Stein mit einem Loch in der Mitte

Ein Stück weiter stoße ich auf einen Felsen mit einer höhlenartigen Öffnung in der Mitte, herausgewaschen von den ständig anbrandenden Wellen. Der Felsen ist gut zweimal so groß wie ich. Er hockt am Rand des Strandes neben eine Klippe, die steil aus dem Meer aufragt. Ich krieche in die Höhlung und setze mich auf ein hartes, vorspringendes Felsenband, beobachte die Brecher, wie sie an die küstennahem Riffe krachen und Gischtfahnen in die Luft treiben.
Ich sitze still, so gut ich kann, den Rücken gerade; vergebens bemühe ich mich, meinen Geist leer zu machen. Ich möchte den Rhythmus der Wellen spüren, das Ansteigen der Flut, das Abebben der Tide. Ich möchte mich im Einklang mit den Elementen bewegen, um ein Teil von ihnen zu werden, wie sie einer von mir werden.
Ich versuche, mein Atmen auf das Anbranden der Wellen abzustimmen, einzuatmen, während die Welle an den Strand rollt, auszuatmen, während sie wieder abfließt. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, weil der Atem die Quelle des Lebens ist. Wenn ich mir meines Atems bewußt bin, dann bin ich mir meiner selbst und meines Platzes in der Welt bewußt.

Nicht alle Menschen sind dazu geboren, Heilige zu werden, aber ich glaube, daß wir alle mit dieser inneren Stimme geboren werden. Wir ignorieren sie jedoch gewöhnlich, bis sie so undeutlich wird, daß wir kaum mehr von ihrem Vorhandensein wissen. Die Stimme kommt nicht von einem allmächtigen Gott im Himmel; sie kommt von einem der Seele innewohnenden Gott. Der Dichterphilosoph Hernri Bergson bezeichnet sie als élan vital, als Lebensimpuls, den göttlichen Funken, die Lebenskraft, die uns antreibt.

Warum strömen Menschen überall auf der Welt an sandige Küsten? Ich glaube, weil in dem Augenblick, wo sie den Sand berühren und die Brandung hören, alle bösen Geister fliehen und sie sich auf der Welt zu Hause fühlen.

Ich gehe langsam, bedächtig über den Sand, in dem Bewußtsein, daß das Universum kein feindseliger Ort ist. „Trinke deinen Tee langsam“, schrieb Nhat Hanh. „In unserer Welt herrscht große Eile beim Erledigen der Dinge, aber keine Ehrfurcht vor der Arbeit selbst“. Was ich jetzt brauche, ist ein Eintauchen ins Leben: Ich muß meine Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Leben ausdrücken, jedenm Augenblick, in dem ich mich befinde, und vor der Beschäftigung als Strandläufer, der ich mich widmen will.