Diskussionssynthesen - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Synthese der Diskussion

zum Thema „Marxismus und Darwinismus“

- Diskussionszirkel, am 18. April 09



Vorbemerkung:
Die Zusammenfassung geschieht nicht chronologisch, sondern es wird versucht, die Diskussion unter folgenden Diskussionssträngen zusammenzufassen: I Marxismus und Wissenschaft, II Der Mensch als bestimmte Tierart, III Welche Eigenschaften machen den Menschen gegenüber den anderen höheren Säugetieren aus? oder die Frage der Menschwerdung, IV Bevölkerungsgesetz, V umwälzende, bahnbrechende Erkenntnisse im letzten halben Jahrtausend VI Sonstiges: - Zufall und Notwendigkeit, - Partnerwahl, - Themen für demnächst
Literaturempfehlung: Anton Pannekoek: Marxismus und Darwinismus (zu beziehen als Email von folgender Adresse: fernleihe@fes.de; die Homepage davon ist: http://library.fes.de)



I. Marxismus und Wissenschaft

Der Marxismus verfolgt die Ergebnisse anderer Wissenschaften und integriert sie in sein Weltbild. Marx und Engels haben die Erkenntnisse Darwins begeistert begrüßt. Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nichts zurecht legt, dass sie nach der Wahrheit strebt, dass sie uneigennützig ist. Aber es ist eine Illusion zu glauben, dass der Mensch interessenlos forscht.

Ist der Marxismus eine Wissenschaft? Man sollte präzisieren und sagen: Der Marxismus ist eine wissenschaftliche Methode, die die Welt vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus betrachtet. Der Marxismus als Gesellschafts“wissenschaft“ kann keine Laboruntersuchungen im Sinne der Naturwissenschaften durchführen. In der Gesellschaft ist kein Experiment möglich, das z.B. untersuchen könnte, ob die Gewerkschaften für die Arbeiter schädlich sind oder nicht.
Wissenschaft guckt hinter den Schein, z.B. hinter die scheinbare Bewegung der Sonne, die im Osten auf~ und im Westen untergeht.

II. Der Mensch als bestimmte Tierart

Der Mensch gehört zu den geselligen höheren Säugetieren. Er hat bestimmte Eigenschaften, die in seinen Genen festgelegt sind, die ihn zu einer besonderen Spezies machen. Die höheren Säugetiere stimmen in ihrem Genbestand ziemlich überein und weichen nur wenig voneinander in ihrem Genbestand ab, aber diese Abweichung macht die jeweils verschiedenen Arten aus.

III. Welche Eigenschaften machen den Menschen gegenüber den anderen höheren Säugetieren aus? Oder die Frage der Menschwerdung.

Es müssen viele Sachen zusammenkommen und viele Entwicklungsschritte da und dort sich gegenseitig befruchten, um aus dem höheren geselligen Säugetier, von dem der Mensch abstammt, den ersten primitiven Menschen zu machen. Dazu gehören u.a. folgende in den Genen festgelegte Sachen: der aufrechte Gang und damit das Freiwerden der Hand, eine qualitative Weiterentwicklung des Gehirns, die Anfänge der Sprache, die Entwicklung eines sozialen Verhaltens. Dabei ist die Hand nicht nur ein Werkzeughalter, sondern gleichzeitig ein Tastorgan, ein Ausdrucksmittel für Zärtlichkeiten und in Form der Gestik für Gefühle und Verständigung, und auch schon sehr früh ein Mittel, um Kunstwerke zu schaffen, wie an den Höhlenmalereien so beeindruckend zu sehen ist.

Eine sehr fruchtbare Fragestellung in der Diskussion war: Ist es möglich, dass sich aus der heutigen Tierwelt noch einmal ein Mensch oder ein menschenähnliches Wesen entwickelt. Es gibt wohl kaum eine menschliche Eigenschaft, eine menschliche Potenz, von der es in der Tierwelt keine Ansätze gäbe. Darwin zeigt das in aller Eindrücklichkeit auf. Ob das „Sprache“ ist oder soziales Verhalten oder die Fähigkeit Gemütsbewegungen auszudrücken oder Werkzeuge zu gebrauchen oder vor allem auch zu denken.

In der Diskussion wurde die Möglichkeit einer solchen Entwicklung verneint, wobei als Begründung angeführt wurde, dass beim Tier sein Körper seine Grenze ist, in seinem Körper seine Beschränkung liegt; dass ein Tier sehr gut an seine bestimmte Umwelt angepasst ist; dass es mit seinen Körperorgane nur über angewachsene, auf einen bestimmten begrenzten Zweck spezialisierte „Werkzeuge“, Waffen verfügt; dass aber der Mensch dadurch, dass seine Vorderfüße frei, zur Hand geworden sind, er verschiedenen Werkzeuge in die Hand nehmen und dann wie ein Maulwurf graben, wie eine Seidenraupe spinnen oder wie ein Raubtier jagen kann. Der Mensch kann sein Werkzeug je nach Zweck auswechseln. Gerade dadurch, dass der Mensch so wenig spezialisiert ist, dass er z..B. ein Allesfresser ist, ermöglichte es, dass er sich auf die ganze Erde ausbreiten konnte.

Das Menschenkind kommt unfertig zur Welt, es ist ein Nesthocker. Die Kindheit beim Menschen dauert lange. Zur Erziehung eines Menschenkindes bedarf es eines ganzen Dorfes, wie man so treffend sagt. Es bedarf der Solidarität, der Pflege und Entwicklungsförderung der Gemeinschaft. Das Menschenbaby kann sich nicht wie das Affenbaby an der Mutter festklammern und muss deshalb anderweitig Nähe herstellen durch Lachen und Weinen und so.
Alle in ihrer Qualität besonderen menschlichen Potenzen wie Sprache, Kunst, Denken, die Werkzeugsherstellung und ihr Gebrauch können und konnten sich nur im Kollektiv entwickeln.

IV. Bevölkerungsgesetz

In der Einleitung wurde an den Sozialdarwinismus erinnert. Im Sozialdarwinismus werden die Erkenntnisse Darwins zurecht gebogen und als Rechtfertigung für die Herrschaftsansprüche der Bourgeoisie missbraucht. Nach dem Pfaffen Malthus sind Krisen und Naturkatastrophen notwendig, um die überzählige Bevölkerung zu reduzieren.

Es wird sich zeigen, ob der Mensch ein lebensfähiges Wesen ist oder nicht, ob die heutige Gesellschaft in Barbarei und Selbstzerstörung endet oder ob der Mensch fähig ist, sich weiter zu entwickeln und eine Gesellschaft zu erringen, die dem Menschen gemäß ist, in der er aufblühen kann, den Kommunismus.

Jede Gesellschaftsform hat ihre eigenen Populationsgesetze: Die antike römische Gesellschaft brauchte Sklaven, aber Sklaven ohne Kinder. Das war einer der Ursachen, dass das römische Reich von den kinderreichen Germanen überrannt wurde. Der hochentwickelte Kapitalismus mit seiner Lohnarbeit lässt die Bevölkerungsanzahl sinken. Er ist kinderfeindlich. Und global gesehen gleicht die Vermehrung der Bevölkerung einem Wildwuchs, u.a. deshalb weil es für die Altersversorgung notwendig ist, viele Kinder zu haben.
Auch der Kommunismus wird sein eigenes Bevölkerungs“gesetz“ haben. Aber es wird dem Menschen als eines bewussten Wesens entsprechen.

Soll man das Selektiongesetz ein Gesetz des Stärkeren oder ein Gesetz der Anpassungsfähigkeit nennen? Was heißt Stärke? Ist das nur die körperliche Kraft? Stimmt es, dass dadurch, dass die Medizin das Leben von Menschen ermöglicht, die ohne ihre Hilfe nicht leben könnten, dass dadurch die Überlebenschancen der Menschheit gemindert werden? Man sieht heute so deutlich wie noch nie, wohin die Konkurrenzgesellschaft führt. Nur die weitere Entwicklung des Mitgefühls, der Solidarität, des Schutzes des Schwachen kann die Menschheit vor dem Untergang retten.

V. umwälzende, bahnbrechende Erkenntnisse im letzten halben Jahrtausend

Darwin gehört neben Kopernikus, Marx und Freud, und den Forschern, die das menschenzentrierte Bild der Welt zerstört haben. Darwin widerlegt die religiöse Schöpfungsgeschichte, nach der ein Gott, ein außerirdischer Wesen, durch seine Worte „Es werde Licht und es ward Licht, es werde z.B. der Elefant und es ward der Elefant, es werde der Mensch und es ward der Mensch“ die Welt geschaffen hat; dass die Welt, die Tiere, die Menschen von Anfang an unveränderlich existierten und er beweist, dass es eine Entwicklung von niederen zu höheren Lebewesen stattfand.

Engels schreibt an Marx: „Übrigens ist der Darwin, den ich jetzt grade lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt gemacht, das ist jetzt geschehen. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen.“(MEW 29, S. 524)

Darwin sagt, dass im natürlichen Ausleseprozess, das für das Überleben Günstige befördert wird und das Ungünstige auf die Dauer ausstirbt. Die zufälligen Genmodifikationen können vorteilhaft oder schädlich sein. Exemplare einer Art, die vorteilhafte Genänderungen aufweisen, haben eine größere Chance zu überleben als die, die diese haben oder gar nicht schädliche Genmodifikationen.

Bei an ihre Umwelt überangepassten, hochspezialisierten Arten besteht die Gefahr, dass, wenn ihre Umwelt sich ändert, sie aussterben, wie das bei den Sauriern geschehen ist. Darwin beweist, dass die Affen und die Menschen gemeinsame Vorfahren haben, aus denen sich dann in verschiedener Richtung die Affen und die Menschen entwickelt haben. Er zeigt, dass Solidarität und Zusammenhalt, der Herdeninstinkt ein Aktivposten beim Überleben sind. Darwin war nicht der erste, der eine allmähliche Höherentwicklung in der Tier~ und Pflanzenwelt annahm, aber er war der erste, der die Gründe für die Höherentwicklung herausfand.

Darwin hat sich auf die Erkenntnisse anderer Wissenschaftler gestützt und deren Leistungen neidlos anerkannt und gewürdigt. Er sagt z.B., dass ihn das Lesen der Bevölkerungstheorie von Malthus auf die Idee der Selektion, der Abstammungstheorie, gebracht hätte. Darwin war sein ganzes Leben neugierig, hat sich die Fähigkeit zum Staunen bewahrt, - Neugier und Staunen sind wesentliche Quellen der Wissenschaft. - hat sich Fragen gestellt, ist ohne Scheuklappen herangegangen, hat Jahrzehnte lang geduldig geforscht, hat seine Auffassungen korrigiert, wenn sie sich im Verlauf der Forschung als falsch erwiesen. Er war in der Lage kühne Schlüsse zu ziehen.

So hat er, als auf den Höhen der Alpen Reste von Meerestieren gefunden wurden, den kühnen Schluss gezogen, also müssen die Alpen einmal Meeresboden gewesen sein. Darwin denkt geschichtlich und sieht den großen Zusammenhang.

Darwin hat gezeigt, dass der Mensch ein Teil der Natur, des Kosmos ist, wenn auch ein besonderer. Der Mensch muss sich in die Welt einfügen, darf sich nicht gegenüber der Natur benehmen wie ein Eroberer im besetzten Territorium. Marx hat gezeigt, dass der Mensch noch nicht Herr der Gesellschaft ist, dass diese von Gesetzen bestimmt ist, die hinter dem Rücken der Menschen wirken. Freud hat gezeigt, dass der Mensch noch einmal Herr im eigenen Haus ist, dass er stark von unbewussten Kräften gesteuert wird. Es wurde noch Spinoza genannt, der wesentliches zum Verständnis des Menschen beigetragen hat. Spinoza betonte, dass es um Verstehen geht, um die Anerkennung der verschiedenen Strebungen im Menschen, um das Verständnis des Zusammenhangs dieser verschiedenen Strebungen und damit der Möglichkeit der bewussten Gestaltung.

VI. Sonstiges

- Zufall und Notwendigkeit
Es wurde gefragt: Gibt es Zufall? Die Antwort war: Zufall und Notwendigkeit gehören eng zusammen, sie bilden eine dialektische Einheit. Man kann das eine gar nicht ohne das andere denken. Mutationen, obwohl sie sich zufällig ereignen, können gewaltige Auswirkungen nach sich ziehen. Es ist viel Zufall dabei, dass gerade das Ei mit der männlichen Samenzelle zusammenkommt.

- Partnerwahl
Dieser Punkt wurde angesprochen, ist aber nicht weiter behandelt worden. Was sind die Gründe dafür, dass sich gerade diese zwei Menschen zur Paarung zusammentun? Welche Rolle spielen bei der Selektion die Kämpfe um die Position des Alphatiers. Welche Eigenschaften spielen dabei eine Rolle. Welche Rolle spielen die weibliche Tiere dabei. Das ist gesagt worden, dass die weiblichen Tiere eine ganz erhebliche Rolle spielen, wenn nicht die entscheidende Rolle spielen.

- Themen für demnächst
1. Marxismus und Psychoanalyse; 2. Die Frage der Ideologie anhand der Deutschen Ideologie von Marx und Engels; 3. Marxismus und Medizin


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