Evolution im Licht der Systemdenker

Die Wissenschaft ist sich heute bewußt, daß es in der gesamten Entwicklungsgeschichte lange Epochen der Stabilität gegeben hat, ohne irgendwelche genetischen Abweichungen. Diese Epochen wurden immer wieder durch plötzliche und dramatische Übergänge unterbrochen.

Die Systemdenker sind der Meinung, daß die evolutionären Veränderungen als Ergebnisse der dem Leben innewohnenden Tendenz gesehen werden können, dementsprechend haben Systembiologen damit begonnen, das Genom als ein selbstorganisierendes Netzwerk darzustellen, das imstande ist, neue Ordnungsformen spontan zu erzeugen.

Es ist zwar noch keine neue umfassende Evolutionstheorie formuliert worden, aber einige Modelle und Theorien selbstorganisierender Systeme liefern die Elemente zur Erstellung einer derartigen Theorie:

Unser Blickwinkel verlagert sich von der Evolution zur Koevolution-einem immerwährenden Tanz, der durch ein subtiles Zusammenspiel von Wettbewerb und Kooperation, von Schöpfung und gegenseitiger Anpassung in Gang gehalten wird.

Die treibende Kraft der Evolution ist nicht in den beliebigen Vorgängen von Zufallsmutation zu finden, sondern in der dem Leben selbst innewohnenden Tendenz, Neues zu erschaffen. Sie äußert sich im spontanen Auftreten von zunehmender Komplexität und Ordnung.

Neben den Begriffen der Transformation und Mutation ist der Begriff der Symbiose sehr wichtig. Die Symbiose, die Neigung verschiedener Organismen, in engem Verband miteinander und oft ineinander zu leben, ist ein weitverbreitetes und bekanntes Phänomen. Lynn Margulis stellte die Hypothese auf, daß langfristige Symbiosen, bei denen Bakterien und andere Mikroorganismen in größeren Zellen leben, zu neuen Lebensformen geführt haben und auch weiterhin führen. Sie entwickelte daraus die Theorie der "Symbiogenese", die in der Schöpfung neuer Lebensformen durch permanente symbiotische Arrangements den Hauptweg der Evolution der Evolution aller höheren Organismen sieht.

Die Theorie der Symbiogenese stellt einen radikalen Perspektivenwechsel in der Evolutionslehre dar. Während man bei konventioneller Betrachtungsweise in der Entfaltung des Lebens einen Vorgang erblockt, in dem die Arten nur voneinander abweichen, behauptet Lynn Margulis, daß die Bildung neuer zusammengesetzter Einheiten durch die Symbiose von zuvor unabhängigen Organismen die stärkere und bedeutendere evolutionäre Kraft sei. Für die evolutionäre Entfaltung des Lebens gibt es nach der Systemtheorie drei unterschiedliche Triebfedern:

  1. Mutation: Sie werden durch einen zufälligen Fehler bei der Selbstverdoppelung der DNS verursacht.
  2. Genaustausch: Bakterien geben Erbeigenschaften einander frei weiter, und zwar in einem globalen Austauschnetz von unglaublicher Leistungsfähigkeit. (DNS-Rekombination, Transformation)
  3. Symbiose: Zusammenleben artverschiedener, aneinander angepaßter Organismen zu gegenseitigem Nutzen (Endosymbiontentheorie).

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