kulturerbes der Menschheit an die neue Generation. [Die Manipulation ist im Westen nur viel subtiler. Verfasser] Kinder können sich nicht allein entfalten, groß zu werden in einem gesunden Kollektiv, ist das, war Kinder brauchen. Man kann sich nur kennen lernen über das Kennenlernen von anderen. [Die Eltern der 68er Generation waren traumatisiert von den Schrecken des Weltkrieges, des Stalinismus, des Faschismus, der Volksfront und konnten nicht sprechen. Verfasser]

Der Antistalinismus überwindet den Stalinismus nicht wirklich, so wie z.B. auch der fanatische Feind der Religion den religiösen Gedanken noch nicht wirklich überwunden hat. Die junge Generation von heute ist nicht antistalinistisch. In diesem Zusammenhang wurde der Satz von Comenius „Es ist schwerer etwas zu verlernen als etwas zu lernen.“ als bedeutsam empfunden. Die junge Generation braucht den Stalinismus und den Antistalinismus nicht verlernen, weil sie unter anderen Bedingungen aufgewachsen ist.

La: Erst im Kommunismus werden sich die Kinder in einer kinder- und menschenfreundlichen Welt entfalten können, werden vollentwickelte Individuen entstehen.

Or: Der Dogmatismus geht davon aus, einen Punkt erreicht zu haben, wo alles geklärt ist, wo es keine weitere Fragen mehr gibt. In Wirklichkeit eröffnet jede Antwort nur 10 neue Fragen. Marxisten wissen, dass ewige Wahrheiten sehr nichtssagend sind, dass es nur eine dauernde Annäherung an die Wahrheit geben, dass die Wirklichkeit sich dauernd ändert und dauernd neue Fragen stellt.

Comenius vertrat die Auffassung, dass der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt. Rousseau war der Auffassung, dass der Mensch von Natur aus gut und dass nur die schlechte Gesellschaft ihn verderbe.

Der Marxismus ist der Auffassung, dass der Mensch weder gut noch schlecht ist, sondern menschlich ist.

Darwin sagt, dass das Gewissen eine Naturgabe ist. Nach ihm ist der Mensch ein geschichtliches Produkt und die ganze Geschichte der Menschheit lebt in den heutigen in Schichten übereinander noch in den heutigen Menschen. Das Gewissen kann als Gegengewicht zum nüchternen, kalkulatorischen Verstand sein. Es kann andere Dimensionen ins Spiel bringen. [Das Gewissen ist eine Mitgift der Natur, die es zu entwickeln, zu pflegen und vor Deformation zu schützen gilt, weil das Gewissen uns auf den Mitmenschen und das Wohl der Gemeinschaft beziehen kann. Verfasser] Die Psychoanalyse lehrt, dass der Mensch widersprüchlich ist. Tatsache ist, dass Kinder auch grausam sein können. Es herrschte in bestimmten Abschnitten der Menschheitsgeschichte die Blutrache, die dann durch das Gesetz Auge um Auge, Zahn um Zahn, ... ersetzt wurde.

Denken und Fühlen sind nicht zu trennen. Intuition ist kein Humbug. Nach der einen Richtung der bürgerlichen Auffassung ist alles, was nicht Denken ist irrational. Wenn man Denken und die Ratio gebrauchen als gleichbedeutend annimmt, dann kann man Fühlen als etwas Irrationales nehmen, aber wenn man das Fühlen als irrational bezeichnet, wird das Fühlen als Minderes beurteilt. Spinoza hat da viel Richtiges über den Zusammenhang zwischen fühlen und denken gesagt.

Der Marxismus setzt den Einfluss der biologischen Anlagen und der Umwelt nicht in Gegensatz, sondern ist der Auffassung, dass es die Dialektik zwischen Anlagen und Umwelt zu begreifen gilt.

In: Ohne positive Gefühle gibt es kein Lernen. Neurologen haben herausgefunden, dass auch in der Gehirnmasse und den Gehirnverbindungen zusammen hängt. Zurück zur Frage, ob der Mensch gut oder schlecht ist. Das Gewissen entsteht mit der Entwicklung des Ichs ab dem Alter von drei Jahren. Die Anlage ist da, aber sie muss entfaltet werden. Kinder haben noch kein Einfühlungsvermögen, deshalb kann man nicht sagen, dass sie grausam sind. Um Einfühlungsvermögen zu lernen, ist es notwendig, Einfühlungsvermögen sich gegenüber erfahren zu haben. Erst mit ca. 7 Jahren kann ein entwickeltes Einfühlungsvermögen vorhanden sein.

Or: Wissenschaft hat eine Eigendynamik im Streben nach Erkenntnis, die nicht so ohne Weiteres durch den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb in den Griff zu bekommen ist.

Das Gehirn ist ein System, bei alles mit allem zusammenhängt und sich bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten nicht lokalisieren lassen. Nach Spinoza ist die Quelle des Wissens der Tod. Dieses Phänomen gebiert die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Religion ist nur eine Antwort auf die Sinnfrage und die Auseinandersetzung mit dem Tod. Eine andere Antwort ist, zwar den persönlichen Tod als gegeben anzuerkennen, aber in der Generationenfolge ein Weiterleben zu sehen. Spinoza ist unter Menschen jüdischen Glaubens, die an das Reich Gottes auf Erden glauben, in Portugal aufgewachsen. Er hat sich vom jüdischen Glauben abgewandt, aber keinen anderen Glauben angenommen. Das ist bedeutsam, um seine andere Auseinandersetzung mit dem Tod zu verstehen.

Es ist auf die Bedeutung von Massenbewegungen hingewiesen worden und in diesem Zusammenhang auf den Artikel von Rosa Luxemburg „Die Menge tut´s.“ hingewiesen worden.

Wir sprachen am Schluss noch über den Charakter eines solchen Zirkels wie den Diskussionszirkel Rheinland und wie wir am besten organisieren können, dass der Zirkel ein lebendiger Ort der Klärung bleibt. Es wurde hervorgehoben, dass ein Diskussionszirkel keine politische Gruppe ist, dass es keine bestimmten Bedingungen geben kann, außer klären zu wollen vom Standpunkt des Proletariats aus, um an einem Zirkel teilnehmen zu können. Jeder muss entscheiden, welche Bedeutung der Zirkel für ihn hat und dementsprechend sich einzusetzen. Das kann aber keinesfalls ein Maß für die anderen sein.



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