In den Sand geschrieben

Was denke ich über den Tod? Ich würde meinem Freund sagen, gerade das ständige Sichbewußtsein des Todes gebe dem Leben Sinn. In dem Moment, in welchem wir das Gefühl unserer Sterblichkeit verlieren, unterliegen wir einem Tod anderer Art, und der ist weit schlimmer als jener, den wir fürchten.
Ich habe eine Wahl, eine, vor der jeder Mensch steht. Ich kann ein oberflächliches Leben führen und kann versuchen, andere zu beeindrucken mit dem Haus, in dem ich wohne, den Kleidern, die ich trage, dem Auto, das ich fahre. Ich kann danach streben, erfolgreich im weltlichen Sinne zu sein, die Bewunderer anderer zu suchen, mich in ihrem Neid und ihrer Eifersucht sonnen. Ich kann probieren, die Herrschaft über meine Angehörigen und Arbeitskollegen zu erlangen, in dem vergeblichen Bemühen, meine eigenen Mängel zu verbergen. Ich kann nach Ruhm trachten, was die sinnloseste aller Bestrebungen ist, denn Ruhm hat keine Substanz und löst sich bald in Luft auf.

Ich kann mich in endlosem Geschwätz über meine Freunde und Nachbarn hingeben und damit meine Energie nach und nach verbrauchen. Ich knan mich im Selbstmitleid suhlen und mich weigern, die Verantwortung für meine eigenen Lebensumstände zu übernehmen. Ich kann, wie es die Art aller kleiner Tyrannen ist, andere manipulieren, so daß sie für mich sorgen. Ich kann mich über Langeweile beklagen, als seien die Menschen in meiner Umgebung dafür zuständig, Aufregendes in meine Tage zu bringen.
Das ist der Daseinszuschnitt der lebenden Toten, jener Menschen, die das Leben aufgegeben haben, die bereit sind, ihr kostbarstes Geschenk zu verschleudern, weil sie sich weigern, der Realität des Todes ins Auge zu sehen. Hätten sie den Wunsch zu leben, wirklich zu leben, würden sie sich in einer selbst herbeigeführten Wiederauferstehung erheben und sie dem Leben hingeben, das sie haben.

Jetzt erkenne ich, daß ich eine Aufgabe habe, eine größere als all die Arbeiten, die man Herkules übertrug. Sie verlangt von mir, daß ich im Reichtum des jeweiligen Augenblicks lebe, weil das alles ist, was ich je haben oder kennenlernen werde. Erst wenn ich mir der Endlichkeit meines Lebens voll bewußt bin, beginne ich zu leben. Sobald ich dieses Bewußtsein verliere, unterliege ich dem Kleinlichen und der Schinderei, und die kostbaren Sekunden entgleiten mir.