Diskussionssynthesen - Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Politischer Diskussionszirkel Rheinland

Synthese der Diskussion über Erziehung und Revolution

Der Diskussionszirkel traf sich in recht großer Runde zum Thema "Erziehung und Kommunismus". Die Referentin äußerte ihre Freude, aber auch ihr Erstaunen über ein solch reges Interesse an diesem Thema. Die anderen TeilnehmerInnen fanden die Einleitung ausgezeichnet und starteten gleich in die Diskussion. Im Laufe der Diskussion kamen einige TeilnehmerInnen darauf zurück und sagten, dass die Frage der Erziehung und der Bildung gerade für viele junge Leute heute eine vordringliche Frage ist. Ein Teilnehmer verwies auf die Jugendproteste in Griechenland. Ungeachtet der Tatsache, dass in den Medien primär über eine Minderheit von gewaltbereiten Autonomen berichtet wurde, habe sich die große Mehrheit der SchülerInnen und StudentInnen durch friedliche Demonstrationen, Diskussionen und Vollversammlungen für mehr und bessere Bildung eingesetzt und sich gegen die Regierung ausgesprochen. Sie wollen lernen, und wer über Bildung und Erziehung spricht, der spricht zugleich auch über die Zukunft. Welche Zukunft erwartet uns? Was müssen wir wissen und lernen, um in dieser Welt bestehen zu können und um diese zu verbessern? Eine Teilnehmerin bemerkte, dass Jugendproteste zur Zeit sehr zugenommen haben, auch wenn nur am Rande darüber berichtet wurde. So etwa in Italien, Spanien, Argentinien, aber auch in Deutschland.

Die Runde diskutierte einige Fragen:
1. Wie sieht Erziehung im Kapitalismus heute tatsächlich aus?
2. Was sind die tieferliegenden Gründe für die bestehenden Probleme in Erziehung und Bildung heute?
3. Gibt es die Möglichkeit einer besseren Erziehung im Kapitalismus?
4. Was heißt überhaupt Erziehung? Welches Menschenbild steckt hinter den unterschiedlichen Erziehungskonzepten?
5. Wie könnte Erziehung im Kommunismus aussehen?

In der Diskussion konzentrierten wir uns primär auf den Stand der Erziehung und der Institution Schule in den Industriezentren. Wir waren uns aber der Tatsache wohl bewusst, dass es in der globalisierten Welt heute noch immer Millionen von Menschen gibt, die nie eine Schule besuchen oder besucht haben. Insgesamt waren sich alle TeilnehmerInnen einig, dass der staatlichen Bildungs- und Erziehungspolitik ein schlechtes Zeugnis ausgestellt werden muss. Zwar werde in der Politik gerade zur Zeit sehr betont, dass für ein Land wie Deutschland die Jugend die potenziellen Fachkräfte der Zukunft seien. Zugleich ändere sich aber nichts an der Größe der Klassen, der Druck auf die SchülerInnen durch das "Turbo-Abitur" etc. sei weiter gestiegen. Bei vielen Kindern und Jugendlichen werde Schule mit Leistungsdruck und Angst assoziiert, nicht aber mit Neugierde, Kreativität und Freude. Außerdem würden die Kinder (zu früh) selektiert. An vielen Gymnasien übertrieben es so manche Eltern aus Angst, ihre Kinder könnten in dieser kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft nicht bestehen, und drillten ihre Kinder mit Nachhilfe und weiteren Kursen. Das andere Extrem sei die Hauptschule. Wer heute auf die Hauptschule komme, der habe kaum eine Chance auf Ausbildung und Arbeit. Eine Teilnehmerin berichtete von einem Gespräch mit einer Hauptschulklasse beim Arbeitsamt. Die meisten von ihnen sagten, sie hätten keine Zukunft, keine Aussicht auf eine Lehrstelle. Wenigstens würden sie an der Hauptschule lernen, wie man einen Hartz-IV-Antrag stellt. Sind die Hauptschulen dann nur noch reine Verwahranstalten?
In der Diskussion entwickelte sich die These, dass das Hauptproblem im Kapitalismus ist, dass die Menschen immer mehr vereinsamen, die Eltern mit der Erziehung von der Gesellschaft alleingelassen werden und oft überfordert sind. Immer wieder liest man traurige Meldungen von verwahrlosten und vernachlässigten Kindern. Aber auch die Schulen sind überfordert. Eine Teilnehmerin sagte, dass der Kapitalismus nicht mal in der Lage ist, ausreichend Fachkräfte auszubilden, da viele Schüler nicht mal die elementarsten Kenntnisse erlernen. Es gebe in der Erziehung einen Widerspruch zwischen der Theorie und der Praxis. Heute herrsche die Ideologie der Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit jedes Einzelnen. Aber nach wie vor entscheidet der Wohlstand und der Bildungsstand viel zu oft darüber, welche Bildung Kinder erhalten. Außerdem ist durch die Krise kein Geld da, auch für Dinge, von denen man weiß, dass sie eine echte Verbesserung der Bildung und Erziehung bringen würden, z.B. mehr Lehrkräfte und ErzieherInnen.
Es wurde die These aufgestellt, dass es im Kapitalismus keine echte Erziehung geben kann:
1. weil es nicht darum geht, Menschen, sondern arbeitsfähige Lohnarbeiter herzustellen,
2. weil auch die Lehr-und Erziehungskräfte Lohnarbeiter sind.
In beiden Fällen haben wir es mit der Entfremdung des Menschen vom Menschen zu tun.

Hierauf folgte die Frage: Gibt es die Möglichkeit einer anderer Erziehung im Kapitalismus?
Ein Teilnehmer war hin und hergerissen. Einerseits sagte er, dies sei nicht möglich, da es im kapitalistischen Erziehungssystem nicht um den Menschen an sich, sondern um die Ware Arbeitskraft gehe. Andererseits habe er auch von reformpädagogischen Ansätzen im Kapitalismus gehört, z.B. den Waldorf-Schulen. Eine Teilnehmerin konnte aus eigener Erfahrung von einer Steiner-Waldorf-Schule berichten. Sie gab das Beispiel, dass SchülerInnen sich selbst Themen für eine Projektarbeit aussuchen dürfen und so mehr beeinflussen können, was sie lernen möchten. So kann mehr Verantwortungsbewusstsein und Freude am Lernen entstehen. Dennoch äußerte sich die Teilnehmerin zugleich kritisch über ein solches Schulkonzept, da man an einer solchen Schule wie in einer abgeschlossenen Welt lebe und nach dem Schulabschluss mit der harten, aber realen Welt konfrontiert werde. Wie kommt man in der Welt zurecht, wenn man über Jahre in Watte eingepackt wird? Manche TeilnehmerInnen äußerten sich sehr kritisch in Bezug auf die Weltsicht der Waldorf-Schulen. Eine Teilnehmerin war der Meinung, dass es schon positive reformpädagogische Ansätze gebe, wie etwa von Maria Montessori oder Reggio. Für diese steht nämlich z.B. der Mensch im Mittelpunkt und nicht der Profit. Letztlich könnten diese aber in der heutigen Welt nur kleine Ansätze bleiben, da Erziehung nicht außerhalb der Gesellschaft stattfindet. Grundsätzlich sei das Problem der Reformpädagogen, dass sie zwar gute Ansätze haben, aber letztlich nicht das System in Frage stellen. Mehrere TeilnehmerInnen betonten, dass viele Pädagogen wichtige Theorien und Ansätze entwickelt hätten, z.B. Humboldt, Rousseau oder Herder. Oft hatten sie geglaubt, die Gesellschaft für alle wirklich verbessern zu können. Zwar seien diese Ideen im Kapitalismus letztlich nicht realisierbar, aber in Zukunft könnte man auf viele gute Ideen zurückkommen.

Was aber heißt denn genau Erziehung, fragte ein Teilnehmer. Er selbst vertrat die Auffassung, dass der Mensch integraler Bestandteil der Gesellschaft sei. Gefördert werde in der heutigen Gesellschaft aber nur, was gefragt sei. Der Kapitalismus sei nur auf Spezialisierung aus. Daher gehe es der Bildung schlecht. Für ihn ergab sich daher folgendes Resümee: Wenn die Bildung so nicht funktioniert, dann funktioniert auch die Gesellschaft nicht.
Die Diskussionsrunde war einverstanden, dass die Qualität der Bildung und die Menschen an sich als Gradmesser dafür angesehen werden könnten, wie es um der bestehenden Gesellschaft bestellt sei.
Ein Teilnehmer wandte ein, dass Kinder auch heute noch oft so behandelt würden, als seien sie leere Gefäße, in die man Wissen zu füllen habe. So würden die Kinder mit Wissen nur so vollgestopft. Was aber soll man lernen?
Es wurden Stichworte genannt wie Fähigkeit zur Reflexion und das Denken in Zusammenhängen, Selbstständigkeit, Umgang mit Mitmenschen und Natur, Neugierde und Freude am Lernen.
Eine Teilnehmerin sagte, dass die Menschen in der Tat nicht als leere Gefäße zur Welt kämen. Von Geburt an sei in den Kindern Neugierde und Lernpotenzial vorhanden. Erziehung sei letztlich die Vermittlung einer solchen Neugierde. Ein Teilnehmer griff diesen Ansatz auf und legte dar, dass gerade Erwachsene oft mit unglaublich vielen Vorurteilen durchs Leben gingen, angeeignet durch Alltagswissen (�Das ist eben so') und z.B. auch durch Bildung. Daher könnten wir nicht richtig lernen. Diese Erfahrung musste schon vor langer Zeit Sokrates machen. Er führte mit Menschen auf der Straße den sog. sokratischen Dialog, stets mit dem Ziel, dass die Menschen scheinbar Selbstverständliches auch in Frage stellen. Ist dies wirklich so, wie ich denke? Die erste Einsicht für Sokrates war stets: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Im Sinne von Sokrates müssten wir aber lernen, wie die Babies und Kleinkinder die Welt neu zu entdecken. Es sei erstaunlich, wie leicht und spielerisch Kinder z.B. Sprachen erlernen könnten. Es entsponn sich eine Diskussion über die Gehirnforschung. Hat der Mensch bereits Vorwissen oder lediglich die Veranlagung zu lernen, da die Synapsen im Gehirn noch nicht so verschaltet sind? Hierzu gab es unterschiedliche Auffassungen. Einig war man sich aber über das grundsätzliche Potenzial der Menschen, welches jedoch nur in entsprechenden Rahmenbedingungen zur Entfaltung kommen könne (z.B. Aufwachsen in Geborgenheit und Liebe). Wichtig für Kinder sei grundsätzlich, von Anfang an ein Selbstwertgefühl und ein Selbstbewusstsein zu erlangen. Davon ausgehend kam die Frage auf: Was können Menschen überhaupt? Welches Menschenbild haben wir?
In der Kirche wurde den Menschen stets eingeredet, dass sie böse sind (Erbsünde). In der frühen Neuzeit entstand mit der Aufklärung und der französischen Revolution die Idee, der Mensch komme als leeres Blatt Papier zur Welt und müsse mit Wissen beschrieben werden. Einstein hatte da eine andere Einstellung. Er sagte immer wieder, dass er nie aufgehört habe, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen, d.h. zu staunen, zu fragen: WARUM? Der Mensch ist nämlich ein schöpferisches Wesen. Der Mensch kann sich seine eigene Welt erschaffen. Die große Frage sei es, wie der Kapitalismus all diese im Menschen vorhandene Neugierde und Wissbegierde zerstöre. Eine Teilnehmerin schloss sich dieser Idee an und ergänzte, dass kleine Kinder unglaublich kreativ sind und Spaß am Lernen haben. In der Schule aber sei es bei vielen dann damit vorbei. Für viele bedeute Schule nur noch Noten, Stress und Angst. Man habe keinen Bock auf Lernen mehr. Dabei hat man inzwischen festgestellt, dass durch sog. Dopamine Glücksgefühle freigesetzt werden, wenn man etwas verstanden hat. Daher gibt es an sich diesen inneren Antrieb zum Lernen. Wenn man aber Angst hat zu versagen, wird dies kaputt gemacht.

Wenn man aber im Kapitalismus die Menschen nicht gut erziehen kann, bedeutet dies nicht auch eine Gefahr, die Gesellschaft nicht verändern und verbessern zu können? Kann man dann die klassenlose Gesellschaft erreichen? Eine Teilnehmerin sagte, dass man zwischen der Lerninstitution Schule und dem Lernen im Leben unterscheiden müsse. Den Kommunismus könne man überhaupt nur erreichen, wenn die arbeitende Bevölkerung dafür kämpfe und sich im Kampf auch weiterentwickle und -bilde, z.B. in Massenstreiks. Ein Teilnehmer kam auf die Frage zurück, ob es überhaupt etwas bringen würde, in dieser Gesellschaft Lehrer zu werden. Er meinte dazu, dass es zum Glück ja auch viele ErzieherInnen und LehrerInnen gäbe, die diesen Beruf ergreifen, da sie trotz aller widrigen Umstände gemeinsames Lernen als Freude erfahrbar machen möchten. Dies habe zwar unmittelbar nichts mit dem Klassenkampf zu tun, wohl aber mit Menschlichkeit. Dies sei eine Bemühung gegen die Emtfremdung und damit für die Zukunft.�

Im Laufe der Diskussion kamen unterschiedliche Beiträge immer wieder auf die Frage zurück, wie die Erziehung wohl im Kommunismus aussehen könnte. Es wurden verschiedene Thesen aufgestellt:
1. Im Kommunismus ist Bildung die Fortsetzung der grenzenlosen Neugierde im Kindesalter bis ins Erwachsenenalter
2. Für die Erziehung der Kinder braucht man die gesamte Gesellschaft und viele Generationen; Eltern werden nicht allein gelassen
3. Da alle alle erziehen, benötigt man keine Schulen mehr als Orte des Lernens.
4. Man benötigt zwar keine Schulen wie in der heutigen Form, aber es sollte schon voll ausgebildete ErzieherInnen, LehrerInnen und Lernorte geben
5. Lernen heißt allgemeines und lebenslanges Lernen

Viele Fragen konnten noch nicht genügend in der Diskussion vertieft werden. So etwa, was Erziehung eigentlich ist, wie diese im Kommunismus konkret aussehen könnte und welche Rolle Bildung im Klassenkampf spielt (Rosa Luxemburg betonte in der Massenstreikfrage 1905/06 neben dem ökonomischen und politischen Aspekt des Massenstreiks auch den kulturellen). Daher wird es eine Fortsetzung der Diskussion geben. Beim nächsten Mal sollen auch pädagogische Grundsätze, das Menschenbild und die Gesellschaftskritik der Pädagogen Comenius und Rousseau kurz vorgestellt werden. Des Weiteren wird kurz der utopische Roman von William Morris, "Reise ins Nirgendwo", als eine gedankliche Konkretisierung der Erziehung und Bildung im Kommunismus präsentiert werden. Grundsätzlich fanden alle TeilnehmerInnen den Diskussionsverlauf und die Atmosphäre sehr positiv. Ein Teilnehmer bedauerte lediglich, dass wir aus aktuellem Anlass nicht mehr über die Jugendproteste in Griechenland gesprochen hatten. Darauf möchte man zurückkommen. Ein weiterer Teilnehmer betonte, dass die Einleitung und die Diskussion einen sehr interressanten Anfang gemacht haben, um die Frage der Erziehung vom Standpunkt des Marxismus aus zu betrachten.

 

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