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Kostbare Momente 8 |
Grau. Alles hier im Centre war grau. Nicht schwarz oder weiß, sondern immer
grau. Nichts war hier so, wie es schien; Sydney hatte das schon sehr früh
gelernt. Was ihn aber viel mehr belastete, war die Tatsache, daß auch keine der
Personen, die für das Centre arbeiteten, einfach so der einen oder anderen
Seite zugeordnet werden konnte.
Er war Psychiater, und sein Beruf hatte ihn gelehrt, Menschen zu beurteilen, ihr
Verhalten zu verstehen und zu analysieren und manchmal vielleicht sogar
vorauszusehen. Doch hier im Centre neigte seine Menschenkenntnis bisweilen dazu,
ihn zu betrügen. Oh, sicher, Raines und Lyle waren einfache Fälle, zählten
ganz eindeutig nicht zu dem kleinen Personenkreis, dem er vertraute. Doch es
waren die grauen Fälle, die ihn beunruhigten. Fälle wie Miss Parker...
Sydney empfand eine verwirrende Mischung aus Scham, Schuld und Schmerz. Es tat
ihm weh, daß er Miss Parker nicht hatte helfen können. Aber es war etwas
anderes, das ihm im Moment soviel Kummer bereitete. Der Verdacht, der natürlich
absolut unsinnig war, und für den er sich gerade deshalb so sehr schämte. Er
hatte nur wenige Sekunden lang diese absurde Möglichkeit in Betracht gezogen,
doch seitdem ließ ihn der Gedanke einfach nicht mehr los.
Mit einem schweren Seufzen wandte sich Sydney vom Fenster ab und ging hinüber
zum Schreibtisch, setzte sich in den großen, bequemen Ledersessel. Dann ließ
er seinen Blick über den Schreibtisch wandern - Miss Parkers Schreibtisch.
Er war in Miss Parkers Büro gekommen, weil er es nicht mehr ertragen hatte,
tatenlos in seinem eigenen Büro zu sitzen. Zunächst hatte er sich eingeredet,
daß er nur hergekommen war, um nach Hinweisen zu suchen, aber schließlich
hatte er sich mit einem selbstironischen Lächeln eingestanden, warum er
wirklich hier war. Miss Parker fehlte ihm. Sie fehlte ihm, und das nicht erst,
seit sie einen Tag zuvor das Centre verlassen hatte. Ihm war klar, daß sie sich
schon vorher von ihm entfernt hatte, beinahe unmerklich zwar, aber doch stetig.
Hier, in ihrem Büro, hoffte er, wenigstens einen Schatten ihrer Gegenwart zu spüren.
Möglicherweise konnte er so herausfinden, welche Veränderungen in ihr
vorgegangen waren, wann exakt er sie verloren hatte.
Er streckte eine Hand aus, nahm eins der gerahmten Fotos, die auf Miss Parkers
Schreibtisch standen, und betrachtete es. Es zeigte sie gemeinsam mit ihrer
Mutter. Die Aufnahme war kurz vor Catherines Ermordung gemacht worden. Beide lächelten
auf dem Bild. Der Anblick erfüllte Sydney mit tiefer Trauer. Catherine lächelte
ein trauriges, beinahe gequält wirkendes Lächeln, als ahnte sie, was ihr
wenige Tage später zustoßen würde. Und Miss Parker... Miss Parkers Lippen
formten zum allerletzten Mal ihr wundervolles, warmes Lächeln, das ihre Augen
immer mit solcher Intensität hatte strahlen lassen.
Sydney hielt seine Tränen zurück, als er daran dachte, daß dieses Lächeln
wohl für immer verlorengegangen war. Vielleicht war das der Zeitpunkt gewesen,
als er sie verloren hatte.
Er spürte, wie der dumpfe Schmerz zurückkehrte, der ihn die ganze letzte Nacht
lang wachgehalten hatte. Miss Parker war nicht die einzige, die er verloren
hatte. Ohne das er es verhindern konnte, glitten seine Gedanken zurück zu
Jarod. Jarod, der jetzt auf irgendeinem Sublevel gefangengehalten wurde, zurück
in der Gewalt des Centres, ungeschützt Raines und seinen Launen ausgesetzt.
Oder, schlimmer noch, unter Lyles Aufsicht.
Sydney hatte alles versucht, um zu Jarod zu gelangen, aber es war sinnlos
gewesen. Sie hatten ihm nicht einmal sagen wollen, wo genau er sich befand,
geschweige denn, wie es ihm ging. Aber es war nicht viel Phantasie nötig, um zu
ahnen, wie verzweifelt der Pretender sein mußte.
Langsam ließ Sydney seinen Kopf sinken. Wann hatte er begonnen, so nutzlos für
die Menschen zu sein, die er liebte?
***
Broots eilte durch einen Korridor nach dem anderen. Normalerweise war er nicht
gerne so lange in den Gängen des Centres unterwegs. Doch heute war er froh darüber,
daß er nicht länger im Technikraum sitzen mußte. Die Stimmung im Centre war
gespannt; noch gespannter als sonst. Eigentlich sollte eine gelöste Atmosphäre
herrschen, nun, da Jarod wieder zurück war. Aber statt dessen fanden überall
leise gemurmelte Gespräche statt.
Broots hatte es irgendwann nicht länger ertragen können, die Unterhaltungen
der anderen Techniker mitanzuhören. Den ganzen Morgen hatten sie Gerüchte über
Miss Parker ausgetauscht, bis Broots kurz davor gestanden hatte, sie mit ein
paar harschen Worten zum Schweigen zu bringen. Doch dann war ihm Sydneys
traurige Miene wieder eingefallen, als er ihm noch am Abend zuvor die
Neuigkeiten von Jarods Gefangennahme mitgeteilt hatte, und er hatte beschlossen,
lieber etwas für Sydney zu tun.
Also hatte er den gesamten Morgen damit verbracht, soviel wie möglich über
Jarod herauszufinden. Angelo hatte ihn dabei unterstützt, und so hatten sie
wenigstens ein paar Informationen zusammentragen können.
Broots bog um eine Ecke, die Stirn leicht gerunzelt. Er war in Sydneys Büro
gegangen, aber der Psychiater war nicht dort gewesen. Aber er hatte eine kleine
Notiz auf seinem Schreibtisch hinterlassen, für den Fall, daß ihn jemand
suchte. Nun war Broots unterwegs in Miss Parkers Büro. Wenn er ehrlich war, überraschte
es ihn gar nicht allzu sehr, daß Sydney sich lieber dort aufhielt. Zum einen
war es dort erheblich ruhiger als im Rest des Gebäudes; zum anderen war er sich
sicher, daß Sydney sie ebenfalls vermißte.
Was Sydney ihm über Miss Parker erzählt hatte, hatte Broots mehr als
beunruhigt. Er machte sich Sorgen um sie, und daher hatte er versucht, so viele
Berichte wie nur möglich über die Geschehnisse in Maine anzusehen. Allerdings
hatte er sich danach nicht besser gefühlt; im Gegenteil, das hatte alles nur
noch schlimmer gemacht.
Nur noch wenige hundert Meter trennten Broots von Miss Parkers Büro, als er die
unauffällige Gestalt in einem kleinen Seitengang entdeckte. Auch wenn er das
Gesicht des Mannes nicht erkennen konnte, wußte er doch, wer es war, schließlich
hatte er oft genug mit ihm zusammengearbeitet. Es war Sam, der unsichtbar für
die meisten Augen im Centre im Halbdunkel des verlassenen Ganges stand, ein
Telefon in der Hand, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Seine Körperhaltung
verriet gespannte Aufmerksamkeit. Wider sein besseres Wissen blieb Broots stehen
und lauschte.
"Mhm, ja, kein Problem", sagte der Sweeper leise in einem
entschlossenen Tonfall. Dann hörte für eine Weile einfach nur zu. Seine
Schultern spannten sich an, und er neigte den Kopf zur anderen Seite.
"Sind Sie sicher?" erkundigte er sich, offenbar einigermaßen überrascht.
Wieder lauschte er der für Broots unhörbaren Antwort.
"Ich verstehe", erklärte Sam dann, und ein kaum wahrnehmbares Nicken
begleitete seine Worte. "Betrachten Sie das als erledigt."
Er legte auf, und Broots begriff plötzlich, daß er sich in keiner sehr guten
Position befand. Sam mochte nicht unbedingt zu der unberechenbaren Sorte Sweeper
gehören, mit denen sich Raines umgeben hatte, aber er würde trotzdem nicht
sehr begeistert reagieren, sollte er herausfinden, daß Broots ihn belauscht
hatte. Broots tat das einzige, was ihm in diesem Moment einfiel. Er ließ die
Akte, die er bis eben beinahe vergessen hatte, auf den Boden fallen. Dann bückte
er sich, um sie aufzuheben und fluchte dabei leise vor sich hin.
Sam trat aus dem Seitengang hinaus in den Korridor und kam auf Broots zu, der
sich verzweifelt bemühte, sich nichts anmerken zu lassen. Der Sweeper blieb
neben ihm stehen. Broots wartete darauf, daß er irgend etwas sagte, aber nach
ein paar Sekunden ging Sam kommentarlos weiter.
Als er schon fast außer Hörweite war, hörte Broots ihn noch etwas murmeln,
das sehr nach einer Bemerkung über ungeschickte Technikfreaks klang, doch er
war viel zu erleichtert, um daran Anstoß zu nehmen. Er stand wieder auf und
setzte seinen Weg fort, dachte dabei über das nach, was er gerade gehört
hatte. Nicht, daß sich viel daraus machen ließ. Jedenfalls nicht, solange er
nicht wußte, mit wem Sam geredet hatte.
Mit einem Kopfschütteln streifte Broots diese Überlegungen ab, als er die Tür
zu Miss Parkers Büro erreichte. Aus reiner Gewohnheit klopfte er an, und
Sydney, wohl ebenfalls aus Gewohnheit, bat ihn herein. Einen Herzschlag lang
verzogen sich Broots' Lippen zu einem Lächeln, doch die Erinnerung an all die
schlechten Neuigkeiten ließ es schnell wieder verblassen.
"Broots."
Sydney hob den Kopf und sah ihn. Der Techniker wünschte sich beinahe, Sydney hätte
nicht aufgesehen. Der Schmerz und eine schlaflose Nacht hatten tiefe Linien in
Sydneys Gesicht hinterlassen. Seine Augen spiegelten etwas wider, für das
Broots kein besseres Wort als Qual fand.
"Uh, Sydney, ich..." Er brach mitten im Satz ab und sah für einen
Moment zur Seite, sammelte die Reste seiner Entschlossenheit. Broots hatte in
der letzten Nacht auch nicht besonders viel geschlafen. Merkwürdigerweise hatte
sich seine Sorge gleichmäßig auf Jarod und Miss Parker verteilt, als hätte
ihm ein Gefühl gesagt, daß die Situation sich nicht bessern würde, solange
die beiden getrennt voneinander litten. Das ergab natürlich überhaupt keinen
Sinn, aber es hatte ihn trotzdem lange wachgehalten.
"Ich habe ein paar Informationen über Jarod", sagte er dann, aber es
klang ein wenig lahm in seinen Ohren. Allerdings hatte er auch keinen Grund,
besonders enthusiastisch zu sein.
Sydney nickte und versuchte, ein dankbares Lächeln zustande zu bringen. Es
blieb bei dem Versuch. Broots legte die - zugegebenermaßen - recht dünne Akte
auf den Schreibtisch. Miss Parkers Schreibtisch.
In Sydneys Blick glaubte Broots, eine unausgesprochene Frage zu sehen.
'Neuigkeiten über Miss Parker?' 'Leider nicht', dachte er bekümmert, brachte
es aber nicht übers Herz, diese Tatsache laut auszusprechen.
Das Schweigen dehnte sich immer weiter aus, schien den ganzen Raum auszufüllen.
Die Stille donnerte in Broots' Ohren, hinderte ihn daran, seine Gedanken zu
sammeln. Er suchte fieberhaft nach einer tröstenden Bemerkung, irgend etwas, um
das Schweigen zu brechen, in dem er sich zunehmend unwohler fühlte, aber ihm
wollte einfach nichts einfallen.
"Ich dachte immer, es macht keinen Unterschied, ob man einen Sohn oder eine
Tochter großzieht", murmelte Sydney auf einmal. Broots hatte den Eindruck,
daß der ältere Mann eher zu sich selbst gesprochen hatte, doch er antwortete
trotzdem.
"Nun, ich bin natürlich nicht hundertprozentig sicher, schließlich kenne
ich mich mit Söhnen nicht so gut aus, aber... Ich sehe tatsächlich keinen großen
Unterschied", erklärte Broots. "Wenn sie erwachsen werden, muß man
sie beide loslassen."
Sydney neigte den Kopf zur Seite und schien über diese Worte nachzudenken.
"Vielleicht liegt es ja auch an mir. Es war nicht so schwer, Jarod
gehenzulassen. Ich wußte immer, daß der Tag kommen würde, an dem er selbständig
genug ist, um mich nicht mehr zu brauchen. Darauf habe ich ihn ja schließlich
immer vorbereitet. Und mich selbst auch. Aber das hier ist nicht richtig,
verdammt!"
Broots machte einen erschrockenen Satz, als Sydneys Faust ganz unvermittelt auf
die Tischplatte donnerte.
"Jemand hat sich große Mühe gegeben, um Miss Parker zu dem zu machen, was
sie heute nach außen scheinbar auch ist. Und ich habe alles getan, um ihr eine
Chance zu geben, so aufzuwachsen, wie Catherine es für sie gewollt hätte.
Selbst, als sie nach all den Jahren wiedergekommen ist, war ich mir ganz sicher,
daß ich ihr den richtigen Weg weisen kann."
Er seufzte frustriert.
"Doch jetzt ist es vorbei", fuhr er düster fort. "Irgendwer
versucht, sie zu zerstören. Und er macht das erstaunlich gut. Ich verliere sie,
Broots."
Sein letzter Satz ließ Broots erst erkennen, wie unauslotbar tief Sydneys
Schmerz wirklich sein mußte. Miss Parker war wie eine Tochter für ihn; und
Broots war fast sicher, daß dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Als
Vater wußte er, was es bedeutete, sein Kind leiden zu sehen und nicht helfen zu
können. O ja, er wußte es. Aber so sehr er es auch wollte, er konnte Sydney
keinen Trost anbieten.
Wortlos ging Broots zu einem der hohen Stühle, die auf der anderen Seite des
Schreibtischs standen, und setzte sich. Wieder breitete sich das Schweigen wie
eine erstickende Decke über ihnen aus, und diesmal fühlte es sich noch viel
schlimmer an.
***
Lyle war glücklich. Er war nicht einfach nur froh, daß Jarod wieder zurück im
Centre war; er war einfach absolut glücklich.
Zufrieden sah er auf die dicke Stahltür, die den Pretender in seiner Zelle
einschloß. Rechts und links neben der Tür standen zwei kräftige Sweeper, mit
allem bewaffnet, was nötig war, um eine erneute Flucht zu verhindern.
Mit einem selbstgefälligen Grinsen wandte er sich an einen der beiden Wächter.
"Zeit, einen Blick auf unseren Heimkehrer zu werfen und ihm die neuen
Regeln zu erklären", sagte er. Der Sweeper erwiderte sein Grinsen und öffnete
wortlos die Tür für Lyle, während sein Kollege die Tür sicherte - nur für
den Fall, daß ihr Sorgenkind auf falsche Gedanken kam.
Lyle betrat den halbdunklen Raum und sah sich vorsichtig um. Er mochte
siegessicher sein, aber er war nicht dumm. Selbst bei all den Vorsichtsmaßnahmen,
die Raines und er getroffen hatten, stellte Jarod noch immer eine nicht zu
unterschätzende Gefahr dar.
Doch der Pretender überraschte Lyle.
Er saß mit gesenktem Kopf auf seinem Bett, offenbarte nicht die geringste Spur
von Angriffslust. Was natürlich auch ein Trick sein konnte.
Lyle hatte Jarod in seinem alten Zimmer untergebracht, natürlich unter verschärften
Sicherheitsmaßnahmen. Er war ja nicht grausam. So weit das möglich war, sollte
Jarod sich hier im Centre durchaus wohl fühlen. 'Schließlich leisten glücklichere
Menschen bessere Arbeit', dachte Lyle amüsiert.
"Nun, haben wir uns schon wieder eingelebt?" erkundigte er sich fröhlich.
Es dauerte gute zehn Sekunden, bevor Jarod den Kopf hob, um ihn aus
blutunterlaufenen Augen anzusehen. Dunkle Ringe unter seinen Augen verrieten
Lyle, daß der Pretender eine schlaflose Nacht hinter sich hatte. Gut, das würde
für eine Weile seine Konzentration stören, und solange das der Fall war,
konnte er nicht auf dumme Gedanken kommen.
"Lyle", grollte Jarod dumpf. Seine Stimme produzierte ein bleiernes
Echo in dem kleinen Raum.
"Gut erkannt", entgegnete Lyle und tippte mit dem Zeigefinger an seine
Nasenspitze. Sein Lächeln wuchs noch etwas in die Breite. Es gefiel ihm, Jarod
so zu sehen; es gefiel ihm sogar sehr. Das würde ihn lehren, sich zwischen ihn
und seine Familie drängen zu wollen. Doch zu diesem Thema würden sie später
noch kommen. Sie hatte viel Zeit. Es gab keinen Grund, etwas zu überstürzen.
Besonders nicht im Moment, wo alle wichtigen Leute im Centre so zufrieden mit
Lyles Arbeit waren. Und das machte Lyle auch zu einer wichtigen Person.
'Wichtiger, als alle ahnen', überlegte er mit einem raubtierhaften Grinsen.
Bald, schon sehr bald...
"Auch, wenn es so aussieht", fuhr Lyle fort und badete in Jarods haßerfülltem
Blick, "das hier ist kein Höflichkeitsbesuch. Hier haben sich einige Dinge
geändert. Es gibt Regeln. Neue Regeln. Das Triumvirat ist erstaunlich
nachsichtig gewesen. Solange wir mit einer erfolgreichen Zusammenarbeit rechnen
können, haben Sie nichts zu befürchten."
Einigermaßen gespannt wartete er auf irgendeine Reaktion des Pretenders. Nach
einer Minute gestand er sich enttäuscht ein, daß er keine bekommen würde.
Soviel dazu. Aber es gab andere Mittel und Wege...
"Meine Schwester schien nicht besonders angetan zu sein von der Zeit, die
sie mit Ihnen zusammen in Alaska verbracht hat", meinte Lyle beiläufig.
Jarods Kopf, der schon vor einer ganzen Weile wieder nach unten gesunken war,
ruckte nach oben. Frischer Haß ließ seinen Blick brennen.
"Raus hier."
Lyle lachte. Oh, es war herrlich, Jarod zurück unter der Kontrolle des Centre
zu wissen. Unter seiner Kontrolle.
"Hm, warum nicht? Privatsphäre ist ein kostbares Gut; ich verstehe das.
Heute erwarte ich dafür noch keine Gegenleistung, aber in Zukunft wird sich das
ändern."
Nach einem letzten, langen Blick auf Jarod verließ Lyle den Raum wieder,
gefangen in seiner ganz eigenen Welt aus Machtrausch und Selbstgefälligkeit.
***
Regentropfen fielen wie winzig kleine Sterne vom Himmel; jeder von ihnen
spiegelte die Lichter der riesigen Stadt wider.
Miss Parker sah weder den Regen, noch die Lichter. Sie war viel zu sehr damit
beschäftigt, nicht das Blut zu sehen, das allgegenwärtig in ihrer Erinnerung
war. 'Blut von meinem Blut', dachte sie bitter, kämpfte ganz automatisch gegen
die Tränen an, die schon wieder in ihren Augen brannten. Mittlerweile viel es
ihr immer leichter, sich wieder all der antrainierten Reflexe und Gewohnheiten
zu bedienen, die sie sich im Centre angeeignet hatte. Doch der Schmerz loderte
noch immer unvermindert in ihr, ließ sich auch nicht hinter ihrer Fassade aus
Eis verbergen.
"Wir sind da, Miss."
Der Taxifahrer drehte sich zu ihr um und musterte sie geduldig, mit dem Blick
eines Mannes, der in seinem Leben schon viel Leid gesehen hatte und dankbar dafür
war, daß es meistens anderen Leuten zugestoßen war.
Miss Parker nickte, nahm seinen mitfühlenden Blick nicht einmal zur Kenntnis.
Sie griff in ihre Manteltasche und zog ihre Brieftasche hervor. Abwesend
bezahlte sie den Mann, dann nahm sie ihre Tasche und stieg aus. Kaum, daß sie
die Tür hinter sich geschlossen hatte, rauschte das Taxi auch schon davon.
Ihr Blick glitt an der silbrig-grauen Fassade des Hochhauses empor, vor dem sie
stand. Es sah kalt, anonym und ein wenig abweisend aus. Perfekt.
Miss Parker zog einen Zettel aus der Innentasche ihres Mantels, warf einen
kurzen Blick darauf. Dann zerknüllte sie ihn und warf ihn in einen Mülleimer,
bevor sie das Hochhaus betrat.
Sie fühlte sich noch immer so, als wäre sie nicht richtig wach. Die Welt zog
an ihr vorbei, ohne daß sie großen Einfluß darauf nehmen konnte. Ihr Körper
schien von einer Art Autopilot gesteuert zu werden, der sie atmen und laufen ließ.
Atmen und laufen, zu viel mehr war sie im Moment nicht fähig. Ihre Gedanken
gehorchten ihr nicht richtig; mal rasten sie so schnell, daß sie nur unsinnige
Fetzen erkannte, dann wieder schienen sie geradezu durch ihr Bewußtsein zu
kriechen. Und dann waren da natürlich noch ihre Gefühle, die sie sorgsam
unterdrückte, weil sie wußte, daß sie andernfalls daran zerbrechen würde.
Miss Parker erreichte ihr Appartement. Sie zog den Schlüssel aus einer der
Manteltaschen hervor und schloß auf. Mit langsamen Schritten betrat sie die
kleine Wohnung und sah sich gleichgültig um. Es war ein Ort, an dem sie bleiben
konnte, nicht mehr und nicht weniger. Und es war das beste gewesen, was sie in
der kurzen Zeit hatte auftreiben können.
Behutsam stellte sie die Tasche auf den Tisch, der in der Mitte des Wohnzimmers
stand, dann ging sie zurück zur Tür und verließ die Wohnung wieder. Noch
konnte sie nicht hierbleiben. Zuerst mußte sie ein zuverlässiges Mittel
finden, um ihren Schmerz zu betäuben. Im Moment fiel ihr nur eines ein; glücklicherweise
gab es in einer Stadt wie New York mehr als genug Orte, wo sie es finden konnte.
Wie im Halbschlaf schritt sie von einer Straße zur anderen, wich Autos aus und
stieß immer wieder mit anderen Leuten zusammen. Ihr Blick glitt dabei immer
wieder suchend über die Fassaden der Häuser, bis sie schließlich ein Schild
entdeckte, das verheißungsvoll genug aussah, um sie anzulocken.
Miss Parker zog sich ihren Mantel enger um die Schultern, bevor sie den
Nachtclub betrat, der ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Wie sie es
erwartet hatte, war die Bar so früh am Abend noch fast leer. Nach einem kleinen
Zwischenstop am Tresen ging sie mit einer Flasche und einem kleinen Glas in der
Hand zu einer der abgeschiedenen Nischen und ließ sich dort nieder.
Ihr Kummer schnürte ihr die Kehle zu, andernfalls hätte sie erschöpft
geseufzt. Doch jetzt begnügte sie sich damit, das Glas sehr viel heftiger auf
dem Tisch abzustellen, als nötig gewesen wäre. Es zersplitterte in ihrer Hand;
die winzigen Glassplitter schnitten in ihre Handfläche und ihre Finger. Warmes
Blut strömte über ihre Haut. Das Gefühl ließ sie zittern und Panik in ihr
aufsteigen, die sie mühsam wieder niederkämpfte.
"Alles in Ordnung, Miss?"
Als sie aufsah, begegnete sie dem besorgten Blick des Barkeepers. Nach einer
kleinen Ewigkeit nickte sie.
"Ich brauche ein neues Glas."
Der Mann sah aus, als wollte er ihr sagen, daß sie ganz etwas anderes brauchte,
aber zu ihrer Überraschung tat er es nicht.
"Ist gut", entgegnete er und reichte ihr ein Taschentuch. Sie nahm es
entgegen und sah ihm nach, als er zur Bar hinüber ging.
'Was hast du erwartet?', wisperte eine leise, sanfte Stimme in ihr. 'Sie sind
nicht alle so sehr um dich besorgt wie Jarod. Der Barmann ist nur daran
interessiert, Geld an dir zu verdienen.'
Miss Parker schüttelte den Kopf. Jarod war der letzte Mensch, an den sie im
Moment erinnert werden wollte. Nun, vielleicht nicht wirklich der letzte.
Sie wartete, bis der Barkeeper ein neues Glas vor ihr abgestellt hatte, dann
wickelte sie das Taschentuch um ihre Hand. Das Blut - ihr Blut, erinnerte sie
sich - zog ihren Blick wie magisch an, aber sie zwang sich, nicht darauf zu
starren. Statt dessen schraubte sie die Flasche auf und goß sich einen Drink
ein. Dann leerte sie das Glas in einem einzigen Zug.
Der Wodka brannte in ihrer Kehle und erfüllte sie mit der völlig falschen Art
von Wärme. Die Wärme würde sich schon sehr bald wieder in Schmerz verwandeln,
aber im Moment war das nicht wichtig. Im Moment wollte sie nur noch vergessen.
Der Alkohol riß einige ihrer sorgsam errichteten Barrieren nieder. Bilder
tauchten vor ihrem inneren Auge auf, aber es war nicht Ben, den sie sah. Es war
Thomas.
Miss Parker preßte ihre unverletzte Hand auf ihren Mund, unterdrückte ein
Schluchzen. Nach Tommys Tod hatte sie sich ebenfalls betrunken, aber damals
hatte Jarod sie gefunden und aufgehalten. Doch heute würde das nicht passieren;
sie hatte selbst dafür gesorgt.
Ein zweiter Drink folgte dem ersten, dann noch einer und noch einer. Mit leerem
Blick starrte sie in ihre leeres Glas. Es war einfach nicht fair. Der Schmerz
hatte sie aus einer völlig unerwarteten Richtung überrascht. Sie hatte alle
Menschen, die ihr etwas bedeuteten, aus ihrem Leben ausgeschlossen. Bis gestern
hatte sie geglaubt, daß es der Verlust von Jarod oder vielleicht von Sydney
sein würde, der sie zerbrach. Nicht einmal im Traum hatte sie daran gedacht, daß
irgend jemand Ben als ein lohnendes Ziel betrachten würde...
Tränen lösten sich aus ihren Augen, liefen heiß über ihre Wangen. Miss
Parker goß sich einen neuen Drink ein. Sie würde noch viele davon brauchen,
bis sie es wagen konnte, in ihr Appartement zurückzugehen. Doch wenigstens würde
sie heute niemand aufhalten.
"Heute nicht, Jarod", murmelte sie, das Glas halb erhoben. Für einen
Moment starrte sie ins Leere, dann setzte sie das Glas an ihre Lippen und trank
das flüssige Vergessen.
***
In Jarods Welt gab es keine Lichter. Seine Welt war dunkel, und sie blieb es
auch, wenn er die Augen öffnete.
Das hier war sein Zimmer. Sie hatten ihn zurück in sein Zimmer im Centre
gebracht. Ein Zittern lief durch seinen Körper. Zweifelsohne war das Lyles Idee
gewesen.
Jarod setzte sich im Bett auf. Er durfte jetzt nicht in Panik geraten. Früher
oder später würde er schon wieder einen Weg nach draußen finden. Übelkeit
wallte in ihm auf.
Der Pretender war beinahe dankbar dafür, daß es so finster war. So konnte er
wenigstens die Wände nicht sehen. Wände die ihn einengten, die sich immer
weiter auf ihn zuzubewegen schienen.
Er stand auf und zwang sich, tief durchzuatmen. Ihm war klar, daß er es hier
nicht lange aushalten würde. Schon jetzt hatte er das Gefühl, daß sein
Verstand langsam auseinanderfiel. Doch noch konnte er dagegen ankämpfen. Noch
hatte er sich unter Kontrolle.
Jarod versuchte, etwas zu finden, mit dem er sich ablenken konnte. Er dachte an
Sydney. Sie ließen ihn nicht zu ihm, aber Jarod wußte, daß Sydney sich
wahrscheinlich schwere Vorwürfe machte. Dabei war es gar nicht seine Schuld
gewesen; Jarod hatte es seiner eigenen Nachlässigkeit zu verdanken, daß er
wieder im Centre war. Er hatte Lyle unterschätzt.
Lyle.
Noch einmal zitterte Jarod, doch diesmal war es Wut, die dafür sorgte, daß er
die Kontrolle über sich verlor. Sobald er die Gelegenheit dazu bekam, würde er
Lyle bezahlen lassen. Für den Tod von Kyle. Für den Tod von Ben Miller. Für
das, was er seiner Schwester angetan hatte.
Beim Gedanken an Miss Parker zuckte Jarod unwillkürlich zusammen. Er wußte, daß
jede Minute zählte. Je länger sie auf sich allein gestellt war, desto größer
wurde die Gefahr, daß Jarod ihr nicht mehr helfen konnte.
Erinnerungen liefen vor seinem inneren Auge ab. Sie hatte ihn zurückgewiesen,
mehr als einmal, dennoch würde er niemals zögern, ihr zu helfen. Miss Parker
war... Was war sie eigentlich für ihn?
'Wenn du aufhörst, dich selbst zu belügen, können wir keine Freunde mehr
sein.'
Die Worte aus seinem Traum fielen ihm wieder ein. Jarod runzelte die Stirn. Was
sollten sie bedeuten? Er legte sich wieder aufs Bett, versuchte nicht daran zu
denken, daß Miss Parker noch vor kurzem hier gesessen hatte, gefangen in ihrem
Schmerz und verzweifelt darum bemüht, jemanden zu finden, der sie davon
befreien konnte. Miss Parker, die jetzt irgendwo allein dort draußen war, ohne
jemanden, der ihr helfen konnte, der sie liebte...
Mit einem Ruck setzte sich Jarod wieder auf. War es möglich, daß er so ein
Idiot gewesen war? Daß er die Augen vor dem verschlossen hatte, was die Miss
Parker in seinem Traum so mühelos durchschaut hatte?
Er liebte sie. Dessen war er sich immer bewußt gewesen. Aber er hatte nie in
Betracht gezogen, daß dieses Gefühl vielleicht über eine bloße Freundschaft
hinausging.
Jetzt war ihm klar, was die Worte bedeuteten. Bisher hatte er immer geglaubt, daß
es ihm genügen würde, Miss Parkers Freundschaft zurückzugewinnen, aber
langsam verstand er, daß ihm das nun nicht mehr genügen würde. Es gab mehr
zwischen ihnen, etwas, das noch tiefer ging als Freundschaft. Und das war es,
was verhinderte, daß sie wieder zu Freunden wurden.
Jarod setzte sich auf, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Was sollte er
bloß tun? Er konnte doch nicht einfach so hier herumsitzen, während Miss
Parker litt und seine Hilfe brauchte.
Ein Geräusch ließ ihn aufsehen. Draußen vor der Tür fand eine leise
Unterhaltung statt, dann trat wieder Stille ein. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet,
nur einen Spalt breit. Ein leises, metallisches Klappern hallte durch das Zimmer
und die Tür schloß sich wieder.
Verwirrt stand Jarod auf, tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit. Nach
einer Weile erreichte er die Tür. Er ging langsam in die Knie, tastete dann
behutsam den Boden ab. Als seine Finger sich um einen länglichen Gegenstand
schlossen, konnte er es kaum fassen.
Lyle hatte recht gehabt. Es hatte sich wirklich einiges verändert.
In der Dunkelheit verzerrte ein grimmiges Lächeln Jarods Züge.
Ende Teil 8
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