Die Entführung - Teil 3
by Tia



"Wissen Sie, warum ihn den Besuch von ... Angela Benett so aufgeregt hat?" fragte Kelly Taylor Harry Mitchell, als er am Abend des selben Tages noch einmal bei Tom vorbei schauen wollte.
"Nun, ich .. äh .. bin mir nicht sicher."
Er bemerkte, dass sie sein Zögern nervte und antwortete: "Wir hatten einen Auftrag von ihr bekommen, den Tom machen sollte. Sie lud ihn gestern abend zu sich ein, zu einem Nachtessen. Heute morgen sagte er mir, dass er ihren Auftrag ablehnt. Er hat so etwas noch nie getan, und ich denke, es muss etwas wichtiges vorgefallen sein, dass er den Auftrag ablehnt. Ich vermute, sie sind sich beim Essen nicht gerade näher gekommen."
Dr. Taylor nickte und meinte: "Sie meinen, es wäre besser für Mr. Penn, wenn sich Angela Benett ihm auch in nächster Zeit nicht näher kommt."
Mitchell seufzte. "Es fällt mir schwer zu sagen, dass ich einen meiner Kunden lieber nicht hätte. Schliesslich ist sie Schuld, dass er fast gestorben wäre."
"Das ist nicht gesagt. Vielleicht hätte er sowieso ein Herzversagen gehabt und es war zu seinem Wohl, dass sie gerade da war."
Mitchell schüttelte den Kopf. "Nein, Tom hat nicht ohne Grund einfach einen Herzstillstand. Aber warum versuchen Sie nicht, dass herauszufinden? Schliesslich sind Sie für die Sicherheit ihres Patienten verantwortlich."
Taylor zögerte, als sie merkte, dass Mitchell vollkommen überzeugt war, dass Angela Benett Schuld am Versagen Toms Herzens war. Vielleicht hatte er ja sogar recht. Es konnte doch immerhin sein. Es war eine Möglichkeit, die in Betracht gezogen werden musste.
"Okay, ich frage sie, wenn sie das nächste Mal kommt. Sind Sie in ihrem Büro erreichbar? Vielleicht brauche ich bei ein paar Besuchern ihre Hilfe, damit so etwas nicht wieder passiert."
Mitchell hob die Hände zum Zeichen dafür, dass er zu ihrer Verfügung stand.
"Ich schreibe Ihnen auch noch meine Nummer von zu Hause auf. Sollte ich weder dort noch im Büro sein, dann weiss meine Frau sicher, wo ich bin."
Taylor nickte dankend und nahm den Zettel entgegen, auf dem die Nummer stand. Sie stand auf, nahm ihren Block und begleitete Mitchell zur Tür.
"Ich melde mich bei Ihnen, sobald eine Veränderung eintrifft."
Mitchell schüttelte ihr zum Abschied die Hand und ging. Taylor sah ihm einen Augenblick nach. Ihr war nicht klar, warum diese Angela Tom besuchen kam, wenn sie sich am letzten Abend nicht verstanden hatten. Vielleicht wollten sie sich für ihr Benehmen entschuldigen. Oder sie hatten sich gar nicht verkracht, sondern im Gegenteil, sie verstanden sich so gut, dass Tom den Auftrag nicht mehr ausführen wollte, weil er fürchtete, er könne eine dunkle Seite von Angela finden, die ihm nicht gefallen würde, die er gar nicht sehen wollte oder weil er wusste, dass er sich, wenn er an einem Auftrag für Angela war, sich nicht auf die Arbeit konzentrieren konnte, sondern nur an sie denken konnte.
"Dr. Taylor! Warten Sie!"
Sie drehte sich erstaunt um und erkannte Hudson, wie er hinter ihr her rannte.
"Was haben Sie denn? Sie sehen so aus, als seien Sie gerade Vater geworden, oder so etwas."
Er schüttelte lachend den Kopf.
"Nein, nicht ganz. Ich habe nur gerade die Werte von Mr. Penn ausgerechnet. Ich glaube, er hat's geschafft. Er stabilisiert sich deutlich."
Erstaunt betrachtete sie die Werte und lächelte dann auch.
"Sehr gut. Gratuliere Ihnen, Kollege!"
"Ich gratuliere Ihnen, Doktor."
"Aber ich will trotzdem noch, dass stets jemand bei ihm ist. Wir wissen ja trotzdem nicht, ob er noch einen Rückfall hat."
Hudson nickte. "Ich werde jetzt noch einmal nach ihm sehen und dann gehe ich ..."
"Nein, lassen Sie nur", winkte Taylor grosszügig ab, "Ich mache das schon. Ich weiss doch, dass Sie heute unbedingt früh nach Hause wollen."
Hudson lächelte leicht verwirrt und dankte ihr. Sie lächelte nur, zum Zeichen, dass sie es gerne machte.
Hudson hatte heute seinen ersten Hochzeitstag und wollte unbedingt vor seiner Frau zu Hause sein, weil er eine Überraschung für sie vorbereiten wollte.
Taylor sah ihm nachdenklich nach. Sie hatte keinen Mann, auch keinen festen Freund. Der letzte, den sie wirklich geliebt hatte, was abgehauen, als sie schwanger wurde. Sie wollte das Kind auf keinen Fall abtreiben, aber es starb bei einer Frühgeburt. Die Ärzte taten zwar alles, aber es lebte nur wenige Stunden. Seit dem hielt sie sich von Männern fern, aus Angst, alle wären so wie Jack, und liessen sie bei einem grösseren Problem einfach sitzen.
Sie schüttelte den Kopf, um die Gedanken abzuwerfen und machte sie auf den Weg zu Tom.
 

"Ah, Dr. Taylor, ich wollte gerade zu Ihnen kommen", sagte Foster, als er sie sah.
Er war mit einen Kollegen gekommen, der Taylor jetzt genauso mustert wie er es am Anfang getan hat.
"Das ist mein Kollege, Agent Robert Walker."
Sie gab ihm die Hand und lächelte.
"Es kommt ziemlich selten vor, dass ich gleich vor zwei Männern der CIA stehe."
Walkers Gesicht zeigte so etwas wie ein Lachen, aber er lächelte eigentlich nicht. Er war, wie Tom einmal dachte, ein Agent, der sich nicht erlauben konnte, mit den Gedanken abzuschweifen.
"Wir waren uns einig, dass Mr. Penn zu ermorden versucht wurde, und die Täter, die wir vermuten, werden es wahrscheinlich wieder versuchen. Walker soll deshalb hier aufpassen. Wir hoffen, dass Sie das nicht allzu sehr stört, aber wir brauchen Mr. Penn' Zeugenaussage."
Taylor hob die Arme.
"Ich kann ja kaum sagen, dass ich das nicht will."
"Sagen können Sie es schon, aber es würde nichts ändern."
Sie nickte lächelnd. "Da haben Sie recht. Aber ich möchte, dass Sie", sie wandte sich an Walker, "sich irgendwo aufhalten, wo Sie weder uns noch Mr. Penn stören."
Walker nickte. "Selbstverständlich. Mir liegt sein Leben genauso am Herzen wie Ihnen."
"Gut. Wollten Sie sonst noch etwas? Sonst würde ich Sie jetzt nämlich raus werfen, da er seine Ruhe braucht."
"Natürlich. Kommen Sie, Walker, Sie können draussen aufpassen, dass niemand hinein geht."
Die beiden Agenten verliessen das Zimmer und Taylor konnte sie ungestört Tom zuwenden. Sie besah sich die Anzeigetafeln und seufzte leise, zwar nicht, weil die Angaben sich verschlechtert hatten, im Gegenteil, aber weil sie sich um das Leben ihres Patienten fürchtete. Sie hatte noch nie einen Patienten gehabt, der von Mördern verfolgt wurde und dem sogar hier, im Krankenhaus, Gefahr drohte. Sie hatten ihm doch bestimmt schon einen genug grossen Schreck eingejagt, so dass er vermutlich sowieso schweigen wird, warum mussten sie ihn dann noch umbringen? Nur um ganz sicher zu gehen? Die CIA hatte sowieso schon ihre Spur.
Tom stöhnte leicht und lenkte Taylor von ihren Gedanken ab.
"Es ist alles in Ordnung, Mr. Penn. Schlafen Sie ruhig weiter."
Tom hörte wieder diese süsse Stimme, die ihn so faszinierte, wie ihn Angelas abstiess. Er wollte die Augen aufmachen, um endlich das Gesicht zu sehen, aber er konnte nur das leise Murmeln dieser beruhigenden Stimme wahrnehmen.
Er wollte nicht schlafen! Er wusste nicht, wie es mit ihm stand, ob er überhaupt Chancen hatte, zu Überleben, darum wollte er unbedingt dieses Gesicht sehen. Es war vielleicht das letzte Mal, dass er überhaupt ein Gesicht sehen konnte.
Langsam öffnete er die Augen. Das Piepsen an seinem Ohr wurde durch die Anstrengung schneller und die Stimme energischer, dass er wieder schlafen sollte, aber er öffnete die Lieder, ein halber Millimeter nach dem anderen.
Zuerst war alles verschwommen, eine weisse Fläche mit ein paar Schattierungen, aber dann wurde das Bild klarer und er konnte die Umrisse des Gesichtes sehen.
"Mr. Penn, ich bitte Sie, wenn Sie sich zu fest anstrengen könnte es erneut zu einem Rückfall kommen. Riskieren Sie jetzt nicht die guten Chancen, nur weil Sie die Augen aufmachen wollen."
Gute Chancen? Er hatte gute Chancen zu Überleben? Die Lider fielen ihm wieder zu und alles tauchte in erneute Dunkelheit. Aber jetzt war es ihm egal. Er hatte gute Chancen um zu Überleben, also würde er das Gesicht richtig sehen können und auch mit der Stimme reden, wenn er wieder gesund war.
"Mein Assistent hat mir Ihre Fortschritte gegenüber heute morgen berichtet. Wenn Sie so weiter machen, könnten Sie innerhalb der nächsten Woche schon wieder entlassen werden."
Er sah fast das Lächeln, dass die Lippen umspielte. Aber warum 'mein Assistent'? War diese Stimme etwa sein Arzt? Seine Ärztin? Der andere Arzt, der sich dauernd um ihn kümmerte, war doch sein Arzt. Sie meinte doch ihn mit Assistent. Sie konnte ja keinen anderen meinen, schliesslich war nur er sonst die ganze Zeit bei ihm gewesen. Es konnte nur er sein. Also hatte er eine Ärztin, in deren Stimme er sich verliebt hatte.
 

Eine Woche später sah alles viel anders aus. Angela Benett durfte Tom nicht besuchen, genauso wenig wie Angestellte der Firma, mit denen Tom ab und zu geredet hatte oder die Kunden der Firma. Die Schusswunde an der Schulter war so gut wie verheilt, jedenfalls äusserlich. Die am Rücken hatte sich ebenfalls gut geschlossen, war aber noch nicht ganz verheilt. Tom erlangte immer mehr und länger das Bewusstsein und sah auch alles wieder klar. Aber seine Ärztin, zu diesem Schluss war er inzwischen gekommen und war sich sicher, dass die Stimme wirklich seiner Ärztin gehörte, hatte er noch immer nicht gesehen. Sie kam immer dann, wenn er schlief. Dafür kannte er inzwischen Oliver Hudson, von dem er meinte, er sei sein Arzt. Er hatte sich schon ein paar Mal mit ihm unterhalten, und erfahren, dass er eine Frau hatte, die jetzt im sechsten Monat schwanger war und sie ihr erstes Kind erwarteten. Er freute sich für Olivers Glück, wurde sich aber gleichzeitig an sein Kind erinnert, dass vielleicht in neun Monaten geboren wurde. Inzwischen musste sie es wohl wissen, aber er wollte und konnte nicht mit ihr reden, da sie gar nicht zu ihm durfte. Foster hatte ihn auch ein paar Mal besucht und ihm Fragen gestellt über die Täter, obwohl er, wie schon er sagte, schon vermutet hatte, dass Jennifer Sheen und Michael Gordon es waren. Gleich nach Toms Einlieferung ins Spital hatte er die Stadt absperren lassen und liess jetzt jedes Auto, dass sie verlassen wollte, durchsuchen. Er wusste, dass sie noch da waren, sie konnte noch nicht verschwunden sein, und er wollte sie fassen, nicht nur, weil das sein Job war, sondern auch, damit unschuldige Leute endlich ihre Ruhe haben konnten.
Tom sah aus dem grossen Fester und sehnte sich danach, es aufzumachen, und frische Luft hereinzulassen, aber er konnte nicht aufstehen und Oliver würde es ihm auch nicht erlauben, weil er der Meinung war, dass es nicht gut war, wenn die kalte Luft hinein kam. Tom konnte sich nicht durchsetzen. Oliver machte demnächst seinen Doktortitel und musste daher wissen, was gut war und was nicht.
Er wartete darauf, das ihm der Chef einen der Computer brachte, die er ihm einmal zur Verfügung gestellte hatte. Zuerst hatte sich Oliver zwar gegen diese Idee gestellt, aber schliesslich musste er einsehen, dass es doch recht langweilig war, den ganzen Tag nur im Bett herumzuliegen und gab seine Einwilligung.
Die Tür ging unerwartet auf und Tom drehte den Kopf.
"Ah, Sie sind wach. Das erste Mal, seit Sie hier sind. Guten Tag, ich bin Ihre Ärztin, Doktor Kelly Taylor."
Sie gab ihm die Hand. Tom starrte sie verblüfft an. Die Frau, deren Stimme er liebte. Er sah sie zum ersten Mal in seinem Leben, aber er hatte das Gefühl, als ob er sie schon tausend Jahre lang kannte. Er wäre nicht sonderlich überrascht gewesen, wenn die Ärztin eine Durchschnittsbürgerin mit ein wenig Übergewicht gewesen wäre, dass die, die er jetzt vor sich hatte, war alles andere als eine Durchschnittsbürgerin. Sie war nicht nur unglaublich hübsch, sondern hatte auch noch eine Superfigur und wunderschöne lange Beine.
"Freut mich ... freut mich Sie kennenzulernen", stotterte er dann schliesslich und erwiderte den Händedruck.
Sie lächelte ihn an und sagte: "Sie haben, seit Sie hier eingeliefert wurden, erstaunliche Fortschritte gemacht. Als ich Sie im OP so sah, dachte ich, dass Sie noch mindestens einen Monat hierbleiben werden."
"Und das werde ich nicht?"
"Nein, vermutlich können wir Sie schon in ein paar Tagen entlassen, wenn Sie noch zu einer regelmässigen Behandlung kommen."
Er erinnerte sich plötzlich daran, dass sie schon einmal so etwas gesagt hatte.
"Sie haben das schon einmal gesagt. Sie sagten, dass Sie mich innerhalb der nächsten Woche entlassen könnten, wenn ich weiter so Fortschritte mache."
Sie lächelte erstaunt und hob die Brauen.
"Ich dachte da, Sie schliefen und haben einen Alptraum, weil Sie sich sosehr aufregten."
Er schüttelte den Kopf und sah wieder zum Fenster hinaus.
"Nein, ich hatte keinen Alptraum. Ich wollte die Augen aufmachen."
"Die Augen aufmachen? Warum denn?"
Sein Blick verfing sich automatisch wieder in ihrem, und im ersten Augenblick zweifelte er daran, ob er es ihr wirklich sagen sollte. Schliesslich war sie seine Ärztin und musste sich um seinen Körper kümmern, nicht um seinen Geist und seine Seele.
"Ich wollte Sie ansehen. Ich hatte Ihre Stimme schon so viele Male gehört, dass ich jetzt endlich auch Ihr Gesicht sehen wollte."
Einen Augenblick sah sie in nur leicht verwirrt an, bis sie meinte: "Na, dann haben Sie es jetzt gesehen."
"Und es ist schöner als ich es mir vorgestellt habe."
Ein Anflug Röte schoss über ihr Gesicht und sie sah verlegen auf den Boden.
"Vielen Dank. Es freut mich, dass Sie das finden."
"Warum? Hat jemand mal gesagt, er finde es nicht?"
Die Röte verflog wieder und sie setzte erneut ihr Lächeln auf.
"Nein, das nicht, aber es ist lange her, seit es jemand ernst gemeint hat."
Jetzt runzelte Tom erstaunt die Stirn. Wie konnte man das nicht ernst meinen, bei einer solchen Frau? Hatten etwa alle das nur gesagt, weil sie mit ihr ins Bett wollten, weil sie hübsch war? Hatten sie etwa nur auf das Äussere geachtet, und nicht die Stimme gehört oder ein bisschen Einblick in ihren Charakter gehabt? Natürlich war Tom auch von ihrer Schönheit überwältigt, aber er würde nicht wegen dem gleich mit ihr schlafen. Vielleicht aber wegen der Stimme.
"Ich habe Mr. Mitchell vorher im Gang getroffen. Er unterhält sich noch mit Mr. Hudson, aber ich denke, er kommt gleich."
"Hat er einen Computer dabei?"
"Ich weiss nicht. Sollte er das?"
Tom nickte. "Ja, er hat mir versprochen, dass er mir einen mitbringt."
"Für was brauchen Sie einen Computer?"
Ein breites Lächeln ging über seine Lippen, als er antwortete: "Computers sind mein Leben. Und da ich hier sowieso nichts anderes machen kann als herumzusitzen, dachte ich, ich könnte auch genauso gut auf einem Computer herum tippen."
"Wer hat das genehmigt?"
"Oliver .. ich meine, Mr. Hudson."
Sie machte den Mund auf, als wolle sie 'Aha' sagen, aber sie sagte es nicht.
"Okay, aber wenn Sie auch nur die geringste Erschöpfung spüren, hören Sie sofort auf. Ich will nicht noch einmal einen solchen Schock bekommen."
"Noch einmal?" fragte er.
"Nach der Operation hatten Sie einen unerwarteten Herzstillstand. Wir mussten dreimal mit einem Stromschocker ansetzen, bis Sie wieder zurückkamen."
Das war es also gewesen. Als er zu diesem Platz wollte, zu diesem warmen, lockenden Platz. Das war der Tod gewesen. Wenn er dorthin gegangen wäre, wäre er gestorben. Erst jetzt realisierte Tom, wie nah der dem Tod gewesen war.
"Ich spürte nur den ersten dieser Stromschocker", sagte er nachdenklich.
Warum war er eigentlich zurückgekommen? Wegen diesen Schockstössen oder weil er unbedingt das Gesicht sehen wollte?
"Das überrascht mich. Warum sind Sie dann zurückgekommen?" fragte sie, jetzt wirklich sehr überrascht.
"Ich weiss nicht. Sie sind der Arzt."
"Ich bin die Ärztin. Waren Sie, aus Ihrer Sicht, wach?"
"Ja, ich glaube schon. Warum?"
"Nun, ich hatte noch keinen Patienten, der so nah am Tod war wie Sie, aber von ein paar Kollegen habe ich erfahren, dass die Patienten behaupteten, sie wären nur noch nicht tot, weil sie nicht tot sein wollten. Weil sie von selber zurückgekommen wären. Sie erzählten von einem Platz irgend wo weit weg, der sie lockte, weil er so angenehm und warm war."
"Das haben sie erzählt?" fragte er ein bisschen misstrauisch und verwirrt.
Es war genauso wie bei ihm. Vermutlich wäre er gestorben, wenn er nicht unbedingt das Gesicht sehen wollte, das zu dieses Stimme gehörte. Die Schocker hatten gar nichts bewirkt, höchstens, dass er sich noch mehr aus seinem Körper zurückzog.
"Ich hatte auch das Gefühl, dass ich von einem warmen Ort angezogen wurde."
"Und glauben Sie, dass Sie nur noch leben, weil Sie leben wollten?"
Er zögerte. Vielleicht waren die Stromschocker doch hilfreich gewesen. Vielleicht halfen sie ja trotzdem, dass er zurückkam. Aber er konnte es nicht genau sagen.
"Vielleicht darum, vielleicht auch wegen Ihrer Behandlung. Ich kann es nicht sagen."
Sie nickte. "Es ist das erste Mal für Sie, dass Sie eine solche Erfahrung machen, da ist das verständlich. Aber Sie mussten ja trotzdem zurückkommen. Wurden Sie da zu Ihrem Körper zurückgezogen?"
Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich musste mich gegen einen Strom stellen, der mich zu diesem Ort stossen wollte."
"Und warum haben Sie sich gegen diesen Strom gestellt? Sie mussten doch zu Ihrem Körper zurück wollen, wenn Sie eine solche Anstrengung auf sich nehmen."
"Ja, ich wollte zu meinem Körper zurück, aber nicht, weil ich leben wollte."
"Warum dann?"
Er zögerte und hoffte darauf, dass Mitchell jetzt dann endlich kam, damit er in eine nicht noch peinlichere Situation kam. Er war nicht der Typ, der einer Frau einfach so sagen konnte, dass sie wunderschön war oder etwas in der Art. Das vorher war nur, weil er vollkommen verblüfft war, wie sie aussah. Er hatte sich so etwas nicht vorgestellt.
"Es ist mir nicht gerade angenehm, das zu sagen, Dr. Taylor."
Sie lächelte nur und sah ihn ermutigend an.
"Ich werde Sie schon nicht umbringen."
"Ich kam zurück, weil ich mich in Ihre Stimme verliebt habe und nun Ihr Gesicht sehen wollte."
So, jetzt war es draussen. Er wagte gar nicht, in Taylors Gesicht zu sehen. Er konnte das Erstaunen und Erschrecken deutlich in der Luft spüren.
"Guten Morgen, Doktor. Was machen Sie denn um diese Zeit hier? Haben Sie nicht Mittagspause?"
Mitchell kam gerade ein paar Sekunden zu spät. Kelly sah ihn nur verwirrt an, warf einen noch verwirrteren Blick auf Tom und nickte dann schliesslich.
"Doch, habe ich eigentlich. Meine Untersuchung hat ein bisschen länger gedauert."
Sie nickte ihm zu und verliess dann ohne ein weiteres Wort den Raum. Erstaunt sah Mitchell ihr nach und ein Teil seiner guten Laune verflog.
"Was ist denn passiert?" fragte er Tom, während er den Computer auf ein kleines Tischen stellte, dass Tom eigentlich als Esstisch diente.
"Nichts", antwortete Tom mit einem Ton, der Mitchell nicht erlaubte, weiter zu fragen. Er runzelte nur die Stirn und suchte eine Steckdose.
"Hat sie gesagt, wann Sie entlassen werden Tom?"
"Ja, in ein paar Tagen, wenn ich immer zu Untersuchung gehe."
"Sehr gut. Sehen Sie mich jetzt nicht als selbstgefällig an oder so, aber unsere Kunden beweisen zwar sehr viel Geduld, aber jetzt werden sie langsam nervös."
Tom nickte lächelnd. "Vielleicht kann ich von hier aus ein paar Aufträge erledigen. Sie können mir ja die Unterlagen bringen."
Erfreut nickte er und setzte sich mit einem Stuhl neben Tom.
"Und, wie fühlen Sie sich?"
"Ganz okay. Es könnte besser sein, aber es geht."
Mitchell zögerte bevor er etwas sagen wollte.
"Ich .. ähm ... ich habe mit Miss Benett gesprochen."
Toms Miene veränderte sich nicht, nur sein Blick wurde härter und seine Hände verkrampften sich im Bettlaken.
"Und was hat sie gesagt?"
"Sie sagte, dass ich Ihnen ausrichten soll, dass sie Sie wirklich gerne besuchen gekommen wäre, aber dass das 'Schosshündchen', wie sie den Wächter draussen nennt, sie nicht rein lässt."
"Sonst nichts mehr?"
Mitchell schüttelte den Kopf. "Sie meinte nur noch, dass sie Sie einmal besuchen kommt, wenn Sie wieder gesund sind."
"Sie können ihr sagen, Harry, dass sie das gefälligst unterlassen kann. Ich will keine Besuche von ihr."
Erstaunt hob Mitchell die Brauen. Er hatte Tom noch nie so aggressiv einem anderen Menschen gegenüber gesehen und hätte auch nicht geglaubt, dass er das überhaupt konnte.
"Wollen Sie mir immer noch nicht sagen, was los ist?"
Tom sah ihn hart, aber ruhig an.
"Ist das ein Befehl?"
"Nein, ich meine nur ... Manchmal tut es gut, wenn man seine Probleme ausspricht."
Es tat Tom leid, dass er so hart zum Chef war, schliesslich konnte er eigentlich nichts dafür. Er hatte nicht ahnen können, was Angela im Sinn führte. Warum sollte er ihm dann die Schuld dafür geben und so hart mit ihm sein. Tom wusste genau, dass er für seinen Chef mehr war als nur ein Angestellter. Er sah in ihm den Sohn, den er nie hatte.
"Es tut mir leid, Chef, aber ich möchte nicht darüber reden."
Er brachte ein leichtes Lächeln zustande.
"Schon in Ordnung. Brauchen Sie sonst noch irgend etwas?"
Tom schüttelte den Kopf. "Nein, ich halte es so ganz gut aus, aber ich freue mich, wenn ich wieder zu Hause bin."
"Okay, dann gehe ich langsam wieder. Ich bin sicher, Sie können es kaum erwarten, bis ich endlich verschwinde und Sie an den Computer können."
Er gab ihm die Hand und verschwand wieder. Tom atmete erleichtert auf und beruhigte sich. Zuerst machte er einer unbekannten Frau, die seine Ärztin war, ein Liebesgeständnis und dann kam sein Chef mit der Meldung, dass Angela versucht hatte, wieder zu ihm zu kommen und dass sie ihn ganz sicher besuchen kam, wenn er wieder zu Hause war.
Wie hatte Kelly Taylor sein Geständnis aufgenommen? Würde sie ihn als Patienten abgeben? Aber warum sollte sie das eigentlich? Es war doch schön, wenn man ein Kompliment bekam. Aber sie wirkte auf ihn ziemlich entsetzt und überhaupt nicht erfreut. Vielleicht hatte sie schon erfahren mit Patienten gemacht, die ihr Komplimente machten. Oder vielleicht durfte sie gar keine Affären mit Patienten anfangen. Es könnte ihre Arbeit beeinträchtigen. Aber er wurde doch bald entlassen und bis dahin würde sie ihre Arbeit sicher noch machen können, und nachher sah sie ihn vielleicht noch einmal in der Woche.
Was denke ich denn? fragte sich Tom, als er sich bei seinen Gedanken ertappte. Er dachte schon daran, was passierte. Er wollte unterbewusst eine Affäre mit dieser Frau. Hatte er nicht genug Probleme mit Frauen? Warum wollte er auf einmal eine, die er nicht einmal kannte?
Er stellte den Computer an und starrte auf den Bildschirm. Warum hatte er immer solche Probleme? Warum immer nur er? Sein Chef lebte seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet mit seiner Traumfrau zusammen und hatte eine erwachsene Tochter, die er liebend gerne Tom andrehen würde. Warum nahm er nicht sie? Sie sah doch auch nicht schlecht auch, im Gegenteil, und ihre Figur war bezaubernd. Was hatte er gegen sie?
Er beantwortete die Frage nicht. Sie war ihm auch ziemlich egal. Er wusste, dass er sie nie lieben konnte, nicht nur, weil sie die Tochter des Chefs war. Sie hatte etwas an sich, dass er ...
Abrupt brach er seine Gedanken ab. Er hatte die Frage doch nicht beantworten wollen. Er richtete seine Gedanken zum Computer. Mit geübten Fingern öffnete er das Programm.
Was will ich eigentlich damit? fragte er sich, denn er hatte noch keinen Auftrag und keine Ahnung, was er tun sollte. Warum stellte er dann also den Computer überhaupt an?
Seufzend stellte er ihn wieder ab, schob den Tisch zurück und lehnte sich zurück. Seine Gedanken gingen zu Kelly Taylor zurück. Würde sie seine Botschaft überleben? Würde sie noch einmal so liebenswürdig sein wie vorher, als sie noch nichts wusste? Oder würde sie jetzt einfach nur noch ihre Arbeit machen, mit steinernem Gesicht und ohne ein Wort zuviel?
Tom konnte sich nicht vorstellen, dass eine solche Frau nur wegen einem Kompliment jetzt gleich ihre Liebenswürdigkeit verlor, aber tief in ihm drin spürte er eine Angst, dass das passieren könnte. Dass die erste Frau, an der er seit Jahren zum ersten Mal wirkliches Interesse zeigte, vielleicht angst vor einer Beziehung hatte, dass sie vielleicht schon verheiratet war, dass sie ihn nicht wollte.
Es gab viele Gründe für die Reaktion von ihr, aber er wusste nicht, welcher das stimmte, und konnte daher seinerseits nicht reagieren, jedenfalls nicht hundertprozentig richtig. Vielleicht sollte er sich einfach entschuldigen, wenn sie das nächste Mal und sagen, dass es ihm leid tut. Aber wie sollte er ihr dann begegnen. Schliesslich konnte er nicht gut sagen: 'Eigentlich war es nicht ernst gemeint, vergessen Sie es einfach'. Natürlich sagen könnte er es schon, aber er log nicht. Er log niemanden an, schon gar nicht eine Frau, die ihm viel bedeutete. Vielleicht seinen Feind, jemanden, den er hasste ...
"Na? Wie geht es uns heute?"
Wenn man vom Teufel spricht ... fuhr es ihm durch den Kopf, als er den Kopf in ihre Richtung wandte.
Sie stand süss lächelnd in der Tür und als sie ihren Blick sieht, kam sie herein und schloss die Tür. Ihr Kleid hatte einen viel zu weiten Ausschnitt und war viel zu kurz, dazu hatte sie viel zu hohe Schuhe, aber alles in allem musste sie für einen Unbekannten ziemlich attraktiv wirken, vielleicht gerade darum. Aber für Tom sah sie selbst im schönsten Kleid wie eine Hexe aus, wenn auch eine sehr schöne Hexe, was er nicht leugnen konnte.
"Was wollen Sie hier? Sie dürfen nicht herein. Das wissen Sie. Wo ist der Sicherheitswächter? Hat er Sie hineingelassen? Oder haben Sie ihn ausgetrickst? Verschwinden Sie lieber, bevor ich den Arzt rufe!"
Sie lässt sich nicht beeindrucken.
"Sie meinen die Ärztin. Wirklich eine starke Persönlichkeit, nicht nur vom psychischen her."
Tom warf ihr einen giftigen Blick zu. Warum konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Sie hatte doch, was sie wollte, obwohl Tom immer noch hoffte, dass es nicht funktioniert hatte. Was allerdings bedeuten würde, dass sie es vermutlich noch einmal versucht.
"Ich meine, sie hat doch eine wunderschöne Figur. Hast du ihr das schon einmal gesagt? Solltest du aber", fährt sie fort, ohne auf eine Antwort zu warten, "Man trifft nicht jeden Tag eine solche Frau, die dazu verpflichtet ist, dafür zu sorgen, dass es einem gut geht. Ausserdem bräuchtest du ein bisschen Ablenkung. Schliesslich bist du hier schon eine ganze Woche und wirst auch noch eine Weile bleiben, bis deine Wunde verheilt ist, oder?"
Tom antwortet nicht. Sollte er auf den Knopf drücken, damit Dr. Taylor kam? Oder sollte er versuchen, sie selbst wieder hinaus zu 'transportieren'? Aber warum sollte er das tun und sie schützen? Man soll nur erfahren, wer ihn dauernd belästigte, auch wenn es die Tochter des einflussreichsten Bürger der Stadt war. Vielleicht wollte er ja gar nicht sie schützen, sondern ... sein Kind.
"Sind Sie hergekommen, um das zu sagen?"
Sie lächelt immer noch ihr zuckersüsses Lächeln.
"Aber nein, sicher nicht. Ich bin gekommen, um dich zu sehen, mein Süsser."
Sie strich ihm mit den Fingern übers Gesicht. Er packte ihr Handgelenk und stiess sie weg. Auch das beeindruckte sie nicht.
"Nennen Sie mich nie mehr 'mein Süsser'. Sie haben doch gesagt, dass Sie in mir nur Mittel zum Zweck sehen. Sie haben das Mittel gehabt. Warum wollen Sie es jetzt noch?"
"Du weisst doch, dass ich eine Schwäche für Asiaten habe. Vor allem für Japaner. Und da du ein Japaner bist und dazu noch Vater meines Kindes habe ich gedacht -"
"Vater Ihres Kindes?"
Sie nickte.
"Natürlich. Unterdessen ist eine Woche vergangen und die Ärzte haben bestätigt, dass ich schwanger bin. Zweifel sind ausgeschlossen."
Tom versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Warum sollte ihn das aufregen? Schliesslich würde er sein Kind kaum kennenlernen. Er würde sich nicht darum kümmern, so als ob es nicht da wäre.
Und gerade das störte ihn wahrscheinlich. Er war Japaner und kannte die Traditionen. Nie wäre es ehrenhaft, sein Kind einfach der Mutter zu überlassen, auch wenn sie es so wünscht. Ein Kind braucht Mutter und Vater, auch wenn sich die beiden nicht verstehen.
Am besten würde er entweder sein Gewissen vergessen oder die Traditionen. Das wäre am einfachsten. Wenn es einfach wäre, etwas zu vergessen, das einem dauernd wieder unter die Nase gerieben wird.
"Weisst du, Tom, ich habe mir überlegt, ob ich dem Baby nicht doch von dir erzählen sollte. Wer du bist und so. Schliesslich wird es sowieso irgend wann einmal Fragen stellen, und wenn ich es ihm schon von Anfang sage, wird es nicht mehr fragen. Das wäre doch die beste Entscheidung, meinst du nicht auch Tom?"
Er antwortete nicht. Er wusste nicht, wie er antworten sollte. Etwa mit Ja und somit einer Meinung mit Angela sein und auch sein Kind glauben lassen, sein Vater hätte wäre ein Feigling und könne sich nicht einmal um sein Kind kümmern, oder mit nein, und dann warten, bis es Fragen stellt und Angela ihm antworten würde?
"Ich habe gedacht, es wäre Ihr Kind, das sie alleine aufziehen würden? Ohne ihm zu sagen, wer sein Vater ist? Wollten Sie das nicht tun? Haben Sie mich nicht so beruhigt, damit ich williger werde und es als Spass ansehe? Damit ich es einfach vergesse?"
"Ach Tom, sieh es doch als Spass an. Du wirst nie etwas von deinem Kind hören, auch wenn es weiss, wer du bist. Du trägst überhaupt keine Verantwortung, glaub' mir. Lass dir noch die ganzen schönen Erinnerungen von diesem Gedanken verderben."
'Schönen Erinnerungen'. Meinte sie das ernst? Wahrscheinlich schon und wahrscheinlich hatte sie auch recht. Es war der beste Sex gewesen, den Tom jemals gehabt hatte.
"Du solltest am besten ein bisschen ausspannen und vergessen. Du wirst sehen, danach geht es dir viel besser."
"Wie kann ich ausspannen, wenn dauernd die Frau neben mir sitzt, die mich an alles erinnert?"
Sie setzt einen tadelnden Gesichtsausdruck auf.
"Ich bin die Frau, mit der du den besten Sex seit Jahren, wenn nicht überhaupt gemacht hast. Daran solltest du jetzt denken und dich entspannen."
"Wenn ich daran denke, dann verspanne ich mich nur noch mehr."
"Oh, du denkst daran? Eigentlich hätte ich erwartet, dass du es verdrängst, um es in deinem Unterbewusstsein verschwinden zu lassen."
"Ich entspreche eben doch nicht ganz Ihren Erwartungen. Am besten, Sie gehen jetzt gleich zum Arzt, treiben das Kind ab und suchen sich den perfekten Vater."
Sie lächelte wieder.
"Den habe ich bereits gefunden."
Sie beugt sich vor und drückt Tom einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen, bevor dieser sich wehren kann,
Genau in diesem Moment kommt Dr. Taylor herein und blieb erschrocken in ihren Bewegungen stehen, als sie die Szene sah. Für sie muss es aussehen, als seien die beiden leidenschaftlich verliebt und können sich kaum noch voneinander lösen.
Angela bemerkt die Ärztin und lächelt ihr zu.
"Geben Sie gut auf ihn acht, Doktor."
Sie drückt sich an ihr vorbei hinaus, aber nicht ohne Tom vorher noch einmal ein verführerisches Lächeln zu geworfen zu haben.
Kelly räuspert sich und kommt langsam näher.
"Habe ich Sie gerade bei etwas wichtigen unterbrochen?"
Tom schüttelt energisch den Kopf.
"Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin froh, dass Sie gekommen sind."
"Warum?" fragt sie weiter und Tom bemerkt in ihrer Stimme die verletzten Gefühle.
Er hatte ihr fast gesagt, dass er sie liebte. Und da sah sie ihn wie er mit einer anderen Frau herum machte. Das hatte er nicht gewollt. Aber es würde schwer werden, das zu erklären, ohne alles zu erzählen.
"Das ... ist schwierig zu erklären."
"Ich habe Zeit", lautete die einfache Antwort.
Tom seufzte.
"Ich ... äh ... möchte nicht die ganze Geschichte erzählen, aber glauben Sie mir: Ich habe das nicht gewollt. Angela hat sich auf einmal -"
"Angela?"
"Ja, Angela Benett. Eigentlich hätte sie gar -"
"Ich weiss, wer sie ist. Sie ist eine Patientin von mir. Ich habe mich mehr darüber gewundert, dass Sie sie Angela nennen. Natürlich geht es mich nichts an, aber ich habe gedacht -"
"Sie haben gedacht, nachdem ich Ihnen fast eine Liebeserklärung gemacht habe, könnte ich Ihnen das jetzt erklären."
Diesmal bildeten sich keine roten Flecken auf ihrer Wange und auch sonst zeigte sich in ihrem Gesicht keine Reaktion.
"Ungefähr so habe ich das gedacht, ja."
Tom schüttelte leicht den Kopf.
"Eigentlich haben Sie recht. Ich meine, es ist wirklich nicht richtig zu sagen 'Ich liebe dich' und dann mit einer anderen herum zu machen, aber bitte glauben Sie mir, ich hasse diese Frau. Wegen ihr habe ich mich damals vor einer Woche so aufgeregt und wäre fast gestorben. Ich habe gedacht, sie macht es wieder und wollte irgend etwas tun, aber -"
"'Sie macht es wieder'? Was sollte sie wieder machen?"
Jetzt ist es passiert, fuhr es ihm durch den Kopf, jetzt habe ich mich verplappert. Verdammt! Er versuchte, eine Ausrede zu finden, fand aber keine glaubwürdige.
"Das wäre eben die Erklärung, die Sie eigentlich kriegen sollten."
"Aber?" hackte sie nach.
Tom bewegte den Kopf hin und her, als müsse er abwägen, ob er jetzt antworten soll oder nicht.
"Aber, wie gesagt, es ist nicht ganz einfach und auch nicht ganz unpersönlich."
"Das kann ich mir vorstellen. So wie sie Sie geküsst hat. Eigentlich sah das überhaupt nicht unpersönlich aus, eher im Gegenteil. Sah ganz nach einer heissen Affäre aus."
Sie wollte sich umdrehen und wieder hinaus gehen, als Tom fasste sie am Handgelenk.
"Sie verstehen das falsch. Es ist ganz und gar nicht eine heisse Affäre."
"Was dann?"
Als Tom zögerte, befreite sie sich und sagte: "Ich weiss. Das wäre die Erklärung, die ich eigentlich bekommen sollte."
Sie drehte sich um und ging hinaus, bevor Tom etwas sagen konnte.
Verdammt! Jetzt denkt sie sicher, ich sei einer dieser Macho - Typen.
Er ballte die Hände zu Fäusten und verfluchte mit Angela mit allen Wörtern, die etwas in der Richtung aussagten. Warum musste sie ihn auch ausgerechnet dann küssen, wenn die einzige Frau, die ihn seit langem interessierte, hereinkam? Angela hatte wirklich ein wundervolles Gefühl fürs richtige Timing.
Er sog die Luft ein. Jetzt konnte er nichts mehr ändern. Wenn er wollte, dass Dr. Taylor ihn verstand, würde er ihr alles erklären müssen. Er sollte sie am besten gleich vergessen und sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren.
Er zog den Tisch mit dem Computer wieder vor und stellte ihn an. Sofort erschien sein Logo und zeigte ihm Bereitschaft an.
"Wollten Sie gerade unsere Akten löschen?"
Seine Hände erstarrten, als sie gerade einen Befehl eintippen wollten. Seine beiden Schusswunden begannen zu schmerzen und er konnte nur mit Mühe einen Hustenanfall verhindern, der ihm noch mehr Schmerzen zugefügt hätte.
Jennifer Sheen setzte sich neben ihn auf die Bettkante, die Waffe halb unter ihrer Jacke verborgen. Michael - Winnetou - stellte sich vor sein Bett und musterte ihn mit Hass gefüllten Augen.
"Sie haben uns ganz schön überrumpelt", gab sie zu.
Tom konnte endlich die Hände von der Tastatur wegnehmen und Jennifer ansehen. Sie hatte ihre Haare unter einer Baseballmütze verborgen und sah jetzt eigentlich ziemlich anders aus. Winnetou hatte ebenfalls eine Kappe tief ins Gesicht  gezogen.
"Warum sind Sie hier? Wo ist der Sicherheitswächter? Was haben Sie mit ihm gemacht?"
"Eigentlich sind wir es hier, die die Fragen stellen."
Jennifer wollte ihm also nicht antworten. Na gut, es hätte Tom auch nicht viel gebracht. Sie stand auf und ging zu seinem Schrank, in dem seine Kleider hingen.
"Ziehen Sie sich an. Wir machen eine kleine Reise."
Sie warf die Kleider auf sein Bett. Tom sah sie ungläubig an.
"Sie wollen mich mitnehmen? Entführen? Aus dem Krankenhaus?"
Sie zuckte mit den Schultern.
"Wir bringen Sie nur an einen sicheren Ort, dort löschen Sie unsere Akten, besorgen uns Geld und dann überlegen wir uns, was wir mit Ihnen machen sollen."
Tom schüttelte grinsend den Kopf.
"Das machen Sie nicht."
Winnetou setzte ein falsches Lächeln auf und fragte: "Und warum nicht?"
Tom unterdrückte den Instinkt, die Faust in Winnetous Gesicht zu schlagen und antwortete: "Erstens, wenn ich aufstehe, bricht womöglich die Wunde wieder auf, zweitens, wenn das passiert, verblute ich, und drittens, wollt ihr doch keinen Mord am Hals, oder?"
Er rechnete schon gar nicht damit, dass der Mann von der CIA vor der Tür stand. Vermutlich hatten die beiden einen Komplizen, der ihn ablenkte, solange sie hier bei ihm waren.
"Du wirst nicht sterben. Wir haben uns erkundigt. Wenn du jetzt aufstehst, wird es dir vielleicht weh tun, aber die Wunde wird nicht aufbrechen."
Tom starrte ihn an. Von wo wusste er das? Die Daten waren doch geheim. Das hatte jedenfalls Foster gesagt.
Er zerbrach sich nicht weiter den Kopf darüber, wie sie das geschafft hatten, er überlegte jetzt lieber, wie er aus dieser Situation heraus kam. Wenn er schnell genug war, konnte er vielleicht den Knopf drücken, der einen Arzt rufen würde. Aber dann würde womöglich nur einer alleine kommen und einen Streifschuss brachte niemanden um, verhinderte aber, das der Getroffene sich weiter wehren würde.
"Na los, zieh dich an", wiederholte Winnetou.
Jennifer zog sich diskret zurück und sah an die Wand, während Winnetou ihn misstrauisch musterte.
Er schlug die Decke zurück und stieg in die Hosen. Er hatte das Gefühl, als ob tausend Nadeln in seinem Rücken waren und mindestens fünfhundert in seiner Schulter. Doch er unterdrückte den Schmerz. Er konnte sich nicht leisten, von Schmerzen aufgehalten zu werden.
Vorsichtig zog er das halbe Nachthemd über den Kopf und achtete darauf, dass er seinen verletzten Arm nicht zu sehr heben musste. Langsam knöpfte er das Hemd zu.
"Eine falsche Bewegung und es würde dir leid tun", flüsterte Winnetou ihm zu und drückte ihn vorwärts.
Jennifer öffnete die Tür, sah sich unauffällig um und nickte ihnen zu. Sie ging voraus. Tom trat hinter ihr in den Gang. Er erblickte niemanden, den er kannte. Keiner, der aufmerksam werden konnte, wenn plötzlich ein Patient in normalen Kleidern in Begleitung zweier Personen war, die beide eine Hand unter der Jacke hatten.
Winnetou ging neben ihm her, während Jennifer ein bisschen voraus ging. Tom folgte ihr, ohne eine Bewegung zuviel zu machen. Er hatte keine Lust, Winnetous Hass noch mehr auf sich zu lenken. Eigentlich brauchte er ja nur die Akten zu löschen, ihnen Geld zu geben und dann war es vorbei. Er war versichert, und wenn er es nicht wäre, wäre es auch nicht so schlimm, er hatte genug Geld. Beim Löschen der Akten musste er nur darauf achten, dass er sie nicht ganz löschte. Würde Winnetou es kontrollieren, konnte er es nicht merken. Dazu war er nicht gut genug, denn wenn er es wäre, könnte er es genauso gut selber machen.
Plötzlich kam ihnen Kelly Taylor entgegen. Toms Gedanken rasten. Er musste verhindern, dass sie etwas tat, was sie und ihn verraten würde. Er sah die Verwunderung in ihrem Gesicht und schüttelte so langsam den Kopf, und sah sie beschwörend an, dass Winnetou und Jennifer es nicht merkten. Sie runzelte die Brauen, ging aber unbeirrt weiter und an ihm vorbei. Tom unterdrückte ein erleichtertes Seufzen.
Winnetou drückte ihn auf den Hintersitz eines Wagens, der auf dem Parkplatz des Krankenhauses stand und setzte sich neben ihn. Jennifer setzte sich ans Steuer und fuhr sofort los. Keiner der beiden sagte ein Wort und Tom verzichtete darauf, irgend etwas zu sagen, was die beiden vielleicht reizen würde. Er hatte genug damit zu tun, die Schmerzen seiner Wunden zu unterdrücken.
"Aussteigen!" befahl Winnetou und drückte Tom die Waffe in die Seite.
Sie waren bei einem grossen Block angekommen, der ziemlich heruntergekommen wirkte. Sie fuhren mit dem Lift ziemlich hoch hinauf und kamen in eine fast leere Wohnung. Sie enthielt nur das nötigste. Zwei Matratzen, ein paar Stühle, einen Tisch, eine Küche und irgendwo hatte es vermutlich auch noch eine Badezimmer.
Winnetou drückte Tom auf den Stuhl, vor dem auf den Tisch ein Computer stand. Nicht das allerneuste Modell, aber gut genug, um sogar in die Akten der Regierung hinein zu kommen. Jennifer drückte den Startknopf und sah ihn auffordernd an.
"Beginnen Sie!"
Tom seufzte und startete das Programm. Auch wenn der Computer nicht der neueste war, so war es doch das Programm. Keine Chance zu sagen, das Programm sei zu alt. Seine Finger tasteten über die Tastatur, suchten den richtigen Computer des CIA. Es war nicht schwierig hinein zu kommen, viel schwieriger war, die richtigen Akten zu finden und dabei nicht entdeckt zu werden.
Vielleicht sollte ich mich entdecken lassen, fuhr es ihm durch den Kopf. Auch wenn Michael vielleicht die ganze Zeit immer hinter ihm stand, so konnte er nicht kontrollieren, ob Tom jetzt so schnell machte, dass man ihn nicht entdecken konnte oder nicht.
Eine automatische Alarmglocke schrillte laut auf. Tom fuhr überrascht auf, aber Michael drückte ihn, ohne sich zu rühren, wieder auf den Stuhl zurück.
"Mach' weiter!"
"Aber das ist Feueralarm", protestierte Tom.
Winnetou zuckte mit den Schultern.
"In diesem Haus gibt es etwa viermal am Tag Feueralarm. Die Kinder haben den Schalter gefunden. Das hast du doch bei unserem Haus auch immer gemacht."
Tom sah ihn verwirrt an, seufzte leise und fuhr geschwind über die Tastatur, da er drauf und dran war, sich entdecken zu lassen, aber so, dass es sogar Michael gemerkt hätte.
Die Sirene hörte nicht auf. Sie schrillte weiter, aber Tom drängte sie aus seinem Bewusstsein und ging mit seinem Bewusstsein weit in den Computer hinein. Er versank in ihm und seine Finger fanden automatisch den Weg zu der richtigen Stelle.
Seine Konzentration war geschwächt. Er war nicht in 'Topform', wenn man das so sagen könnte. Diese verdammte Sirene störte ihn, dazu das Augenpaar, das ihm fast Löcher in den Rücken brannte.
"Etwas stimmt nicht. Pass' du auf ihn auf, ich gehe mal nachschauen."
Er nahm die Stimmen nur von weit her wahr. Fast sofort hatte er den letzten Rest Konzentration verloren und verliess die Computer der CIA.
"Was soll das?" fragte Jennifer.
Tom sah sie genervt an.
"Es geht nicht."
"Was soll das heissen; es geht nicht? Liegt es am Computer, oder an Ihnen?"
"Ich kann es nicht."
Jennifer hob drohend die Pistole.
"Natürlich können Sie es, Sie wollen es nur nicht. Aber Sie vergessen, dass ich nur eine ganz kleine Bewegung zu machen brauche, um Ihnen das Licht auszublasen."
Tom drehte sich in seinem Drehstuhl zu ihr um und sah sie fast lächelnd an.
"Na los, drücken Sie ab. Machen Sie schon. Beachten Sie einfach, dass Michael es nie schaffen würde, und kein anderer lässt sich so leicht erpressen wie ich."
Sie kniff misstrauisch die Augen zusammen.
"Ich muss Sie nicht umbringen, um Sie zu dem zu bringen, was wir von Ihnen wollen."
Jetzt lächelte Tom.
"Nein, natürlich nicht. Sie können mich auch nur anschiessen. Kein Problem. Leider kann ich dann erst recht nicht mehr arbeiten. Eine Kugel im Körper ist ziemlich störend. Da habe ich inzwischen genug Erfahrung gesammelt."
Jennifer lehnte sich in ihrem Stuhl ebenfalls zurück und grinste.
"Ich habe Zeit."
"Ich auch", antwortete Tom.
Jennifer nahm ein Paar Handschellen hervor, verlangte seine Hand und kettete ihn an eine Heizstange, die gleich neben ihm am Boden entlang ging. Ohne ein weiteres Wort ging sie hinaus.
Er hockte sich auf den Boden und zog die Knie an. Langsam begann seine Rückenwunde zu schmerzen. Er legte sich auf den Boden und versuchte, sich zu entspannen. Das war gar nicht so einfach. Seine Gedanken schwirrten um eine Fluchtmöglichkeit, aber sein Körper weigerte sich, auch nur eine Bewegung ausser dem Auf und Ab des Brustkorbs zu machen. Im Rücken stach ein ständiger Schmerz und in der Schulter schien es so, als klopfe jemand daran.
Ein unangenehmer Geruch stieg in seine Nase. Er schnupperte und erkannte den Geruch mit Entsetzen. So hatte es gerochen, als sein Computer explodierte. Alles stand in Flammen und er hatte kaum noch atmen können.
Die Erinnerungen schlugen auf ihn ein, aber Tom versuchte, kühlen Kopf zu behalten. Wenn es nun wirklich brannte, musste er versuchen, loszukommen und hinaus zu gehen. Würde er hierbleiben, würde er ersticken oder verbrennen. Beides keine sehr angenehme Möglichkeiten.
Er setzte sich auf und zerrte an seinen Fesseln. Sie knirschten auf dem Metall der Röhre, doch gingen nicht auf. Jennifer würde auch nicht so blöd sein und ihm Handschellen anlegen, die kaputt waren.
Der Geruch wurde stärker und Tom hatte auch das Gefühl, als ob es immer wärmer würde, aber er war nicht sicher, ob er sich das nicht auch nur einbildete.
Er zerrte weiter an den Handschellen, in der Hoffnung, dass vielleicht das Rohr nachgab. Es knirschte zwar und bewegte sich, aber es löste sich nicht.
Erste Panik ergriff ihn. Michael war bestimmt gegangen, um nachzuschauen, warum die Sirene solange läutete. Und Jennifer war gegangen, um nachzuschauen, warum Michael solange wegblieb. Vielleicht war längst die Feuerwehr unten und evakuierte alle Bewohner. Ausser ihn, da man vermutlich annahm, das hier niemand wohnte.
Die Panik wurde stärker. Er hatte so viele Male in seinem Leben Glück gehabt, konnte er da erwarten, dass man ihn doch noch finden würde? Im letzten Moment? Und wäre es dann nicht schon zu spät?
"Penn! Sind Sie hier? Penn!"
Er wollte aufspringen, wurde aber zurück gerissen. Die Stimme klang undeutlich und leise, aber er war sicher, dass er sie nicht nur eingebildet hatte.
"Ich bin hier! Hören Sie mich? Hier drüben."
Er hörte, wie jemand hustete und schnelle Schritte näher kamen.
"Zum Glück haben wir Sie gefunden. Kommen Sie, wir müssen uns beeilen. Unten steht schon alles in Flammen."
Foster kam in voller Einsatzausrüstung heran, zusammen mit zwei anderen Agenten, ebenfalls in voller Ausrüstung.
"Ich bin angekettet. Haben Sie einen Schlüssel?"
Sofort kramte Foster in seiner Tasche, holte einen Schlüssel hervor und band ihn los.
"Kommen Sie, wir müssen sofort hier raus."
Tom erhob sich, sackte aber wieder zusammen. Sein Rücken schmerzte so, dass es kaum auszuhalten war.
Foster schob sich unter seinen Arm und der andere unter seinen anderen und so trugen sie ihn schnell zur Treppe.
"Alles runter?"
Foster nickte und sie stolperten mehr oder weniger die Treppen hinunter. Bei jedem Schritt stach jemand mit einem grossen Messer in Toms Rücken und mit einem kleineren in seine Schulter. Und je weiter sie hinunter kamen, desto mehr Rauch hatte es. Schon bald tränten ihnen die Augen und sie begannen zu husten. Es wurde immer wärmer und sie sahen schon die ersten Flammen an Vorhängen hinauf züngeln. Das Atmen wurde immer schwerer.
"Können Sie aus dem Fenster springen?" fragte Foster, als sie vor einer Feuerwand standen.
Tom musterte das Fenster und Boden unter ihm und nickte dann.
"Ich breche mir lieber noch ein Bein, als dass ich verbrenne."
Der eine CIA-Agent sprang ohne zu zögern hinaus, wo schon viele Feuerwehrleute mit Löschen beschäftigt waren. Tom stellte sich auf den Fenstersims, schloss die Augen und sprang.
Der Aufprall kam schneller als erwartet und war weniger hart als erwartet. Er rollte sich auf die Seite, spürte aber doch einen ziemlichen Stich in seiner Schulter. Sofort kamen Männer in Notfalluniformen und halfen ihm auf. Er unterdrückte einen Schmerzensschrei, biss die Zähne aufeinander und stolperte in einen Krankenwagen.
"Sie müssen sofort in ein Krankenhaus. Kommen Sie."
Tom stöhnte auf, als die Pfleger ihn auf eine Barre legten und ihn in den Krankenwagen schoben.
Der Schmerz begann ihn zu überwältigen, als er hörte, dass Foster zu ihm hinein sprang und den Ärzten sagten, in welches Krankenhaus sie ihn bringen sollen.
Mit Blaulicht und Sirene quietschte der Wagen los.
Eine Sauerstoffmaske wurde über Toms Mund und Nase geschoben. Er sah Bewegungen durch einen Schleier und hörte Stimmen von weit her. Er drohte in der Bewusstlosigkeit zu versinken, liess es aber nicht zu. Er nutzte den Schmerz, um sich daran festzuklammern und zwang sich dazu, nicht einfach die Augen zu schliessen und der Ohnmacht nachzugeben.
Die Türen wurden wieder geöffnet und sein Rollbett wurde in hellerleuchtete Gänge geschoben. Die Stimmen wurden lauter, ein Arzt leuchtete ihm mit einer Taschenlampe in die Augen.
"Bringen Sie ihn sofort in den OP. Seine Schulter ist kaputt, vermutlich auch der Knöchel. Er hat eine schwere Rauchvergiftung. Na los, machen Sie schon!"
"Bleiben Sie ganz ruhig, Mister. Sie sind hier gut aufgehoben. Wir werden für Sie sorgen", sagte eine beruhigende Stimme.
Tom schluckte, und konnte einen Hustenfall nicht unterdrücken. Schliesslich gab er der Ohnmacht nach. Im OP bekäme er sowieso ein Schlafmittel, also konnte er ihnen doch den Gefallen tun und schon schlafen.
 

"Dr. Taylor! Kommen Sie. Penn wurde gerade eingeliefert. Er ist aus dem dritten Stock gesprungen."
Kelly sah Hudson erschrocken an, folgte ihm dann aber sofort in den OP. Sie zog die Handschuhe an und liess sich von einen Arzt, der gerade angefangen hatte, Penn zu untersuchen, erklären, was passiert war.
"Okay, bereit Sie alles für einen komplizierten Knochenbruch vor, dazu Blutverlust und Rückenverletzungen."
Die Pfleger und Schwestern machten die entsprechenden Geräte bereit und sofort begann Taylor ohne zu zögern mit der ersten Operation. Sie wusste nicht, wie lange Tom durchhalten konnte, bei soviel Blutverlust, und den Strapazen, die er sowieso schon gehabt hatte.
"Kommen Sie, Tom. Sie schaffen das schon. Sie müssen nur atmen. Na los, atmen Sie."
Toms Gesicht veränderte sich nicht. Es war nach wie vor blass, angespannt unter grossen Schmerzen und vollkommen verrusst.
Kelly konnte nur hoffen, dass er überlebte. Aber sie konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Ein Sturz aus dem dritten Stock war nicht nichts.
 

Als Tom erwachte, spürte er eine angenehme Taubheit. Er öffnete mühsam die Augen und schloss sie sofort wieder, da das Licht viel zu hell war. Er bewegte langsam die Finger und die Zehen, um zu testen, ob er überhaupt noch lebte. Der Schmerz, der durch diese winzigen Bewegungen entstand, überzeugte ihn davon.
Er öffnete noch einmal die Augen und zwang sich, sie offen zu halten, bis sie sich an das Licht gewöhnt hatten. Er fand sich in 'seinem' Zimmer wieder, in dem er die letzte Woche schon verbracht hatte.
"Tom, Sie sind wach. Gott sei dank. Ich habe schon gedacht, Sie wachen nie mehr auf."
Er hörte die vertraute Stimme von Mitchell. Sie klang erschöpft und erleichtert. Tom drehte den Kopf leicht und sah ihn an. Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht ganz.
"Bleiben Sie ruhig. Sie haben es überstanden. Jetzt muss alles nur noch heilen. Dr. Taylor meint, es wird keine Komplikationen mehr geben. In ein paar Wochen sind Sie hier draussen."
Tom bemerkte Tränensäcke unter den Augen und der Glanz, der sonst in den Augen glänzte, war erloschen.
Ein paar Wochen? So schnell hatte er nicht erwartet, wieder hinaus zu kommen. Nach einem Sturz aus dem dritten Stock musste man doch mindestens zwei oder drei Monate im Krankenhaus bleiben, um auch alle Rückschläge auszuschliessen.
"Wie lange ... bin ich ..." brachte er mühsam heraus.
„Wie lange Sie geschlafen haben? Sie lagen etwa zwei Monate im Koma."
 

Tom fiel nach diesem Schock in ein neuerliches Koma.
Mitchell schien während dieser Zeit nie von seiner Seite gewichen zu sein, den seine Augen fielen ihm fast zu und seine Wangen waren eingefallen.
Als Tom wieder aufwachte, sass Mitchell neben seinem Bett und versuchte zu lächeln.
"Ich habe schon geglaubt, ich habe zu Ihrem Tod beigetragen, Tom. Machen Sie so etwas ja nie wieder."
Tom lächelte ebenfalls ein wenig, war aber zu schwach, um etwas darauf antworten zu können. Nach dieser Zeit mit künstlicher Ernährung war das auch kein Wunder.
"Aber es ist ja noch einmal alles gut gegangen. Dr. Taylor sagt, dass Sie über dem Berg sind und sich keine Sorgen mehr zu machen brauchen."
"Der, der sich Sorgen machen würde, wären wohl Sie, Mr. Mitchell", sagte Kelly Taylor plötzlich und lächelte in Toms Sichtfeld.
Hat sie mir verziehen, fuhr es ihm durch den Sinn, hat sie mich verstanden?
Mitchell lächelte leicht, stimmte Kelly zu.
"Sie erholen sich besser jetzt zuerst ein bisschen, bevor wir Sie mit weiteren Hiobsbotschaften überschütten", sagte sie zu Tom.
"Ihre Verletzungen sind aber schon relativ gut verheilt, so dass Sie wahrscheinlich schon in ein paar Tagen wieder aufsitzen oder sogar aufstehen können."
Tom nickte leicht.
"Schlafen Sie jetzt, Tom. Morgen können wir weiter sehen."
 
 

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