Er stellte sich wie bei den
anderen vor, aber da diese Klasse als genau das Gegenteil der anderen galt,
schlug er keinen Deal vor und begann gleich, die Schüler zu testen.
Die junge Frau, die ihm bekannt vorkam, war nicht da.
Plötzlich, mitten in
der Stunde, platzte die Tür auf, und sie kam herein.
"Entschuldigen Sie bitte,
dass ich mich verspätet habe, aber ich habe verschlafen."
Harry richtete sich auf und
sah sie an.
"Verschlafen? Bis jetzt?"
Es war schon nach elf, und
wenn sie jetzt verschlafen hätte, dann musste sie ziemlich grossen
Schlafmangel gehabt haben.
Die anderen Schüler begannen
zu grinsen und meinten, dass das nur eine Ausrede sei. Vermutlich habe
sie bei ihrem Freund übernachtet, und habe darum ganz die Zeit vergessen.
Tom hob die Brauen, als er
das hörte, sagte aber nichts. Es war nicht seine Sache, wenn sie bei
ihrem Freund übernachtete, nur wenn sie dann zu spät in seinen
Unterricht kam, konnte er nicht dulden.
"Es ist mir egal, wenn Sie
bei Ihrem Freund übernachten, Miss Benett, aber sorgen Sie bitte dafür,
dass Sie dann nicht zu spät in die Stunde kommen."
Sie runzelte die Stirn und
fragte: "Von wo wissen Sie meinen Namen?"
"Sie sind die letzte, die
laut Klassenliste fehlt", gab Harry zurück und deutete auf den leeren
Platz.
"Setzen Sie sich. Ich komme
gleich zu Ihnen."
Die junge Frau musterte ihn
verwirrt und setzte sich. Harry beendete sein unterbrochenes Gespräch
mit einem der Schüler und setzte sich dann neben sie.
"Wissen Sie eigentlich, dass
Sie schlecht lügen können?" fragte diese ihn sofort.
Bisher hatte Harry eigentlich
angenommen, dass er das Lügen gut gelernt hatte, aber scheinbar war
das nicht der Fall. Er hob nur die Brauen.
"Kommt mir bekannt vor", antwortete
er.
"Warum wissen Sie also dann
meinen Namen?"
"Sie sehen Ihrer Mutter ziemlich
ähnlich."
Harry spürte einen Schlag
im Gesicht, als hätte ihm jemand eine kräftige Ohrfeige verpasst.
Ihre Mutter. Er hatte es die ganze Zeit im Kopf gehabt, aber erst jetzt
kapierte er, was er da eigentlich dachte. Er nahm an, dass er seine Tochter
wieder getroffen hatte, nach achtzehn Jahren, und sie war wie durch Zufall
in seiner Klasse.
"Sie kannten meine Mutter?"
fragte sie.
"Kannten?"
Man sah ihr an, dass es ihr
schwerfiel, dass zu sagen.
"Sie wurde erschossen. Etwa
einen Monat nach meiner Geburt. Von den Gangstern, von denen jetzt die
Zeitung voll geschrieben ist. Sie haben ihre Zeit wegen guter Führung
fertig und kommen auf Bewährung raus."
Tom hatte davon gelesen. Jennifer
Sheen und Michael Gordon kamen wieder ins wirkliche Leben zurück.
Er empfand keine wirkliche Trauer darüber, dass sie tot war, er hatte
sie ja kaum gekannt, aber trotzdem war ein dumpfer Schmerz da.
"Es tut mir leid. Ich wollte
Ihnen nicht gleich den Neustart hier verderben."
"Sie müssen sich nicht
entschuldigen. Ich kannte Ihre Mutter nicht sehr gut und dass sie tot ist,
erklärt, warum ich solange nichts von ihr gehört habe. Sie sagten,
sie sei einen Monat nach Ihrer Geburt gestorben?"
Sarah nickte. Tom wusste,
dass er vielleicht einer der letzten Menschen gewesen war, die Angela lebend
sahen. Einen Monat nach der Geburt. Da war er nach Hawaii geflogen. Vielleicht
hatten Sheen und Gordon sie gleich darauf erschossen, als sie ihn freigelassen
hatte, oder ein paar Stunden später, als sie die letzte Zeugin war,
die wusste, wohin sie flogen.
"Keiner will mir sagen, wer
oder was meine Mutter gewesen ist. Sie weichen mir immer aus und sagen,
das erfahre ich, wenn ich alt genug bin. Aber ich bin jetzt fast achtzehn
und weiss noch immer nichts. Könnten Sie mir nicht ein bisschen erzählen?"
Harry zögerte. Sie war
seine Schülerin, aber auch seine Tochter. Konnte er sie als Tochter
vorziehen und sie ausserhalb der Schule treffen?
"Wer hat Ihnen denn nichts
gesagt, als Sie gefragt haben?"
"Mark Niyogi, mein Vater."
Tom musste unwillkürlich
lächeln. Er war also doch nicht bloss ein Spitzel gewesen. Er hatte
wirklich eine Beziehung mit Angela. Es musste ihm ziemlich schwergefallen
sein, sie zu verraten. Und jetzt kümmerte er sich um Sarah, obwohl
er wusste, dass es nicht wirklich seine Tochter war? Oder vielleicht wusste
er es gar nicht.
"Ich kenne ihn. Wir hatten
einmal geschäftlich miteinander zu tun."
"Sie waren beim CIA?" fragte
sie sofort.
Tom schüttelte den Kopf.
"Wissen Sie was? Ich mache
den Unterricht noch fertig und dann können wir uns morgen oder so
einmal ausführlich unterhalten."
"Wie wäre es mit heute
abend?"
Er starrte sie an, als habe
sie ihn gefragt, ob er mit ihr schlafen wolle. Wusste sie, was sie da wollte?
Er war ihr Lehrer!
"Bei der Gelegenheit könnten
Sie sich gleich mit Dad treffen. Es ist doch eine Weile her, seit Sie ihn
zum letzten Mal gesehen haben, oder?"
Es war tatsächlich lange
her und Harry wusste nicht, ob er Mark noch einmal treffen wollte. Er hatte
ihn zwar nur einmal ganz kurz gesehen, aber da war er jemand anders gewesen.
Was war, wenn Mark Niyogi ihn erkannte? Konnte er dann seine Identität
aufgeben? Oder war er so rücksichtsvoll, dass er nichts verriet? Es
war schwer zu sagen, aber wenn Harry ganz ehrlich war, wollte er es lieber
nicht herausfinden.
"Mr. Tanaka! Mein Computer
ist abgestürzt! Er hat einen vollkommenen Blackout."
Harry war dankbar für
die Unterbrechung und ging sofort zu der jungen Frau, deren Computer nichts
mehr machte. Er probierte ein paar Sachen aus und es ging wieder.
Sarah beschäftigte sich
weiter mit ihrem Computer und drängte sich ihm nicht weiter auf, aber
als die Glocke läutete und alle hinaus gingen, legte sie einen Zettel
auf seinen Tisch, ohne ihn anzusehen, als ob das ganz normal wäre,
wenn man seinem Lehrer Zettelchen schreibt.
Harry wusste genau, was drin
stand. Irgend wann am Abend, in einem Restaurant, so dass Sarahs Vater
nicht mitbekam, dass sie sich heimlich Informationen über ihre Mutter
besorgte.
Er las den Zettel. Am Abend
um sechs Uhr im Restaurant gleich neben der High School. Er seufzte. Die
Einladung konnte er nicht ablehnen.
Nach mehreren Stunden konnte
er dann endlich nach Hause. Er hatte gerade noch Zeit, um sich zu duschen,
ein bisschen auszuspannen und sich bereit zu machen, bevor er sich auf
den Weg machen musste, um pünktlich zu sein.
Als er ankam, sah er Sarah
schon an einem Tisch sitzen. Allerdings war sie nicht alleine. Sie hatten
einen jungen Mann dabei, vermutlich ihr Freund.
Was hat er damit zu tun? fragte
sich Harry.
"Guten Abend, Mr. Tanaka.
Das ist Tom, Tom Pike."
Harry unterdrückte ein
Grinsen. Der Freund seiner Tochter hiess fast so wie er eigentlich hiess.
Was für ein Zufall!
Harry gab Tom die Hand und
setzte sich an den Tisch.
"Tom hat mir geholfen, ein
paar Informationen über meine Mutter herauszufinden, die in Computerakten
gespeichert waren. Leider waren die meisten verschlossen, und in denen,
die es nicht waren, waren keine wertvolle Informationen."
Harry musterte seine Tochter
und ihren Freund. Natürlich, sie hatte ein Recht darauf zu erfahren,
wer ihr Mutter war, aber wenn ihr Vater es ihr noch nicht gesagt hatte,
war es dann richtig, dass er es tat? Sollte er nicht zuerst noch mit ihm
sprechen, ihn um Erlaubnis bitten?
"Sie haben erwähnt, dass
Sie sie gekannt haben, bevor sie erschossen wurde. Wie war sie da?"
Harry zögerte. Wusste
Sarah überhaupt etwas ausser dem Namen ihrer Mutter?
"Sie war ... anders als andere
Menschen. Von ihrem Vater war sie sich gewohnt, alles zu bekommen, was
sie sich wünschte. Wenn sie es einmal nicht bekommen hat, hat sie
es sich einfach genommen, ohne Erlaubnis."
"Sie meinen, Sie hat gestohlen?"
Harry lächelte.
"Nein, sie hat nur ihre Mitmenschen
so ... manipuliert, dass sie es ihr trotzdem gegeben haben. Sie hatte ein
grosses Verständnis für andere Menschen."
Ein Ober kam, der ihre Bestellungen
aufnahm.
"Und was hatten Sie mit ihr
zu tun?" fragte Sarah, als der Mann wieder gegangen war.
Harry zögerte. Sollte
er von Anfang an berichten, und gewisse Teile weglassen, oder den Anfang
ganz weglassen?
"Ich arbeitete damals bei
einer Firma, die die Sicherheitssysteme anderer prüft. Sie wollte,
dass ich ihre Daten prüfe und wir haben uns einmal zum Abendessen
getroffen. Ein paar Monate später sind wir uns dann noch einmal begegnet,
aber wir standen nicht mehr auf der gleichen Seite."
"Was meinen Sie damit?"
"Angela hatte sich mit Sheen
und Gordon zusammen getan. Vermutlich schon, bevor ich zum ersten Mal von
ihnen entführt wurde."
"Sie wurden mehrere Male entführt?"
fragte Tom.
"Ja, es waren ein paar blöde
Zufälle dabei. Sie war so eine Art Chef über die Beiden und hat
ihnen gesagt, dass sie mich gehen lassen sollen, das heisst, sie hat mich
gehen lassen. Ich nehme an, darum haben sie sie umgebracht."
"Aber warum? Wussten Sie so
viel?"
"Nein. Ich kenne Gordon schon
aus meiner Kindheit. Wir haben uns - vorsichtig ausgedrückt - nie
verstanden und das hat sich bis jetzt nicht gebessert. Er wollte mich unbedingt
quälen und wahrscheinlich sogar töten, und darum konnte er vermutlich
nicht verstehen, wie Angela mich gehen lassen konnte. Vielleicht wurde
sie
auch umgebracht, weil sie der letzte Mensch war, der wusste, wohin sie
sich absetzen wollten. Es gibt mehrere gute Gründe dafür."
"Keine Gründe zum Morden
sind gut", wandte Tom ein.
Harry nickte: "Das stimmt,
aber manchen ist das nicht so wichtig. Sie glauben, dass wenn sie gute
Gründe haben, sogar das Morden berechtigt ist."
Sarah seufzte. "Sie meinen,
meine Mutter ist nur aus Rache gestorben, weil Gordon Sie nicht umbringen
durfte?"
"Das habe ich nicht gesagt.
Es könnte sein, dass es einer der Gründe ist."
"Dann ist es eigentlich Ihre
Schuld."
"Sarah!" entfuhr es Harry
entsetzt.
Wie konnte sie ihm unterstellen,
dass es seine Schuld war?
"Ich kann nichts dafür,
wenn Ihre Mutter mich gehen gelassen hat. Ich hatte mich schon damit abgefunden,
dass ich nicht mehr lange lebe."
Sie lächelte versöhnend.
"Ich weiss. Es war nur ein
Gedanke, den ich zu laut gedacht habe. Ich suche immer noch nach Gründen
für den Tod meiner Mutter. Nach wirklichen Gründen. Warum hat
sie Sie überhaupt gehen lassen?"
Unmerklich verkrampfte er
sich. Sollte er etwa die Wahrheit sagen? Weil er der Vater ihres Kindes
war?
"Ich denke, sie hatte das
Gefühl, dass ich eigentlich nichts mit der ganzen Sache zu tun habe.
Ich konnte auch nicht mehr viel der Polizei erzählen, da sie sowieso
schon wussten, wo Sheen und Gordon waren und mehr wusste ich eigentlich
auch nicht. Es gab keinen richtigen Grund, mich da zu behalten."
"Vielleicht als Geisel", wandte
Tom ein.
"Eine Geisel, die bereit zu
sterben ist, nützt nicht viel."
Der Ober brachte das Essen
und des Gespräch verstummte, bis er sich wieder entfernt hatte.
"Warum heissen Sie eigentlich
Benett und nicht Niyogi wie Ihr Vater?" fragte Harry.
Er musste sich ziemlich beherrschen,
um nicht beim 'Vater' eine Pause zu machen.
"Sie wollten zu dieser Zeit
heiraten, in der sie gestorben ist. Ich denke, dass Dad dachte, da, wenn
ich bei meiner Mutter gelebt hätte, ja auch Benett geheissen hätte,
so dass er mir den Namen gelassen hat."
Die Beiden hatten also doch
nicht geheiratet. Harry wusste nicht, ob er das gut oder schlecht finden
sollte. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Sarah das rechtliche
Kind von Mark Niyogi wäre.
"Sarah hat mir erzählt,
dass Sie C-Sprache unterrichten, oder?" fragte Tom.
Harry nickte bestätigend.
"Können Sie hacken?"
"Natürlich kann ich hacken",
entgegnete Harry.
"Könnten Sie uns nicht
ein bisschen helfen, um ein paar Akten über Angela zu knacken? Sarah
kann es zwar sehr gut, aber eben nicht gut genug. Das war keine Beleidigung,
Schatz", sagte er zu Sarah gewandt.
Harry zögerte. Sollte
er das machen? Na ja, was war schon dabei. Sie wollten Akten und er konnte
sie ihnen beschaffen. Scheinbar hatte es sich Sarah zur Lebensaufgabe gemacht,
herauszufinden, wer ihre Mutter war und warum sollte er sie daran hindern,
in dem er ihr seine Dienste verweigerte.
Also nickte ihr.
"Ich kann sie Ihnen in die
nächste Stunde mitbringen."
Es war wirklich schon viel
passiert in letzter Zeit. Dean Cain brauchte seine Hilfe, Sarah brauchte
seine Hilfe, wer brauchte sie sonst noch?
Er wusste es nicht, und es
wäre ihm lieber, wenn es nicht zu viel würden.
"Was würden Sie sonst
von meiner Mutter sagen? War sie eher ein guter Mensch, oder nicht?"
Harry lächelte leicht.
"Das ist bei Ihrer Mutter
schwierig zu sagen. Ich denke, sie konnte genauso so viel gutes tun wie
schlechtes. Aber sie hatte bestimmt nicht grundlos irgend etwas getan,
dass anderen Menschen Schaden zufügte."
"Wie gut kannten Sie sie eigentlich?"
"Wie gesagt, nicht sehr gut."
Sarah musterte ihn ruhig.
"Sie lügen", stellte
sie sachlich fest.
Harry starrte sie an und musste
dann unwillkürlich lächeln. Vielleicht konnte er nicht mehr lügen,
dass hiess aber nicht, dass er bei jedem Satz, den er sagte, log.
"Sagen wir es einmal so. Ich
kannte sie besser, als es mir jetzt lieb ist. Aber ihre Eigenschaften kannte
ich nicht sehr gut."
Sarah musterte ihn noch immer,
aber diesmal sagte sie nichts mehr darüber, dass er log, was er ja
auch nicht tat.
"Inwiefern kannten Sie meine
Mutter besser, als Sie wollten?"
Harry entschloss sich, nicht
weiter so freigebig mit seinen Informationen zu sein.
"Das ist eine Sache, über
die ich nicht sprechen möchte, vor allem nicht mit Schülern."
Sarah lächelte entschuldigend.
"Ich wollte nicht in Ihre
Privatsphäre eindringen, aber es geht um meine Mutter."
Er nickte.
"Schon in Ordnung. Ich bin
kein kleines Kind mehr, dass sich nicht wehren kann."
Plötzlich piepste etwas
in seiner Tasche. Er hatte seinen Piepser mitgenommen, für den Fall,
dass es etwas wichtiges war.
Er entschuldigte sich bei
Sarah und Tom und sah auf das Anzeigeschild. Eine ihm völlig unbekannte
Nummer.
Neugierig fragte er bei der
Bar nach einem Telefon und gab die Nummer ein.
"Hallo?" fragte er.
"Mr. Tanaka? Mein Name ist
David Cain. Ich bin der Vater von Dean Cain. Er hat mir erzählt, dass
Sie sich mit Computer auskennen."
"Das ist richtig", antwortete
er, fügte in Gedanken hinzu: Wenn auch eine wahnsinnige Untertreibung.
"Nun, ich nehme an, er hat
Ihnen unsere Probleme geschildert."
"Ganz kurz einmal, ja."
"Sie haben sich extrem verschlimmert.
Ein unbekannter Virus hat sich eingeschlichen und zerstört langsam
alle Programme und dazu noch die der Firmen, mit denen wir in Verbindung
standen. Wir können diese Verbindungen nicht lösen und so zerstört
der Virus auch die Computer unserer Kunden. Alle unsere Spezialisten sind
gescheitert. Dean hat erzählt, Sie haben erfolgreich die Akten der
Regierung geknackt haben. Glauben Sie, dass Sie uns helfen könnten?"
Harry zögerte einen Moment.
Es klang nach einem ziemlich ernstem Problem, aber eigentlich hatte er
damit vor langer Zeit einmal Schluss gemacht. Andererseits konnte er sie
nicht einfach im Stich lassen.
"Ich komme gleich vorbei.
Was ist Ihre Adresse?"
David Cain gab sie ihm und
Harry ging wieder zu Sarah und Tom zurück.
"Es tut mir leid, aber ich
muss etwas dringendes erledigen. Ich sehe Sie in der nächsten Stunde,
Sarah."
Er gab den Beiden die Hand
und verschwand dann schnell.
Die Firma war nicht schwer
zu finden. Die Lichter flackerten und dauernd ging die automatische Tür
am Eingang auf und zu, ohne dass jemand hindurch ging.
Harry stieg aus seinem Wagen
und ging mit schnellen Schritten in das Haus hinein, dabei musste er aufpassen,
nicht von der Tür zermalmt zu werden.
"Mr. Tanaka?" fragte ein Mann.
Er nickte. Der Mann gab ihm
die Hand.
"David Cain. Gut, dass Sie
so schnell kommen konnten."
Er wurde von Cain mitgezogen
und durch einen grossen Raum geführt, der voller verzweifelter Menschen
war.
"Was ist hier eigentlich los?"
fragte Harry.
"Der Grund ist ein neues Spiel,
das wir entwickelt haben. Unser Erstlingswerk. Es hat einen Virus produziert.
Da alle Funktionen dieses Hauses und mehrere anderer auch noch, am Computer
angeschlossen sind, spielt alles verrückt. Ausserdem ist der Virus
nicht einfach ein Programm, dass man löschen kann, es scheint aus
vielen Einzelteilen zu bestehen. Wir konnten ein paar löschen, aber
es scheint sich fortzupflanzen."
"Ein Virus, der sich vermehrt?
Von so was habe ich noch nie gehört."
"Wir auch nicht. Das ist ja
das schlimme daran. Wir haben auch schon Spezialisten aus Europa angefordert,
aber bis die eingetroffen sind, geht es eben noch eine Weile."
Ein anderer erregter Mann
kam ihnen entgegen.
"Guten Abend, ich bin der
Leiter dieser Abteilung, Jordan Knight."
Harry nickte ihm zu und sagte
dann seufzend.
"Also, ich brauche einen Computer
und einen genauen Bericht der Lage, alle Vorkommen, alle Eigenschaften
des Virus."
Knight führte ihn an
einen freien Platz.
"Sie können jeder Person
hier einen Auftrag geben, wenn Sie uns nur von diesem Chaos befreien."
Harry setzte sich und betrachtete
das Bild auf seinem Computerbildschirm. Es glich vielen kleine Ballonen,
die alle verschieden farbig waren und schön nebeneinander und hintereinander
waren. Ab und zu kam ein Bild. Harry starrte diese kurzen Bilder an und
machte sich seine Gedanken, was es sein könnte. Irgendwo hatte es
bestimmt einen Knopf, der zum Abschalten bestimmt war.
Das Bild in seinem Kopf setzte
sich langsam zusammen und auch der Punkt, wo theoretisch dieser Knopf sein
sollte. Er suchte die Maus, aber auch sie war nicht ganz dort, wo sie sein
sollte. Bewegte man sie nach rechts, ging sie nach links und umgekehrt.
Harry konzentrierte sich und
suchte mit ihr den Knopf, von dem er glaubte, dass es der richtige war.
Als er ihn drückte, passierte
zuerst gar nichts. Aber dann stabilisierte sich das Bild ein wenig und
er erkannte mehr Einzelheiten. Es schien sich um eine Landschaft zu handeln,
die Landschaft eines Spieles, eine Wiese mit einem Fluss und einem zu blauen
Himmel.
Er versuchte die Figur, die
im Bild stand, zu bewegen. Langsam setzte sie einen Fuss vor den anderen
und die Landschaft veränderte sich. Vor ihm wurde eine Mauer grösser
und hinter den Mauern bewegten sich viele Menschen. Fahnen wehten im Wind.
Er ging über den Wassergraben
in die Burg hinein. Es schien gerade ein Markttag oder so etwas zu sein.
Plötzlich konnte er seine
Figur nicht mehr steuern. Sie ging von selbst weiter, durch die vielen
Gassen. Harry versuchte vergebens, die Kontrolle zurück zu erlangen.
Die Figur stürzte um.
Ein Messer steckte in ihrem Rücken.
Wieder kamen die Ballone auf
den Bildschirm, aber diesmal schien es, als ob sie sich bekämpften,
und nicht, in Eintracht nebeneinander schwebten.
Blau kämpfte gegen Rot,
Gelb gegen Grün, Schwarz gegen violett. Es war ein heilloses Durcheinander.
Harry seufzte. So etwas hatte
er noch nie gesehen. Es musste eine Möglichkeit geben, den ganzen
Virus zu löschen.
Er tastete wieder über
den Bildschirm, suchte einen Knopf, um alles zu löschen, aber den
schien es nicht zu geben.
Er hatte auf einmal eine absurde,
aber doch mögliche Idee.
"Haben Sie schon einmal versucht,
den Computer einfach abzuschalten?" fragte er Jordan Knight.
Dieser sah ihn ungläubig
an.
"Abschalten? Sie meinen, einfach
..."
Harry nickte und betätigte
den Knopf. Der Bildschirm wurde schwarz. Dieser Einfall war so normal und
einfach, dass man schon gar nicht darauf kam. Man hatte es mit einem komplizierten
Phänomen zu tun, also dachte man sofort auch, dass es nur eine komplizierte
Lösung für das Problem gab.
Nach einer Weile stellte er
den Computer wieder an. Er startete normal auf. Nichts passierte. Auf den
übrigen Computern, die ebenfalls an waren, verschwanden die Ballone.
Das normale Programm war wieder da.
"Sie sind ein Genie, Harry.
Warum sind wir nicht selbst darauf gekommen?"
Die anderen Mitarbeiter fingen
an zu jubeln und gratulierten Harry. Man bot ihm sogar eine Stelle an und
Harry widerstand der Versuchung nur mit Mühe.
Er wurde zu einem Abendessen
eingeladen, lehnte aber ab, da er ja eigentlich schon gegessen hatte, und
ging nach Hause.
Sein Herz rastete wie verrückt.
Du bist zu alt für solche Sachen, sagte sich Harry, vergiss es! Aber
er vergass es nicht und spürte eine alte Aufregung in sich, die er
immer verspürt hatte, wenn er wieder etwas besonderes geschafft hatte.
Er schaltete seinen Computer
ein und beschaffte sich die Daten über Angela. Er wusste, was sie
enthielten. Ein paar CIA-Informationen, die man von den Top Secret - Akten
weggenommen hatten, weil sie nicht mehr aktuell waren. Er liess sie ausdrücken
und legte sie in eine Mappe, damit er sie morgen mitnehmen konnte.
Als er am nächsten Morgen
durch das Tor der High School ging, hörte er seinen Namen rufen und
drehte sich um. Sarah kam mit schnellen Schritten und ausser Atem angelaufen.
Harry wusste sofort, was sie
wollte und packte die Akten aus. Sie dankte ihm lächelnd und verschwand
gleich wieder, da die Glocke schon läutete. Er hatte Zeit, da er erst
in der zweiten Stunde Unterricht hatte.
Er konnte sich gut vorstellen,
wie Sarahs Lehrer gerade irgend etwas sagte und sie nur in ihre Akten starrte
und nicht darauf hörte. Er konnte nur hoffen, dass sie gerade keine
Prüfung hatte.
Die Stunden gingen relativ
schnell vorbei. Gegen Mittag hatte er die erste Zwischenstunde, in der
er endlich aufatmen konnte.
In der Zwischenzeit war Sarah
nach Hause gegangen. Ihr war ihre Mutter wichtiger als die Schule und da
sie sowieso nicht aufpassen würde, konnte sie doch gerade nach Hause
gehen.
Sie sass in ihrem Zimmer und
las die Akten. Vieles hatte Harry Tanaka ihr schon erzählt, einfach
ohne die kleinen Details. Ihre Mutter hatte also damals nur eine Beziehung
mit ihrem Vater gehabt, weil der vom CIA eingeschleust wurde.
Das hatte Mark ihr gesagt,
ungefähr so jedenfalls. Darum hatten sie auch noch nicht geheiratet.
Ihre Augen hingen an den vielen
Buchstaben, die auf dem Papier geschrieben waren, so dass sie ihren Vater
gar nicht bemerkte, der leise, wie ein CIA-Agent eben ging, hinein kam.
"Was ist das?" fragte er plötzlich
und schnappte sich die Unterlagen.
Sarah starrte ihn entsetzt
an und machte sich schon auf ein Donnerwetter gefasst.
Doch das kam nicht. Ihr Vater
blieb ruhig, auch nachdem er mindestens eine Seite gelesen hatte.
"Irgendwann musste es ja so
kommen", murmelte er und seufzte, "Ich hätte es dir selber erzählen
wollen, Sarah. Aber scheinbar ist Tom mir zuvor gekommen."
Sie machte keine unnötige
Bewegung, denn sie wusste nicht, ob er sich nur beherrschte, oder ob er
sich wirklich nicht aufregte.
"Also gut, wieviel weisst
du schon?"
Sie sagte es ihm. Mark seufzte
leicht und bedeute ihr, sich wieder zu setzen. Er setzte sich auf das Bett
und starrte weiter auf die Blätter.
"Das ist erst der offizielle
Teil der Geschichte", sagte er.
Sarah sah ihn fragend an.
Was meinte er damit? Der offizielle Teil? War das etwa nicht die Wahrheit?
"Angela arbeitete schon lange
mit Sheen und Gordon zusammen. Länger als nur ein paar Monate. Vermutlich
waren es eher ein paar Jahre. Sie hatte nie Probleme mit ihnen, erst, als
sie etwas tat, was ihnen nicht gefiel."
"Was hat sie getan?" fragte
Sarah, neugierig auf den inoffiziellen Teil der Geschichte.
"Es war eigentlich nur wegen
einen Mann, ich weiss nicht mehr, genau wie er hiess ..."
"Harry Tanaka?" half Sarah
nach.
Doch Mark schüttelte
den Kopf.
"Nein, ich glaube es war etwas
ähnlich wie Tom Pike. Tom Penn. Genau! Er hatte irgendein Problem
von früher mit Gordon und dieser wollte ihn deshalb unbedingt umbringen.
Doch Angela liess ihn gehen. Kurz darauf wurde sie erschossen in einem
Hotel auf Hawaii aufgefunden."
Diese Beschreibung des Mannes
passte genau auf Harry Tanaka. Konnte es sein, dass der das alles nur erfunden
hatte, um sich wichtig zu machen? Dass Tom Penn ihm die Geschichte erzählt
hatte?
Das passte nicht zu Harry
Tanaka. Irgendwie ging es nicht. Er hätte nicht so gut lügen
können.
Mark wollte etwas sagen, aber
es schien ihm wahnsinnig schwer zu fallen. Er öffnete den Mund und
machte ihn immer wieder zu.
"Sarah, was ich dir jetzt
sagen werde, wird dich erschrecken, aber ich bitte dich, mir erst einmal
zuzuhören."
Sie nickte verwirrt. So hatte
sie ihrem Vater noch nie erlebt. Normalerweise sagte er immer das, was
er sagen wollte.
"Ich habe deine Mutter etwa
neun Monate vor deiner Geburt kennengelernt. Sie wurde schwanger und ich
nahm an, dass es mein Kind wäre."
Sarah wusste, was er sagen
wollte, bevor er es gesagt hatte. Mark war nicht ihr leiblicher Vater.
Ihre Mutter hatte eine Affäre mit einem anderen Mann und hatte Mark
erzählt, dass es sein Kind war. Sie hatte keinen Vater!
"Bitte Sarah, hör mich
erst zu", beruhigte er sie, als sie schon davonlaufen wollte.
"Ich habe es selbst lange
nicht gewusst. Erst, als einer meiner CIA-Kollegen ein bisschen zuviel
getrunken hatte, habe ich einen Verdacht geschöpft und nachgefragt.
Sie haben mir gesagt, dass sie herausgefunden haben, dass dieser Tom Penn
dein Vater sei."
Sarah bekam wieder einen Schock.
In Gedanken war Harry Tanaka schon zu Tom Penn geworden, aber dass er ihr
Vater war, konnte sie nicht glauben. Das konnte doch nicht sein!
"Es wird angenommen, dass
er ebenfalls erschossen wurde, allerdings wurde seine Leiche nie gefunden.
Vermutlich haben ihn Sheen und Gordon mitgenommen, und dann irgendwo auf
einer kleinen Insel vergraben. Er war jedenfalls später nie mehr aufgetaucht."
Sarah konnte nur mit Mühe
ihre Tränen zurückhalten. Wie hatte er ihr das so lange verheimlichen
können? Hätte er überhaupt einmal etwas gesagt, wenn sie
die Akten nicht gehabt hätte? Sie konnte es einfach nicht glauben.
Wie konnte er ihr das nur antun?
"Es tut mir leid, Sarah. Ich
wollte dir nicht weh tun."
Sie starrte ihn an und flüsterte
mit rauher Stimme: "Das hast du aber."
Mit schnellen Schritten stand
sie auf und ging hinaus. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen,
nur den, dass sie unbedingt zu Tom musste, zu Tom Pike. Er musste ihr helfen,
diesen Tom Penn zu finden, wenn er noch lebte.
Harry beschaffte sich etwas
zu essen und unterhielt sich mit ein paar anderen Lehrern, die ihn herzlich
in ihren Kreis aufnahmen. Sie erzählten von besonders schwierigen
Schülern, von Eltern, die nervten oder von den Problemen, die sie
mit dem Rektor hatten.
Zufällig hörte er
mit, wie jemand sagte, dass Sarah Benett heute einfach nicht erschienen
war.
"Sie ist einfach nicht gekommen?"
fragte er.
Die Lehrerin erzählte
freigebig: "Sie ist eine sehr zuverlässige Schülerin und kommt
nie einfach so ohne Grund nicht in die Schule. Wenn sie nicht kommt, hat
sie immer eine Entschuldigung. Aber heute ist sie einfach nicht gekommen.
Nicht einmal ihre beste Freundin weiss, wo sie ist."
Er hütete sich davor
zu sagen, dass er eigentlich Schuld daran war, dass sie nicht gekommen
war. Aber dadurch ging die Welt nicht unter. Sarah hatte keine grossen
Probleme mit dem Stoff und kam gut mit, auch wenn sie einmal einen Tag
gefehlt hatte.
"Miss Larian, haben Sie schon
etwas von Sarah gehört?" fragte plötzlich eine besorgt klingende
Stimme.
Das Mädchen war Sarahs
beste Freundin, die sich nervös auf die Lippen biss.
"Nein, tut mir leid, Laura.
Haben Sie es schon bei ihr zu Hause versucht?"
"Ja, und auch bei ihrem Freund.
Sie ist nicht dort."
"Sie taucht bestimmt wieder
auf. Versuchen Sie es später noch einmal bei ihr zu Hause."
Laura nickte, war aber nicht
weniger nervös und besorgt, und ging wieder.
Miss Larian seufzte leise.
"Sie sind wie ein Herz und
eine Seele, die beiden. Sie machen kaum etwas nicht zusammen. Kein Wunder,
dass sich Laura da so aufregt, wenn Sarah einmal nicht von sich hören
lässt. Das ging mir damals genauso. Ich hatte ..."
Sie erzählte von ihrer
besten Freundin auf der High School und wie sie sich gut verstanden hatten.
Harry hörte nur mit halben Ohr zu. Was war, wenn Sarah etwas passiert
war? Wenn etwas in den Akten stand, dass sie so aufregte, dass sie irgend
etwas angestellt hatte?
Während den nächsten
Stunden vergass er Sarah und konzentrierte sich auf den Unterricht. Die
Schüler erwiesen sich als ziemlich ruhig, was aber vielleicht auch
daran lag, dass es schon relativ spät war und sie ziemlich erschöpft
waren.
Er fuhr nach Hause. Das Auto
blieb ihm kurz vor seiner Wohnung einfach stehen, so dass er die letzten
Meter zu seinem Block zu Fuss gehen musste. Er stieg in den Lift und fuhr
in den dritten Stock, in dem er seine Wohnung hatte.
Erstaunt blieb er stehen.
Sarah sass auf dem ersten Absatz der Treppe, die in den vierten Stock führte
und sah ihn mit geröteten Augen an. Sie lächelte leicht entschuldigend.
"Tut mir leid, dass ich Sie
einfach so überfalle, aber ich weiss nicht, an wen ich mich sonst
wenden soll."
Er verstand sie nicht, machte
aber eine einladende Geste, dass sie hereinkommen sollte. Er nahm ihr die
Jacke ab, ohne ein Wort zu sagen, legte seine Sachen auf den Tisch und
deutete ihr, dass sie sich auf einen Sessel setzten soll.
"Wollen Sie etwas trinken?
Ein Glas Wasser?" fragte er sie.
Sarah nickte nur. Harry holte
ein Glas und gab es ihr. Sie trank nur einen winzigen Schluck, dann stellte
sie es vor sich auf den Tisch und sammelte sich.
Harry setzte sich vor sie
und wartete ab. Es war wichtig, dass er ihr jetzt einfach nur zu hörte
und sie nicht drängte. Wenn sie erzählen wollte, was passiert
war, dann musste sie von alleine anfangen.
"Mein Vater hat mir erzählt,
was damals passiert war, als meine Mutter erschossen wurde", erzählte
sie schliesslich, "Er sagte, dass ein gewisser Tom Penn von ihr freigelassen
wurde, nicht Sie."
Harry zeigte keine Regung,
aber er hatte einen ziemlichen Schock. Vermutlich wusste sie jetzt, dass
Mark nicht ihr richtiger Vater und war darum so aufgelöst. Und wenn
sie das wusste, wusste sie vermutlich auch, dass ihr richtiger Vater Tom
Penn war.
Er sagte darum erst einmal
gar nichts.
"Was ist wahr? Waren es Sie
oder Tom Penn? Hat er es Ihnen nur erzählt und Sie haben es jetzt
erzählt, um eine Geschichte gut verkaufen zu können?"
Sie hatte ihn in der Falle.
Sagte er, dass Mark log, würde sie ihm nicht glauben und weiter fragen.
Sagte er aber, dass er Tom Penn und somit ihr Vater war, gab das eine Katastrophe.
Drittens könnte er noch sagen, dass Tom Penn ihm die Geschichte erzählt
hatte. Keine der drei Möglichkeiten gefiel ihm.
Er zögerte.
"Sie wollen die Wahrheit?"
Sarah nickte nur. Vermutlich
wusste es ihr Unterbewusstsein schon lange, aber sie wollte es einfach
nicht wahrhaben.
"Sie haben Recht. Es war Tom
Penn, der das erlebt hatte, nicht ich. Aber der Unterschied zwischen ihm
und mir ist nicht so gross wie zwischen anderen Personen, er ist viel kleiner."
"Waren Sie Zwillinge?" fragte
sie.
Er schüttelte langsam
den Kopf.
"Man könnte es schon
so nennen. Nur sind er und ich ein und dieselbe Person."
Jetzt war es draussen. Nun
mochte sie wieder davon rennen, wie sie vermutlich schon vor Mark davon
gerannt war, aber nun wusste sie wenigstens die Wahrheit.
"Mein Vater hat mir auch erzählt,
dass dieser Tom Penn mein richtiger Vater sei", sagte sie und hatte sich
immer noch unter Kontrolle.
Harry seufzte und nickte.
"Ich weiss."
Sarah sah ihn an.
"Dann bist du mein Vater",
stellte sie fest, endlich zum 'Du' gefunden.
Wieder konnte er nur nicken.
"Seit wann weisst du schon,
dass ich deine Tochter bin?"
"Seit ich dich zum ersten
Mal gesehen habe."
Sie kniff die Augen zusammen,
als müsse sie nun doch mit aller Kraft die Tränen zurückhalten.
"Warum hast du es mir nicht
gesagt?" fragte sie flüsternd.
"Ich wollte mich nicht in
dein Leben einmischen. Bis jetzt hast du es ganz gut ohne mich geschafft
und wenn ich einfach kommen und sagen würde: He, ich bin dein Vater,
dann glaube ich nicht, dass du mich verstanden hättest."
Sarah sah ihn nun mit Liebe
in Augen an, die Liebe zu einem Vater.
"Ich wünschte, ich hätte
dich schon früher kennengelernt", flüsterte sie und umarmte ihn
plötzlich.
Harry zögerte einen Moment,
bevor auch er seine Arme um sie schloss. Er spürte eine wohltuende
Wärme, wie er sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Sie löste sich wieder
und schniefte.
"Warum hat meine Mutter Mark
gesagt, dass ich sein Kind bin?"
Harry zögerte wieder.
Sie war seine Tochter und hatte ein Recht darauf, es zu erfahren.
"Das ist eine ziemlich lange
Geschichte."
"Wir haben Zeit."
Er seufzte. Warum sollte er
es ihr nicht sagen? Es war nichts schlimmes dabei.
"Ich arbeitete damals bei
einer Firma, die Sicherheitssysteme anderer prüfte, ob sie wirklich
auch genug sicher sind. Angela wollte auch, dass man ihre Daten prüft
und hat mich engagiert. Sie hat mich auch zum Abendessen eingeladen, mit
dem Grund, dass sie wissen möchte, wer vielleicht ihre Daten liest.
In Wirklichkeit wollte sie nur ein Kind von mir."
Sarah starrte ihn an. "Du
kanntest meine Mutter nicht und hast mit ihr geschlafen?"
"Ich würde sagen, sie
hat mit mir geschlafen. Ich wollte es nicht."
"Aber du hast es trotzdem
getan."
"Ja. Ich bin nicht einer,
der jeden Tag mit einer Frau schläft. Ich kann mich nicht so gut kontrollieren
wie andere. Und deine Mutter wusste genau, was sie wollte."
Sarah schien ihn noch nicht
ganz zu verstehen.
"Aber warum wollte sie ein
Kind von dir?"
"Sie wollte ein Kind, dem
sie erzählen konnte, wie gut sein Vater doch war und nicht, dass irgend
ein Penner der Vater war. Das war jedenfalls der Grund, den sie mir nannte.
Ich bin nicht sicher, ob sie nicht einen anderen hatte. Vermutlich war
es auch noch ein wenig ihre Vorliebe für Japaner."
Sie schüttelte erstaunt
den Kopf.
"Was hast du dann getan?"
"Nachdem ich mit ihr geschlafen
habe? Am liebsten hätte ich sie verprügelt, aber na ja ... Ich
bin abgehauen und habe ihr gesagt, dass ich sie nie mehr wiedersehen will.
Das war das, was auch Angela wollte. Sie hatte nicht vor, ihrem Kind je
zu sagen, wer sein Vater mit Namen sei. Sie wollte es alleine aufziehen,
so, wie sie es für richtig hielt."
"Und das war doch auch das,
was du wolltest. Du wolltest mich ja schliesslich nicht."
"Am Anfang schon, aber man
hat mir von Kind auf den Sinn für die Familie eingebleut, und der
Gedanke daran, dass mein Kind ohne seinen Vater aufwachsen soll, machte
mich halb wahnsinnig."
"Hast du ihr das gesagt?"
Harry lächelte, in Erinnerungen
schwelgend.
"Natürlich. Darum bin
ich ja nach Hawaii geflogen. Leider kam dann alles anders."
Sarah nickte.
"Ja, mein Va ... Mark hat
es mir erzählt. Allerdings glaubt er, dass du tot bist."
"Das glauben viele. Keiner
ausser dir und zwei anderen wissen, wer ich wirklich bin."
"Warum hast du überhaupt
eine andere Identität angenommen?"
Harry seufzte. Eigentlich
wusste er es auch nicht so genau.
"Ich arbeitete damals zur
gleichen Zeit für die CIA an einem Auftrag. Ich sollte ein paar Akten
von der Regierung besorgen, die sie nicht rausrücken wollte. Falls
ich keinen Erfolg gehabt hätte, hätte ich eine andere Identität
annehmen können. Ich hatte Erfolg, aber als deine Mutter mich zurückwies,
dachte ich, ich könne so meinem Schmerz entgehen, wenn ich nicht der
war, der den Schmerz in sich trug. Leider war das nicht ganz so einfach."
Sarah lächelte ihn tröstend.
"Jetzt hast du mich ja gefunden."
Harry nickte und lächelte
ebenfalls.
"Das Problem ist nur: Der
Schmerz war gerade verschwunden und jetzt ist er wieder da."
Sarahs Lächeln erstarrte.
"Nein, das heisst nicht, dass
ich mich nicht wahnsinnig freue, dich gefunden zu haben. Es ist nur, wenn
ich nur an dich denke kommen alle Erinnerungen wieder, die ich lieber vergessen
hätte."
Ihre Augen wurden wieder wärmer
und sie seufzte.
"Es ist ja jetzt alles vorbei.
Erinnere dich daran, als eine dunkle Zeit in deinem Leben, die dir viele
Erfahrungen gebracht hat."
Harry grinste.
"Man muss immer die positive
Seite sehen, nicht?"
Sarah nickte und stand auf.
"Ich sollte nach Hause gehen.
Mark macht sich sicher schon Sorgen um mich, dass ich mir etwas angetan
habe."
Harry nickte, als er sah,
dass es schon nach acht Uhr abends war und begleitete sie zur Tür.
"Soll ich dich nach Hause
bringen?" bot er ihr an.
Sie zögerte kurz, nickte
aber schliesslich.
"Vielleicht solltest du mit
Mark sprechen. Ich weiss nicht, ob ich es kann“, meinte sie, zog ihre Jacke
wieder an und sie gingen zu Harrys Auto.
Sarah zögerte, als sie
bei ihr zu Hause ankamen. Harry legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm
und nickte ihr ermutigend zu. Sie atmete tief ein und stieg aus. Harry
folgte ihr.
Als Sarah die Türe aufmachen
wollte, öffnete sie sich von selbst und ein besorgter Mark sah Sarah
an. Sie zögerte wieder mit ihrer Reaktion, umarmte ihn aber.
„Meine Reaktion tut mir leid“,
sagte sie leise und verschwand dann schnell, wieder mit Tränen in
den Augen. Harry stand nun vor Mark, aber dieser kannte ihn nicht mehr.
Ganz im Gegenteil zu Harry. Er kannte das Gesicht noch sehr gut, auch wenn
es jetzt ein bisschen älter war als vorher. Er hatte es vor Jahren
mit Verachtung und Neid betrachtet, denn er war der Mann, der sein Kind
aufziehen konnte.
„Guten Tag, mein Name ist
Harry Tanaka. Ich bin Sarahs C-Lehrer“, sagte er und streckte Mark die
Hand hin.
Dieser nahm sie zögernd.
„Kommen Sie, um mir einen
Vortrag darüber zu halten, dass man seinem Kind immer die Wahrheit
sagen soll?“ fragte er und konnte dabei die Anspannung, die er fühlte,
nicht verbergen.
Doch Harry schüttelte
den Kopf.
„Nein. Sarah ist zu mir gekommen,
weil sie glaubte, sonst mit niemandem reden zu können. Ich verstehe,
warum Sie es gemacht haben.“
Mark zögerte wieder und
nickte dann aber in die Wohnung hinein und Harry trat ein.
Die Wohnung war nicht gerade
ärmlich eingerichtet. Man konnte deutlich sehen, dass hier nicht arme
Leute wohnten. Mark zeigte auf eine Polstergruppe aus Leder und setzte
sich. Harry nahm vor ihm Platz und zögerte einen Moment. Sollte er
Mark sagen, wer er ist?
„Mr. Niyogi, vielleicht können
Sie sich nicht mehr daran erinnern, aber wir sind uns schon einmal begegnet,
allerdings ist das sehr lange her.“
Mark musterte Harry von oben
bis unten, aber tatsächlich schien er ihn nicht mehr zu erkennen.
„Tut mir leid, ich erinnere
mich nicht an Sie.“
Harry lächelte leicht
und sammelte sich innerlich.
„Das muss Ihnen leid tun.
Ich hätte mich auch nicht an Sie erinnert, wenn ich nicht wüsste,
wer Sie sind.“
Er sah Marks immer verwirrter
werdendes Gesicht und hörte auf, Geheimnisse zu machen.
„Mein Name, den ich vor achtzehn
Jahren hatte, war Tom Penn.“
Mark hörte auf, nervös
und besorgt an seinem Hemd herum zu spielen, sondern starrte ihn völlig
regungslos an. Seine Augen weiteten sich und einen Moment lang hatte Harry
das Gefühl, als ob er gleich Erste Hilfe leisten müsste.
Mark schluckte schwer.
„Sie waren der, von dem Angela
sagte, dass Ihre Frau ein Kind bekäme und jetzt holen Sie sich den
Rat von ihr.“
Harry nickte.
„Das ist richtig. Angela wollte
ihr Kind alleine grossziehen, aber scheinbar hat sie es sich noch einmal
überlegt und wollte es mit Ihnen versuchen.“
Mark schien immer noch nicht
zu fassen, dass er den Vater seiner Tochter vor sich hatte. Er sah sich
nach Sarah um, aber sie war bereits nach oben verschwunden.
„Ich nehme an, Sarah weiss,
wer Sie sind.“
Wieder nickte Harry. Vielleicht
hätte er es nicht so direkt sagen sollen. Mark war nicht mehr der
Jüngste und durchaus in dem Alter, in dem er einen Herzinfarkt bekommen
könnte.
„Sie kam zu mir, weil Sie
mich in Verbindung mit ihrer Mutter sah. Ich habe ihr erzählt, dass
ich Angela kannte und da wollte sie mehr über sie erfahren. Ich habe
ihr erzählt, was sie wissen wollte. Den Rest hat sie sich selber zusammengereimt.“
Mark setzte sich und trank
einen Schluck aus dem Glas, das er in den Fingern drehte.
„Was wollte sie wissen?“
„Das, was in den veröffentlichten
Akten des CIA stand. Sie wollten sie ihr nicht besorgen, aber das hat sie
mir nicht gesagt. Ich wusste nicht, dass Sie es ihr nicht gesagt hatten,
denn dann hätte ich es auch nicht getan.“
Mark lächelte leicht.
„Nun ja, jetzt ist es zu spät. Wissen Sie, als Angela starb, waren
wir noch nicht einmal verheiratet gewesen. Sarah sollte in ein Pflegeheim
gesteckt werden, aber ich habe sie adoptiert. Seitdem weiss sie nur den
Namen ihrer Mutter und sonst nichts. Ich habe gewusst, dass irgendwann
einmal jemand kommen wird, der es ihr erzählt, aber ich hoffte, es
wäre noch nicht so früh.“
Harry hörte ihm stumm
zu. Er hatte seine Tochter immer kennenlernen wollen. Aber er hatte gehofft,
dass sie auch gewusst hätte, wer er war, von Anfang an.
„Wollen Sie jetzt das Sorgerecht
für Sarah beanspruchen?“ fragte Mark.
Harry schüttelte lächelnd
den Kopf.
„Nein, sicher nicht. Sie ist
schon fast volljährig. Ich bin vielleicht ihr physischer Vater, aber
Sie sind der, zu dem sie Dad sagt. Das alleine zählt.“
Es wäre ihm nie in den
Sinn gekommen, irgendwelche Ansprüche auf Sarah zu erheben. Schliesslich
war sie kein Stück Ware, das man besitzen konnte, und es konnte nicht
mehr lange dauern, dann kümmerte es sie sowieso nicht mehr, wer für
sie verantwortlich war.
Eigentlich wusste er noch
nicht einmal, ob er sich freuen sollte oder nicht. Er brachte Sarahs ganzes
Leben durcheinander, und seins auch. Er hatte sich gerade erst gefasst,
wollte endlich dieses neue Leben anfangen zu leben, das man schon vor vielen
Jahren geschenkt hatte, als das alte Leben wieder zurückkehrt.
Eine Ironie des Schicksals
könnte man sagen, oder auch nur purer Zufall.
„Mr. Penn, ich weiss wirklich
nicht, was ich sagen soll. Es ist im Moment alles ziemlich verwirrend“,
setzte Mark an, aber Harry winkte ihm ab.
„Schon in Ordnung. Ich wollte
sowieso nach Hause gehen. Am besten ist es, wir schlafen darüber und
morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus.“
Er stand wieder auf und streckte
ihm die Hand entgegen. Sie verabschiedeten sich und er fuhr nach Hause.
Während des ganzen Weges dachte er an nichts. Sein Kopf war wie leergefegt.
Er versuchte sich zu konzentrieren, um an Sarah zu denken, daran, wie es
weitergehen sollte, aber er konnte es nicht.
Darum gab er es auf und ging
ins Bett. Mehr konnte er heute nicht mehr tun.
Schweissgebadet wachte Tom
Penn auf. Er hatte gerade noch einmal alles durchlebt, seit er von Michael
Gordon und Jennifer Sheen entführt worden war bis zu dem Moment, in
dem er seine Tochter zum ersten Mal gesehen hatte. Aber es ging anders
aus. Winnetou brachte nicht Angela um, sondern Sarah. Er hielt dem kleinen
Baby einfach die Kehle zu und lachte ihn dabei an. Er grinste, sein Gesicht
war eine schreckliche Fratze, während dem Baby die Luft ausging und
es langsam aufhörte zu strampeln. Tom stand gefesselt daneben und
konnte sich nicht bewegen und seinem Kind helfen.
Es war gegen fünf Uhr
morgens, viel zu früh um aufzustehen, aber er wollte die Augen nicht
mehr schliessen, aus Angst, dieses Gesicht wiederzusehen. Tom stand auf
und machte eine Tasse Kaffee.
Er wurde sich bewusst, dass
sein Name Harry Tanaka vielleicht offiziell noch stimmte, aber in Wirklichkeit
war er wieder Tom Penn geworden, der junge Hacker und Besitzer einer grossen
Firmenkette. Er wusste, dass er weder ein Lehrer war noch sonst ein Mensch,
der gerne in Gesellschaft von Menschen war.
Seit zwei Tagen in dem Job
und schon wieder raus, dachte er sich, als er den Duschhahn aufdrehte und
sich kaltes Wasser über das Gesicht und seinen Körper prasseln
liess. Auf seiner Schulter sah man noch immer eine Narbe vom Ein - und
Austrittsloch der Kugel, die ihn getroffen hatte. Auch von der Wunde am
Rücken war eine Narbe zurückgeblieben. Er hatte zweimal wahnsinniges
Glück gehabt. Beide Male hatten die Kugeln nur knapp das Herz verfehlt.
Er hätte sterben können, statt dessen war er jetzt hier, in der
New York City, einer Stadt mit Millionen von Menschen, mit einer erwachsenen
Tochter und dem Verlangen nach Ruhe und Alleinsein.
Aber er wollte Sarah nicht
verlassen, jetzt, nachdem er sie erst gerade kennengelernt hatte. Er hatte
nicht nach ihr gesucht, aber er war nicht unglücklich über diesen
Zufall. Er würde seine Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Tom war noch nicht alt, aber
auch nicht mehr jung. Mit vierzig Jahren konnte man vielleicht sagen, dass
er noch in seinen besten Jahren war, aber er wurde ruhiger und dachte mehr
nach als früher, noch mehr. Er machte sich Gedanken über seine
Zukunft. Er würde nie heiraten und vermutlich auch keine feste Beziehung
mehr eingehen. Seine Tochter war Millionenerbin und sie wusste es nicht
einmal.
Natürlich hatte er einige
Freunde, die er in seinem Testament berücksichtigen wollte, aber der
Grossteil würde Sarah bekommen. Sie sollte sich niemals Sorgen über
Geld machen müssen. Es gab wichtigere Dinge, über die man sich
genug Sorgen machen konnten.
Die Türglocke klingelte.
Er schreckte aus seinen Gedanken
auf und stellte rasch die Dusche ab. Hatte er sich verhört? Er lauschte
angestrengt, als die Klingel erneut ertönt, diesmal drängender.
Schnell wischte er kurz mit
dem Badetuch über seinen Körper, band es um die Hüften und
eilte zur Tür. Als er öffnete, war er nicht sonderlich erstaunt,
als Sarah davor stand.
„Du bist schon wach“, sagte
sie und lächelte verlegen, als sie bemerkte, dass sie ihn gerade aus
der Dusche geholt hatte.
Tom nickte und öffnete
die Tür ganz, damit sie hereinkommen konnte. Sie fühlte sich
unwohl, hielt ihre Tasche fest in der Hand und wusste nicht, wohin sie
blicken sollte.
Er bedeutete ihr, sich doch
schon einmal hinzusetzen und sich aus dem Kühlschrank zu bedienen,
während sich anzog. Hastig stieg er in die Jeans und streifte ein
T-Shirt über.
Sarah sass mit steifen Rücken
am Küchentisch, hatte eine Kaffeetasse in der Hand, ohne jedoch daraus
zu trinken. Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie ihn. Ein sanftes
Lächeln lag auf seinen Lippen.
Sie war wunderschön.
Die braunen, fast schwarzen Haare lagen in leichten Wellen auf ihren Schultern
und betonten die geschwungenen Lippen. Die Augen blickten wachsam, obwohl
sie jetzt gerötet waren unter den Wimpern hervor.
Er sah nur ihre Schönheit,
die Makel nicht. Sie war seine Tochter und somit das schönste Mädchen
der ganzen Welt.
„Tut mir leid, dass ich so
früh einfach hier reinplatze“, setzte sie an, aber er winkte ihr ab.
„Ich war sowieso schon wach.
Und ausserdem ... bist du meine Tochter, Sarah.“
Sie lächelte. „Ich weiss,
aber ... Es ist so verwirrend. Ich meine, erst gestern habe ich noch Mr.
Tanaka zu dir gesagt und jetzt bist du auf einmal Dad.“
Sie seufzte und blickte ihn
an. Sie hatte wohl die ganze Nacht kein Auge zugetan. Tom hätte es
auch besser so gemacht.
„Mark schläft noch und
ich wusste einfach nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte,
darum bin ich einfach weggeschlichen“, sagte sie und fügte schnell
hinzu: „Ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen.“
Das wollte Tom auch schwer
hoffen. Er wollte nicht, dass Mark ihm vorwarf, ihm sein Kind wegzunehmen.
Mark war nach wie vor Sarahs Vater, und diesen Platz konnte Tom ihm nicht
streitig machen. Das wäre nicht fair. Ausserdem wusste er gar nicht,
ob er es wollte.
Vater sein? Das ist eine verantwortungsvolle
Aufgabe, in die man hineinwachsen musste. Mark hat das gemacht und hervorragende
Arbeit geleistet. Jetzt konnte Tom nicht einfach so kommen und sagen: Ab
jetzt übernehme ich. Man konnte nicht von einem Tag auf den anderen
Vater werden.
„Wollen wir frühstücken
gehen?“ fragte er nach einer Weile.
Sarah nickte schweigend und
zusammen gingen sie in das 24-Stunden-Restaurant, das gleich an der nächsten
Ecke stand. Sie bekamen Kaffee und bestellten sich etwas zum Frühstück,
obwohl weder Sarah noch Tom besonderen Hunger hatten.
„Sarah, ich weiss, dass das
ziemlich verwirrend für dich sein muss, aber ich möchte, dass
du weisst, dass ich niemals verlangen werde, dass du dich für Mark
oder mich entscheiden musst. Mark hat dich grossgezogen, er hat sein Leben
als CIA-Agent für dich aufgegeben und es dir gewidmet. Ich könnte
ihm niemals das Wasser reichen.“
Dieses Geständnis war
auch für Tom sehr erstaunlich. Es war einfach so rausgekommen.
„Ich möchte nur, dass
du weisst, dass ich da sein werde, wenn du mich brauchst, wenn du möchtest,
dass ich bei dir bin. Aber ich würde auch verstehen, wenn du nichts
mit mir zu tun haben willst.“
Sarah warf ihm einen verwirrten
Blick zu. „Warum sollte ich nichts mit dir zu tun haben wollen?“
Tom zuckte mit den Schultern.
„Weil ich mich nicht um dich gekümmert habe, weil ich dich nicht gesucht
habe, vielleicht sogar weil ich nicht versucht habe, deine Mutter zu retten
... Ich weiss nicht ...“
Da spürte er, wie auf
einmal das Eis brach, das zwischen ihnen war. Sie schenkte ihm das liebevollste
Lächeln, das er jemals gesehen hatte und antworte: „Bestimmt nicht.
Ich würde sehr gerne mein zukünftiges Leben mit dir teilen.“
Dieses Bekenntnis zwang ihm
fast die Tränen in die Augen. Sie kannten sich nicht, aber sie liebten
einander, einfach weil sie Vater und Tochter waren. Allein die Blutsverwandtschaft
reichte aus, um sie zu binden.
Bei seinem Vater hatte es
nicht gereicht und bei seiner Mutter hatte er keine Chance gehabt es zu
versuchen.
Sie ergriff seine Hand und
drückte sie kurz zu. Dann lachte sie erleichtert.
„Wenn uns einer der Lehrpersonen
hier sieht, verlierst du deinen Job.“
Ob wegen einer Affäre
mit einer Schülerin oder weil er nicht gemeldet hatte, dass er seine
Tochter unterrichte, spielte keine Rolle.
Er lachte mit und ihr Appetit
kehrte zurück.