Die Vermählung der Zauberin

Soledad Cartwright

Eins

Rauschender Wind war die letzte Zauberin des Unterirdischen Flusses, sie war die Letzte der Mondfrauen. Deren uraltes und sehr mächtiges Geschlecht kam auf den Rücken des Flusses, mit schnellen Schiffen aus dem sagenumwobenen Land Sonnenende angereist, um sich in Heimwiese anzusiedeln und für den Fluß und alle Lebewesen des Landes zu sorgen. Es heißt, das Geschlecht der Mondfrauen sei so alt gewesen, wie die Welt selbst, und solange sie zahlreich und stark waren, brauchte das Land nicht einmal einen König, um die Grenzen zu bewachen, denn ihre Kraft allein reichte aus, um alles Böse von ihrem Reich fernzuhalten. Und sie vermählten sich mit den Söhnen der Menschen und gebaren Töchter, die ihre Macht erbten und ihren Amt als Hüterinnen und Wächterinnen übernahmen.

Daher gab es zu jener Zeit kaum Zauberer im Land; die damaligen Zauberer-Gilden bestanden eher aus Gauklern und betrügern; echte Zauberer lebten nur in Sonnenende und kamen selten in die nördlichen Länder. Nun geschah es aber, genau zu jener Zeit, als die Großen Drachen sich besorgniserregend zu vermehren begannen, daß die Zauberinnen auf einmal nur noch dazu umstande geworden sind, Söhne zu gebären. Manche sagten, der Grund dafür sei, daß sie ihre Kräfte aufhezehret hätten, um die von den Drachen angerichteten Zerstörung aufzuhalten, manche sprachen von einem uralten Fluch, wieder andere von einem neuen Bösen, das am Erwachen wäre, was aber die wirkliche Ursache war, wußte im Grunde keiner. Jedenfalls blieb ihnen nichts Anderes übrig, als sich mit den Menschen zu verbünden und den Kampf gegen die Drachen gemeinsam aufzunehmen.

In diesem Kampf sind alle Zauberinnen gefallen, bis auf die jungfräuliche Mondbaum, die jüngste und allerletzte von ihnen. Sie hat es geschafft, den letzten und bösesten aller Drachen, Spinnenschwinge, in einen Zauberschlaf zu versetzen. Der Drache verwandelte sich in einen Steinhügel auf der Verdorrten Heide; dieser Hügel war voller Goldadern und kostbarer Steine, denn diese hatten sich an die Schuppen des Drachen geheftet, als er noch lebendig gewesen, und nun waren sie tief im grauen Stein eingebettet. Spinnenschwinge bedeutete also keine Gefahr mehr, solange jedenfalls, bis kein geldgieriger Mensch versuchte, das Gold oder die Edelsteine an sich zu reißen. Sollte das je geschehen, warnte Mondbaum den neuen König von Heimwiese, so würde der Zauberspruch brechen und der Drache zum neuen Leben erwachen.

So endeten die furchtbaren Drachenkriege, und so endeten die Großen Drachen selbst, jedenfalls für die nächsten tausend Jahre. Das war aber auch das Ende der Mondfrauen und das Ende von Mondbaum selbst, denn der überaus starke Zauberspruch hat die Kräfte der jungfräulichen Zauberin verzehret, und sie verwandelte sich in einen Feigenbaum, oben auf dem Vogelfelsen, worunter die ungezählten Generationen der Mondfrauen gehaust hatten. Nordwind aber, der allererste Sonh, den je eine Zauberin geboren hatte, wurde König über Heimwiese. Er ließ von Zwergen den Weißen Turm aufbauen, auf einem steilen Felsen, der inmitten des großen Regenbogen-Sees emporragte; dies war jenes alte Schloß, in den später alle Könige von Heimwiese lebten und regierten.

Noch in demselben Jahr heiratete er seine Jugendliebe, Wilde Rose, ein einfaches Hirtenmädchen, das neun Jahre lang an seiner Seite gegen die Drachen gekämpft hatte, und sie bekamen später einen Sohn, der Nordwind auf dem Thron folgte. Der Wunderbaum aber, der einst die jungfräulichge Zauberin Mondbaum gewesen war, hat zu derselben Zeit eine seltsame Frucht gebracht. Länglich geformt war sie, etwa anderthalb Fuß lang, und als die neuen Zauberinnen, die von Sonnenende geschickt worden waren, um den Unterirdischen Fluß zu behüten, sie gepflückt hatten, brach ihre harte Schale entzwei, und siehe! ein neugeborenes Mädchen lag darin, schön, wie der aufgehende Mond, zierlich und trotzdem kräftig, und ihre Augen waren tief und dunkel, wie die Nacht.

Sie wurde un der Halle der Erinnerung großgezogen, wo all ihre Vorfahren gehaust hatten, und sie wurde schön, klug und sehr mächtig, wie alle ihres Geschlechts. Sie wurde später mit dem Königssohn vermählt, und es ist in Heimwiese Sitte geworden, daß die Thronerben immer eine Zauberin von der Halle der Erinnerung heirateten, vorzugsweise eine, die vom Alten Geschlecht abstammte.

* * * * * * * * * * * *

Diese Sitte hielt an fast tausen Jahre. Auch Rauschender Wind ist mit einem Königssohn verlobt worden; dieser hieß Kalter Engel und gehörte zur Bruderschaft des Vollmondes, zur mächtigsten Zaubergilde des Landes, obwohl er zu jener Zeit nur noch ein junger Zauberlehrling gewesen. Ihre Ehe war von den Alten und Weisen der Sieben Landen angeordnet worden, um Sicherheit und Wohlstand von Heimwiese zu gewährleisten, da sie beide über große Kräfte verfügten.

Natürlich war Rauschender Wind die Mächtigere von beiden. Sie wurde so genannt, weil sie die einzige war, die das Uralte Lied, das alles Gebrochene wieder aufrichtet, über die Wunden der Welt noch singen konnte; denn sie stammte auf gerader Linie von dem Wunderbaum ab, der nach tausen Jahren immer noch auf dem Vogelfelsen stand, knorrig und grau, aber immer noch sehr lebendig. Sie war die Letzte ihrer Art. Wie alle ihrer Vorfahren, besaß auch sie einen Zauberring, der ihr Macht über alle Wasser oberhalb und unterhalb der Himmel verlieh.

Bevor sich aber Kalter Engel auf die lange Reise zu den Verwunschenen Inseln begab, um bei den größten aller Meister, Windender Pfad, in den geheimen Künsten der Zauberei unterwiesen zu werden, übergab ihm die Zauberin diesen Ring. Es sollte ihn während der gefährlichen Schiffsreise beschützen.

Zwölf lange Jahre verbrachte Kalter Engel auf den Verwunschenen Inseln. Zwölf Jahre lang hat Rauschender Wind geduldig auf ihn gewartet. Während dieser Jahre geschah es aber, daß Kalter Engel eines Tages den Weg zum Tanzenden Wasser- fall entdeckte, zu dem Eingang des Feenreiches. Er ging durch das verzauberte Tor und erblickte auf einer schattigen Lichtung Schmetterling-tanzt-im-Morgentau, die Prinzessin der Feen, wie sie in ihrem hauchdünnen Blättergewand und mit einem Blütenkranz auf ihrem sieben Ellen langen, silberblonden Haar auf dem Rasen tanzte. Er erlag der phantastischen, silberhellen Schönheit und dem wilden, süßen Lachen der Feenprinzessin und folgte ihr in ihre unterirdische Behausung voller Träume und Wunder. Seine Verlobte war vergessen.

Groß war die Liebe zwischen ihnen; nach einem halben Jahr wurde aber Schmetterling-tanzt-im-Morgentau ihrem ständig grübelnden Liebhaber überdrüssig (denn auf ihm lag das dunkle Schatten allem Vergänglichen), und schickte ihn in die Welt der Sterblichen zurück. Kalter Engel legte seine Prüfungen ab, erhielt seinen Zauberstab und kehrte heim, um sein Erbe als König von Heimwiese anzutreten. Sein Herz hatte sich aber von der Rauschender Wind abgewendet; er fand sie nunmehr schwerfällig und erdgebunden, und hat sich vor dem Rat der Alten und Weisen geweigert, sie zu heiraten.

Eine Weile lang versuchte die Zauberin, ihm sein Versprechen einzufordern, vor allem, weil er ihr den Zauberring nicht zurückgeben wollte. Ohne den Ring war nämlich ihre Macht gebrochen, und sie konnte nicht mehr alles Böse vom Unterirdi- schen Fluß fernhalten, was die eigentliche Bestim-mung von ihr und ihresgleichen gewesen war, vom Anbeginn der Zeiten bis in alle Ewigkeit. Kalter Engel aber blieb hart. Er behielt den Ring, und die Zauberin verließ nach vier fruchtlosen Jahren den Weißen Turm, da ihre Kraft nicht ausreichte, ihm den Ring mit Gewalt abzunehmen.

Sie kehrt in die Halle der Erinnerung zurück und versuchte, mit der Rest der Macht, die ihr noch geblieben ist, ihre Pflicht zu erfüllen, so gut es ging. Ihr Herz war jedoch voller Sorgen, denn die alten Lieder besagten, daß tausend Jahre nach den Drachenkriegen etwas sehr Schlimmes geschehen würde; diese Zeit war nun fast schon um, und sie wußte niht, was sie tun sollte,um die Gefahr abzuwehren. So hat sie sich entschieden, eine Botschaft nach Sonnenende zu entsenden, um den Ältesterrat zu befragen, so wie es ihresgleichen schon zu anbeginn der Zeiten getan haben.

Zwei

Viele Monate lang hat sie keine Antwort erhalten, und sie dachte schon daran, eine zweite Botin auszuschicken, in der Überzeugung, der Ersten sei etwas zugestoßen, als endlich ein Fremder seine Halle betrat. Er war ein großer, kräftiger Mann, mit gekräuseltem, schwarzem Haar, das er kunstvoll in sechzehn Flechten geflochten und auf dem Nacken mit einer goldenen Spange zusammengebunden trug, und einer Haut so dunkel wie Ebenholz; und er trug ein langes Kapuzengewand, der mal rostbraun, mal dunkelrot, mal sandfarben schimmerte, wie immer das licht auf die Zauberformel fiel, mit denen es durchwirkt war.

Einen Zauberstab oder einen magischen Ring besaß er anscheinend nicht, und abgesehen von seine Hautfarbe und seinen edlen, fremdartigen Zügen hätte man ihn für einen ganz gewöhnlichen Menschen halten können. Bis man ihm in die Augen geschaut hatte. Denn nachdem er das getan hatte, erkannte Rauschender Wind, daß Ferner Rauch zu jenen seltenen Magiern gehörte, die ihre Macht in den Augen konzentrierten. Da alles auf dieser Welt seinen Preis hat, wurden sie auf diesem Auge halbblind, konnten bloß Farben und konturlose Schatten sehen. Dafür besaßen sie aber ein Machtmittel, das ihnen immer zur Verfügung stand und nicht abzunehmen war, es sei denn man blendete sie. Aber das wäre weder einfach, noch ungefährlich gewesen, denn zum Einen war es so gut wie unmöglich festzustellen, welches ihr Zauber-Auge war; zum Anderen waren sie selbst blind noch mächtig genug, die ganze Sippe ihrer Feinde mit einem überaus schweren Fluch zu belegen, der sieben Generationen lang nichts von seiner Kraft verlor.

Als ihn die Zofen in die Halle der Erinnerung führten, verbeugte sich der Fremde so tief, daß seine hohe Stirn den Steinboden berührte, und er grüßte die Zauberin und sagte:

''Seid gegrüßt, Herz der Flamme, jungfräuliche Tochter des Wunderbaumes. Ferner Rauch ist mein Name, und ich spreche mit der Stimme des Ältestenrates, denn man hat mich ausgesandt, um Eusch in disen Zeiten der Not beizustehen.''

Seine Stimme war tief und rauh, wie das überaus melodische Grollen eines fernen Gewitters; und er strahlte so viel Kraft aus, daß Rauschender Wind innerlich erzitterte; denn noch nie zuvor hatte sie eine solch fast unbändige Macht in einem Mann gespürt.

'Wie gedenkt der Ältesterrat, mir Beistand zu gewähren?'' fragte sie schließlich, als sie dachte, ihre Stimme würde fest genug sein.

''Der Rat hat mir aufgetragen, die Letzte Warte wieder in Dienst zu stellen'', antwortete der südländische Magier. ''Auf meinem Weg hierher habe ich den uralten Turm überprüft: er ist immer noch bewohnbar. Und die geheimnisvollen Kräfte, die einst innerhalb seines steinernen Ringes wirkten, sind auch noch nicht ganz erloschen. Meine Macht ist groß genug, um sie zu wecken.''

''Meint Ihr, es wäre ratsam?'', fragte die Zauberin. ''Der Blick in die Zukunft, selbst in eine mögliche Zukunft, ist ein zweischneidiges Schwert; er könnte genausoviel Unheil ausrichten als helfen.''

Ferner Rauch zuckte mit den schweren Schultern.

''Ich weiß die Linien des Schicksals zu deuten... und ich weiß ebensogut, wem ich einen Blick gewähren kann und wem ich ihn zu verweigern habe. Das ist ein Wissen, wofür ich einen sehr hohen Preis bezahlt habe, daher ist es mir auch erlaubt, es zu verwenden.''

Die Zauberin verstand, daß er von seinem Augenlicht sprach, und mußte eingestehen, daß er recht hatte.

''Was ist Euer Preis dann?'', fragte sie. ''Für die Einsamkeit, in einem alten, steinernen Turm an der Südgrenze nach Gefahren Ausschau zu halten? Welcher Entgelt könnte einem solchen Leben angemessen sein?''

''Mein Preis seid Ihr'', antwortete Ferner Rauch ruhig. ''Drei Nächte sind mir zugesprochen worden. Eine ist nötig, um die Kraft, die in Euch noch schlummert, freizusetzen; denn solange der Siegel Eures Leibes nicht aufgebrochen ist, kann sich diese überschwengliche Kraft nicht entfalten. Der Rat weiß, daß Ihr Euren Ring aus Liebe verloren habt, deswegen hat man darauf verzichtet, Euch zu bestrafen. Da Ihr aber immer noch an Eurem früheren Verlobten hängt, habt Ihr auch versäumt, Euch einen anderen Gefährten zu wählen...''

''Ihr täuscht Euch. Ich liebe ihn nicht mehr.''

''Keiner zweifelt daran. Trotzdem hängt Ihr immer noch an ihm; nicht aus Liebe, wie in Eurer Jugend, sondern aus Bitterkeit. Aber aus welchem Grund auch immer, Euer Schoß hat in all diesen Jahren brach gelegen. Das muß sich ändern, und zwar schenll, bevor die Zeit der Fruchtbarkeit für Euch zu Ende geht.''

Die Zauberin verharrte lange in Schweigen. Sie hatte sich an das Leben als Einsiedlerin gewöhnt und dachte gar nicht mehr daran, sich zu vermählen. Doch der Rat hatte natürlich Recht. Es gehörte zu ihren Pflichten, das Geschlecht der Mondfrauen fortzupflanzen.

''Ich beuge mich der Weisheit des Rates'', sagte sie schließlich. ''Aber Ihr habt von drei Nächten gesprochen...''

Ferner Rauch nickte.''Die zweite Nacht ist nötig, um meine Kraft in dieses Land zu binden. Denn ich komme aus der Ferne und bin diesem Erdreich fremd. Erst wenn sich mein Samen mit der Erde mischt, kann ich das Land mit meiner Macht beschützen. Euer Leib ist aus dieser Erde entstanden; durch Eure Ahnfrau, den Wunderbaum seid Ihr damit verwurzelt.''

''Verstehe'', sagte die Zauberin. ''Und wozu dient die dritte Nacht?''

Nun lachte der fremde Magier zum ersten Mal, seit er die Halle der Erinnerung betreten, und al er seine große, schwere, dunkle Hand auf die Hüfte der Zauberin legte, verspürte Rauschender Wind erneut jenes seltsame Zittern in ihrem Inneren. Denn trotz seines fremdartigen Aussehens war Ferner Rauch der bestaussehende Mann, der ihr je vor die Augen gekommen, und sie fühlte, wie sie ihm gegenüber schwach wurde... ein Gefühl, das sie nie zuvor in ihrem Leben verspürte.

''Die dritte Nacht'', entgegnete der Magier fröhlich, ''dient keinen besonderen Zweck. Sie ist allein meine Belohnung für die Dienste, die mir aufgetragen worden sind.''

Dagegen hatte die Zauberin nichts einzuwenden, denn - obwohl sie sich im Laufe der Jahre an die Einsamkeit gewöhnt hatte - es war für sie eine Erleichterung, endlich jemanden auf ihrer Seite zu haben, mit dem sie sich auch beraten konnte. Es war nämlich von abeginn der Zeiten immer so gewesen, daß weibliche und männliche Kräfte das Wohlergehen des Landes gemeinsam beschützt hatten - bis Kalter Engel mit dieser uralten Tradition brach und damit den Weg für das kommende Unheil freimachte.

So gingen sie, wie es von Anfang an Sitte war, für die Erste Nacht in die tiefste Höhle unter dem Vogelfelsen, deren Boden kein Stein mehr war, sondern das feuchte Erdreich selbst, und sie erkannten sich auf dem nackten Erdboden, wie schon viele andere Generationen vpr ihnen. Die Zauberin schrie auf vor Schmerz, und das Blut ihrer Jungfernschaft fiel auf den lebendigen Erdboden, der ihr Lager war, und befruchtete ihn von neuem. Das war die Erste Nacht, die Nacht des Überganges; und die überschwengliche weibliche Kraft, die so lange im jungfräulichen Leib der Zauberin hatte schlummern müssen, erwachte langsam, nun, da sie zur Frau geworden ist. Und auch das feuchte Erdreich wurde erneut von Kräften durchtränkt, die es fast schon vergessen häte.

Dann kam die zweite Nacht, und sie erklommen die Dreihundert Stufen, gignen bis zur Spitze des Vogelfelsens, wo der Wunderbare Feigenbaum stand, der selbe Baum, der einst die jungfräuliche Zauberin Mondbaum gewesen. Über tausend Jahre war der Wunderbaum schon alt, hatte sich zahlreiche neue Wurzeln geschlagen und war zu einem regelrechten Wäldchen ausgewachsen. Die zusammengewachsenen Stämme und Zweige bildeten eine Art Laubhütte, unter deren Laubdach ein schattiger Raum entstanden ist. In diese Laubhütte gingen sie nun, die Zauberin und der fremde Magier, wie es die Sitte war für eine Zweite Nacht, und als sie sich wieder vereinten, konnte Ferner Rauch spüren, wie die geheime Kräfte, die im Erdreich, im Wasser und in den Bäumen des Landes innewohnten, ihn als einen Teil von sich selbst annahmen, und er wußte, daß er nun kein Fremder mehr war.

So kam es dann zu der Dritten Nacht. Diese hatte keine Wurzeln in der alten Tradition, keine rituelle Bedeutung, also führte die Zauberin den Magier in ihr eigenes Schlafgemach unter dem Vogelfelsen, und als diesmal ein Schrei ihren Lippen entweichte, war dies kein Schrei des Schmerzes sondern der reinen Freude. Und sie vereinten sich ein drittes Mal, und ihre Liebe hielt an, bis die Morgenröte sich neunfach von den glatten Flächen des Kristallberges widerspiegelten, denn sie haben großen Gefallen aneinander gefunden. Und bevor sich Ferner Rauch verabschiedet und auf den Weg zum steinernen Turm der Letzten Warte machte, rührte sich ein Keim neuen Lebens im Leiber der Zauberin, das so lange brach und unfruchtbar war; und sie vergaß ihre Bitterkeit über Kalter Engels Lug und Betrug, und ihre Augen blickten nun zum ersten Mal wieder in die Zukunft.

Drei

Es geschah aber kurz danach, daß ein achtloser Schweinehirt - einer von jenen Narren, die die Warnungen der Alten und Weisen stets in den Wind zu schlagen pflegten - sich auf die Verdorrte Heide verirrte, wo einst die Großen Drachen gehaust hatten. Seit tausend Jahren war es dem Volke von Heimwiese verboten gewesen, die Heide zu betreten, um den Schlaf von Spinnenschwinge, dem Schrecklichsten aller Schrecken nicht zu stören; denn keiner wußte es so richtig, wie lange der Zauber Mondbaums halten würde, da Zaubersprüche im Laufe der Zeit bekanntlich an Kraft verloren.

Pechvogel aber, der Schweinehirt (der seinen Namgen zu Recht trug, denn nichts Gutes ist je von seinen Taten hervorge- kommen), hatte sich so oft die Geschichten über den ungeheuren Reichtum der Drachen angehört, bis ihm der Gier völlig den Verstand geraubt hat. Er wollte unbedingt die alte Drachenburg unter dem Einsamen Berge durchwühlen, um mit Gold un Silber, Perlen und kostbaren Steinen heimzukehren. Er wollte seinen Namen enlich loswerden und einen anderen erwerben, den die Leute in der ganzen Gegend mit Ehrfurcht und Bewunderung aussprechen würden. Natürlich war er sich des Verbots bewußt, und die Drofältesten, hätten sie über sein Vorhaben erfahren, hätten ihn gewiß in den Kerker geworfen. Daher hat er sich insgeheim davongemacht, mit einer Axt und einem langen Messer bewaffnet; und er führte zwei Ponys mit sich, die je zwei große Weidenkörbe auf dem Rücken trugen. Darin wollte er die Schätze, die er zu finden hoffte, nach Hause schaffen.

Unterwegs ist er an Ferner Rauchs steinernen Turm vorbeigeritten, denn es führte kein anderer Weg zur Verdorrten Heide, es sei denn, man wollte die Totensümpfe durchkehren, und nicht einmal Pechvogel war so dumm, das zu versuchen. Das Sumpfgebiet, wo einst das Herrenhaus von Nordwinds Vater stand, war der unheimlichste Ort in ganz Heimwiese, besonders in der Nacht, wo es in fades, unirdisches Licht gehüllt zu sein schien; alten Schauernmärchen nach war dies das tote, kalte Glühen verwesender Toten, die während der Drachenkriege haben ihr Leben lassen müssen, um Moorburg zu verteidigen.

Die Burg selber versank vor mehrere hundert Jahren im Morast; es gab hier nichts zu holen, was ein Risiko wert gewesen wäre, also hat auch Pechvogel den Sumpf gemieden. Als er aber den steinernen Ring der Letzten Warte erreichte, den Zauberkreis, den kein Sterblicher, weder Mensch noch Tier durchzuschreiten vermochte, öffnete sich der große, eisenbeschlagene Tor des verwitterten Turmes, und hervor kam ein dunkelhäutiger, breitschultriger Mann von hohem Wuchs, dessen pechschwarze Haare kunstvoll in sechzehn Zöpfe geflochten und von einer goldenen Spange am Nacken zusammengebunden waren. Er trug ein langes Gewand aus brauner, dunkelroter und sandfarbaener Wolle, mit seltsamen Zauberformeln durchwirkt, und seine großen Augen waren dunkel, wie die Tiefen der verwunschenen Brunnen.

''Was machst du hier, wo Sterbliche nicht zu suchen haben?'' fragte er mit seiner furchterregenden, rauhen Stimme. ''Hat man dich nicht gewarnt, von der Verdorrten heide fernzubleiben? Weißt du denn nicht, daß ein schwerer Fluch auf diesem Ort liegt?''

Das wußte Pechvogel freilich, und der große, schwarze Mann hat ihm auch einen gehörigen Schrecken eingejagt, aber sein Gier nach dem sagenhaften Schatz der Drachen war noch viel größer, und er war nun mal wild entschlossen, all diese Reichtümer an sich zu reißen.

''Das sind Ammenmärchen'', antwortete er trotzig, ''Gruselgeschichten für Kinder und verängstigte alte Männer. Die Drachen sind tot, und auf der Heide gibt es nichts als all das Gold und Silber, das sie vor tausend Jahren angehäuft hatten. Und Perlen und kostbare Steine, jawohl, genug, um das ganze Land sehr reich zu machen.''

''Aber euer Land braucht diese Schätze doch gar nicht'', entgegnete Ferner Rauch, einigermaßen überrascht. ''Dank der Segenskraft des Unterirdischen Flusses habt ihr alles, was ihr benötigt.

''Das mag reichen für Bauerntölpel und einfältige Hirten, die nach ihrem eigenen Vieh stinken'', sagte Pechvogel hitzig, ''nicht aber für Leute, die sich ein besseres Leben wünschen: ein Herrenhaus, mit Feldern und Wiesen und Herden, goldenes Tischbesteck und eine kostbare Rüstung, Schatzkammern voller Kostbarkeiten... und Respekt, damit die Menschen einen fürchten und bewundern.''

''Und das alles willst du wirklich haben?'' fragte der Magier verwundert. ''Glaubst du denn, allein mit Gold vermagst du die Bewunderung anderer zu kaufen? Du bist noch einfältiger als du aussiehst.''

''Eure Meinung kümmert mich nicht'', antwortete Pechvogel, dessen Gier und Wut nun vollständig die Oberhand über gesunde Angst und Einsicht gewonnen hatten. ''Es ist meine Angelegenheit, und Ihr könnt mich nicht aufhalten.''

''Armer Narr'', sagte der Magier, und in seinem dunklen Gesicht zeigte sich fast so etwas wie Mitleid. ''Ich könnte dich in Stücke reißen, ohne einen Finger zu rühren... oder dich in Flammen aufgehen lassen wie einen ausgedorrten Baum. Zu deinem Glück ist es mir aber nicht gestattet, in den Lauf des Schicksals einzugreifen. Ich kann dich nur warnen: Setzt du diesen Weg fort, so verwirkst du nicht nur dein eigenes, wertloses Leben, sodnern auch das von deinem ganzen Land. Fürwahr, du magst dir vielleicht einen Namen machen...aber einen, den man noch in tausend Jahren verfluchen wird; falls jemand übrigbleibt, der ihn noch verfluchen könnte.''

Pechvogel aber ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen, und da es Ferner Rauch untersagt war, den Bewohnern des Landes gegenüber Gewalkt anzuwenden, blieb ihm nichts anderes übrig als ihn weiterziehen zu lassen. Das Herz des Magiers aber wurde mit Trauer gefüllt, angesichts des Schreckens und des Greuels, die, das wußte er genau, bald kommen würden. Und so schickte er mittels der Raben eine Warnung an die Zauberin des Unterirdischen Flusses, daß die Zeiten, die sie beide befürchteten, nun wirklich kommen würden.

Viele einsame Nächte verbrachte Ferner Rauch damit, die Schicksalslinien von Heimwiese, die er innerhalb des verzauberten Steinringes wieder sichtbar zu machen vermochte, zu studieren, und er versuchte auch, sie zu deuten, damit sie seine Handlun- gen leiten mögen. Das war selbst für ihn keine einfache Aufgabe, denn zum einen waren die Linien abgebröckelt und verwor- ren, ihre Botschaft schwer zu entziffern, zum Anderen war er abgelenkt, durch das Zusammenttreffen mit Pechvogel und durch seine wachsenden Sorgen. Denn was er in den Linien gesehen hatte, machte ihm um das Schicksal von Heimwiese wahrhaft Angst und Bange, und nach einem weiteren Tag hat er sich schließlich zum Handeln entschlossen.

Er sprach einen mächtigen Zauberspruch über die Letzte Warte, einen so starken, den selbst eine Horde Drachen nicht hätten durchbrechen können, und machte sich auf den Weg zum Vogelfelsen, um sich mit der Zauberin zu beraten, denn niemand kannte das Land und seine Leute so gut wie sie, deren Ahnen seit der Zeiten Dämmerung Heimwiese beschützt hatten.

Rauschender Wind hat ihm schweigend zugehört, nur ihr Gesichtwurde immer blasser und ihre goldgefleckten, grau-blauen Augen immer trauriger, denn ihr Herz war schwer vor Angst und Trauer angesichts dessen, was sie gehört und vorausgesehen hat.

''Damit mußten wir ja rechnen'' sagte sie nach langem, bedrücktem Schweigen. ''Seit meine Macht gebrochen ist, hat sich die Kraft von Mondbaums Zauberbann nachgelassen... und der menschliche Gier tut dann das Übrige.''

Ferner Rauch starrte nachdenklich in den Glut des kleinen Feuers, das sie in einem kleinen Steinring unweit des Vogelfelsens angefacht hatten; denn der Magier fühlte sich in den unterirdischen Hallen eingesperrt, also kam die Zauberin ihm zuliebe ans Tageslicht.

''Ich fürchte, wir werden den Schrecken nicht aufhalten können'', antwortete er betrübt. ''Wir können den offenen Kampf mit einem Drachen nicht aufnehmen; erst recht nicht mit Spinnenschwinge, dem übelsten allen Übels, die die Großen Drachen je ausgebrütet hatten. Wir sind Bewahrer, keine Drachentöter. Das Meiste, das wir erhoffen können, ist, unsere Behausungen zu beschützen... und nach dem Berlust deines Ringes ist selbst der Unterirdische Fluß in größter Gefahr.''

''Wahrhaftig, in der größten gefahr ist er, seit er den unsauslotbaren Tiefen des feuchten Erdreichs entsprungen'', nickte die Zauberin ernst, ''doch ich glaube, einen Weg gefundn zu haben, den Ring wiederzuerlangen.''

Ferner Rauch schaute sie groß an. Trotz alledem, was er von ihr wußte, war für ihn diese Frau, selbst in ihrer Ohnmacht immer noch mächtig und weise, ein Geheimnis geblieben.

''Wie gedenkst du, dies zu bewerkstelligen?'' fragte er erstaunt. Rauschender Wind zuckte mit den Schultern.

''Sollte der Drache tatsächlich erwachen, so wird ein tapferer Krieger das letzte Flügelpferd benötigen... und das unzerbrechli- che Sternenschwert, das Schwerer Hammer während der Drachenkriege geschmiedet hat. Ich bin die Einzige, die es weiß, so sie sind und wie man sie bekommen kann. Kalter Engel weiß das.''

''Glaubst du, er würde tatsächlich zu dir kommen? Nach all dem Unrecht, das er dir angetan hat?''

''Leicht wird es ihm gewiß nicht fallen'', meinte die Zauberin nachdenklich, ''aber all seinen Fehlern zum Trotz nimmt er seine Verantwortung als König und oberster Zauberer von Heimwiese sehr ernst. Er wird kommen... und erwird den Preis für für mein Wissen bezahlen, falls sein Herz nich nicht völlig verdorben ist.''

''Und wenn doch?''

''Nun, dann ist unser aller Schicksal besiegelt; wir wissen ja, wozu Spinnenschwinge imstande ist.''

''Na schön'', sagte Ferner Rauch nach kurzem Zögern. ''Wie kann ich dier helfen?''

''Ich möchte dich bitten, eine Zeit lang in der Nähe zu verweilen'', antwortete die Zauberin. ''Sollte das Schlimmste wirklich eintreffen, werden wir vielleicht jemanden brauchen, der die Sprache der Bäume versteht.''

* * * * * * * * *

Pechvogel indes hat seinen Weg fortgesetzt. Er brauchte, nachdem er die Letzte Warte hinter sich gelassen, noch etwa einen halben Tag, um die Verdorrte Heide zu erreichen. Er war freilich noch nie da gewesen, es war ja jedem verboten, hatte aber schon gehört, daß dies dier trostloseste ort in den Sieben Landen sei, jedenfalls, wenn man den alten Liedern Glauben schenken wollte.

Nun sah er, daß die Beschreibunden der Lieder keineswegs übertrieben waren... sie kamen der Wirklichkeit nicht einmal nahe. Vor langer Zeit mochte dies vielleicht mal eine grüne Wiese gewesen sein, wie viele andere im Land... bevor die Großen Drachen sich unter dem Einsamen Berg eingenistet hätten. Seit Menschengedenken war es jedoch schon tot; verdorrt und ausgebrannt wie der Ton im Ofen des Töpfers. Es hatte hier furchtbare Kämpfe während der Drachenkriege gegeben; das Erdreich selbst wurde zwei Ellen tief verbrannt. Die Stümpfe der verkohlten, versteinerten Bäume standen immer noch da, schwarz und kahl, wie mahnende Finger; und auf der anderen Seite dieser trostlosen Einöde erhob sich, dunkel und bedrohlich, der Einsame Berg.

Immer noch einen guten Tagesritt entfernt war er, der schreckliche Drachenberg, von dem gesagt wurde, er verberge riesige Höhlen unter sich: von Zwergenhänden gemachte, ungeheure Steinhallen, voller geraubter Schätze, für deren Besitz die Großen Drachen einst all die Sieben Landen heimgesucht hatten. Seine gewaltigen Ausläufer erstreckten viele Meilen lang in die Richtung der Verdorrten Heide und verloren sich allmählich in den giftbefleckten Hügeln ausgebrannter Erde, die dieses einst so üppige Weideland bedeckten.

Pechvogel erstarrte für eine ganze Weile als er den Rand der Heide erreichte. Das tote Land war so furchterregend und bedrohlich, daß nicht einmal sein Gier ihn hätte dazu bewegen können, bis zum Drachenberg selbst vorzudringen. Er war nahe daran, umzukehren, und hätte er das getan, wäre dem Volk von Heimwiese viel Leid und Kummer erspart worden.

Auf halbem Wege erblickte er aber einen größeren Hügel, der nicht aus verbranntem Erdreich zu bestehen schien, sondern aus grauem Stein. Und als die Sonne aufging, fielen ihre ersten Strahlen auf den Steinhügel und glitzerten auf reichen Gold- und Kupferadern und auf einer Kruste von kostbaren Edelsteinen, die tief in grauem Stein eigebettet waren. Als er dieses Glitzern sah, vergaß Pechvogel seine Furcht, sein Gier entflammte von Neuem, und eifrig machte er sich auf den Weg, die Axt in der Hand, um die Edelsteine aus dem Stein zu hauen.

Hätte Pechvogel den Erzählungen der Alten aufmerksam zugehört, hätte er scih davor gehütet, Hand auf den Steinhügel zu legen; er hätte sich ihm nicht einmal genähert, denn es war ja gar kein Hügel, sondern Spinnenschwinge selbst, in seinem verwunschenen Schlaf zum Stein erstarrt. Da er sich aber nur jene Geschichten angehört hatte, die über verborgene Schätze und große Reichtümer erzählten, ahnte er gar nicht, womit er hier zu tun hatte. Er sah nur das Gold und die Edelsteine, und sein Herz füllte sich mit gieriger Erwartung.

Über einen halben Tag brauchte er, um den seltsam geformten, schimmernden Hügel zu erreichen. Seine Wasservorräte waren ausgegangen, zum Essen hatte er auch nichts mehr, die schwarze Asche, die die Heide bedeckte, wurde von seinen Schritten aufgewühlt und verstopfte ihm Augen und Nase, die Zunge war ihm vor Durst an den Gaumen geklebt; trotzdem ging er unbeirrbar weiter,ein zukünftiges, großes Reichtum ständig vor Augen.

Als er endlich ankam, war er fast am Ende. Kaum hatte er noch Kraft, die Axt zu heben, um den großen, merkwürdig ausstechenden Malachit, der fast wie ein Horn aus der niedrigeren Seite des Hügels hervorragte, abzuhauen. Sobald aber der Axt laut klirrend auf dem Stein aufschlug, begann der Steinhügel in seltsam goldenem Licht zu glühen; seine Umrisse waberten kaum merklich, und unter dem hornförmigen Malachit öffneten sich plötzlich zwei riesige, abgrundtief dunkle Augen, mit schlitzförmigen, gelben Pupillen, und noch niedriger pufften zwei schwarze Rauchwölkchen aus den großen Nüstern.

Im nächsten Augenblick (der, wohlgemerkt, der allerletzte in seinem Leben war) glaubte Pechvogel, eine gewaltige Höhle hätte scih plötzlich vor seinen entsetzten Augen aufgetan; eine Höhle, dessen Eingang mit riesigen, spitzen, nach innen gebeugten Säulen gesäumt war. Dann schnellte sich, wie eine zweiköpfige Schlange, eine große, schwarze, gespaltene Zunge zwischen den säulenartigen Fängen hervor, schlang sich um den Einfaltspinsel, und der verschwand für immer im bodenlosen, dampfenden Rachen des Lindwurms.

Nun rührte sich Spinnnschwinge in seiner ganzen Größe, und die war wahrhaftig gewaltig, denn bevor Mondbaum ihn zum grauen Stein hätte erstarren lassen, war er voll ausgewachsen, und in seinem Rachen brannte ein gewaltiges Feuer. Langsam bewegte er sich zuerst, denn seine Glieder waren steif vom tausendjährigen, versteinerten Schlaf, und er streckte sie ganz vorsichtig, als hätte er neu lernen müssen, wie er sie zu bewegen habe. Die Sonne ist inzwischen aufgegangen, und der Große Wurm schimmerte gold-grün in ihrem Schein, und die Perlen und kostbaren Steine, die an seinen Schuppen hafteten, glitzerten wunderbar, und als er die riesigen, ledrigen Flügel ausbreitete, um sich aufzuwärmen, waren diese halb durchsichtig im jungen Licht und bunt wie ein sanfter, pastellfarbener Regenbogen. So schön war dieses schreckliche Ungeheuer im Augenblick seines Wiedererwachens wie eingestaltgewordenes Märchen von der Zeiten Dämmerung... wie er an jenem Tag gewesen, als er dem Großen Ei entstieg und das Mädchen, das seine Geburt beobachtete, in den Bann schlug. Denn obwohl er in den fast zweitausend Jahren, die er in irgendeiner Form unter der Sonne weilte, kaum zehn Jahre lang wach war, verbreitete er mehr Schrecken und brachte mehr Tod und Verwüstung über die Sieben Landen als alle anderen Drachen zusammen.

Als er sich einigermaßen aufgewärmt hatte, begann nun auch das Feuer in seinem Rachen erneut zu brennen... und langsam kehrten auch seine Erinnerungen zurück. Sein erster Gedanke war, sofort zum Vogelfelsen zu fliegen und furchtbare Rache auf den Zauberinnen zu üben, die ihn für tausend Jahre hatten versteinern lassen, denn er konnte ihre Macht immer noch verspü- ren, selbst im verbrannten Erdreich. Nach einiger Überlegung hat er aber sein Rachepläne für später aufgehoben, denn erstens wußte er, daß es nicht so einfach sein würde, den Kreis der Kräfte, die der Halle der Erinnerung beschützten, zu durchbrechen; zweitens verspürte er großen Hunger. Nagenden, quälenden Hunger, der ihm durch Mark und Bein ging... was auch nicht weiter werwunderlich war, wenn man bedenkt, daß er seit tausend Jahren nichts mehr gefressen hatte, abgesehen von dem unglücklichen Pechvogel, der seinem Namen nun ein letztes Mal alle Ehre machte, und den beiden Ponys, die Pechvogel am Rande der Heide hinterließ. Also beschloß er, zuerst auf Nahrungssuche zu gehen, um seine Kräfte wiederzuerlangen.

Damit war das gute Leben auf Heimwiese zu Ende. Drachenfeuer suchte Dörfer und Felder heim und legte Häuser, Kornfelder und Ställe in Schutt und Asche; Herden und Hirten fanden einen schrecklichen Tod... meist im Bauch des Drachen. Nachdem er mehrere Wochen Lang durch das ganze Land gewütet hatte, um seinen tausendjährigen Hunger zu stillen, verkroch sich Spinnenschwinge in die alte Drachenhöhle unter dem Einsamen Berg, um Drachenträumen voller Gier und Grausamkeit nachzusinnen.

Vier

Die Nachricht, daß der Drache erwacht sei, verbreitete scih in Windeseile über das ganze Land. Freilich war Rauschender Wind die erste, die davon Erfuhr, denn die Vögel, die seit der Grauen Vorzeit mit ihr und ihresgleichen befreundet waren, hatten ihr die Schreckensbotschaft sofort gebracht.

''Es ist, wie du befürchtet hast'', sage sie zu Ferner Rauch. ''Der gierige Tölpel hat den Drachen tatsächlich geweckt und den alten Schrecken wieder über uns gebracht.''

''Du bist in großer Gefahr'', erinnerte sie der Magier ernst. ''Der Drache wird sich an Mondbaums Nachkommen erinnern; kein Drache kann es je vergessen, bestraft worden zu sein. Er wird kommen... und deine Kraft kommt der von Mondbaum nicht mal nahe. Nicht jetzt, wo du deinen Ring verloren hast. Wie willst du ihn fernhalten?''

''Erst einmal wird er schlafen'', antwortete die Zauberin gelassen, ''wie es alle Würmer tun, wenn sie sich vollgrefressen haben. Das läßt uns die Zeit, meinen Schutz zu verstärken.''

''Und wie?'' fragte Ferner Rauch; der Zweifel stand ihm ins edle, dunkle Gesicht geschrieben. Die Zauberin lächelte mit der uralten, für alle anderen unerreichbaren Weisheit ihrer Art; einer Weisheit, die nicht einmal die Magier von Sonnenende ermessen konnten.

''Ich werde mich mit Mondbaum beraten''; als sie das verdutzte Gesicht des Magiers sah, lachte sie leise und fügte hinzu. ''Sie mag jetzt ein Baum sein, aber sie ist trotzdem meine Ahnfrau; und sie ist beinahe so alt wie der Drache selbst. Mehr noch: Sie hat in all den Jahren nicht geschlafen, sondern gewacht, beobachtet, nachgedacht. Ihre Weisheit ist ausgereift wie eine Frucht, und wir, ihre Nachkommen, wissen, wie wir uns dieser Frucht bedienen können.''

Und so stieg sie auf den Vogelfelsen hinauf, wo der Tausendjährige Wunderbaum stand und über die unterirdischen Hallen der Zauberinnen wachte. Vor dem zentralen Stamm, dem ursprünglichen, dem tausendjährigen, der einst die jungfräuliche Zauberin gewesen, hielt sie inne und begann leise zu singen; nicht das Uralte Lied, das mächtigste aller Zauberlieder, das die Wunden der Erde zu heilen vermochte, sondern ein fast ebenso altes Wunschlied, dessen Zauberkraft zwar geringer gewesen, aber immer noch sehr groß war.

Und als sie reglos dastand und sang, schien es Ferner Rauch, als sähe er ringsherum keine Baumstämme mehr, sondern das verschwommene Gestalt all der Zauberinnen, die seit Mondbaum in den unterirdischen Hallen gelebt und unter dem Wunder- baum zur Ruhe gesetzt worden waren. Nach einiger Zeit senkte sich langsam ein dicker Ast des Wunderbaumes und legte sich auf die Schulter der Zauberin. Sie erzitterte, hörte auf zu Singen und sie sahen sich nunmehr stumm an, sie und die baumgewordenen Zauberinnen der letzten tausend Jahren.

Es war windstill, trotzdem hörte Ferner Rauch ein leises Säuseln der Blätter, als hätten sich die Bäume unterhalten, und es schiem ihn, als sei ihnen die Zauberin mehr und mehr ähnlich geworden. Und er verstand, daß er, obwohl er zu den mächtigsten Magiern der Südlanden gehörte,niemals auch nur annähernd die Geheimnisse verstehen würde, die diese Frau mit dem feuchten Erdreich und den Bäumen, die von ihm entwachsen, verbindet. Die Zauberinnen des Unterirdischen Flusses entstammten direkt dem feuchten Erdreich und den Urwassern der Erde, und kein Mann, so bewandelt er auch in allen Zauberkünsten zu sein vermochte, war imstande, sich dieser Kräfte zu bedienen.

Die ganze Nacht hindurch stand Rauschender Wind auf dem Vogelfelsen und unterhielt sich mit den Bäumen, die eigentlich ihre Ahnfrauen gewesen. Als es langsam zu dämmern begann, leiß sie der Wunderbaum schließlich los, und sie sah aus, als würde sie aus einem tiefen Schlaf erwachen.

''Nun?'', fragte Ferner Rauch. ''Hast du etwas erfahren?''

''Vieles'', entgegnete die Zauberin, ''aber die Sprache der Bäume ist merkwürdig und ihre Botschaft nur schwer zu deuten.''

''Eins verstehe ich nicht'', bemerkte der Magier. ''Du hast behauptet, du würdest vielleicht jemanden brauchen, der die Sprache der Bäume versteht. Deswegen hast du mich gebeten, eine Weile hierzubleiben. Aber wie es aussieht, verstehst du mehr von der Sprache der Bäume als ich es je hoffen könnte. Wozu brauchst du mich wirklich?''

''Ich habe dir die Wahrheit gesagt'', antwortete die Zauberin. ''Ich mag viel-leicht die Sprache der Bäume besser verstehen, aber ich habe keine Macht über den Alten Wald.''

Ferner Rauch dachte stirnrunzelnd nach. ''Was hat es denn mit dem Alten Wald mit sich? Man erzählt sich in Sonnenende, die Bäume könnten scih bewegen und hätten Zauberkräfte, aber das kommt auch in anderen Wäldern vor.''

''Der Alte Wald ist wahrhaft sehr alt'', sagte die Zauberin, ''älter als alle anderen Lebewesen in den Sieben Landen. Die Bäume sind die Wächter des Verbotenen Tales; und sie hassen Menschen und töten jeden, der den Wald betritt... es sei denn, er kann ihre Kräfte mit einem sehr starken Zauber binden.''

''Kannst du das?''

''Nein, nicht mehr. Der Alte Wald und mein Geschlecht waren verfeindet, seit dieser Teil der Welt Form angenommen hat. Und da meine Macht gebrochen ist, kann ich die Bäume nicht bändigen.''

''Wieso glaubst du denn, ich könnte das tun?''

''Du hast die Kraft des Feuers und der Winde immer noch ungebrochen in dir, wie all deine Brüder in Sonnenende. Alle Bäume fürchten das Feuer; du wirst sie bezwingen können.''

Ferner Rauch starrte eine Weile wortlos vor sich hin. ''Wenn du meinst'', sagte er, doch der Zweifel war ihm immer noch anzusehen. ''Und was haben wir nun zu tun?''

''Erst mal müssen wir warten'', sagte die Zauberin.

''Warten? Worauf denn?''

''Darauf, daß Kalter Engel kommt.''

''Verstehe'', antwortete nach kurzem Nachdenken der Magier. ''Aber ich muß bald auf meinen Posten zurück. Die Letzte Warte darf jetzt, wo ihre Kräfte wieder geweckt worden sind, nicht lange unbewacht bleiben.''

''Ich weiß'', nickte die Zauberin. ''Es dauert nicht mehr lange. Die Botschaft muß inzwischen im Weißen Turm eingetroffen sein. Kalter Engel wird noch ein-zwei Tage zaudern; danach kommt er zu mir.''

''Bist du dur dessen wirklich so sicher?'' fragte Ferner Rauch zweifelnd. Rauschender Wind erlaubte sich ein feines Lächeln.

''Er mag mich hintergangen haben; aber ich kenne ihn immer noch besser als jeder lebende Mensch in diesem Lande. Außerdem hat er überhaupt keine andere Wahl.''

Ende von Teil 1

Fortsetzung folgt

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