1998 ... eigentlich sollte es nach Norwegen gehen

 

Tja, das war so eine Sache. Es sollte von Emden aus nach Norwegen gehen. Ob die anderen dort ankamen, weiß ich nicht.

Aber von Anfang an. Ein Skippertraining wollte ich sowieso absolvieren. Und so bot mir der Skipper Alexander an, eine Woche in Emden zu verbringen, und dort könnte ich mit seiner "Melusine" Hafenmanöver absolvieren auf Teufel komm raus. Gesagt getan.

Den Skipper selbst habe ich über das Internet kennengelernt. In Seoul lebend ist es mir nur in den Sommerferien möglich zu segeln. So suche ich halt via Internet nach Mitsegelgelegenheiten. Was sich mir da anbot, klang gut: Erfahrungen sammeln und ein anspruchsvolles Revier kennenlernen. Ein reger E-Mail - Austausch überzeugte mich, dass ich bei einem Skipper gelandet bin, der weiss, wie ein Schiff geführt wird.

Also, fuhr ich in der 2. Juliwoche nach Emden.

Die Woche startete mit stürmischen Wetter. So wurde die Zeit genutzt, das Schiff für den "Großen Törn" fit zu machen. Es gab einiges zu tun: Die Loge funktionierte nicht; elekrtische Pumpen mussten noch eingebaut werden; vor allem musste der Einbau geplant werden; die Rettungsinseln gewartet werden; der Kompass am Steuerstand kompensiert werden; eine neue UKW-Antenne installiert werden; verschiedene Abdichtungsarbeiten standen ebenfalls an; Karten für Norwegen mussten gekauft werden... und, und, und. Die Liste war lang. Also einkaufen und werkeln, war angesagt. Warum habe ich mich nicht da schon gefragt, was für einen Skipper ich da vor mir habe? Zumal er mit diesem Schiff schon einige Törns hinter sich hatte, unter anderem nach Helgoland, wo er nachts nördlich von Helgland herumkreuzte, statt die Ansteuerungstonne südlich zu treffen. Das Logbuch zu lesen war spannend. Und er erzählte gerne von diesem Abenteuer.

Intuitiv beschloss ich, mich ganz seinem GPS zu widmen, den er auch nicht so ganz durchblickte.Gemeinsam erarbeiteten wir uns mit Hilfe des Handbuches das Gerät. Ihm war das auch wichtig, denn er hatte schon mal Schwierigkeiten, - so erzählte er - die Ems bei Nebel hinauf zu fahren und die einzelnen Tonnen zu finden. Ich beschloss, eine Route bis Ansteuerung Borkum einzugeben. Es gelang mir bis heute nicht: Es war stets eine andere Arbeit wichtiger.

Einen Tag konnte ich dann doch noch üben. Stundenlang habe ich das Schiff rückwärts durch den Hafen kutschiert, und jede Menge Wendemanöver auf engstem Raum gefahren. Ein Anlegemanöver war auch dabei. Gut, dachte ich mir, anlegen und schleusen hast du oft genug in der Schelde praktiziert, und auf dem Törn nach Norwegen wirst du weitere Gelegenheiten haben, dies zu üben.

Die Woche verging und als es Freitag war, kamen Evelyn und Waldemar aus Münster, Andreas kam spät in der Nacht aus Kiel an Bord, um tagsdrauf mit uns nach Borkum zu segeln.

Bis dahin waren zumindest alle Arbeiten vorbereitet. Effektiv gesehen, war nur das Anbringen der Kleiderhacken erledigt.

Der Törn nach Borkum war herrlich. Unter uns war sofort ein prima Einvernehmen. Wir haben viel gelacht und es war uns ein Vergnügen mit 7 bis 8 Bf in den Boen vor Borkum zu kreuzen. Andreas, der auf einem Schiff das Laufen lernte und Regatten segelt, zeigte uns dabei noch einige Trimmfeinheiten. Als wir am Montag das Schiff verliessen, wurde spontan beschlossen, wieder gemeinsam auf einen Törn zu gehen.

Ich fuhr erst einmal für eine Woche nach Hause. Nobi kam an Bord, um nicht nur mit nach Norwegen zu segeln, sondern auch um die anstehenden Arbeiten in der Woche vor dem Törn mit dem Skipper zubewältigen.

Darauffolgenden Freitag lief ich wieder in Emden ein. Zunächst blieb mir mal die Spucke weg. Das Schiff glich einer Baustelle. Der Einbau der Pumpen zog sich wohl dahin. Zwar waren sie eingebaut, die Elektrik verlegt - wobei dem UKW - Gerät ein Kurzschluss widerfuhr -, aber das Problem, wie die Abflussschläuche verlegt werden, stand immer noch im Raume. Schließlich beschloss der Skipper, dass die beste Lösung sei, im Notfall 2 x 7 Meter Schlauch vom Salon aus ins Cockpit zu legen. Na denn, am anderen Morgen wurde ein neues UKW - Gerät eingebaut, Proviant eingekauft...nur die Schläuche konnten nicht besorgt werde, da das Spezialgeschäft halt samtags geschlossen blieb. Und auch die Karten für Norwegen waren nicht komplett zugesandt worden. Aber macht ja nix, unterwegs werden sicherlich die Fehlenden aufzutreiben sein.

Sonntags ging es los. Weiter an Bord waren Josef aus der Schweiz, mit ca 200 sm Erfahrung, ein Ehepaar aus Österreich, er besitzt den BR - Schein und gute 1000 sm Erfahrung, sie segelt stets mit, und zeichnete sich dadurch aus, dass sie spannende Geschichten, die ihr Ehemann begann, nach zwei Sätzen übernahm und zu Ende brachte. Letzlich ein bunter Haufen von 6 Individualisten auf dem Weg nach Norwegen. Als Co-Skipper bildete ich mit dem Ehepaar eine Wache, der Skipper mit Josef und Nobert, der ebenfalls sehr viel Segelpraxis hat, die andere Wache. Die Gruppen waren gleichmäßig verteilt. Tags zuvor diskutierte ich mit dem Skipper noch, wie man einen Mann oder Frau mit Hilfe des Baumes aus dem Wasser holt. Er glaubte nicht daran, dass dies ginge. Also überliess er mir die Sicherheitseinweisung der Crew, um zu sehen, wie dies wohl funktioniere. In der Theorie waren allen die Abläufe klar, und da das Schiff schöne große Kissenfender hatte, wollten wir dies auch in der Praxis vor Borkum üben.

Dazu kam es nicht. Wir segelten nach Borkum, tags darauf nach Norderney und schließlich nach Helgoland. Der Wind war schwach, und so wurde beschlossen den Spinnaker zu setzen, um mit halben Wind Helgoland zu erreichen. Dort angekommen, blieben wir den nächsten Tag, um fleißig einzukaufen und natürlich um die Insel zu besichtigen. Die Weiterfahrt verzögerte sich, denn am Abend kam Starkwind auf, der teilweise auf Sturmestärke anwuchs. Am nächsten Tag war die Situation unverändert. In einer Crewbesprechung wurde deshalb beschlossen, noch einen Tag auf der Insel zu bleiben. Josef , ein Hobby - Ornithologe, war ins Dorf verschwunden, auf der Suche nach einem Buch über Wattvögel. Der Rest der Crew begab sich zur Wetterstation. Dort zeigte sich zwar keine Wetterberuhigung in Sicht, aber die Wind blies nur noch um 6 Bf.

Plötzlich sagte der Skipper:" Wir legen jetzt ab!". Der Befehl wurde widerspruchlos befolgt. Nur Josef fehlte. Nach 2 Stunden erschien er sichtlich überrascht, dass es jetzt nach Sylt gehen sollte. Also ging es im Gummizeug, Sturmfock und 2. Reff gesetzt in Richtung der nördlichsten deutschen Insel. Nur draussen vor Helgoland war die Situation eine andere. 3 bis 4 Meter hohe Wellen bewegten uns sehr schnell,die Lifebelts und Rettungswesten anzulegen. Immer wieder zogen stürmische Boen über uns hinweg. Dann schließlich nach einer Stunde ergaben sich Josef und die Frau aus Wien der Seekrankeit. Ihnen ging es mehr als schlimm. Der Skipper versuchte nun die Crew aufzuheitern mit seinem Humor, der aus einem Witz bestand. Und zwar auf eine Möve zeigend, eine Wortverwechslung zu immitieren, wobei die Pointe einen öbzonen Geschmack bekam. Na ja, einmal kann man den Witz verzeihen, aber nicht ein dutzendmal.

So ging die Achterbahnfahrt weiter,... und weiter als der Skipper plötzlich kundtat, dass es nicht mehr nach Sylt ginge, sondern direkt weiter nach Thyboron am Eingang des Limfjords, und dass das Schwerwettertraining nicht nur paar Stunden dauern würde, sondern ca 30 Stunden. Ich erfuhr davon, als ich vom Navi-Tisch an Deck zurückkehrte. Ein Blick in die Gesichter der Anderen zeigte, dass sie mit der Endscheidung einverstanden waren. Nun hatte unser Skipper noch eine Überraschung auf Lager: Er stellte die Wachen um. Nobi, er und ich übernahmen die Wache 20 Uhr bis Mitternacht, die 2 Seekranken und Alfons, der Mann aus Wien, übernahmen die Wache von Mitternacht bis 4 Uhr morgens.

In der Hundswache beschloß ich "Stand-By" zu bleiben, und mußte auch zweimal nach oben an Deck. Einmal als der Wind einschlief und der Baum zu schlagen anfing. Oben war keine Reaktion darauf zu vernehmen. Als ich an Deck erschien, sah ich im Steuercockpit drei Gestalten verharren, nicht dazu in der Lage die Großschot dicht zu holen. Beim zweiten Mal ereignete sich folgendes: Plötzlich war unser Segler auf Kollisionskurs mit einem Fischer. Die Lichterführung des Fischers war eindeutig: " Ich fische!!" Ich machte, Mario aus Wien klar, dass er wohl bald ausweichen müsse. Die Peilung stand, und Mario blieb stur. Unser Skipper war auch wieder auf den Beinen, und so fragte ich ihn, ob er das UKW-Gerät angeschaltet hätte. Er verneinte, ... und es würde doch nur Strom kosten. Da die Peilung immer noch stand, bat ich ihn das Gerät einzuschalten und Kontakt aufzunehmen, denn der Fischer hielt immer noch stur auf uns zu, und Mario stur seinen Kurs. Aber unser Skipper hatte eine bessere Idee: Er schaltete das Arbeitslicht ein, und unsere Segel strahlten in der Nacht. Woraufhin der Fischer uns mit einem noch größeren Strahler zeigte, wer mehr Licht zeigen kann. Mario gab ich daraufhin das Kommando beizudrehen, und just in diesem Monemt drehte der Fischer ebenfalls bei und entschwand mit zunehmender Geschwindigkeit Richtung dänischer Küste. Ein neuer Sport scheint sich an der Nordseeküste breit zu machen.

Der Wachwechsel kam, Nobi blieb in der Koje, ich schlief im Cokpit, der Skipper stand am Ruder. Im Laufe des Morgens nahm der Wind ab, und so setzten wir die große Genua und refften aus. Als am Nachmittag der Wind wieder zulegte, ereignete sich beim Reffen, als ich dem Skipper zurief, das Vorderliek wäre jetzt staff genug, er nicht hören wollte, er weiter an der Winsch kurbelte, bis es einen Knall gab, und der Reffhacken sich urplötzlich nach oben verbog. Da beschloß ich, dass es wohl jetzt an der Zeit wäre, darüber nachzudenken, das Schiff in Thyboron zu verlassen. Denn obwohl ich hier nicht alle Einzelheiten berichtet habe, so fühlte ich mich an Bord unter diesem Skipper, gelinde gesagt, nicht mehr wohl.

Nun sind meine Urlaubstage auch begrenzt, und so will ich sie deshalb schon in einer Umgebung mit anderen verbringen, wo doch auch die Chemie stimmt. Als ich nach dem Anlegen in Thyboron meinem Skipper beiseite nahm, und ihm meinen Beschluß mitteilte, abzumustern, wollte er natürlich eine Begründung. Es reichte ihm nicht, als ich ihm sagte, dass die Chemie zwischen ihm und mir nicht stimme. So beschloß er, mich noch zu beschimpfen. Beim Abendessen teilte der Skipper der Crew meinen Entschluß mit. Josef und Nobi waren bestürzt, Alfon aus Wien reagierte überhaupt nicht, und die Frau aus Wien begann eine Geschichte zu erzählen. Ich ging in eine der zwei Kneipen von Thyboron, um zu erkunden, wie ich an einem Samstag von Norden Dänemarks, von einem Fischernest aus, nach Unna / Westfalen käme.

Abmustern ist schwer ! Am Morgen darauf, fragte mich mein Skipper beim Packen, ob ich nicht doch bleiben wolle, die Crew wolle dies auch, und er würde mich auch jeden zweiten Tag das Schiff führen lassen ... Als ich ihm sagte, dass ich nicht bleiben würde, ging er an Deck, um gleich wiederzukehren, sagte mir, dass ich zu bleiben hätte. Und um das noch zu unterstreichen, fing er an meinen Seesack wieder auszupacken, was wiederum meinen Entschluß bestärkte.

Samstag um 12 Uhr verliess ich das Dorf mit einem Taxi, stieg in einem anderen Dorf in einen Bus, um dann in einem kleinen Städtchen in den Zug zu steigen. In Fredericia stieg ich um, und saß um 22.30 Uhr in der "Gurke" , Mittelweg, Hamburg, trank ein Bier und überlegte dabei, ob mein Entschluß so richtig war. Auf jeden Fall fühlte ich mich wieder rundherum wohl.

2 Bilder:

Andreas ( auf der Kante ) und das Schiff

 

Der Skipper und Helgoland