Die jungfräuliche Zauberin

Soledad Cartwright

Eine Hintergrundgeschichte zu ''Der Verzauberte Teich''

Die jungfräuliche Mondbaum aber, die letzte und mächtigste Tochter der Zauberinnen, weilte während all dieser Zeit im wilden Reich des Bärenkönigs, wo die Sonne ein halbes Jahr lang nicht untergeht, um danach ein halbes Jahr lang gar nicht aufzugehen. Sieben Jahre hat sie dort verbracht; sieben Halbjahre des Lichts, im unbeschreiblichen Glitzern der weißen Nächte, und sieben Halbjahre der Dämmerung und tiefster Dunkelheit.

Dorthin wurde sie geschickt, um die Zauberkünste der nordländischen Zauberinnen zu erlernen, denn diese waren die mächtigsten der Alten Welt. Das brauchten sie ja auch, da ihr Land am Reich der Eisriesen grenzte, deren Kräfte die Kälte und der Frost waren; und sie mußten die Fruchtbarkeit der Hochlanden gegen deren eisigen Angriffe beschützen.

Der damalige Bärenkönig hat den Namen Askadden getragen, was auf der rauhen Sprache des Nordes etwa soviel bedeutete wie Aschentreter, da er alt und grau geworden war, so alt, daß sein Bart sein Knie bedeckte, wie eine schneegeladene Gewitterwolke. Einst war er aber ein mächtiger Krieger gewesen, der seine tapferen Recken oft in den Kampf gegen die Eisriesen geführt und immer den Sieg davongetragen hatte. Von der Zauberei verstand er nicht viel, besaß aber die ungeschliffene Weisheit, die vielen großen Königen jener uralten Zeit zu eigen und durch Erfahrungen eines hohen Lebensalters herausgereift worden war.

Und er hatte eine Tochter, ein spätgeborenes Kind, das einzige Licht, das seine alten Tage erhellte. Oromon war ihr Name, Schweigende Tanne auf der Nordsprache, und sie kannte alle Geheimnisse der Sterne und der Winde, des Feuers und des Wassers, der Heilkräuter und des feuchten Erdreichs. Nie zuvor ist eine größere Zauberin in den Hochlanden geboren; deswegen ging Mondbaum bei ihr in die Lehre, obwohl sie nur drei Jahre älter war.

Als die sieben Jahre ihrer Lehre zu Ende waren, ereilte auch Mondbaum die Nachricht, sie solle nach Hause zurückkehren, denn der große Kampf gegen die Drachen stünde nun unwiderruflich bevor. Als sie sich von ihrer Lehrmeisterin verabschiedete, überreichte ihr Schweigende Tanne eine seltsam geformte Samenkapsel und sprach mit großem Ernst und sagte:

''Meine Schwester, erinnere dich daran, was wir im blauen Nebel des Orakelbrunnens gesehen haben. Wenn alsio die Zeit deiner Verwandlung kommt, und sie wird kommen, fürchte ich, dann mußt du diese Kapsel verschlingen. Denn nur so kann dein Geschlecht vor dem völligen Erlöschen bewahrt werden.''

Mondbaum bedankte sich und trat ihre Heimreise an, die lang und beschwerlich war, durch die unwirtlichen Berge und dunklen, verwildeten Wälder der Hochlanden hindurch, obwohl sie in der Begleitung ihres jüngeren Bruders, Nachtschatten, gereist war. Dieser hatte nämlich seine Lehre beim großen Zauberer Siebenstein ebenfalls beendet (nachdem er ganze zwölf Jahre in dessen steinernen Turm verbracht hatte), und kam in den Hof des Bärenkönigs, um seine Schwester abzuholen.

Ihr Weg dauerte fast ein volles Jahr, denn Zauberinnen reisten zu jener Zeit immer zu Fuß, um ihre Kräfte durch das ständige Berühren des Erdreiches zu erneuern; so hatten sie reichlich Zeit, über alles zu sprechen, was ihnen am Herzen lag. Nachtschatten wußte natürlich, wie der Rat der Zauberinnen über Mondbaums Schicksal bestimmt hat, und da es ihm nicht verboten worden ist, hat er ihr auch über diese Entscheidung berichtet.

Mondbaum jedoch erschrak, als sie das hörte, denn in den Eismooren war es ihr erlaubt worden, einen Blick in den uralten Orakelbrunnen zu werfen, daher wußte sie besser als alle andere, was kommen würde.

''Das darf auf keinen Fall geschehen'', teilte sie ihrem Bruder mit. ''Wenn ich die volle Kraft, die mir angeboren ist, freisetzen will, kann ich mich nicht an einen Mann binden.''

''Wenn du das aber nicht tust'', entgegnete Nachtschatten traurig, ''so wird die Segensmacht unserer Mütter für immer erloschen und der Unterirdische Fluß schutzlos zurückbleiben. Ich brauche dir wohl kaum zu erklären, was das bedeuten würde.''

''Es gibt einen anderen Weg'', sagte Mondbaum, ''obwohl ich nicht dazu ermächtigt bin, darüber zu sprechen. Doch will ich meinen Beitrag in diesem Kampf leisten können, und das will ich fürwahr, denn ohne mich können die anderen sich nicht behaupten; so muß ich von jedem Mann unberührt bleiben, damit das helle Feuer meiner Kraft nicht betrübt werde.''

''Unsere Mütter haben ein Versprechen gegeben'', erinnerte sie Nachtschatten, ''und du weißt ja, daß ein solches Versprechen niemals zurückgenommen werden kann. Nordwind ist auch nicht glücklich darüber, trägt er doch das Bild der lieblichen Wilde Rose in seinem Herzen, muß sich aber zum wohle unseres Landes trotzdem fügen. Denn er wurde zum Drachentöter auserkoren und wird eines Tages über ganz Heimwiese herrschen... falls er seinen Auftrag nicht verfehlt.

Mondbaum schwieg eine Weile lang und dachte nach, lauschte dem Uralten Wissen, das ununterbrochen in ihrem Herzen flüsterte, mit unaussprechlichen Worten, die kaum ein anderer zu deuten vermochte.

''Er wird seinen Auftrag nicht verfehlen'', sagte sie schließlich, ''aber ich werde ihn bitten, die Einlösung dieses Versprechens aufzuschieben, bis der große Kampf vorüber ist.''

''Und danach?'' fragte ihr Bruder leise.

''Danach'' antwortete die junge Zauberin, und ihr schönes, blasses Gesciht verdunkelte sich vor Kummer, ''wird all das nicht mehr von Bedeutung sein.''

Mehr sagte sie nicht, sosehr ihr Bruder sie auch drängte, und von jener Stunde an schien sie sich von allen Dingen mehr und mehr zu entfernen, als lebte sie gar nicht mehr in dieser Welt.

weiter zu drachengeburt

zurück zu dragonwars