Der Drachentöter

Soledad Cartwright

Eine Hintergrundgeschichte zu ''Der verzauberte Teich''

Es geschah vor langer, langer Zeit, als die Welt noch jung war, die Heide noch grün und es noch kein König über Heimwiese herrschte. Der Weiße Turm stand auch noch nicht auf jenem glatten, steilen, schwarzen Felsen, der inmitten des großen Regenbogen-Sees emporragte. Feen tanzten noch auf den sonnigen Lichtungen der Wälder und unter den Bergen, in ihren großen und prächtigen Steinhallen, Zwerg-Schmiede arbeiteten mit ihren gewaltigen Hammern.

Damals waren die Drachen noch zahlreich und sehr mächtig, und ihr Hochburg war der Einsame Berg, den sie von versklavten Zwergen von innen aushöhlen ließen, damit sie in den riesigen, felsigen Höhlen hausen konnten. Dort haben sie auch ihre Schätze gehortet, Gold und Silber und Perlen und kostbare Edelsteine, die sie von all den Ländern zusammengeraubt und zu großen Stapel aufgehäuft hatten, um darauf zu schlafen, als handelte es um kostbare Betten.

Wie gesagt, es gab damals noch keinen König über Heimwiese. Das Schicksal des Landes wurde aber von Zauberinnen überwacht, die alle dem sehr alten und sehr mächtigen Geschlecht der Mondfrauen entstammten. Sie waren die Hüterinnen des Unterirdischen Flusses und hausten in einer großen Halle unter dem Vogelfelsen. Ihnen konnten die Drachen zwar nichts anhaben, denn ihre Macht stammte von den Urwassern der Erde und deren dunklen, mütterlichen Schoß; fürwahr, es wurde gesagt, ihr Geschlecht sei so alt wie die Welt selbst.

Niemand wußte, wo sie herkamen und niemand konnte sich an eine Zeit besinnen, in der sie noch nicht in ihrer Halle unter dem Vogelfelsen gesessen hätten. Uralte, halbvergessene Lieder berichteten darüber, sie wären mit schnellen Schiffen auf dem Rücken des Unterirdischen Flusses gekommen, in einer Zeit, als der Fluß noch selber jung gewesen, aber nicht einmal die Lieder wußten, wie weit zurück in der Zeit dies hätte geschehen können.

Hin und wieder brach die eine oder andere von ihnen auf, um in den fernen Süden zu pilgern, in das sagenumwobene Land, das Sonnenende genannt wird, denn von dort, so behaupteten die Lieder, sollte ihre Art entstammen. Diese kehrten dann nie mehr zurück; dafür kamen neue, junge Zauberinnen, die ihren Platz in der Großen Halle übernahmen. Andere verbrachten ihr ganzes Leben unter dem Vogelfelsen; wieder andere vermählten sich mit den Söhnen des Landes und vererbten ihre Macht an ihre Töchter.

Als die Anzahl der Drachen in bedrohlichem Maße anwuchs und das Leben des Volkes von Heimwiese zur Not und Jammer geworden ist, empfanden die Zauberinnen Mitleid für das Land und wollten helfen. Deshalb entsandten sie eine Botin nach Sonnenende genannt wurde, um die dort lebenden Magier, die mächtigsten aller Sieben Welten, um Rat und Hilfe zu bitten. Die Weisen von Sonnenende nahmen die Botschaft mit großem Besorgnis entgegen. Es war nämlich von Anbeginn der Zeiten so, daß die Drachen über das Feuer und die Winde herrschten, wogegen die Zauberinnen des Unterirdischen Flusses Macht über die Erde und über alle Gewässer oberhalb und unterhalb der Sieben Himmel hatten. Die südländischen Magier in Sonnenende zogen ihre Kräfte ebenfalls vom Feuer und von den Winden, es wäre ihnen also möglich gewesen, Heimwiese behilflich zu sein. Sie befürchteten aber, das große Gleichgewicht der Kräfte, auch Equilibrium genannt, zu stören, wenn sie sich einmischen, und sei es nur durch Rat und Weisheit. Denn das Schicksal von Heimwiese war nicht in ihre Hände gelegt worden.

''Es gibt einen Weg, um mit den Drachen fertigzuwerden'', sagte der Älteste des Rates nach langem Nachdenken zu der Botin der Zauberinnen, ''aber das hat einen hohen Preis. Betretet ihr diesen Weg, so wird sich das Leben auf Heimwiese, so wie ihr es kennt, für immer verändern. Und ihr werdet in diesem Kampf sterben... alle bis auf eine, und selbst die wird den Kampf nicht unverändert überstehen.''

''Betreten wir aber diesen Weg nicht, so werden die Drachen ganz Heimwiese in verbrannte Erde verwandeln'', entgegnete die Zauberin, ''und es wird weder Menschen, noch Tiere oder Felder mehr geben, für die wir sorgen könnten. Wir hätten unsere Pflicht als Wächterinnen verfehlt und den Grund unseres Seins verwirkt.''

Das wußte der Älteste nur zu gut; denn der Rat war schon seit geräumiger Zeit dessen bewußt, daß es zu Veränderungen kommen würde, wollten sie - sie alle - ihre Verantwortung den Menschen und allen anderen Lebewesen gegenüber nicht verraten.

''Es ist Eure Entscheidung'', antwortete er. ''Seid Ihr bereit, diesen Preis zu bezahlen, so mußt Ihr Euch mit den Menschen verbünden. Zauberkraft allen reicht nicht aus, um die Drachen zu besiegen. Es bedarf auch der starken Hand eines tapferen Kriegers, der bereit ist zu Töten, um Leben zu beschützen. Ein geflügeltes Roß soll er haben und ein Schwert, dessen Klinge aus den Herzen eines fallenden Sternes geschmiedet worden ist, denn nur ein Sternenschwert ist dazu imstande, die eisenharten Schuppen eines Drachen zu durchdringen.''

Die Zauberin bedankte sich und kehrte zu ihrer Schwesternschaft unter dem Vogelfelsen zurück, um ihren Schwestern mitzuteilen, was ihr der Rat der Alten und Weisen von Sonnenende offenbart hatte. Die anderen verblieben lange im betroffenen Schweigen.

''Wir haben ja schon immer geahnt, daß die Welt vor einer grundliegenden Veränderung steht'', ergriff schließlich die Älteste das Wort. ''Wir haben diese Veränderung von dem Tag an gefürchtet, da mein Sohn zur Welt gekommen ist.''

Es war nämlich so, daß die Zauberinnen viele Generationen hindurch nur Töchter geboren hatten; Töchter, die ihre Kräfte geerbt und zur gegebenen Zeit ihr Amt als Wächterinnen übernommen hatten. Vor zwanzig Jahren jedoch, etwa zu derselben Zeit, als die Anzahl der Drachen begann, in gefährlichem Maße zuzunehmen, hat die älteste Zauberin einen Sohn zur Welt gebracht; und seit jenem Jahr waren auch alle anderen Zauberinnen unfähig, Töchter zu gebären. Wenn sie überhaupt noch Kinder kriegen konnten, so waren diese ausnahmslos Knaben.

Man sagte, es sei geschehen, weil sie ihre Kräfte aufgezehrt hatten, um der Zerstörung durch die Drachen entgegenzuwirken, aber ob es dem so war oder nicht, wer könnte es heute noch sagen? Sie behielten die Knaben nicht bei sich, denn die Halle der Erinnerung, wo sie hausten, war nicht für Männer bestimmt, sondern schickten sie, sobald sie feste Nahrung vertragen konnten, zu ihren Vätern, damit sie in deren Herrenhäusern erzogen werden. Es war nämlich Sitte unter den Zauberinnen, sich mit den größten Anführern der Menschen zu vermählen, damit ihre Nachkommen unter dem einfachen Volke von Heimwiese großes Ansehen genießen. Tatsächlich nannte man die Mondfrauen "das Königsgeschlecht", obwohl es, wie bereits erwähnt, damals noch überhaupt keine Könige über Heimwiese gab.

Nordwind war der erste, der die Königsbürde auf sich nahm, der Sohn der ältesten Zauberin; zu jener Zeit jedoch ein junger Bursche nur, kein Fürst, nicht einmal ein Ritter (die gab es damals noch nicht), bloß ein Pferdeknecht seines Vaters, und die anderen dienten eine Zeitlang mit ihm. Sieben waren es inzwischen an der Zahl, die Söhne der Zauberinnen, und alle fast gleichaltrig; es lagen nur drei Jahre zwischen Nordwind, dem Ältesten und Nachtschatten, dem Jüngsten. Und sie alle betrachteten sich als Brüder und nannten Mondbaum, die letzte Tochter, die eine Zauberin zur Welt gebracht hatte, ihre geliebte Schwester.

So dienten sie in ihrer Jugend auch zusammen bei Nordwinds Vater, dem Gutsherrn der Verdorrten Heide, und lebten in dessen Festung, die Moorburg genannt wurde. Die Ländereien des Herrn Schwarzer Adler lagen nämlich in der Nähe der Südgrenze, wo die Drachengefahr am größten gewesen, deshalb hatte er seine Burg inmitten des Sumpfgebietes aufbauen lassen, wo das viele Wasser doch einigen Schutz gegen das Drachenfeuer bieten konnte. Aber nur einen geringen.

Die Verdorrte Heide, einst das üppigste Weideland in ganz Heimwiese. war wegen der heißen Winde, die von der Hochburg der Drachen wehten, vertrocknet. Der Einsame Berg nämlich, wo die Lindwürmer hausten, war keinen Tagesmarsch von da entfernt, und die Pferdeknechte konnten manchmal mit bloßem Auge über das Weideland hindurch sehen, wie Drachenfeuer aus den vielen Höhleneingängen des Berges hervorschlug. Und manchmal, wenn auch sehr selten, sahen sie die Drachen selbst, wie sie sich, todbringenden Schmetterlingen gleich, um den rußgeschwärzten Gipfel des Berges herumjagten, in schaurig-schönem Reigentanz, und dabei große Rauchwolken bliesen.

Trotzdem waren die Pferdeknechte gezwungen, täglich auf die Verdorrte Heide zu reiten. Denn diese war von Anfang an das Weideland des Silbernen Gestüts, und die eigenwilligen Pferde waren nicht bereit, woanders zu weiden. Es waren nämlich keine gewöhnlichen Pferde, die das Silberne Gestüt ausmachten. Ihre Vorfahren stammten von dem Verbotenen Tal, daher verstanden sie die menschliche Sprache, obwohl sie selbst des Sprechens nicht mächtig waren. Außerdem war es eine helle Freude, sie anzusehen, denn ihr Fell glänzte wie reines Silber, ihre Mähnen und Schwänze waren lang und seidig und reichten fast bis zum Boden, und auf ihrer Stirn leuchtete ein kleiner, weißer Stern. Groß und stark waren sie, aber doch feingliedrig gebaut, besaßen die Kraft und Flinkheit von drei gewöhnlichen Pferden, und bei Vollmond tanzten sie auf der Verdorrten Heide, als wären sie Feen gewesen.

Als Nordwind siebzehn geworden war, kam im Silbernen Gestüt ein wunderbares Fohlen zur Welt. Rabenschwarz war es, von den Ohrenspitzen bis zu den glänzenden Hufen, nur Mähne und Schwanz glänzten silbern, und auf seiner Stirn war das Zeichen eines weißen Halbmondes zu sehen. Das Wundersamste an ihm jedoch waren die zwei gewaltigen Flügel, die aus seinen Schultern wuchsen. Nach nur sieben Tagen fingen die Federn an zu wachsen, und nach einundzwanzig Tagen hatte das junge Fohlen glänzende, nachtschwarze Schwingen, deren Innenseite silbern schimmerte, hatte er sie ausgebreitet. Fliegen konnte es zwar noch nicht, da es aber in längst vergangenen Zeiten schon mal solche Flügelpferde im Silbernen Gestüt gab (wenn auch äußerst selten), konnte man damit rechnen, daß es die Kunst des Fliegens aneignen würde, sobald es drei Jahre alt geworden sei.

Und gerechnet hat man damit, fürwahr, denn alle glaubten, die Geburt eines geflügelten Rosses sei ein gutes Zeichen; ein Zeichen dafür, daß die Drachengefahr bald vorüber sein würde. Das ganze Volk geriet außer sich vor Freude, selbst das grimmige Gesicht des Herrn Schwarzer Adler erhellte sich, und er befahl seinem Sohn, das Fohlen zu behüten, zu hegen und pflegen, als wäre es sein eigenes Kind.

Nordwind selbst wurde jedoch von seltsamen, dunklen Vorahnungen gequält. Er konnte - genau wie seine Brüder - die Macht seiner Mutter nicht erben, denn diese war eine durch und durch weibliche Macht, die nur Frauen ausüben konnten, trotzdem besaß er eine tiefe Einsicht und Weisheit, die nur den Nachkommen von Zauberinnen zu eigen war. Als die wirren Träume, die ihn heimsuchten, nicht aufhören wollten, vertraute er das Silberne Gestüt seinem jüngeren Bruder an und machte sich auf den langen Weg zu Vogelfelsen, un seine Mutter um Rat zu bitten.

Dunkler Abendstern, die älteste Zauberin des Unterirdischen Flusses, wußte bereits über das kommen ihres Sohnes Bescheid; sie wußte ja auch sonst alles. Die Zauberinnen konnten in die Zukunft blicken, in die allernächste Zukunft jedenfalls, und vor allem in Dingen, die ihr eigenes Fleisch und Blut betrafen; und sie war die Klügste und Erfahrenste von allen.

Selten wurden Männer zur Halle der Erinnerung zugelassen, nicht einmal die Söhne der Zauberinnen. Diesmal hatte aber Nordwind niemand daran gehindert, die Dreihundert Stufen hinunterzusteigen (jene schmale, abgebröckelte Sandsteintreppe, die in das Innere der Erde führte); denn seine Mutter hatte ihn bereits erwartet.

Nach der schwarzen Botschaft, die sie von Sonnenende erhalten hatte, freute sich die älteste Zauberin, ihren Sohn wiederzusehen. Er war noch ein Kind als sie sich zuletzt trafen; in der Zwischenzeit ist er zu einem großen, starken Mann herangewachsen, der zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Vater aufwies, vor allem was seinen hohen Wuchs und seine wilde, lohfarbene Mähne betraf, de aber auch die Weisheit seiner Mutter geerbt hatte. Der junge Mann selbst fand, obwohl er sich nur noch schemenhaft an die Zauberin erinnern konnte, daß seine Mutter in all den vergangenen Jahren kaum verändert hatte.

''Ich weiß warum du gekommen bist'', sagte sie zu ihrem Sohn. ''Ich habe deine Träume gesehen und gedeutet.''

Nordwind schaute sie groß an.

''Ihr meint sie hätten tatsächlich eine Bedeutung? Die Zauberer im Hause meines Vaters sagten, meine Alpträume kämen nur wegen der Gefahr der wir auf der Verdorrten Heide ausgesetzt sind.''

''Die Zauberer deines Vaters sind Narren'', entgegnete Dunkler Abendstern ruhig. ''Die sogenannten Zaubergilden dieses Landes bestehen aus Gauklern und Betrügern, die keine Ahnung davon haben was kommen wird.''

''Was wird denn kommen?'' fragte Nordwind bedrückt.

''Feuer und Blut und Tod'', antwortete seine Mutter traurig, ''und vielleicht die große Dunkelheit für das ganze Land. Es liegt allein und einzig an dir, sie aufzuhalten.''

''An mir?'' fragte Nordwind ungläubig. ''Was könnte ich denn tun?''

''Deine Geburt war das Zeichen für die große Veränderung der Welt die kurz bevorstehet'', die Zauberin sagte. ''Du bist der erstgeborene Sohn unseres ganzen Geschlechtes. Unsere Zeit is am VErgehen; ob die Menscheneinen großen Teil unseres Dienstes übernehmen und das Land retten können, hängt von dir ab.''

''Aber ich bin doch bloß ein Pferdeknecht!'' protestierte Nordwind. ''Nicht einmal volljährig bin ich - und ich besitze Eure Macht nicht!''

''Das brauchst du auch nicht'', antwortete seine Mutter. ''Dafür haben wir deinen jüngsten Bruder, Nachtschatten, zu dem einzig wahren Zauberer dieses Landes in die Lehre geschickt, als er erst sieben Jahre alt war. Er wild seine Prüfungen bald ablegen, seinen Zaberstab erhalten und in das Land zurückkehren. Dann wird er eine Gilde gründen, um das Uralte Wissen zu bewahren, selbst wenn wir vergangen sind.''

''Vergangen? Wie meint Ihr das, Frau Mutter?''

''Du weißt ja doch, daß wir keine Töchter mehr zu Welt bringen können; und in euch geht unsere Macht verloren. Mondbaum ist die letzte unseres Geschlechtes; vielleicht wird sie das Kommen der Drachen überstehen, aber selbst sie, so lautete die Botschaft von Sonnenende, wird sich verändern.''

''Verändern... wie?''

''Das wissen wir nicht, mein Sohn, aber wir befürchten Schlimmes. Deshalb haben wir beschlossen, dich mit Mondbaum zu vermählen, sobald du deine Volljährigkeit erreichst. unser Geschlecht muß weitergepflanzt werden, denn nur wir sind imstande, alles Böse von Unterirdischen Fluß fernzuhalten. Denn wird das Wasser des Flusses einmal verunreinigt, dauert es sieben Jahre, es zu reinigen; und inzwischen würde alles Leben auf Heimwiese verdürren, wie die Heide selbst.''

''Aber Mondbaum ist doch meine Schwester...''

''Nein, das ist sie nicht. Ihr betrachtet euch alle wie Brüder und Schwester, und das ist gut so, denn ihr werdet die Hilfe voneinander in den schweren Zeiten die uns bevorstehen bitter nötig haben. Trotzdem ist Mondbaum nicht meine Tochter, und ihr Vater ist der ehrwürdige Zauberer Silberstein, der Wächter der Letzten Warte, wo dein Bruder in die Lehre geht. Er ist mit Mondbaum verwandt, nicht du, denn auch er ist ein Nachkomme von Siebenstein. Deiner Vermählung mit Mondbaum steht also nichts im Wege''

Dagegen konnte Nordwind nichts mehr einwenden, und es stand ihm auch nicht zu, sich gegen den Entschluß der Zauberinnen aufzubegehren. Aber sein Herz ward betrübt, denn er hatte es schon vor Jahren heimlich an Wilde Rose, ein liebliches junges Mädchen verschenkt, un er hoffte inbrünstig, das einfache junge Hirtenmädchen eines Tages heiraten zu dürfen.

Nun mußte er aber diese Hoffnung, die seine einsamen Tage auf der VErdorrten Heide erfreuten, um das Wohl des Landes aufgeben, denn sein Leben, als das des ersten sohnes einer Zauberin der je geboren wurde, hehörte nich ihm selbst, sondern dem gefährdeten Land, wofür seine Mutter und die anderen Mondfrauen die Verantwortung trugen.

Dunkler Abendstern sah die Bestürzung ihres Sohnes und der junge Mann tat ihr von Herzen leid, trotzdem sah sie sich außenstande, den gemeinsamen Entschluß der Zauberinnen zu ändern. Sie haben eine Wahl getroffen die ihnen als die bestmögliche dünkte, und jetzt mußten sie dementsprechend handeln, selbst wenn es im Laufe der zukünftigen Ereignisse heausstellen würde, daß sie sich im Irrtum befanden. So groß war die Macht des gesprochenen Wortes zu jener längst vergessenen Zeit, daß ein Versprechen, einmal gegeben, nie mehr zurückgenommen werden konnte.

Nordwind beugte sich also schweren Herzens der Entscheidung der Zauberinnen, sagte seiner über alles geliebten Wilde Rose Lebewohl und kehrte nach Moorburg zurück, um sich auf den bevorstehenden Kampf gegen die großen Drachen vorzubereiten. Dort lebten immer noch zwei seiner jüngeren ''Brüder'' mit ihm: Silberpfeil, ebenfalls ein sehr guter Reiter, außerdem der beste Bogenschütze des Landes, und Weißer Wildschwan, ein Bannsänger, der eine verwunschene HArfe besaß und alle alten Zauberlieder des Landes kannte. Er war zwar kein echter Zauberer, aber durchaus dazu imstande, jemanden durch seine Zauberlieder untertan zu machen und sogar die Kraft der Bäume und der wilden Tiere zu bändigen.

Sie wußten sehr wohl, daß der erste Schlag der Lindwürmer gegen die Verdorrte Heide zu erwarten war, deshalb nahm Weißer Wildschwan das Silberne Gestüt, durchquerte mit den Pferden den Alten Wald und brachte sie zum Verbotenen Tal zurück, wo uhr Geschlech ursprünglich herkam. Die unbezwingbare Zauberkräfte, die das Tal behüteten, konnten selbst den Drachen trotzen, daher waren dort die Pferde in Sicherheit. Bevor aber er sich auf den Rückweg machte, belegte Weißer Wildschwan das geflügelte Fohlen mit einem Zauberbann, damit es zur gegebenen Zeit nach Morburg zurückkehrt. Denn nur mit seiner Hilfe konnte Nordwind hoffen, den Drachen die Stirn bieten zu können.

Nach Weißer Wildschwan's Rückkehr brachen die drei ''Brüder'' ins westliche Zwergenreich auf, wo drei andere von ihnen je ein Handwerk lernten. Schwerer Hammer lebte in den steinernen Hallen der Zwergenschmiede, tief unter dem Eisernen Berg, wo die Sonne niemals hinscheint, und er selbst war klein, untersetzt und unglaublich stark - wie ein Zwerg. Er war hierher gekommen, um der beste Waffenschmied in den Sieben Landen zu werden, denn es wurde vorausgesagt, daß er ein unbesiegbares Schwert schmieden würde, aus dem Herzen eines fallenden Sternes.

Tagesfleiß hat die Kunst der Weber erlernt, und zwar bei den Elfen des Waldes. Diese waren nun nicht mehr so zahlreich und bei weitem nicht mehr so tapfer und abenteuerslustig wie ihre Vorfahren, abe sie verstanden sich immer noch wunderbar in den Handwerkskünsten, und waren gerne bereit, den jungen Mann darin zu unterweisen. Denn es hieß unter ihnen, einmal würde ein Fremder bei ihnen in die Lehre gehen, der es fertigbringen könnte, eine Decke zu weben, unter der man Wahrträume träumen könnte.

Flinke Scheibe nun, der Zweitjüngste von allen sieben, lebte bei dem Fischerfolk an der Mündung des Unteriridischen Flusses, dort, wo der Fluß in den großen Regenbogen-See hineinströmte. Es wurde freilich vermutet, er wurde den See irgendwo wieder verlassen und unter der Erde bis zum Westlichen Meer weiterfließen, aber ob es dem wirklich so war, hätten nur die Zauberinnen sagen können, sie aber sprachen mit niemandem über ihre Angelegenheiten, nicht einmal mit ihren eigenen Söhnen.

Die Fischer lebten seit Menschengedenken an der Mündung, waren mit den Zauberinnen befreundet, soweit es für gewöhnliche Menschen überhaupt möglich gewesen, und stellten mit der feuchten Tonerde die wundersamsten Sachen an. Nicht nur ihre Hütten haben sie aus Tonziegeln gebaut, die sie in der Sonne austrocknen ließen, nein, sie zauberten auch lieblich Gefäße aus gebranntem Ton, meist nur für den täglichen Gebrauch, manchmal aber auch aus reiner Freude an Schönheit.

Selten nahmen sie bei sich fremde Leute in die Lehre, mit Flinke Scheibe haben sie jedoch eine Ausnahme gemacht, erstens seiner Mutter, der Zauberin zuliebe; und zweitens, weil er eine ganz besondere Beziehung zum Ton hatte. Seine Mutter hatte ihm nämlich unterwegs, auf der feuchten Erde zu Welt gebracht; der Ton war das erste Ding das er in seinem Leben berührt hatte und kam von ihm nie mehr los.

Nordwind versammelte also all seine ''Brüder'' wieder um sich in der Moorburg seines Vaters - bis auf den Jüngsten, der immer noch in der Letzten Warte lebte und sich in den Zauberkünsten unterweisen ließ. Aber selbst ihm hatte man eine Nachricht geschickt und ihn gebeten, am Mittsommertag in der Moorburg einzutreffen. Denn es bedurfte der vereinten Kräfte aller sieben Söhne der Zauberinnen - und der ihrer einzigen Schwester -, um es mit den Drachen aufzunehmen.

Hier endet diese Geschichte.

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