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Die Frage, die die Menschheit
in Verbindung mit dem Mars am meisten bewegt hat, war sicherlich die Frage nach Leben auf
dem roten Planeten, eine Frage, deren Beantwortung sicherlich eine unvorstellbare Wirkung
auf vielerlei Bereiche wie Wissenschaft, Religion und Philosophie haben und unsere
Sichtweise auf die Biologie und die Evolution neu definieren...
Im
Altertum stellte man sich die Gestirne und Planeten als mächtige Götter vor, die in der
Himmelssphäre über die Menschen wachten. Als Jahrhunderte später mit der Renaissance
die bis dahin größte Blütezeit der Wissenschaft begann, erkannte man recht bald, dass
der Mond zu unwirtlich und die Sonne zu heiß war, um Leben hervorzubringen. So richtete
man den Blick einen Schritt weiter. Er sollte schließlich am Mars hängenbleiben, jenem
geheimnisumwitterten Planeten, der der Erde so nahe kommt, wie kaum ein anderer
Himmelskörper. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche
Science-Fiction-Geschichten über Abenteuer auf dem Mars geschrieben, doch auch die
meisten Wissenschaftler jener Epoche waren von der Existenz grüner Männchen auf dem
roten Planeten überzeugt. Ihr überzeugtester Vertreter war Percival Lowell, der sich bis
zu seinem Tode Anfang des 20. Jahrhunderts sicher war, die Machenschaften der Marsbewohner
beobachtet zu haben. Er glaubte, riesige Kanäle gesehen zu haben, mit denen die Marsianer
Wasser von den (tatsächlich zum großen Teil aus Wassereis bestehenden) Polkappen zu den
trockenen Äquatorregionen leiten sollten.
Im Laufe
der Dekaden fand man heraus, dass der Mars zu kalt und seine Atmosphäre zu dünn war, um,
wie Powell meinte, ein für Lebenangenehmes Klima zu erzeugen. Nachdem die ersten
Raumsonden die Theorie des leblosen Mars unterstützt hatten, waren die meisten Hoffnungen
verflogen. Sie keimten erst wieder auf, als man bewies, dass auf der Erde Kleinstlebewesen
selbst unter mörderischen Druck- und Temperaturverhältnissen überleben konnten. Den
einzigen Knackpunkt stellte der Mangel an Wasser dar.
Unter den
Gesichtspunkten der von den Raumsonden und Messungen ermittelten Daten über die
Atmosphäre und das Klima des roten Planeten wurde bald klar, dass Wasser an der freien
Luft nicht in flüssiger Form existieren konnte, denn bei dem geringen Luftdruck würde es
augenblicklich verdampfen. Wo konnte es also sonst in flüssigem Aggregatszustand
existieren? Die Antwort war ebenso offensichtlich wie verblüffend: Unter der Oberfläche.
Hier stellt der Luftdruck kein Problem dar und auch die Schwierigkeiten, die durch die
niedrigen Temperaturen und die hohen Strahlungswerte entstehen, sind zumindest zum Teil
beseitigt. So entstand bereits in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Theorie, dass
nur wenige Millimeter unter der Oberfläche in winzigen, wassergefüllten Nischen Mikroben
existieren können, denn dies wurde auch schon in der Antarktis beobachtet. Ebenfalls
denkbar, wenn auch etwas vager, ist die These, dass Leben in riesigen, wassergefüllten
Bassins tief unter der Marsoberfläche einen Weg gefunden haben könnte. Wenn dortige
Lebewesen auch Spekulation sind, so scheint doch die Existenz jener Bassins sicher zu
sein... Man
entdeckte nämlich neben breiten Flussbetten und verschlungenen Tälern mit unzähligen
Einmündungen auch Systeme von Nischen (hügelige und nach dem Wasseraustritt eingefallene
Austrittsstellen), Rinnen (voluminöse, ausgewaschene Flussläufe) und Auswürfen
(Auslaufdeltas, in denen auch das restliche Wasser verdunstet oder gefroren ist und sich
der Abraum abgelagert hat), die durch Wasser verursachten Formationen auf der Erde sehr
stark ähneln, bei denen in kürzester Zeit riesige Mengen von Wasser durch die
Oberfläche brechen und sich in die Ebenen ergießen. Man ist sich mittlerweile so gut wie
sicher, dass jene Figuren, die man in unglaublicher Quantität auf dem Mars antrifft,
durch flüssiges Wasser entstanden sind. Bislang gibt es für diese Phänomene, bei denen
sich innerhalb von etwa 2 Wochen - vielleicht sogar noch rascher - unvorstellbare Mengen
von Wasser über den Planeten ergossen haben (zum Teil das 1000-fache Volumen des
Amazonas) und noch schneller wieder verdunstet sind, nur eine plausible Erklärung. Diese
setzt die Existenz von riesigen, unterirdischen Wasserreservoirs voraus. Beispielsweise
durch Meteoriteneinschläge, Erosion oder Erdrutsche nähern sich die normalerweise 100
bis 400 Meter tief (und bis jetzt noch unerklärlicher Weise recht polnah und schattig)
gelegenen, meist nur ein Volumen von etwa 2,5 Millionen Litern besitzenden Bassins der
Oberfläche, was vor allem an Berghängen entscheidend sein kann.
Das
Sickerwasser an den, was diese Theorie bestätigt, immer auf der Schattenseite gelegenen
Abhängen, Talrändern und Kraterwänden gerät in Kontakt mit der dünnen Luft der
Marsatmosphäre und verdampft sofort. Dabei kühlt sich das unmittelbar dahinter liegende
Wasser stark ab, da ihm sehr viel Energie entzogen wird. So bildet sich ein Eisdamm, auf
den der Druck des nachfließenden Wassers immer stärker wird, bis der Damm schließlich
bricht und sich das Wasser in einer riesigen Flut in den Kraterboden ergießt, dabei viel
Geröll mit sich reißt und so die noch heute sichtbaren Rinnen, Kanäle und Auswürfe
formt. Der letzte bekannte derartige Ausbruch größerer Art hat, wie die geringe Anzahl
der Krater in jenem Gebiet belegt, erst vor etwa 2 Millionen Jahren stattgefunden, was die
Theorie, nach der auf dem Mars noch immer Wasser existiert, weiter festigt. Andere,
kleinere Ergüsse, zum Beispiel an Kraterwänden, sollen sich gar in geschichtlicher, zum
Teil sogar noch viel modernerer Zeit ereignet haben, da sie sehr frisch aussehen (unter
anderem keine Krater) und manchmal sogar noch andere, ebenfalls ausgesprochen junge
geologische Strukturen wie zum Beispiel nur wenige Äonen alte Dünen überdecken
(derartige Formationen kommen vor allem in Polnähe in erstaunlicher Vielfalt und
ungewöhnlicher geologischer Zusammensetzung vor). Einer von ihnen ist gar so wenig von
frischem Marsstaub bedeckt, dass er eventuell erst wenige Tage - vielleicht aber auch
einige Monate - vor der Aufnahme durch die Kameras von Mars Global Surveyor entstanden
ist. Wenn die Bestätigung dieser sehr wahrschinlich korrelten These gelänge, wäre dies
ein untrüglicher Beweis für die Existenz riesiger, unterirdischer Wasserreservoire und
ihre Aktivität auf dem roten Planeten bis in die heutige Zeit. Aber nicht
nur derartige Rinnen und Auslaufareale finden sich auf dem roten Planeten, sondern auch
riesige Becken und tiefe Kanalsysteme, von denen das Valles Marineris, dass die gesamte
USA bedecken würde, das mit Abstand größte ist. Zum Teil bis zu 7 Kilometer tief und
5000 Kilometer lang, übertrifft es den Grand Canyon auf der Erde bei weitem. Auch wenn
manche Sedimentationsvorgänge auch von Vulkanausbrüchen und Meteoriteneinschlägen
herrühren könnten (allerdings nur, wenn man aufgrund der unterschiedlichen Dicken der
Schichten von einem in jener Epoche stark schwankenden Luftdruck ausginge), erscheint doch
eines sicher: Derartig riesige Gebilde wie das Valles Marineris mitsamt seinen komplexen
aerologischen Formationen können praktisch nur (beziehungsweise hauptsächlich) durch
Unmengen an Wasser - wenn auch indirekt durch den Vulkanismus verursacht - geschaffen
worden sein kann. Außerdem ließen sich viele der (allesamt etwa 3,5 Milliarden Jahre
alten und zum Teil ausgesprochen dicken) Sedimentationsschichten, vor allem in Kratern,
Schluchten und Tiefebenen in der Nähe des Marsäquators, zumindest auf unserem Planeten
nur mit der Existenz von stehenden Gewässern wie Ozeanen und Seen erklären. Hier, in den
nördlichen Hochebenen von Amazonis Planitia ist der Boden so glatt, eben und frei von
Kratern - auch von in der südlichen Hemisphäre verbreiteten schlammigen Spritzkratern,
die beim Einschlag von Meteoriten auf Permafrostboden entstanden sind - wie sonst
nirgendwo auf dem Mars. Riesige und gut erhaltene Sedimentationsschichten aus Wasser,
Kohlendioxid und Sand, zum Teil durch unbekannte Kräfte horizontal aufgefaltet,
beschreiben die gesamte Planetengeschichte. Ähnlich verhält es sich mit den
merkwürdigen, elliptischen Einbuchtungen in den Polkappen, welche vermutlich durch
Sublimation und Einstürze entstanden sind und sich noch immer weiterentwickeln...
Schluss-
endlich reichen den meisten Forschern sogar allein die Flussbetten - zum Teil sehr viel
größer als der Amazonas und dennoch heutzutage trockener als die Sahara -, die in ihrer
Form, ihrem Aufbau und ihrer Struktur fast perfekte Kopien ihrer Ebenbilder auf unserem
Planeten sind. Kaum jemand zweifelt heute noch ernsthaft daran, dass einst Wasser auf dem
roten Planeten floss und ihn entscheidend prägte: Wasser ist neben Kohlendioxid die
einzige Substanz, die auf dem Mars in allen drei Aggregatzuständen vorkommen kann (die
Temperaturen liegen wie auf der Erde nahe dem Tripelpunkt von Wasser). Und derartig
bedeutsame Stoffe dokumentieren und prägen die Entwicklung eines jeden Planeten auf eine
kaum verkennbare Weise.
Es ist
daher mittlerweile so gut wie erwiesen, dass einst auf dem roten Planeten ganz andere
Lebensbedingungen herrschten (Nur wenige Forscher glauben - zum Beispiel mithilfe des nur
in Trockenheit existierenden Minerals Olivin - beweisen zu können, dass der Mars nie warm
und feucht war; und praktisch niemand vermag die Beweise für Wasser zu entkräften).
Immerhin kann auch die Rostschicht an der Oberfläche, die dem Mars seine
charakteristische Färbung verleiht, eigentlich nur unter dem Einfluss von Wasser
entstanden sein und die Wassereiswolken in großer Höhe, an den Polen (dort auch in sehr
großen Mengen im Boden in den polaren Sedimenten bis zum 70. Breitengrad) und auf der
Leeseite der hohen Berge sind noch heute ein stummes Zeugnis jener Zeit, in der auch der
rote Planet eine blaue Welt war. Außerdem liegen der Deuteriumanteil am Wasser sowie die
Anteile verschiedener anderer radioaktiver Isotope auf dem Mars gut 5 Mal höher als auf
der Erde, was auf das Entweichen großer Mengen - insgesamt etwa 1 bis 2 Kilogramm pro
Sekunde - des leichteren Wassers aus der Atmosphäre des zu leichten Planeten
zurückzuführen ist (Aus diesen Werten lassen sich auch die Mengen der verschiedenen
molekularen Stoffe wie Stickstoff auf dem jungen Mars bestimmen). Auch dieses Fakt würde
für große Wasservorkommen in der Vergangenheit des Mars sprechen. Einige Forscher
glauben heutzutage sogar, anhand von Gesteinsuntersuchungen den Verlauf der Küstenlinie
eines vor Jahrmilliarden verschwundenen Marsozeans in der nördlichen Hemisphäre
rekonstruieren zu können. Dabei gehen sie von 2 unterschiedlichen Ausdehnungen des
Nordmeers aus, das dabei eine durchschnittliche Tiefe von 560 Metern beziehungsweise über
einem Kilometer und eine maximale Tiefe von mehr als 1,5 beziehungsweise 3,5 Kilometern
besitzen würde (Wahrscheinlich sind die Meere schrittweise geschrumpft). Doch ganz egal,
ob der Ozean 10^8 Kubikilometer Wasser enthielt oder nur den tausendsten Teil davon - was
immer noch fast dem Volumen des Mittelmeeres entsprechen würde - seine Existenz wird kaum
noch bestritten (Tatsächlich gehen heute die meisten Wissenschaftler von einer globalen
Wassermenge von 2 *10^7 bis 2 *10^9 Kubikilometern aus). Damit war der Mars in jener Zeit
vermutlich deutlich wasserreicher als die Ur-Erde. Zu diesen riesigen Gewässern kam noch
ein ausgeprägtes und offensichtlich relativ humides Klima hinzu. Die Temperaturen auf dem
Mars waren vor knapp 4 Milliarden Jahren fast so hoch wie sie heute auf der Erde sind. Das
wichtigste jedoch war der Luftdruck: Auch er war damals kurz nach der Entstehung der
ersten Atmosphäre, wie durch Sedimentablagerungen bestätigt wurde, etwa 50 bis 100 Mal
so hoch wie er es in der Gegenwart ist. Unter diesen Umständen ist eine Entstehung von
Leben auf dem Mars genauso denkbar wie auf der Erde. Und da sich eben in diesem Zeitrahmen
auf unserem Planeten die ersten primitiven Lebensformen bildeten, könnte uns eine
Entdeckung derartig alter Fossilien auf dem Mars sehr viel über die Entstehung des Lebens
auf unserem Planeten mitteilen. Dabei ist der rote Planet besser für derartige
Untersuchungen geeignet als die Erde: Der Mars hat im Gegensatz zu unserem Planeten eine
Erosion, die klein genug ist, um solche Spuren nicht zu verwischen und gleichzeitig eine
Atmosphäre, die dicht genug ist, um die Entstehung solcher Mikroben ermöglicht zu haben
- damit stellt er ein einzigartiges Forscchungsobjekt dar, da auf ihm im Gegensatz zu Mond
und Merkur derartige Strukturen entstanden sind, aber dennoch im Gegensatz zu Venus und
Erde bis heute noch nicht wieder abgetragen worden sind). Doch während die Evolution auf
der Erde rasch voranschritt, versiegte auf dem Mars das Leben, der Wasserkreislauf wurde
unterbrochen, die - sehr erdähnlichen - Flussbetten, Seen und Meere trockneten aus und er
wurde zu dem Planeten, wie wir ihn heute kennen, auf dem wohl höchstens Bakterien
überleben können. Daher beschäftigt die Wissenschaftler die auch für unsere Zukunft
entscheidende Frage, wie der äußerste der erdähnlichen zu einem derart
lebensfeindlichen Himmelskörper (und dennoch nach der Erde immer noch mit Abstand
lebensfreundlichsten Planeten im Sonnensystem) werden konnte.
Um dass zu
verstehen, muss man erst einmal wissen, was den roten Planeten so stark aufheizen konnte.
Hierfür waren die zahllosen Meteoriteneinschläge in der Frühzeit des Sonnensystems (vor
etwa 4,5 bis 3,8 Milliarden Jahren) verantwortlich, die auch auf dem jüngst - aus den
sich im Zentrum des Sonnensystems ansammelnden schweren Elementen - entstandenen
Protoplaneten Mars einen sehr ausgeprägten und kraftvollen Vulkanismus in Gang setzten.
Die dabei freigesetzten Gase - vor allem Kohlenstoffdioxid und Wasserdampf - erzeugten
eine heiße und schwere Atmosphäre, die der der Erde wohl bezüglich ihrer Dichte kaum
nachstand und die erste, vermutlich vor allem aus Wasserstoff bestehende Atmsophäre
unseres Heimatplaneten bei weitem übertraf. Obwohl sie vermutlich für unsere
Verhältnisse giftig war, setzte sie dennoch einen gigantischen Treibhauseffekt in Gang
und ermöglichte damit flüssigem Wasser in großer Menge die Existenz an der Oberfläche.
Auch die anderen Faktoren wie Humidität und Temperatur standen denen der Erde bekanntlich
kaum nach. Und da sich zu derselben Zeit und unter denselben Begleitumständen auf der
Erde die ersten selbstreproduzierenden kohlenstoffbasierten Molekülketten, das erste
Leben entwickelte, wäre es mit Sicherheit nicht weiter verwunderlich, wenn auf dem Mars
dasselbe geschehen wäre. Im Gegenteil: Es würde eher den meisten wissenschaftlichen
Kenntnissen widersprechen, wenn sich auf dem roten Planeten kein Leben entwickelt
hätte...
Doch dann,
vor etwa 3,8 bis 3,5 Milliarden Jahren (am Ende der sogenannten Noachischen Epoche, die
lange genug dauerte, um primitivem Leben die Entstehung zu ermöglichen) kam es zum
Kollaps: Der Mars war im Gegensatz zur Erde nicht groß genug, um eigene Energien in
ausreichendem Umfang zu speichern. Der Vulkanismus bekam weniger Nachschub und versiegte
schließlich (es kam lediglich noch einmal vor etwa 800 Millionen Jahren zu einer Phase
erhöhter Aktivität, während derer sich verheerende, aber kurze Überschwemmungen
ereigneten, wohingegen der Mars heute - wie durch seismische Messungen bewiesen wurde -
geologisch praktisch zur Ruhe gekommen ist). Die Kohlendioxidatmosphäre, die wie auf der
Erde langsam ausgewaschen wurde, konnte sich nicht mehr erneuern. Große Teile der
Lufthülle verdunsteten ins All oder wurden von dem Sonnenwind fortgetragen. Nicht
unbeträchtliche Anteile des Kohlendioxids wurden unter chemischen Prozessen als Karbonate
in Regolithschichten im Boden festgehalten oder verblieben in der Atmosphäre. Während
der hunderte Millionen Jahre dauernden Übergangsepoche schwand die Gashülle um den
Planeten immer mehr, er kühlte immer weiter aus. Der Nachschub der Vulkane versiegte vor
einigen hundert oder vielleicht auch nur dutzend Millionen Jahren vollends, Überflutungen
wurden immer seltener und damit wurde kaum mehr Kohlenstoff aus dem Boden gelöst und in
die Lufthülle zurückbefördert; die Lufthülle konnte nur ein Hundertstel der Wärme
behalten wie auf der Erde. Ähnlich wie bei einer Kettenreaktion verstärkte sich der
Effekt immer mehr, bis der Planet so kalt, trocken und atmosphärenlos wurde, wie er uns
heute bekannt ist. Der Mars wanderte langsam aus dem Zentrum des Lebensgürtels des
Sonnensystems hinaus.
Doch wohin
verschwand das Wasser auf dem roten Planeten? Teile davon gingen sicherlich
unwiederbringlich ins Weltall verloren. Große Mengen des kostbaren Gutes hingegen
befinden sich noch heute auf dem scheinbar erfrorenen Planeten. Nur ein kleiner Teil davon
entfällt auf die Atmosphäre, in der in großer Höhe neben Halos verursachenden
Trockeneiswolken Wassereiszirren dahinschweben oder sich in den Canyons und Tiefebenen
Morgendunst bildet, der sich zum Teil als Raureif oder gar als Schnee (zusammen mit dem
Trockeneisschnee) auf die Oberfläche legt oder mit dem Oberflächengestein chemische
Verbindungen eingeht. Doch alles Wasser in der Atmosphäre würde lediglich ausreichen, um
eine 1 Zentimeter dicke Schicht auf dem Planeten zu bilden, nur ein minimaler Bruchteil
der ehemaligen 10 bis 500 Meter. Weitaus mehr Wasser versteckt sich in der nördlichen
Polkappe und in der Umgebung (zum Beispiel in Tälern und Kratern), welches im - im
allerdings wegen der dortigen Aphelstellung des Mars schwächeren - Nordsommer nach dem
Abschmelzen der obersten Schicht aus Trockeneis (sorgt für ganze 30 % des Kohlendioxids
in der Atmosphäre, die im Winter in zum Teil meterdicken Schichten als Bodeneis
gespeichert sind) freigelegt wird...
Und selbst
der Südpol besteht neuesten Erkenntnissen nach unter einer dicken Kohlendioxidschicht vor
allem aus Wasser. Der Nordsommer ist zwar nicht so stark, dafür aber wegen der geringen
Geschwindigkeit nahe des (wegen der Anziehungskraft von Jupiter unterschiedlich großen)
Aphels viel länger als der Südsommer - umgekehrt ist der Südwinter über 50 Tage
länger als der Nordwinter, wobei sich die ganze Situation alle 75.000 Jahre umkehrt.
Zusammenfassend läßt sich für unsere Zeit sagen: Der Nordsommer ist kühl und lang, der
Winter ist mild und kurz, wohingegen in der Südhemisphäre der Sommer heiß und kurz, der
Winter hingegen lang und kalt ist. Durch diese zahlreichen äußeren Einflussfaktoren
erwartet man sich eine höchst interessante Klimageschichte von Sedimentuntersuchungen auf
dem roten Planeten. Und auch auf die Polkappen haben die unterschiedlichen Jahreszeiten
sehr starke Auswirkungen: Im Gegensatz zum Nordpol verändert sich die Ausdehnung der
jungen Südpolkappe daher jedes Jahr beträchtlich; in manchen Jahren scheint sie gar
vollständig sublimiert zu sein... Viele Forscher glauben obendrein, dass die Polkappen im
Rhytmus von nur wenigen Jahrhunderten sehr stark in ihrer Größe variieren und dabei zur
Zeit ihrer geringsten Ausdehnung alle paar Äonen soviel Kohlendioxid in die Atmosphäre
freigeben, dass sogar flüssiges Wasser an der Oberfläche denkbar wäre. Es sieht für
manche Wissenschaftler so aus, als würde sich eine derartige Situation in 2 oder 3
Jahrhunderten wieder einstellen... Wieder auf
den Wasserdampfgehalt der Atmosphäre bezogen, stellt trotz des etwas kühleren Sommers
das am (wassereisbedeckten) Nordpol während der langen Zeit im Frühjahr und Sommer
verdunstende Wasser die Hauptquelle für den Wasserdampfnachschub der Lufthülle dar. Hier
hält sich zudem noch einiges an Potenzial verborgen. Doch es gibt noch einen größeren
Wasserspeicher: Bereits die obersten paar Zentimeter des (Permafrost-)Bodens enthalten
sowohl viel Wasser wie die gesamte Atmosphäre zusammen - eventuell existiert ein gutes
Stück tiefer sogar noch Grundwasser in flüssiger Form. Auch aus diesem Reservoir dicht
unter der Planetenoberfläche wird die Lufthülle mit Wassernachschub versorgt. Insgesamt,
so schätzen viele Forscher, befinden sich noch etwa 3,2 bis 4,7 *10^7 Kubikkilometer
Wasser auf oder in dem roten Planeten, etwa 1/3 der urspünglichen Menge. Diese Menge
würde immer noch reichen, um eine 22 bis 30 Meter tiefe Wasserschicht um den ganzen
Planeten zu bilden, immerhin genug, um einen Großteil der nördlichen Tiefebenen hunderte
von Metern tief zu fluten.
Was auf
der Erde gilt, ist auch für den Mars höchstwahrscheinlich: Wasser bedeutet Leben. Man
hat zwar bisher trotz einiger kostenintensiver Missionen (allen voran Viking) noch kein
Leben auf dem Mars gefunden, doch scheint es wahrlich nicht unwahrscheinlich, dass sich
unter den geschützten Bedingungen der riesigen Höhlen der Wasserreservoirs, in
geschützten Tälern, im Bächen unter dem (zum Teil seine Ausdehung variiernden) ewigen
Eis der Polkappen oder direkt unter der Oberfläche von Steinen in kleinen
Wassertröpfchen, die alle notwendigen Minerale beeinhalten, Leben entwickelt und bis
heute gehalten haben könnte. Und selbst wenn der Mars heute ein toter Planet ist, so ist
es doch sehr wahrscheinlich (und für die Wissenschaftler zum Verständnis unserer eigenen
Geschichte unglaublich wichtig), dass auf ihm die Fossilien antiker Kleinstlebewesen zu
finden sind. Zwar ist es aufgrund der kurzen feuchten Epoche nur schwer vorstellbar, dass
sich höhere Lebewesen entwickelt haben könnten, doch die Chancen auf die (ehemalige)
Existenz niederer Tiere und Pflanzen wie Bakterien, Plankton oder Algen stehen erstaunlich
gut.
1995
lösten die beiden NASA-Forscher Everett Gibson und David McKay eine Sensation aus: Sie
waren nach langem Überprüfen ihrer These mit der Meldung an die Presse getreten, sie
hätten in einem - wie ausführliche Untersuchungen von Gasblasen darin ergeben hätten -
vom Mars stammenden und 13.000 Jahre nach seinem Einschlag im Eis der Antarktis gefundenen
Meteoriten Spuren von Leben entdeckt. Ihre These war vorerst nur schwer anzufechten:
Derartige Himmelskörper, sogenannte SNC-Meteoriten, wurden vor Millionen von Jahren durch
kataklystische Ereignisse aus dem Planeten gesprengt. Nur von einem guten Dutzend ist
bekannt, dass sie es auf ihrer Odyssee vom roten Planeten bis zur Erde geschafft haben.
Ihr
großes wissenschaftliches Potenzial rührt daher, dass ihre Authenzität nun einmal nicht
anzufechten ist, und dass die in den uralten Marsgesteinen aus Basalt, einem dunklen,
eisen- und magnesiumhaltigen Eruptivgestein, eingeschlossenen Luftblasen nicht nur die
jahrmillionenalte Atmosphäre des Mars konserviert haben, sondern auch andere Fremdkörper
mit sich führen können. In dem Fall dieses achondriten Steinmeteoriten (seine
Bezeichnung ist ALH84001, da der 17 Zentimeter lange und 1,9 Kilogramm schwere
Himmelskörper 1984 als erster Meteorit in den Alan Hills in der Antarktis gefunden wurde)
glaubten die Forscher nach 2 Jahren intensiver Untersuchungen an eine wissenschaftliche
Sensation: Sie berichteten am 7. August 1996 öffentlich, dass sie eine Kette von Beweisen
für das Vorhandensein für Leben auf dem Mars gefunden hätten. Obwohl, wie der
NASA-Administrator Goldin mitteilte, die Beweise nicht absolut schlüssig waren, glaubte
er doch fest an die Entdeckung und bot Wissenschaftlern in der ganzen Welt an, den mit 4,5
Milliarden Jahren extrem alten und vor 16 Millionen Jahren als einziger der Marsmeteoriten
aus den alten, nördlichen Lavaebenen des Planeten gesprengten Felsbrocken zu untersuchen.
Doch die Ergebnisse blieben auch weiterhin unschlüssig.
Diese
winzigen Versteinerungen stellten für die Öffentlichkeit den aussagekräftigsten Beweis
dar, obwohl sich bei der Vorführung der Dias jener Strukturen selbst McKay skeptisch
zeigte: "Was sie hier sehen, kann alles mögliche sein. Beispielsweise eingetrocknete
Lehmpartikel - oder auch Mikrofossilien aus der Antarktis. Oder Mikrofossilien vom Mars.
Unsere Deutung - die Interpretation, die wir bevorzugen - ist es, dass dies mikrofossile
Strukturen vom Mars sind." Doch der erste unabhängige Forscher, J. William Schopf
von der University of California, meinte, dass - wie Carl Sagan einst forderte -
"außerordentliche Behauptungen auch außerordentlicher Beweise bedürfen." Er
stellte den Vergleich mit 3,5 Milliarden Jahren (entspricht fast dem Alter der
Karbonatkügelchen) alten Fossilien von der Erde an, bei welchen man die Zellwände und
die organische Substanz eindeutig erkennen konnte und die hundertmal größer waren als
die "Fossilien" vom Mars. Auch die These der organischen Entstehung der
Karbonatkügelchen, welche auf ein Alter von 1,3 bis 3,6 Milliarden Jahren geschätzt
werden und sicherlich extraterrestrischen - genauer gesagt, marsianischen - Ursprungs
sind, stand er skeptisch gegenüber: Er meinte, dass diese Formationen auch durch große
Hitze und hohen Druck, wie sie bei dem Aufprall herrschten, entstanden sein könnten,
wobei eventuell existierendes Leben vernichtet worden sein könnte. Die Entdeckung von
organischen Molekülen bestätigte er, meinte jedoch, dass sie sich auch aus Mineralien
gebildet haben könnten. Als Fazit verlautbarte er, dass aus diesen Fakten nicht zwingend
auf Leben auf dem Mars geschlossen werden könne, sich die Wissenschaftler aber auf dem
richtigen Weg befanden.
Andere
Forscher, allen voran der Chemiker Richard Zare, erbrachten plausible Beweise für die
These der beiden NASA-Forscher: Die organischen Kohlenstoff-Verbindungen, kurz PAH
genannt, die sich tatsächlich in der Nähe der Karbonatkügelchen befanden, mussten
seiner Meinung nach in dem Stein entstanden sein. Die biologischen Vorgänge, falls
vorhanden, hatten sich dort abgespielt, wo Flüssigkeit in Risse im Stein eingedrungen
war, was durch den Fund von Salzen und Tonen - beides unter Wasser entstanden - bestätigt
wird. Dabei können diese Prozesse auf der Erde praktisch nur durch das Absterben von
Lebewesen ausgelöst werden. Die Karbonatkügelchen bildeten sich später als der Stein
selbst, der fossile Reste von Mikroorganismen zu beinhalten scheint. Die magnetischen
Partikel im Meteoriten (Magnetitkristalle, vor allem Fe3O4) könnten sich - wenn dies auch
unwahrscheinlich erscheinen mag - anstatt in den Zwischenräumen organischer Substanzen,
eventuell sogar um fotosynthesebetreibende Bakterien herum, durch chemische Reaktionen in
lebenden Organismen gebildet haben. Die Magnetitkristalle dienen den Bakterien auf der
Erde danach als Orientierungshilfe, welche auf der Erde die einzige Möglichkeit
darstellen, wie diese Formen entstehen können. Auch die Größe stellte kein Problem dar:
Auf unserem Planeten existieren aller Wahrscheinlichkeit nach Nanobakterien mit ähnlichen
Ausmaßen.
Zur
nächsten Konferenz der Mond- und Planetenwissenschaften in Houston 1997 bewarben sich 45
Laboratorien, um den Stein zu untersuchen und dabei die zwei Kernprobleme unter die Lupe
zu unternehmen, die sich herausgebildet hatten. Erstens wollten sie herausfinden, bei
welcher Temperatur sich die Karbonate gebildet hatten und ob die Fossilien nicht doch zu
klein waren, um versteinerte Lebewesen zu sein. Weiters war man sich nicht sicher, ob die
PAHs mit ihren organisch entstandenen Kohlenstoffisotopen nicht erst auf er Erde
hinzugekommen waren. Dennoch blieben Gibson und McKay zuversichtlich und setzten ihre
ganze Hoffnung in die Karbonatkügelchen. Ihre These beruhte maßgeblich darauf, dass
diese Kugeln winzige Eisenoxid- und Eisensulfatspuren enthielten, wie sie von irdischen
Bakterien erzeugt werden, was zusammen mit den organischen Kohlenstoffen und den
fossilienähnlichen Strukturen mehr als nur Vermutungen erlaube. Sie lehnten die Theorie
der Kohlenstofferzeugung unter hoher Temperatur ab, da neue Ergebnisse zeigten, dass
solche Prozesse auch bei niedrigeren Temperaturen möglich waren. Mittlerweile sind die
beiden Forscher von ihrer Hypothese gar überzeugter denn je zuvor. Auch wenn die
Ergebnisse nicht klar genug sind, um eine eindeutige Deutung zu ermöglichen, so scheint
es mittlerweile doch sehr wahrscheinlich, dass einst auf dem Mars Leben existierte und
eventuell noch immer existiert.
Doch der
Meteorit ist bekanntlich unvorstellbar alt. Wie sieht es heute mit Leben auf dem Mars aus?
Gibt es (immer noch) Lebensformen auf dem roten Planeten? Im Gegensatz zu noch vor ein
paar Dekaden glauben nun viele Wissenschaftler daran. In den letzten Jahren wurden auf der
Erde Lebewesen in den unglaublichsten Umgebungen gefunden, so zum Beispiel in der
pechschwarzen Tiefsee, in Ölquellen und schwefeligen Vulkanschloten oder in kochend
heißen Geysiren. Sie kommen ohne Luft und ohne Licht aus, sondern ernähren sich von
Schwefel und beziehen ihre Energie aus dem radioaktiven Zerfall im Erdinnern. Auch 400
Meter unter dem arktischen Eis wimmelt es in Wasserpfützen noch von Leben. Selbst in 1,5
Kilometer tiefen Basaltgesteinen existieren noch bizarre Lebensformen, die sich nur von
Gestein und Wasser ernähren. Manche von ihnen haben gar weniger als ein Drittel mit dem
Erbgut von normalen Bakterien gemeinsam, da sie sich seit Milliarden von Jahren
eigenständig weiterentwickeln konnten. Aber nicht
nur die Orte, an denen Leben entsteht, können exotischer sein, als man denkt. Auch die
Orte, an denen Lebewesen überleben - wie in einer 3 Kilometer tiefen Basaltformation, wo
Mikroben dank äußerst energiearmer Stoffwechselvorgänge (eine Vermehrung pro
Jahrhundert) überleben - können äußerst unkonventionell ausfallen. So fängt man jetzt
auch auf dem Mars an, bevorzugt nach Gebieten zu suchen, wo es einst (und vielleicht immer
noch) flüssiges Wasser und Energie gegeben hat. Dazu gehören auch hydrothermale
Umgebungen tief unter dem Boden, die vom Planetenkern mit Thermalenergie und (flüssigem)
Wasser versorgt werden. Unglücklicherweise ist es außerordentlich schwer, derartige
Lebensformen zu entdecken. Dazu bräuchte man schon Rover-, Bohr- oder gar die ehrgeizigen
Sample-Return-Missionen. Die beste Alternative würde aber natürlich immer noch eine
bemannte Mission zum Mars darstellen. |