Chris und Lee wussten, dass sie nur eine Chance hatten,
um den Spion zu finden. Wenn er erst einmal Verdacht geschöpft hatte,
würden sie ihn nie mehr finden, vor allem nicht mit dieser Methode,
die sie jetzt hatten. Sie setzten alles auf eine Karte, auf eine sehr schwache
Karte. Wenn der Spion wirklich so gut war wie Reggie behauptete, reagierte
er vielleicht gar nicht. Die Möglichkeit bestand.
Doch ihnen viel nichts besseres ein. Lee hatte den Vorschlag
gemacht, ihren Vater einzuweihen, doch das hatte Chris strikt abgelehnt.
Er hatte es begründet, dass sein Vater nichts tun könnte, ohne
dass es von seinem Stab genehmigt wurde. Und der Spion war vermutlich in
diesem Stab. Es hatte Lee überzeugt, doch sie wusste genau, dass es
nicht der einzige Grund war. Chris konnte seinen Vater nicht ausstehen.
Sie kannte seine Argumente nicht, aber sie wusste, dass es so war. Wenn
Chris etwas mit John zusammen machen müsste, würde er lieber
eine Woche lang nichts essen als es zu tun.
Lee regte sich darüber auf, dass Chris so einfach
Reggies Leben riskierte, nur weil er John nicht mochte. Sie beschloss,
ihn ohne Chris‘ Wissen einzuweihen. Er würde viel mehr tun können
als sie beide zusammen, weil er an Daten herankam, zu denen Chris mit seinem
Hackerprogramm keinen Zugriff bekam. Sie würde es tun, sobald sie
Gelegenheit dazu bekam.
Aber jetzt war sie damit beschäftigt, das Weisse
Haus zu erkunden und dabei gleich die Möglichkeit zu nutzen, sich
die Menschen, die hier arbeiteten, ein wenig näher anzusehen. Nur
wenige wussten, wer sie in Wirklichkeit war, doch sie vermutete, dass es
viele ahnten. Alle waren auf jeden Fall sehr höflich mit ihr. So höflich,
dass es schon fast nicht mehr schön war.
Gegen Abend war eine Pressekonferenz geplant, in der
sich der Präsident John Leard und der Schauspieler Skeet McGowan zur
Entführung und ihrer Verbindung dazu äussern wollten. Die Presse
belagerte schon seit dem diese Meldung bekannt geworden war das Weisse
Haus und liess sich auch nicht durch die Polizisten vertreiben. Sie glaubten
tatsächlich, dass jemand herauskommen würde, der ihnen mehr Informationen
lieferte. Lee freute sich jetzt schon auf ihre Gesichter, wenn sie erfuhren,
dass der Präsident in Wirklichkeit noch eine Tochter hatte. Das gab
bestimmt ein wahnsinniges Durcheinander.
Vielleicht aber würde es gar nicht so lustig werden,
wie sie glaubte. Die Presse würde über sie herfallen wie ein
Löwe über sein Opfer. Sie würden alles in ihrem und auch
in Reggies Leben aufwühlen, bis sie etwas gefunden hatten, das sie
als Schlagzeilen verwenden konnten. Das war die Schattenseite des Ruhms.
Sie verschob die Gedanken daran und sah auf die grosse
Tür vor sich. Unbewusst hatte sie das Arbeitszimmer ihres Vaters angesteuert.
Sie wollte ihn jetzt. Zögernd stiess sie die Türe auf. Die Sekretärin
sah auf und lächelte.
„Ich möchte zu President Leard. Ist er hier?“ fragte
Lee sofort und setzte dabei das freundlichste und unschuldigste Lächeln
auf, das sie zustande brachte.
Die Sekretärin nickte und zeigte zur Tür. Lee
dankte ihr, klopfte an und ging dann hinein. Ihr Vater sah erstaunt auf,
als sie eintrat. Er sass am Schreibtisch, der überfüllt war mit
Akten und Formularen, oder was es auch immer für Papiere waren. Es
interessierte Lee nicht.
„Ich muss unbedingt mit dir reden“, erklärte sie
ihm. Sie stellte sich vor den Schreibtisch und kam sich dabei ein wenig
blöd vor. Sie war seine Tochter und trotzdem stand sie dort, wo alle
anderen auch standen, als Gast, als Besucher.
John lächelte sie entschuldigend an. „Tut mir leid,
Lee, aber ich habe jetzt wirklich keine Zeit. Die Pressekonferenz heute
abend nimmt mich voll in Anspruch. Wir dürfen der Presse keinen Anstoss
zum Spekulieren geben.“
Lee hörte aus diesen Worten einen deutlichen Rausschmiss
heraus, doch sie bewegte sich nicht von der Stelle. Sie musste jetzt mit
ihm reden, damit er möglichst bald etwas unternehmen konnte. Vielleicht
hatte er ja schon einen Verdacht, dass etwas mit einem seiner Mitarbeiter
nicht stimmte.
„Es ist aber wirklich wichtig“, beharrte sie.
Er zeigte auf die Papiere, die vor ihm lagen. „Ich muss
das alles heute noch durch arbeiten. Es ist wirklich ein sehr ungünstiger
Zeitpunkt. Vielleicht habe ich später Zeit“, erwiderte er. Seine Geduld
schien nicht von sehr weit her zu kommen.
Doch Lee blieb noch immer stehen. Rasch sah sie sich
um, ob die Türe geschlossen waren. „Ich habe gestern Reggie getroffen“,
liess sie dann plötzlich verlauten.
Der Präsident hörte zuerst auf zu schreiben,
hob dann den Kopf und musterte Lee ungläubig. „Wie bitte?“ fragte
er.
„Reggie war gestern auch auf der Party von Chris“, erklärte
Lee.
John legte den Stift weg und stand auf. Er zog sie mit
zur Polstergruppe und bedeutete ihr, sich zu setzten. Auffordernd setzte
er sich neben sie. Auf einmal hatte sie seine ganze Aufmerksamkeit. Wie
viel so ein Name doch ausmachen konnte.
„Reggie wollte mit Chris sprechen, weil sie ihn um Hilfe
bitten wollte“, begann Lee, als John sie schon unterbrach. „Hilfe wovor?“
„Donnie, also Donald Marcano hat ihr das Leben gerettet.
Der eigentliche Deal der Übergabe bestand darin, das Lösegeld
zu kassieren und sie danach umzubringen. Nun, der Zufall wollte es, dass
sie sich ineinander verliebt haben. Donnie konnte nicht zulassen, dass
man sie einfach umbringt.“
Das Erstaunen war John richtig anzusehen. „Verliebt?
Sie haben sich ineinander verliebt? Aber Marcano könnte doch Reggies
Vater sein!“
Ungerührt zuckte Lee mit den Schultern. „Na und?
Die Liebe geht manchmal seltsame Wege. Auf jeden Fall ist sie nicht seine
Gefangene und könnte gehen, wann immer sie möchte. Es gibt da
nur ein kleines Problem.“
John musterte sie und versuchte herauszufinden, was das
für ein Problem sein könnte. War Reggie etwa so sehr in diesen
Donnie verliebt, dass sie sich nicht mehr von ihm trennen wollte? Aber
wie könnte ihr Chris da helfen?
„Es gibt einen Spion im Weissen Haus. Vermutlich ist
er einer deiner engsten Mitarbeiter. Er kann sich sehr gut verstellen und
lebt vermutlich schon seit mehreren Jahren als diese Person. Donnie kennt
den Spion nicht und kann ihn deshalb nicht selber unschädlich machen.
Er weiss nur, dass er wirklich gut in seinem Job ist und dass er Reggie
sofort wieder gefangennehmen würde, wenn sie auf einmal frei herum
lief. Vielleicht würde er sie sogar umbringen.“
Der Präsident runzelte die Stirn. Ein Spion in seinem
Stab? Das konnte er sich schwerlich vorstellen. Er hatte ein ziemlich gutes
Gespür für Menschen und er vertraute seinem Stab vollkommen.
Er kannte alle schon seit mehreren Jahren. Die meisten von ihnen waren
schon seit seiner Wahlkampagne bei ihm, andere waren erst später dazugekommen,
aber bei allen war er sicher, dass sie ihre Arbeit wirklich ehrlich meinten.
Keinem von ihnen würde er einen Verrat zutrauen, geschweige denn einen
Mord.
„Bist du dir sicher, dass das stimmt?“ fragte er zweifelnd.
Lee nickte. „Ja, ich bin sicher. Chris versucht, den
Spion auf eigene Faust zu suchen, weil er dich nicht um Hilfe bitten will,
doch ich glaube nicht, dass wir es schaffen. Wir brauchen deine Hilfe.“
Sie sah ihn so flehend an, dass er für einen Moment
bereit gewesen wäre, alles für sie zu tun. Er hätte ihr
jeden Wunsch erfüllt, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte und
nicht mehr Vater war, sondern Präsident. Er stand auf, warf ihr einen
Blick zu und ging ein paar Schritte.
„Wie kann ich euch helfen?“ wollte er wissen und gab
damit seine Zustimmung, dass er sie unterstützen würde.
Erleichtert atmet Lee auf und erzählte ihm den Plan,
den Chris ausgearbeitet hatte. John war ebenfalls der Ansicht, dass es
ein sehr gewagter Vorhaben war. Er schlug vor, die Personalakten aller
Personen auf irgendwelche Hinweise zu prüfen.
„Du darfst aber niemandem davon erzählen. Nicht
einmal Michelle, okay? Jede Person, die davon weiss, ist eine zuviel. Wir
müssen das Risiko so klein wie möglich halten. Wenn der Spion
einen Verdacht kriegt, sucht er nach ihr. Jetzt weiss er vielleicht noch
gar nicht, dass Reggie gar keine Geisel mehr ist.“
Der Präsident nickte. Er war verpflichtet, seinem
Volk zu helfen. Er würde auch Reggie helfen, so gut es ging, nicht
nur, weil sie zu seinem Volk gehörte. Sie war die beste Freundin seiner
Tochter und er könnte sich nicht verzeihen, wenn ihr etwas zustossen
würde, obwohl er es hätte verhindern können.
Die Sirenen tönten von weit her. Sie hatten nicht
das Gefühl, als ob sie ihnen galten. Sie achteten schon gar nicht
auf sie. Ungeniert küssten sie sich und erkundeten den Körper
des anderen. Die Welt um sie herum war vergessen. Sie waren hier allein,
niemand würde sie jetzt stören können.
Ausser die Polizei.
Die Sirenen kamen immer näher und tönte von
immer mehr Autos her. Als sie dann erste Bremsen quietschen hörten,
merkten sie, dass sich etwas abspielte, das ihnen galt. Donnie flüsterte
einen Fluch und zog sie hinter ein paar leere Kisten.
„Verdammt noch mal, das sind die Bullen. Wie kommen die
hier her?“
Reggie verstand im ersten Moment gar nicht, was los war.
Ihr Herz klopfte noch immer von Donnies Küssen, vor Erregung. Ihr
Kopf war mit einem rosa Schleier umgeben, den auch die Sirenen nicht durchdringen
konnte. Sie sah auf Donnie, der mit geübten Griffen seine Waffe lud
und sie entsicherte.
Auf einmal konnte sie wieder klar denken und hielt ihre
Hand auf den Revolver. „Nein, nicht“, flüsterte sie, „Wir tun so,
als wäre das hier unser Liebesnest. Vielleicht erkennen sie uns nicht
und glauben, sie hätten sich geirrt.“
Reggie wusste genauso wie Donnie, dass das nicht funktionieren
würde. Doch es war ein Versuch wert. Vielleicht hatten sie es ja mit
ganz besonders dummen Polizisten zu tun. Auf dem Boden lagen dreckige Decken
herum, auf die sie sich legten und zu schmusen anfingen, als die ersten
schnellen Schritte einer Spezialeinheit ertönten.
„Aufstehen! Hände über den Kopf! Keine falsche
Bewegung.“
Reggie starrte den Mann erschrocken an und zog sich wieder
das Hemd um die Schultern. Sie tat so, als hätte sie nicht damit gerechnet.
Donnies Augen weiteten sich ebenfalls und er begann zu
stottern: „Was ... was soll das? Wir haben nichts getan. Ehrlich! Was wollen
Sie?“
Die Polizisten in den schwarzen Uniformen hatten sich
um sie herum aufgestellt. Alle Waffen waren auf sie gerichtet. Ein Fluchtversuch
kam auf keinen Fall in Frage.
„Sind Sie Donald Franco Marcano?“ fragt der Mann, der
ihnen schon den Befehl zum Aufstehen erteilt hatte.
Donnie, der die Hände zitternd hochhielt, schüttelte
hastig den Kopf. „Nein, mein Name ist ...“
Er sah in ein nicht maskiertes Gesicht und erkannte es.
Es war der Polizist, der in die Wohnung in New York gekommen war. In seinen
Händen lagen Handschellen.
„Donald Marcano, Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht
zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie
verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Wenn Sie sich keinen
leisten können, wird Ihnen vom Gericht einen gestellt. Haben Sie Ihre
Rechte verstanden?“ ratterte Dennis Hemingway hinunter und dabei liess
er die Handschellen um Donnies Hände klicken.
Reggie sah erstarrt zu Donnie. Wieso wollten sie ihn
verhaften? Er hatte doch gar nichts getan? Er hatte ihr das Leben gerettet.
Sahen sie das denn nicht? Sie konnten ihn doch jetzt nicht einfach einsperren.
Donnie sah man die Anspannung deutlich an. Er war erst
wenige Male verhaftet worden und nie hatte man ihm etwas anhängen
können. Doch nun hatte die Polizei richtige Beweise, sonst hätten
sie ihn nicht bis hierher verfolgt. Sein Blick fiel in den von Reggie,
die irgendwie noch immer nicht verstehen konnte, was passiert.
„Miss Cormack, kommen Sie bitte mit uns“, sagte einer
der Männer und zog sie sanft, aber bestimmt von Donnie weg.
Sie wollte aber nicht gehen. Ihre Augen klebten an Donnies
Blick. Er schaute sie traurig, gespannt und ängstlich an. Ja, er hatte
angst und er gab es zu, ihr gegenüber. Sie durfte es wissen.
„Nein, ich will nicht“, widerstrebte sich da Reggie und
zog ihren Arm aus der Hand des Mannes.
Sie rannte zu Donnie zurück und wusste, dass sie
sich damit strafbar machte. Sie wusste es, weil sie genug fernsehen sah
und es war ihr egal. Sie umschlang ihn und küsste ihn.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie, als sie von den
Polizisten wieder fortgezogen wurde. Sie lächelte ihn an und hoffte,
dass sie auch verhaftet wurde. Dann wären sie zumindest zusammen.
„Ich liebe dich auch“, antwortete er ihr leise. Ein bisschen
der Trauer und der Angst verschwand aus seinen Augen. Er spitzte die Lippen
und hauchte ihr einen Kuss zu.
Dann wurde er weggezerrt und in ein Auto verfrachtet.
Reggie wehrte sich gegen die Polizisten und gegen sich selbst. Ihr Verstand
sagte ihr, dass sie Donnie nicht nachrennen durfte, aber ihr Herz sagte
etwas ganz anderes. Sie wollte ihn nicht verlieren, auch wenn sie wusste,
dass er ein Straftäter war.
„Miss Cormack, wir haben uns schon kennengelernt“, sagte
Dennis auf sie zukommend. In seinem Blick lag deutlich Missbilligung für
ihr Verhalten, „Sind Sie in Ordnung? Hat man Ihnen etwas getan?“
Reggie schüttelte den Kopf. Ihr Blick folgte dem
Polizeiwagen, in dem Donnie sass, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte.
„President Leard hat angeordnet, dass wir Sie sofort
zu ihm bringen sollen. Würden Sie also mitkommen?“
Das war keine Frage, es war ein Befehl, aber Reggie nickte
und folgte ihm zum Wagen. In ihrem Kopf spielte sich alles immer und immer
wieder ab. Wie war die Polizei an ihre Spur gekommen? Woher hatten sie
gewusst, dass sie hier waren?
Dennis beobachtete Reggie durch den Rückspiegel
des Autos. Stumm sass sie da und sah aus dem Fenster. Er wusste, dass sie
keine normale Geisel war, nicht nur wegen der Situation, in der sie die
beiden gefunden hatten. Er wusste es seit ein paar Tagen, als sie vorgegeben
hatte, Marcanos Tochter zu sein.
Sie redeten kein Wort miteinander, bis sie beim Weissen
Haus ankamen. Dort wartete ein Empfangskomitee aus Polizisten und Wachen
des Präsidenten. Reggie beachtete es gar nicht. Sie gingen die breite
Treppe hinauf, durch die Haupttüre hinein. Plötzlich begann etwas
zu piepsen.
Reggie schreckte hoch und bemerkte erst jetzt, dass sie
durch einen Metalldetektor gegangen war. Alle Wachen war sofort aufmerksamer
geworden und richteten ihre Blicke auf sie.
„Würden Sie bitte Ihre Taschen ausleeren, Miss?“
fragte ein Sicherheitsbeamter höflich, aber bestimmt.
Reggie griff sich in ihre Hosentasche, obwohl sie wusste,
dass sie dort nichts drin hatte. Bestürzt erinnerte sie sich daran,
dass sie noch immer den Revolver trug. Sie hatte ihn sich hinten in die
Hose hineingesteckt, wie sie es immer in den Filmen sah. Zu spät dachte
sie daran, dass sie ihn hätte verstecken müssen.
Zögernd nahm sie die Waffe heraus und hielt sie
dem Beamten hin. Er starrte sie verwundert an, liess aber keine Bemerkung
fallen. Dennis registrierte es, wie er schon alles anderes registrierte.
Er nickte in eine Richtung des grossen Flurs und öffnete
eine Tür. Sie führte in ein Konferenzzimmer mit einem grossen
Tisch. Ein paar Polizisten sassen dort, unter ihnen war auch der Präsident.
Er hatte sich erhoben und lächelte leicht. Plötzlich kam von
der Seite her Lee und umarmte Reggie.
„Wie geht es dir?“ fragte Lee leise und besorgt. Sie
sah in allen Personen, die hier anwesend waren, den Spion, der Reggie umbringen
wollte.
„Es ging mir schon besser“, gab diese leise zur Antwort,
lächelte aber tapfer.
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf John Leard, der
zu ihr herangetreten war und die Hand ausstreckte. „Miss Cormack, ich bin
sehr froh, dass wir Sie endlich gefunden haben. Ich hoffe, es geht Ihnen
gut.“
Reggie nickte. Irgendwie beeindruckte es sie überhaupt
nicht, dass sie dem Präsidenten die Hand schüttelte. Noch vor
ein paar Tagen wäre sie ausgerastet, wenn sie überhaupt in seine
Nähe gekommen wäre, aber jetzt war alles anders.
„Kommen Sie, setzen Sie sich. Möchten Sie etwas
trinken? Oder etwas essen?“ fragte er gastfreundlich.
Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte weder Hunger
noch Durst. Oder vielleicht doch. Sie war hungrig und durstig nach Liebe,
nach Liebe von Donnie. Doch das konnte ihr selbst die Küche des Weissen
Hauses nicht bieten.
Die Polizisten entfernten sich aus dem Zimmer, bis nur
noch Dennis Hemingway, Lee, der Präsident und sie da waren. Sie setzten
sich auf eine Polstergruppe in einer Ecke.
„Es tut uns leid, wenn wir Sie jetzt schon mit Fragen
durchlöchern, aber es muss sein. Wir wollen die Angelegenheit mit
Marcano so schnell wie möglich hinter uns bringen“, begann der Präsident.
Er ahnte nicht, wie sehr er Reggie damit verletzte.
Die Angelegenheit! War Donnie etwa nur eine abscheuliche
Sache, die man am liebsten ganz verschwinden liess? Da hatte er ja Glück,
dass es in Washington keine Todesstrafe mehr gab.
„Ich möchte, dass Sie mir jetzt genau erzählen,
was alles passiert ist, nachdem Lee fliehen konnte. Erzählen Sie mir
alles ganz genau“, verlangte der Präsident und sah Reggie dabei aufmunternd
an.
Sie erzählte ihnen, was geschehen war, doch sie
war nicht bei der Sache. Es kam alles ganz automatisch aus ihr heraus,
so als wäre das nur eine Geschichte, die sie einmal irgendwo gehört
hatte. Ihre Gedanken schwebten immer noch bei Donnie. Sie hatte angst um
ihn.
„Glauben Sie, dass es wirklich einen Spion gibt, oder
sagte er das nur, um Sie bei sich behalten zu können?“ fragte Dennis
zweifelnd.
Reggie wollte aufbrausen und fragen, ob er Donnie einen
Lügner nennen will, doch sie beherrschte sich. Sie wusste nicht, ob
Donnie sie nicht angelogen hatte. Sie hatte ihn mehrmals gefragt, ob es
nicht besser wäre, wenn man die Polizei informieren würde, doch
er hatte immer neue Gründe erfunden, die zwar sehr überzeugend
klangen, aber nicht unbedingt stimmen mussten. Sie waren zu überzeugend
gewesen.
Eigentlich sollte sie sich darüber ärgern,
dass er sie angelogen hatte, aber das tat sie nicht. Wenn er diese Geschichte
nicht erfunden hätte, dann hätte sie nie dieses Gefühl kennengelernt,
weder die Freude noch den Schmerz. Beides war musste man einmal gefühlt
haben, das wusste sie.
„Nein, ich glaube nicht, dass es stimmt“, antwortete
sie leise und sah dabei nicht in Lees Augen.
Sie konnte den kurzen Vorwurf trotzdem sehen. ‚Du hast
uns die ganze Mühe umsonst machen lassen?‘ stand in ihren Augen geschrieben,
doch das verschwand schnell wieder. Lee verstand sie, auch wenn sie vielleicht
gar nicht wusste, um was ging.
„Sie glauben also auch, dass er Sie angelogen hat, damit
Sie freiwillig bei ihm bleiben?“ fragte Dennis weiter.
Furcht stieg in Reggie hoch, als sie bemerkte, welches
Ziel dieser Polizist verfolgte. Er wollte, dass sie Sachen sagten, die
Donnie belasteten. Alles, was sie bis jetzt vielleicht gesagt hatte, konnte
gegen ihn verwendet werden. Warum hatte sie das nicht früher gemerkt?
„Hören Sie, vielleicht denken Sie, Donnie ist ein
skrupelloser Mörder, doch das stimmt nicht! Er hat mir das Leben gerettet!
Ohne ihn wäre ich jetzt schon lange tot. Haben Sie das vergessen?“
wandte sie mit erhobener Stimme ein.
Dennis schüttelte den Kopf. Nein, vergessen hatte
er es bestimmt nicht, aber es zählte für ihn nicht. Er hatte
Leute ermordet und entführt und dafür musste er ins Gefängnis.
Es kam nicht darauf an, ob er einmal jemanden gerettet hatte. Vielleicht
wurde dadurch seine Strafe von lebenslänglich auf vierundzwanzig Jahre
verkürzt, aber darauf kam es auch nicht mehr an.
„Nein, Miss Cormack, natürlich habe ich das nicht
vergessen. Es wird vor Gericht bestimmt auch lobend erwähnt werden“,
antwortete Dennis.
Reggie war plötzlich müde. In letzter Zeit
hatte sie einfach zuwenig geschlafen. Sie unterdrückte ein Gähnen
und stand auf. „Dürfte ich mich vielleicht kurz irgendwo hinlegen?
Ich bin ziemlich müde“, fragte sie.
Der Präsident stand sofort auf und wollte sie hinausbegleiten,
aber Lee sagte ihm, sie werde das machen. Sie legte Reggie einen Arm um
die Hüften und zog sie mit sich. Schweigend gingen sie die Treppe
hoch zu Lees Zimmer.
„Ich kann nicht sagen, dass ich weiss, wie du dich fühlst,
doch ich hoffe, morgen geht es dir besser“, sagte Lee einfühlsam und
gab ihr ein Pyjama von sich.
Dankend lächelte Reggie. „Weisst du, er ist fast
über zwanzig Jahre älter als ich, aber trotzdem habe ich das
Gefühl, als ob er auch erst so alt wäre wie ich. Ich sah den
Unterschied zwischen uns beiden gar nicht.“
Lee sah zu, wie Reggie sich umzog und sich ins Bett legte.
Sie deckte sie zu wie ein kleines Kind. „Vielleicht kommt Donnie ja nicht
ins Gefängnis. Ich meine, er hat dir das Leben gerettet. Das kann
bei Geschworenen ziemlich viel Eindruck machen, meinst du nicht?“
Es war schön, dass Lee versuchte, sie aufzumuntern,
allerdings brachte es leider so gut wie nichts. „Du siehst zuviel fern“,
zitierte sie Donnie.
Lee lächelte leicht. „Morgen lernst du deinen Vater
kennen“, wechselte sie das Thema, „Ich hatte schon das Vergnügen.
Er wäre fast gestorben vor Angst um dich, ehrlich. Ich glaube, er
ist in Ordnung.“
Ihr Vater! Den hatte Reggie fast vergessen. Sie hatte
gar nicht mehr daran gedacht, dass sie die Tochter von Skeet McGowan war.
Es war so viel geschehen, seit sie das erfahren hatte. Sie hatte das Gefühl,
als seien unterdessen Jahre vergangen.
Lee lachte über Reggies Gesichtsausdruck, aber sie
hütete sich davor, etwas zu sagen. Es wäre nur wieder darauf
hinausgelaufen, dass sie Donnie erwähnte. Also wünschte sie ihr
nur eine gute Nacht, obwohl es eigentlich erst nachmittag war und ging
hinaus.
Vor der Tür wartete ihr eigener Vater, den sie auch
erst seit wenigen Tagen kannte.
„Sie liebt diesen Donnie wirklich, nicht wahr?“ fragte
er leise.
Lee nickte. Ja, das tat sie wohl. Sie wusste zwar nicht
warum, aber es war so. Eigentlich sollte sie ihn hassen. Er hatte sich
anheuern lassen, um sie beide zu entführen; er hatte sich dazu bereit
erklärt, sie zu töten, sobald sie das Geld bekommen hatten; er
hatte ihr das Leben gerettet.
„Ich möchte ihr gerne helfen, aber Marcano ist einer
der schlimmsten Verbrecher, die es gibt. Sein Vater ist der Mann in diesem
Milieu. Ich denke nicht, dass das Gericht bei ihm Gnade kennt“, bekannte
er.
In seinen Augen sah Lee, dass es ihm wirklich leid tat.
Nicht um Donnie, denn ihm wünschte er das Gefängnis, aber um
Reggie.
Das Licht im Verhörsraum war gedämpft und hatte
eine fast hypnotische Wirkung. Es schien wie Nebel, der alles verschleierte.
Es hatte eigentlich keine Fenster, nur eines, das aber nicht nach draussen
führte. Hinter dieser schwarzen Scheibe sassen mehrere Männer
oder Frauen, die sich das Verhör mit anhörten und alles aufzeichneten.
Sie beobachteten jede Geste, die Donnie machte und nahmen jedes Zucken
seiner Wimpern wahr.
Der Mann, der ihm gegenüber am Tisch sass, war Dennis
Hemingway, der Mann, den er zusammen mit Reggie an der Nase herumgeführt
hatten. Er hatte ein Tonband vor sich, auf dem er die Aufnahme - Taste
gedrückt hatte.
Donnie hatte seinen Platz auf einem Holzstuhl. Seine
Hände waren noch immer mit den Handschellen gefesselt und schnitten
ihm ins Fleisch. Aber er klagte nicht. Vielleicht lenkte ihn der Schmerz
ein wenig von der Trauer in seinem Innern ab.
„Mr. Marcano, Ihre Schuld steht ziemlich unzweifelhaft
fest. Mit einem Geständnis würde sich das Gericht sicher zu ein
wenig zu Ihren Gunsten wenden“, stellte Dennis fest und sah ihm dabei fest
in die Augen.
Donnie hatte schon die ganze Geschichte erzählt,
die sich ereignet hatte. Er hatte nichts verschwiegen, aber sehr auf seine
Wortwahl geachtet, um sich nicht unnötig selbst zu belasten.
„Für was wollen Sie ein Geständnis, Mr. Hemingway?
Ich habe doch zugegeben, dass ich an der Entführung beteiligt war.“
Dennis seufzte. „Natürlich haben Sie das. Aber ich
möchte ein Geständnis dafür, dass Sie der Anführer
waren, dass Sie die Geiseln hatten töten wollen und dass Sie ausserdem
eine Minderjährige sexuell genötigt haben.“
Donnie musste lachen. „Ich habe keine Minderjährige
sexuell genötigt!“
Dennis blieb ernst. „Regina Cormack wird in etwa einem
Monat achtzehn. Das bedeutet, sie ist jetzt siebzehn, also minderjährig.“
Ein schwaches Lächeln ging über seine Lippen.
Das waren juristische Details. Egal, ob Reggie nun achtzehn oder erst siebzehn
war, er hatte sie bestimmt nicht sexuell genötigt! Er hätte sich
gehütet, sie anzurühren, wenn sie es nicht auch gewollt hätte.
Und das hatte sie wirklich. Er verstand es nicht, warum sie einen so viel
älteren Mann wie ihn begehrte, aber sie tat es.
„Ich gebe zu, dass wir die Geiseln töten wollten
und dass ich die Gruppe anführte, nachdem der Sicherheitschef der
USA Robert Mulroney mich angeheuert hat“, gestand er und liess dann seinen
Blick kalt werden, „doch ich habe nichts mit sexuellen Missbrauchs zu tun.
Das können Sie mir nichts anhängen.“
Dennis blieb ruhig. „Bei Ihrer Verhaftung haben wir gesehen,
wie Sie sie ziemlich eindeutig berührt haben.“
Donnie verkniff sich ein Lächeln. Langsam wanderte
sein Blick zu der schwarzen Scheibe, hinter der noch immer die anderen
sitzen mussten. Was dachten sie, wen sie vor sich hatten? Einen Mörder?
Einen Vergewaltiger? Oder vielleicht einfach ein weiter Krimineller in
einer langen Reihe?
„Würden Sie mir bitte mal ‚Missbrauch‘ definieren?
Ist es nicht so, dass Missbrauch nur dann zutrifft, wenn nur eine Person
den Kontakt will? Wenn sie die andere dazu zwingt, mitzumachen?“
Dennis starrte Donnie leicht stirnrunzelnd an. Wenn eine
frühreife Zwölfjährige mit einem Volljährigen schlief,
wurde das oft als sexueller Missbrauch angesehen, auch wenn es auch die
Zwölfjährige gewollt hatte. Doch bei einer fast Achtzehnjährigen
konnte man nicht mehr einfach jemanden einsperren. Dann war sie selbst
fähig zu entscheiden, ob sie es tun wollte oder nicht.
„Reggie wurde von mir bestimmt nicht missbraucht, Agent
Hemingway“, sagte Donnie, „Ich bin sicher, das wird sie auch bezeugen,
wenn Sie mir nicht glauben.“
Musternd für Dennis‘ Blick über Donnies Gesicht.
Er starrte ihn an. Plötzlich nickte er und drückte auf die Stop-Taste
des Aufnahmegerätes.
„Der Termin für die Voranhörung wurde noch
nicht angesetzt, doch ich vermute, dass sie etwa in zwei oder drei Wochen
sein wird. Bis dahin werden Sie in Gewahrsam bleiben“, informierte ihn
Dennis und stand auf, „Haben Sie einen Anwalt?“
Donnie nickte, worauf Dennis hinausging und zwei Polizisten
wieder herein kamen. Sie hoben ihn vom Stuhl auf und brachten ihn aus dem
Verhörsraum.
Der Präsident der Vereinigten Staaten stand vor dem
Fenster und sah hinaus. Die Presse wartete schon sehnsüchtig darauf,
endlich herein zu dürfen, aber die Sicherheitsbeamten liessen sie
noch nicht herein. Noch war es im Haus ruhig, aber das würde sich
bald ändern.
Skeet McGowan war vor ein paar Minuten gekommen. Er war
ein richtiges Nervenbündel gewesen. Der Presse zu sagen, dass man
früher einmal einen Fehler gemacht hatte, war nicht besonders einfach.
Sie würde über ihn herfallen und alles zerreissen, was sie konnten.
Dann hatte er Reggie schlafen gesehen und war ruhig geworden. Er hatte
gemeint, für so etwas lohne es sich, zerrissen zu werden. Kaum zu
glauben von Skeet, der eigentlich nur seine Schauspieler - Karriere im
Kopf hatte.
Es war nicht trotzdem nicht einfach, weder für Skeet
noch für ihn. Vermutlich konnte er seine Wiederwahl vergessen. Aber
er hatte sich einmal für seine Karriere als Politiker entschieden,
und hatte sein Kind weggeben. Jetzt stand er wieder vor der gleichen Wahl
und traf die andere Entscheidung. Man musste im Leben alles ausprobieren,
wie sein Vater ihm immer gesagt hatte.
Leise seufzend wandte er sich vom Fenster ab. Er hatte
seine Rede, die er halten wollten, sorgfältig vorbereitet. Kein Journalist
sollte hinterher irgend etwas aus seinen Worten interpretieren können,
was gar nicht stimmte.
Jemand klopfte an die Tür. Sie wurde geöffnet
und sein Assistent kam herein. Er zeigte nur auf die Uhr, ohne ein Wort
zu sprechen und John nickte. Keiner seiner Angestellten hatte eine Ahnung,
warum genau eine Pressekonferenz stattfand. Sie waren alle wahnsinnig gespannt,
das konnte man direkt aus ihren Gesichtern ablesen.
„Ich komme gleich. Lassen Sie die Journalisten schon
rein“, sagte er und der Mann ging wieder hinaus.
John nahm seine Rede und überflog noch einmal den
Anfang. Er kannte sie fast auswendig, aber es war doch besser, wenn er
einen Spickzettel dabei hatte. Dann ging er zögernd hinaus. Sobald
er die Tür öffnete, konnte er schon das Gerede der Journalisten
hören. Sie diskutierten darüber, was der Präsident ihnen
sagen wollte. Seine Leibwächter standen vor der Tür und sahen
ihn fragend an.
„Gehen wir“, sagte John und ging voraus.
Sobald sie in das Konferenzzimmer kamen, schrien die
Männer und Frauen schon ihre ersten Fragen. Die Fotoapparate blitzten
und die Kameras wurden auf ihn gerichtet. John bewahrte seine ernste Miene
auf und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Bitte, Ladies und Gentlemen, setzten Sie sich“, sagte
er ins Mikro. Innerlich fasste er sich und versuchte, ruhig zu werden.
Nur widerstrebend liessen sich die Reporter sinken und
wurden still. Sie alle suchten in seiner Miene nach einem Anzeichen danach,
was er ihnen gleich sagen wollte. Doch sie fanden nichts, wie immer. Dem
Präsidenten sah man nie an, was er dachte oder fühlte.
Als alle still waren, begann John mit seiner Rede.
Die Gefängniszellen der Untersuchungshaft waren klein,
aber gut eingerichtet. In einem richtigen Gefängnis würde Donnie
keine solche Luxuszelle mehr haben. Er sollte sie jetzt eigentlich noch
ein wenig geniessen. Doch es fiel ihm schwer, an etwas anderes als an Reggie
zu denken. Er wusste, sie liebte ihn, und auch wenn es ihm schwer fiel,
es sich einzugestehen, war ihm klar, dass er sie auch liebte, wie er noch
nie eine Frau geliebt hatte. Sie war etwas ganz Besonderes.
Er war sich aber auch bewusst, dass sie dadurch in Schwierigkeiten
geriet. Er kannte die Verfassung Amerikas gut und sie konnte wegen Mittäterschaft
angeklagt werden. Es war unwahrscheinlich, aber theoretisch möglich.
Auf jeden Fall würde sie aber eine Menge unangenehmer Fragen beantworten
müssen.
Unruhig wanderte er in seiner Zelle hin und her, sofern
ihm das der Platz erlaubte. Er machte sich wirkliche Sorgen um sie. Was
machte sie ohne ihn? Hatte sie ihren richtigen Vater endlich kennengelernt?
Verstand sie sich mit ihm? Donnie wünschte ihr, dass sie glücklich
war. Sie war noch so jung, und hatte noch ihr ganzes Leben vor sich. Irgend
wann fand sie einen anderen Mann, den sie lieben konnte.
Vor den Zellen redeten und lachten die Polizisten, die
Wache hielten. Er wusste, dass sie alle verheiratet waren. Hatten sie dieses
Gefühl, das er jetzt hatte, schon einmal gefühlt? Dieses Gefühl,
als ob man innerlich zerrissen würde? Vermutlich nicht. Sie konnten
ihn nicht verstehen.
Er zwang sich, sich zu setzen. Morgen würde sein
Anwalt kommen, der von seinem Vater geschickt worden war. Er war ein wirklich
guter Jurist, der alle Gesetze kannte und wusste, wie man sie biegen konnte,
aber auch er konnte ihn nicht vor dem Gefängnis bewahren.
Und das war es, was er wirklich wollte. Es kam ihm nicht
darauf an, ob er fünf Jahre bekam oder fünfzig. Er wollte nicht
ins Gefängnis. Sein Leben fing - so hatte er das Gefühl - erst
gerade jetzt an. Er hatte gelernt, was Liebe und Vertrauen hiess. Vorher
hatte er niemandem vertraut, nur seinem Vater, und das auch nicht immer.
Jetzt vertraute er Reggie. Und er war sicher, dass er noch vielen anderen
vertrauen könnte, denn nicht alle waren so, wie er vor ein paar Tagen
noch gewesen war.
Gedanken kamen und gingen wieder, so schnell, dass er
sie fast nicht erfassen konnte. Das war so neu für ihn. Noch nie hatte
er darüber nachgedacht, einen ehrlichen Beruf auszuüben. Er hatte
nie die Chance dafür bekommen, doch dafür gab er nicht seinem
Vater die Schuld. Er war ein geborener Verbrecher. Irgendwann wäre
er sowieso in den Untergrund geraten, auch wenn sein Vater nun ein ehrlicher
Geschäftsmann gewesen wäre.
Aber jetzt war alles anders. Vielleicht wäre sein
Leben anders geworden, wenn er Reggie früher getroffen hätte.
Doch das hatte er nicht und nun war es zu spät, um sich zu ändern.
Er musste ins Gefängnis.
Das Lachen der Wachen wurde leiser und verstummte dann
schliesslich ganz. Schritte näherten sich rasch und energisch. Die
Tür der Vorraums der Zelle wurde aufgestossen und hastig wieder geschlossen.
Dennis Hemingway kam in Donnies Blickfeld. In seiner Hand hatte er eine
gelbe Aktenmappe.
„Mr. Marcano, Ihr Anwalt konnte die Erlaubnis für
Sie erkämpfen, dass Sie Besuch bekommen können. Es ist jemand
für Sie hier, der Sie sprechen möchte“, erklärte er hastig
und nickte den Wachen zu.
Donnie stand auf und seine Augen wurden grösser.
War etwa Reggie hier? Kam sie, um ihm ‚Lebe wohl‘ zu sagen? Es war eine
Frau, die eintrat, aber es war nicht Reggie. Es war Lee.
Sie dankte Hemingway höflich und sah dann Donnie
an. In ihren Augen war immer noch ein bisschen der Angst zu sehen, die
sie empfunden hatte, als sie von ihm entführt worden war. Doch sie
hatte sich unter Kontrolle.
„Ich hoffe, wir haben Ihnen nicht einen allzu grossen
Schock bereitet“, begann Donnie, bevor sie etwas sagen konnte. Sie sollte
sehen, dass es ihn kümmerte, ob es ihr gut ging oder nicht.
„Ich werde es überwinden, denke ich. Aber es geht
nicht um mich. Ich bin nicht gekommen, damit Sie sich entschuldigen können“,
erwiderte sie und kam einen Schritt näher an das Gitter heran.
„Wie geht es Reggie?“ fragte er leise und hielt seine
Stimme unter Kontrolle.
„Sie ist gleich schlafen gegangen. Ich weiss nicht, ob
es ein sehr erholsamer Schlaf wird, aber ich vermute, wenn sie aufwacht,
geht es ihr nicht gut.“
Donnie nickte. Er wusste, wie Reggie sich fühlte,
weil er genauso empfand. Doch er war älter und konnte seine Gefühle
besser beherrschen als Reggie. Für sie war es schlimmer.
„Ich habe nicht gedacht, Sie einmal hinter Gittern zu
sehen. Vor ein paar Tagen habe ich mir das gewünscht, aber jetzt nicht
mehr“, sagte Lee und stockte. Donnies Blick durchbohrte sie, und er wusste,
dass sie nicht die Wahrheit sagte. „Ich sehe jetzt, wie Reggie leidet,
weil sie Sie wirklich liebt. Ich habe sie schon mehrmals verliebt gesehen,
aber dieses Mal hat es wirklich schlimm erwischt. Ich möchte nicht,
dass sie unglücklich ist.“
Ihre Stimme war gegen Ende immer leiser geworden. Sie
sah sich leicht um. Die Wachen sahen immer wieder zu ihnen herüber,
aber sie lachten wieder. Besonders aufmerksam waren sie nicht. Lee ging
zum Gitter und nahm Donnies Hand in die ihre. Sie blickte ihn lächelnd
an.
„Ich weiss nicht, ob ich das Richtige tue. Aber Reggie
ist meine beste Freundin und für sie würde ich durchs Feuer gehen,
wenn es sein müsste“, flüsterte sie so leise, dass er sie fast
nicht mehr verstand.
Dann zog sie ihre Hand zurück und verabschiedete
sich. Der Agent öffnete ihr die Tür und versperrte sie hinter
eigenhändig wieder, aber nicht ohne einen misstrauischen Blick auf
Donnie geworfen zu haben.
Donnie zog seine Hand hinter das Gitter zurück und
presste sie fest zusammen. Das kühle Metall schmiegte sich hinein.
Kurz vor fünf Uhr morgens schlug Reggie die Augen
auf und sah an eine Decke, die sich weit über ihr befand. Sie war
weiss und hatte irgendwelche Verzierungen. Verwirrt dreht sie den Kopf
und blickte in ein grosses Zimmer, das sie vorher noch nie gesehen hatte.
Wo war sie bloss?
Gleich darauf erinnerte sie sich wieder. Donnie war verhaftet
worden und sie befand sich im Weissen Haus. Gestern abend war einmal ihr
Vater gekommen, ihr richtiger Vater, Skeet McGowan, und hatte sie lange
einfach nur angesehen. Er hatte nicht bemerkt, dass sie noch wach gewesen
war.
Sie war lange wach gelegen und hatte nachgedacht. Es
war ihr klar, dass sie Donnie vergessen musste. Er könnte ihr Vater
sein, er war ein Verbrecher und er kam ins Gefängnis. Ihre Liebe hatte
einfach keine Zukunft. Und trotzdem tat es weh, so weh, dass sie glaubte,
ihr Herz müsse jeden Augenblick zerspringen. Es zerriss sie innerlich.
Sie konnte sich nicht wehren, obwohl sie den Schmerz so gerne einfach vergessen
möchte.
Zögernd stand sie auf und schlang einen Bademantel
um sich, den jemand auf einen Stuhl gelegt hatte. Das Zimmer war so gross,
dass sie sich noch mehr verloren vorkam. Es war so gross und so leer, wie
das Loch in ihr.
Sie ging zur Tür und öffnete sie vorsichtig.
Sie spähte hinaus, ob jemand draussen war. Leise tappte sie durch
den Gang zu dem Zimmer, das Lee gehörte. Sie klopfte an, doch als
sie keine Antwort bekam, öffnete sie langsam die Tür. Ihr Blick
fiel auf das Bett, in dem Lee schlafend lag.
Lächelnd schloss sie die Tür hinter sich. Lee
sah immer so friedlich aus, wenn sie schlief, so als ob sie vollkommen
sicher sei und niemand ihr etwas tun könnte.
Reggie nahm eine Jeans und ein T-Shirt aus dem Schrank
und zog sie an. Lee hatte bestimmt nichts dagegen, wenn sie sich von ihr
Kleider borgte, bis sie eigene hatte. Danach band sie ihre buschigen Haare
zusammen und ging wieder leise aus dem Zimmer hinaus.
Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich in diesem riesigen
Haus befand, als ging sie einfach einmal den Gang entlang. Sie traf auf
niemanden. Scheinbar waren hier alle Langschläfer. Sie ging die Treppe
hinunter.
„Hallo Reggie“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Erschrocken drehte sie sich um. Sie stand ihrem Vater
gegenüber. „Hallo“, antwortete sie ganz automatisch.
Skeet lächelte leicht. Er musterte sie von oben
bis unten, doch sie hatte nicht das unangenehme Gefühl, das sie bei
anderen Männern manchmal verspürte.
Er war ein weltbekannter Schauspieler und sie ein einfaches
Schulmädchen. Trotzdem war er ihr Vater. Eigentlich sollte sie sich
unglaublich freuen. Alle Mädchen aus ihrer Klasse würden ihren
Arm dafür hergeben, um Skeet als Vater zu haben.
Als sie es erfahren hatte, war das auch ihre Reaktion
gewesen. Doch jetzt war es ganz normal. Sie liebte den Sohn des Unterwelt-Bosses,
warum sollte sie da nicht auch einen berühmten Schauspieler als Vater
haben?
Sie erwiderte Skeets Lächeln. „Ich freue mich, dich
kennenzulernen“, sagte sie, aber eigentlich log sie. Sie freute sich nicht
wirklich, vielmehr hätte sie sich gefreut, wenn anstelle von Skeet
Donnie gestanden hätte.
„Ich freue mich auch sehr. Ich habe schon fast die Hoffnung
aufgegeben, dich überhaupt einmal zu sehen“, erwiderte er ruhig. Sein
Lächeln war einfach wunderschön. Kein Wunder, dass da so manche
Mädchen schwach wurden. „Möchtest du mit mir frühstücken?“
fragte er.
Reggie nickte sofort, denn sie hatte seit gestern mittag
nichts mehr gegessen. Sie folgte Skeet, der sie, als wäre er hier
zu Hause, zur Küche führte.
Donnie wartete geduldig. Er durfte kein Risiko eingehen,
denn dann hatte er seine einzige Chance verspielt, die er hatte. Er musste
es beim ersten Versuch schaffen; oder er schaffte es nicht. Mit dem Schlüssel,
den Reggies Freundin Lee ihm gebracht hatte, konnte er seine Zelle aufschliessen
und fliehen. Nur die Wachen vor der Tür des Verhörraums störten.
Sie würden das Geräusch der sich öffnenden Türe sofort
hören, also musste er warten, bis sie weggingen.
Ein paar Mal waren sie schon vom Fenster der Türe
weggegangen und Donnie hatte gedacht: ‚Jetzt ist es soweit‘, aber dann
waren sie wieder zurückgekommen. Sie hatten nur einen Schritt zur
Seite gemacht, so dass er sie nicht mehr hatte sehen können.
Er wartete bis in die Nacht. Er tat so, als würde
er schlafen, doch in Wirklichkeit war er hellwach und lauschte. Schritte
kamen näher und gingen wieder weg. In der Nacht war bis zu Mitternacht
hin noch ziemlich viel Leben. Doch gegen drei Uhr war es so leise geworden,
dass er die Wachen draussen fast atmen hören konnte. Irgendwann verschwand
eine der beiden. Der andere Polizist sass aus seinem Stuhl, wo Donnie ihn
nicht sehen konnte, und las Zeitung. Er führte leise Selbstgespräche,
als er den Sportteil las.
Donnie stand langsam auf und sah durch das Fenster. Das
einzige, was er dort sehen konnte, war die entgegengesetzte Wand des Ganges.
Aber er konnte den Mann noch immer reden hören. Leise nahm er den
Schlüssel aus seiner Hose und steckte ihn ins Schloss. Es knackte
leise, als es sich öffnen liess. Die Tür dagegen ging lautlos
auf. Er schlüpfte hinaus und stellte sich neben die Tür. Wenn
die Wache etwas bemerkt hatte und hinein kam, konnte er sie bewusstlos
schlagen. Aber sie blieb sitzen und las die Zeitung. Donnie legte die Hand
an die Tür. Er hatte beobachtet, wie die Tür aufgemacht und geschlossen
wurde, ohne dass jemand sie auf - bzw. abschliessen musste.
Er atmet ein paar tief ein, lauschte noch einmal den
Geräuschen und öffnete blitzschnell die Tür. Der Wachmann
hatte keine Chance, auch nur einen Schreckensschrei auszustossen. Donnie
schlug seinen Kopf gegen die Wand hinter ihm. Sofort packte er ihn unter
den Schultern und zog ihn in seine ‚frühere‘ Zelle hinein. Er zog
ihm die Kleider ab, die er sich selbst anzog. Sie waren ein bisschen zu
klein, aber das fiel nicht besonders auf. Er schloss die Zelle ab, ging
hinaus und versuchte, sich ruhig zum Ausgang zu begeben. Vielleicht gab
es Kameras, die von einem aufmerksameren Wächter beobachteten wurden.
Allerdings, wenn es Kameras gäbe, dann hätte man ihn schon lange
entdeckt und die Alarmanlagen würden aufheulen.
Der Wachmann am Eingang schlief seelenruhig. Er schien
nicht damit zu rechnen, dass ausgerechnet heute ein Gefangener entfliehen
würde. Die Tür der Polizeistation war offen, und Donnie spazierte
hinaus, als wäre er wirklich ein Polizist. Sobald er draussen war,
rannte er, so schnell er konnte. Im Kopf überlegte er sich, wer hier
in Washington lebte, zu dem er gehen konnte.
Kaum hatte er einen Namen gefunden, wechselte er die
Richtung und rannte weiter. Er hatte Glück, dass es nicht weit war,
sonst hätte er ein Taxi nehmen müssen. Doch in einer Polizeiuniform
und ohne Geld war das nicht besonders unauffällig.
Immer wieder sah er sich verstohlen um, doch um diese
Zeit war niemand mehr in den kleinen Gässchen, und wenn schon, dann
waren es irgendwelche Wesen, die nicht mehr zu einer Reaktion fähig
waren.
Er kam bei der Wohnung seines Freundes an und klopfte
an die Tür. Niemand öffnete. Er versuchte es noch einmal, diesmal
lauter, aber es machte noch immer niemand auf. Vielleicht war sein Freund
ja gar nicht zu Hause. Er drückte als letzter Versuch auf die Klingel,
aber es gab kein anderes Resultat. Also nahm er die Polizeimarke von seiner
Brust und benutzte die Nadel, um das Schloss aufzubrechen.
Er wollte keine unnötige Zeit hier drin verlieren,
also suchte er das zusammen, was er brauchte. Zum Glück war der Freund
etwas gleich gross wie er, so dass ihm ein Paar Jeans und ein Hemd passten.
Dann durchsuchte er die ganze Wohnung nach Geld ab, bis er es endlich fand.
Er schrieb eine kurze Notiz, dass sein Freund die ausgeliehene Summe von
seinem Vater zurückfordern solle.
Schnell verschwand er wieder aus der Wohnung und hielt
auf der Strasse einen verschlafen aussehenden Taxifahrer auf und nannte
ihm sein Ziel. Er wollte in die Nähe des Weissen Hauses. Wäre
der Fahrer nicht so müde gewesen, hätte er sich gewundert. Wer
wollte schon mitten in der Nacht zum Weissen Haus? Doch nur, um etwas zu
tun, was nicht legal war.
Sobald er dort war, setzte er sich erst einmal in den
Schatten und dachte nach. Was wollte er eigentlich hier? Hatte er geglaubt,
er könne mitten in der Nacht zum Weissen Haus fahren und Reggie herausholen?
Das hier war schlimmer bewacht als ein Hochsicherheitsgefängnis. Niemand
kam unbemerkt herein. Er hatte nur zwei Möglichkeiten: Entweder er
gab auf und verlor damit vielleicht die letzte Chance, Reggie jemals wiederzusehen,
oder er versuchte, ins Weisse Haus zu kommen, wobei er aber ziemlich sicher
erwischt wurde. So oder so, er würde wieder im Gefängnis landen,
ohne Reggie gesehen zu haben.
Warum war er überhaupt geflohen? Damit wurden die
Geschworenen, die seinen Fall behandelten, bestimmt nicht nachsichtiger.
Er hatte sich da ganz schön in etwas hinein geritten. Aber Lee hatte
ihm eine Möglichkeit gegeben und er hatte sie wahrgenommen. Warum
hätte er es auch nicht tun sollen? Er war ein liebeskranker Narr,
der nicht mehr ganz klar denken könnte. In jeder anderen Situation
hätte er sich bestimmt die Vor - und Nachteile überlegt, aber
jetzt war er stundenlang einfach nur dagesessen und hatte darauf gewartet,
dass sich eine Möglichkeit zur Flucht ergab. Seine jahrelange Erfahrung
hatte ihn einfach im Stich gelassen.
Vielleicht hatte er noch eine Chance, wenn er jetzt sofort
zurückging. Vielleicht hatte noch niemand bemerkt, dass die Wache
bewusstlos war. Es war ein schöner Wunschtraum, aber Donnie wusste,
dass es nicht sein konnte. Er war seit etwa einer Stunde weg; der Wachmann
hatte das Bewusstsein längst wiedererlangt.
Es gab eine dritte Möglichkeit: Er könnte für
ein paar Jahre untertauchen, warten, bis der Fall zu den ungelösten
Fällen verschwand. Doch auch das änderte nichts an der Tatsache,
dass er Reggie nicht mehr wiedersehen würde.
Warum war er nur weggelaufen? Er hätte sie dann
zumindest beim Prozess gesehen und sie hätte ihn bestimmt auch besuchen
dürfen. Aber wenn er verschwand, sah er sie überhaupt nicht mehr,
weil niemand ihn mehr sehen durfte. Wenn er versuchte, ins Weisse Haus
einzudringen, wurde er sicher wieder verhaftet und es fand auf diesem Weg
auch ein Prozess statt. Er verschwand auf jeden Fall, auf die eine oder
andere Art.
Dennis Hemingway wurde vom schrillen Läuten seines
Telefons aus dem Schlaf gerissen. Er wollte sich sein Kissen über
den Kopf ziehen, erinnerte sich aber daran, dass er Polizist war. Vielleicht
war irgend etwas Schlimmes passiert, wobei er gebraucht wurde.
Noch mit geschlossenen Augen tastete er nach dem Hörer
neben seinem Bett und meldete sich.
„Entschuldigen Sie die frühe Störung, Agent
Hemingway, aber wir haben eine schlechte, eine sehr schlechte Nachricht
für Sie“, sagte ein Mann am anderen Ende der Leitung stockend. Er
schien zu zögern, weil er angst vor einem Wutausbruch von Dennis hatte.
„Was ist passiert?“ fragte dieser und war sofort hellwach.
Schlimm! Da klingelte in seinem Kopf immer etwas.
„Donnie Marcano ist geflohen.“
Dennis reisst unwillkürlich die Augen auf. Ein Adrenalinstoss
fährt durch seinen Körper und lässt seinen Puls rasen. Alles
dreht sich in seinem Kopf, so dass er fast in Ohnmacht fällt. Plötzlich
fasst er sich wieder. „Wie konnte das passieren?“ fragt er den Polizisten
scharf.
„Das wissen wir noch nicht. Vermutlich hat er von draussen
Hilfe bekommen. Aber wir haben noch keine genauen Informationen. Die Fahndung
nach ihm ist schon eingeleitet worden, aber bis jetzt gibt es noch keine
Spuren.“
Dennis rieb sich die Schläfe. Der Mann, der es am
zweitmeisten verdient hätte, ins Gefängnis zu kommen - nach seinem
Vater - hatte fliehen können, nur weil ein paar Polizisten unfähig
gewesen waren. Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es war zwanzig nach
vier am Morgen.
„Ich komme gleich ins Präsidium. Informieren Sie
den Präsidenten“, befahl Dennis und legte den Hörer auf.
In einem rekordverdächtigen Spurt wusch er sich,
zog sich an und ass sogar noch etwas, bis er mit überhöhter Geschwindigkeit
im Hauptquartier ankam. Er stürmte durch die Gänge. Jene Polizisten
in der Frühschicht, die noch nichts mitbekommen hatten, starrten ihm
verwundert nach. Im Büro wartete eine Delegation von Polizisten, darunter
auch der Wachmann, der niedergeschlagen wurde. Er hielt sich ein nasses
Tuch mit Eis in den Nacken.
Dennis grüsste niemanden, knallte nur ein paar Akten,
die er von zu Hause in aller Eile hatte mitgehen lassen, auf den Tisch
und stemmte die Hände in die Hüften.
„Würde mir jetzt bitte einmal jemand erklären,
was hier eigentlich los ist?“
Einer der Polizisten erzählte seine Theorie, aber
Dennis beruhigte sich dadurch nicht. Im Gegenteil, er wurde nur noch aufgebrachter.
Wie konnte man nur einen solch wertvollen Häftling einfach fliehen
lassen? Warum war der zweite Wachposten abgehauen? Warum hatte er nicht
einen Ersatz gesucht? Wie hatte Marcano die Zellentür aufgekriegt?
Es gab so viele Fragen, die nicht - noch nicht - beantwortet
werden konnten. Das machte ihn rasend, aber er wusste, dass er in diesem
Zustand nicht klar denken konnte. Also zwang er sich selbst, sich zu beruhigen
und nachzudenken. Warum war Marcano geflohen? Wenn er abhaute, bekam er
eine höhere Strafe als ohnehin schon. Konnte er aber den Suchtrupps
entkommen, war er frei, dafür müsste er sich immer verstecken.
Es machte keinen Sinn. Was trieb diesen Mann dazu, trotzdem zu fliehen?
Was konnte es sein?
Plötzlich wusste er es. Es war dieses Mädchen,
diese Regina Cormack - McGowan - wie auch immer sie sich jetzt nennen mochte.
Er war so vollkommen in sie vernarrt, dass er unbedingt zu ihr kommen wollte.
Ein Grinsen glitt über seine Lippen. Wie stellte
dieser Typ sich das eigentlich vor? Sie war noch immer im Weissen Haus.
Wollte er einfach anklopfen und fragen, ob Reggie zu Hause sei? Zuzutrauen
wäre es ihm.
Sofort befahl er jemanden, das Weisse Haus zu informieren
und eine Einheit dorthin zu schicken. Ein Polizist stürmte sofort
aus dem Zimmer, sichtbar erleichtert, aus Dennis‘ Blickfeld zu kommen.
„Okay, Leute, wir haben ein Problem, ein grosses Problem,
das wir lösen müssen, und zwar jetzt auf der Stelle. Wir werden
nicht wieder schlafen gehen, bis wir Marcano gefunden haben, ist das klar?“
fragte Dennis, obwohl es eigentlich mehr ein Befehl war.
Alle nickten sofort und machten sich aus dem Staub, um
die noch notwendigen Dinge in die Wege zu leiten. Dennis stürmte erneut
durch das ganze Präsidium und folgte mit seinem Wagen den Polizeiautos,
die mit Blaulicht und Sirene mehr aus der Garage geschlittert als gefahren
kamen.
Um fünf Uhr morgens waren zum Glück nur wenige
Autos unterwegs, so dass niemand sie aufhielt. Hinter einander fuhren sie
dem Weissen Haus entgegen, während Dennis durch den Polizeifunk die
Befehle durchgab, wo die einzelnen Wagen hinfahren sollten. Es war ein
schlecht organisierter Plan, doch da Marcano sich auch nicht richtig vorbereiten
konnte, glich es sich wieder aus. Ausserdem waren sie ihm zahlenmässig
vollkommen überlegen. Dennis hatte alle verfügbaren Männer
aufgerufen, um an dieser Aktion mitzuhelfen. Wenn die übrigen des
FBI aufgestanden waren, würden sie auch noch dazukommen. Bestimmt
bekam er auch noch Unterstützung von der Polizei von Washington
Es würde eine kurze Verfolgungsjagd geben - falls
Marcano wirklich so dumm war und zum Weissen Haus gegangen war. Es war
eigentlich nicht logisch, das anzunehmen, aber ein Gefühl in Dennis
sagte ihm, dass es trotzdem so war. Donnie hatte keine Chance zu entkommen.
Dennis befahl allen Wagen, die Sirenen abzustellen. Wenn
Marcano sie hörte, konnte er eventuell ein gutes Versteck suchen,
das sie nicht finden würden. Er sollte aber keine Möglichkeit
zur Flucht haben.
Das Adrenalin schoss durch seine Adern und vertrieb den
letzten Rest Müdigkeit in ihm. Sein Boss war bestimmt froh, wenn er
ihn zurückbrachte. Das machte einen guten Eindruck.
Schon sah er durch die Beleuchtung das Weisse Haus. Zweifel
regten sich ihm. Was war, wenn Marcano gar nicht hier war? Was war dann?
Das brachte ihm bestimmt nicht das Wohlwollen seines Chefs ein. Aber jetzt
konnte er nicht mehr zurück. Er musste die Sache durchziehen.
Die Strasse, die sich vor Donnie erstreckte, begann auf
einmal blau zu blinken. Durch jahrelange Erfahrung war ihm sofort klar,
dass es sich dabei nur um Polizeiautos handeln konnte. Er sprang in den
Schatten und hoffte, dass man ihn noch nicht entdeckt hatte.
Er musste schleunigst hier weg. Die waren bestimmt nicht
hier, weil irgendwo ein Überfall passiert war. Er duckte sich an die
Mauer, die um das ganze Weisse Haus herumging, und rannte daran entlang.
Die Büsche deckten ihn bis zu einem gewissen Grad.
Sein Puls raste, als er aus seiner Deckung kommen wollte,
um vom Weissen Haus wegzukommen. Wenn er hier blieb, hatte er keine Chance,
zu entkommen. Doch auch hier waren die Blaulichter. Reifen quietschten
überall und Polizisten sprangen aus den Autos.
Schnell duckte er sich wieder hinter die Büsche
zurück. Zum ersten Mal seit am Nachmittag hatte er wieder einen klaren
Kopf. Er hatte nur zwei Möglichkeit, nein, eigentlich waren es drei.
Die erste war, dass er sich stellte. Das war wohl die
vernünftigste. Als zweite könnte er versuchen zu entkommen, was
aber ziemlich schwachsinnig war. Das FBI hatte bestimmt alle Männer
zusammengerufen, die verfügbar waren. Da gab es keinen Ausweg. Die
dritte Möglichkeit war seinen Fähigkeiten entsprechend, aber
ziemlich schwierig auszuführen. Er könnte eine oder mehrere Geiseln
nehmen. Bestimmt würden sie die Büsche durchsuchen, und wenn
er so nahe an den Polizisten heran kam, dass er ihn festhalten konnte,
könnte es klappen.
In jedem seiner Möglichkeiten gab es höchstens
einen positiven Punkt. Alles andere war unangenehm und für ihn äusserst
verheerend. Am besten wäre es, würde er sich ergeben. Aber er
war nicht der Typ, der einfach aufgab. Er war es als Kind nie gewesen und
jetzt bestimmt auch nicht. Er entschied sich für die Flucht über
die Mauer des Weissen Hauses. Bestimmt waren dort schon alle Wachen informiert
worden, aber es war trotzdem einen Versuch wert.
Die Frauen und Männer der Polizei schwärmten
aus. Durch Mikrophone ertönten verzerrte Stimmen, die Befehle gaben
und entgegennahmen.
Donnie versuchte bei seinem Rückzug an die Mauer
keinen Laut zu machen. Im schwachen Morgenlicht erkannte er ziemlich schnell,
dass er nicht über die Mauer klettern konnte. Oben waren Stacheldraht
und Elektrozäune angebracht. Er musste einen anderen Weg nehmen.
Er rannte der Mauer entlang. An einigen Stellen war kein
Busch vorhanden, der ihn deckte, so dass er sich entblössen musste.
Irgendwie schien ihm das Glück aber beizustehen und sorgte dafür,
dass er nicht entdeckt wurde.
Etwa zwanzig Meter von ihm entfernt war der einzige Eingang
in der Mauer. Die Nachtwächter waren aus ihrem kleinen Wachhaus herausgetreten
und hatten ihre Waffen schussbereit in der Hand. Ein Polizist stand bei
ihnen und informierte sie vermutlich über das, was hier ablief.
Donnie sah sich schnell um. Das Wachhaus war direkt an
der Mauer ‚angemacht‘. Der Teil, der offen war, war durch eine Barriere
abgesperrt, unter der man jedoch hindurch kriechen konnte. Wenn einen dabei
niemand erschoss.
Er kroch so nahe an den Durchgang heran, wie es ihm seine
Deckung erlaubte. Er hatte keine andere Wahl als es zu versuchen. Solange
die Zöllner noch mit dem Polizisten beschäftigt waren, bemerkten
sie ihn vielleicht nicht. Einmal tief einatmend robbte er vorwärts
so schnell er konnte.
Eigentlich hatte er nie gedacht, dass er nicht bemerkt
werden würde, aber ein kleiner Hoffnungsschimmer war trotzdem da gewesen.
Er war ein wenig enttäuscht, aber nicht überrascht, als plötzlich
ein lauter Schrei ertönte.
„Er ist hier!“ schrie der Polizist, nahm gleichzeitig
seine Waffe aus dem Halfter und schoss auf ihn. Donnie nahm seine eigene
Pistole und schoss zurück, worauf sich die drei Männer in Deckung
begeben mussten, was ihm die Zeit verschaffte, sich selbst wieder zu verstecken.
Doch jetzt waren alle gewarnt. Er hörte die Schreie,
die alle sagten, dass er hinter der Mauer sei. Er spürte die vielen
Schritte, die den Boden zum Vibrieren brachten. Er sah die Taschenlampen,
die jetzt nicht mehr viel brachten, und trotzdem noch eingesetzt wurden.
Wie ein gehetztes Tier schoss er aus seiner Deckung heraus, um in der nächsten
zu verschwinden. Schüsse aus unendlich vielen Pistolen wurden abgefeuert,
während er keine Deckung hatte. Die Luft schien nur so von Kugeln
zu schwirren, als er endlich wieder Schutz hatte.
Reggie lauschte angestrengt. Diese Geräusche, die
von draussen kamen, waren sehr sonderbar. Ihr Vater Skeet schien sie nicht
zu hören, denn er redete weiter und erzählte aus seinem Leben.
Aber was waren das bloss für Geräusche? Sie musste nachsehen.
„Hörst du das?“ fragte sie.
„Was?“ entgegnete Skeet, während er lauschte. Er
runzelte die Stirn. „Du meinst, dieses ... dieses Knallen?“
Reggie nickte und stand auf. Ein ungutes Gefühl
regte sich in ihr. Dieses Knallen konnten Raketen sein, wie man sie am
Neujahr abfeuerte, aber sie konnten auch Schüsse darstellen. Aber
Schüsse auf dem Gelände des Weissen Hauses? Am frühen Morgen?
Reggie stand auf und ging zum Ausgang. Dort stand aber
eine Wache, die sie aufhielt. „Tut mir leid, Miss, Sie dürfen im Moment
nicht hinaus.“
Skeet wollte sie sanft wieder zurückziehen, aber
sie wehrte sich. Irgendwie wusste sie, dass Donnie da draussen war. Sie
spürte es, als wäre sie selbst draussen und liefe vor den Schüssen
davon.
„Was ist denn los?“ fragte sie die Wache.
„Es gibt eine Schiesserei. Ein Häftling ist scheinbar
entflohen und wollte sich hier verstecken. Ein ziemlich dummer Häftling,
wenn Sie mich fragen“, antwortete er.
Reggie lächelte leicht. Nein, Donnie war nicht dumm,
ganz und gar nicht. Aber er liebte nun einmal eine Frau, die sich im Weissen
Haus aufhielt. Was sollte er da tun? Sie wusste, dass er vielleicht gerade
jetzt erschossen wurde, aber trotzdem hielt sie das für einen wahnsinnigen
Liebesbeweis. Er war aus dem Gefängnis ausgebrochen, um zu ihr zu
kommen. Er riskierte sein Leben dafür.
„Bitte, darf ich nicht einen Blick hinaus werfen?“ fragte
sie flehend. Die Wache zögerte, nickte aber dann. Er öffnete
die Tür und zeigte auf den beleuchteten Platz. „Irgendwo dort draussen
ist er. Die Polizei muss ihn nur noch finden.“
Reggies Augen schwirrten über all die Polizisten
in den Uniformen, doch Donnie konnte sie nirgends entdecken. Das war auch
gut so. Wenn sie ihn sehen könnte, würde es die Polizei auch
können.
Da kam plötzlich wieder Bewegung hinein. Irgend
jemand schrie: „Er ist hier! Er ist hier!“ Alle rannten sofort dorthin.
Eine einzige Person rannte von einem Gebüsch zum nächsten. Wieder
hörte man dieses Knallen. Es waren so viele, dass Reggie erstaunt
war, dass die Polizisten sich nicht selbst abschossen. Als sie Donnie erkannte,
schlug ihr Herz heftiger. Sie spürte den Wunsch in sich, hinauszulaufen
und sich vor ihn zu stellen, um ihn zu schützen. Auf sie würde
niemand schiessen. Sie war die beste Freundin der Tochter des Präsidenten.
Aber der Wachposten stand in der Tür und würde
sie nicht gehen lassen.
Die Gestalt, die flüchtete, schrie auf einmal auf
und stolperte. Reggie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, um
nicht ebenfalls zu schreien. Die Polizisten schrien aufgeregt umher und
rannten auf Donnie zu. Langsam rappelte sich dieser wieder auf. Er presste
die Hand an die Seite seines Bauches und hinkte.
Reggies Vater legte ihr den Arm um die Schultern. Er
wusste von ihr und Donnie, und scheinbar wusste er, was sie jetzt empfand.
Er wollte sie trösten, hatte aber keine Ahnung, wie er das tun sollte.
Er kannte sie doch erst seit ein paar Minuten.
Es war ein glatter Durchschuss gewesen. Seine Seite schmerzte
höllisch. Verdammt! Mit zusammengebissenen Zähnen riss er sich
ein Stück Stoff vom Ärmel ab und presste es hinten und vorne
auf die blutenden Wunde.
Er musste sofort von hier weg. Aber wie? Es wimmelte
nur so von Polizisten.
Sein Blick fiel auf das Weisse Haus. In einigen Zimmern
brannte Licht und dunkle Gestalten standen an den Fenstern. Ja, für
sie musste es wahnsinnig interessant sein, das Geschehen hier unten zu
beobachten. Er konnte sich ihre Gedanken vorstellen. Ein Verrückter
wollte den Präsidenten umbringen.
Dann bemerkte er, dass die Haupteingangstüre offen
war. Ein Mann mit breiten Schultern stand davor, aber hinter ihm drängelten
sich weitere Gestalten. Ein mächtiger Lockenkopf versperrte aber den
meisten von ihnen das Sichtfeld. Reggie! Sein Herz machte einen mächtigen
Sprung und verdrängte für einen kurzen Moment den Schmerz.
Seine Hand fasste die Waffe wieder fester, während
seine Augen allein auf Reggie gerichtet waren. Er legte ein neues Magazin
ein und visierte einen Polizeibeamten an. Er zitterte leicht, traf den
Mann aber trotzdem. Sofort war wieder helle Aufregung unter den Beamten
und er rannte weiter, auf die Tür zu. Er schoss auf die Polizisten,
die ihm am nächsten waren, und zwang sie damit, das Schiessen einzustellen,
um sich in Deckung zu bringen.
Trotzdem zischten noch immer Kugeln an ihm vorbei. Er
hatte keine Zeit um sich umzuschauen, aber wenn er die gehabt hätte,
hätte er gesehen, dass das ganze Gelände mit Polizisten voll
war. Dazu kamen die Bodyguards des Präsidenten, die ebenfalls mit
ihrem Waffen herumschossen.
Reggie sah, wie Donnie auf sie zu rannte. Blut färbte
sein weisses T-Shirt dunkelrot. Es sah schrecklich aus. Sein Gesicht war
schmerzverzehrt und trotzdem rannte er weiter. Es wäre für ihn
besser gewesen, sich zu ergeben. Dann würde er in ein Spital kommen
und dort würde man ihn behandeln. Die Kugeln schossen an ihm vorbei,
aber wie durch ein Wunder wurde er nicht mehr getroffen.
Der Bodyguard wollte die Tür schliessen, aber Reggie
stellte sich dazwischen. Sie war sich nicht bewusst, was sie tat, wusste
nur, dass sie nicht einfach weggehen konnte. Sie wusste, dass Donnie wieder
ins Gefängnis kam, aber trotzdem wollte sie bleiben.
„Miss, wir sollten wirklich die Tür zumachen. Es
ist gefährlich für Sie hier draussen“, versuchte der Mann mit
ihr zu reden, aber sie achtete gar nicht auf ihn. Ihre Aufmerksamkeit galt
alleine Donnie. Er rollte sich immer wieder zur Seite, sprang wieder auf,
rannte weiter, rollte sich erneut ab und stand auf. Jedesmal wurde das
T-Shirt roter und roter und jedesmal wurde sein Gesichtsausdruck gequälter.
Er hatte grausame Schmerzen und trotzdem machte er so waghalsige Stunts,
die andere nicht einmal machten, wenn sie gesund waren.
Plötzlich hatte Reggie eine Waffe in der Hand. Ohne
es zu merken, entsicherte sie sie, zielte über den Lauf auf einen
Polizisten und schoss. Der Mann schrie auf. Hinter ihr ertönten gleichzeitig
mehrere Stimmen und einige packten sie am Arm und wollten sie festhalten.
Aber sie riss sich los, rannte hinaus, die Stufen auf die Wiese hinunter.
Dort schoss sie weiter, achtete nicht mehr darauf, zu zielen, sondern einfach
zu schiessen, um Donnie Deckung zu geben. Sie wusste, dass niemand auf
sie schiessen würde. Das würde niemand wagen.
Donnie starrte sie erschrocken an, während er sich
hinter einen Busch fallen liess. Reggie erschoss zwei weitere Polizisten,
bis der Bodyguard ihr die Waffe, die sie aus seinem Halfter geschnappt
hatte, wieder entreissen konnte. Er wollte sie ins Haus zurücktragen,
aber sie schlug mit Armen und Beinen um sich. Sie mass die Strecke zwischen
sich und Donnie ab. Es waren noch etwa fünfzig Meter. Sie biss dem
Mann in den Arm und rannte los.
Donnie beobachtete, wie Reggie sich losriss und auf ihn
zu rannte. Die Polizisten wussten nicht genau, was sie machen sollten.
Sie hatten nicht damit gerechnet, dass jemand aus dem Weissen Haus Donnie
zu helfen versuchen würde. Aber sie waren unschlüssig. Es waren
lauter junge Polizisten im Einsatz, die zuvor noch nie auf der Strasse
gewesen waren. Was war, wenn einer von ihnen die Nerven verlor? Wenn einer
von ihnen auf Reggie schoss? Und vielleicht sogar traf?
Er konnte nicht zulassen, dass so etwas passierte. Er
schrie laut, dass sie wieder zurück gehen sollte, aber sie hörte
ihn nicht. Noch immer schossen die Polizisten und schrien einander Befehle
zu, so dass sie seine Stimme nicht heraus hören konnte. Was konnte
er bloss tun?
Die Gesichter der Polizisten waren mit Schweiss bedeckt?
Einige der Hände zitterten, vor allem die der jungen. Ihre Finger
lagen zu nahe am Abzug. Donnie sah diese zitternden Finger und Reggie,
die völlig ohne Deckung auf ihn zu rannte. Reflexartig stiess er sich
vom Boden ab, unterdrückte den Schmerz in seiner Seite und rannte
ebenfalls los. Kugeln flogen durch die Luft. Donnie spürte den heissen
Luftzug.
Bevor Reggie ihn erreicht hatte, richtete er sich auf
und rannte nun ebenfalls auf sie zu. Sie schrie ihm zu, dass er wieder
in Deckung gehen sollte, aber er hörte sie nicht. Verirrte Kugeln
flogen an ihr vorbei. Wagte es tatsächlich jemand, auf sie zu schiessen?
Dann geschah alles in Zeitlupentempo. Donnie stolperte
vor ihr, die Augen vor Erschrecken weit aufgerissen. Auf seiner Brust war
ein roter, kleiner Kreis sichtbar. Er wollte sich mit den Händen auffangen,
aber die Arme knackten unter ihm ein. Er wollte sich aufrappeln, aber alle
Glieder in seinem Körper schienen auf einmal keine Kraft mehr zu haben.
Er fiel mit dem Gesicht auf die Wiese.
Reggie schrie laut auf. Vor Erschrecken blieb sie stehen
und schrie. Jemand packte sie erneut von hinten, hob sie auf, als wäre
sie ein Kind und trug sie weg. Sie wollte sich wehren, wollte zu Donnie,
aber der Griff war fest und energisch. Sie konnte sich nicht befreien.
Polizisten rannten auf Donnie zu, noch immer mit gezückten Waffen.
Jemand drehte ihn auf den Rücken, die Pistole genau auf das Gesicht
gerichtet, doch Donnie bewegte sich nicht.
Reggie schrie weiter, während sie von Donnie weggebracht
wurde. Sie hämmerte auf die Arme ein, die sie umschlungen hielten,
biss und krallte hinein, aber es half nichts. Vor ihren Augen verschwamm
alles. Das Gesicht wurde nass vor Tränen. Sie wollte zu Donnie, aber
auf einmal hatte sie keine Kraft mehr. Sie erschlaffte. Ihre Beine knickten
unter ihr ein, als sie endlich wieder losgelassen wurde. Sie fiel auf den
Boden, den Blick aber noch immer auf Donnies Körper gerichtet. Sanitäter
waren zu ihm herangetreten. Einer von ihnen mass Donnies Puls.
Als er den Blick hob, wusste Reggie sofort, was er sagte,
auch wenn sie ihn nicht hören konnte. Ein neuer Schrei kam aus ihrer
Kehle, aber er wurde erstickt von den Tränen. Sie schluchzte und wollte
gleichzeitig schreien, und bekam dabei fast keine Luft mehr. Sie rappelte
sich auf und wollte zu Donnie gehen, aber sie wurde zurückgehalten.
Sie hatte keine Kraft sich zu wehren.
Die Sanitäter legten Donnie in einem Leichensack
auf eine Barre und trugen ihn zum Krankenwagen.
Reggie sackte erneut zusammen. Ihr Weinen war fast das
Einzige, das man in der Stille, die auf einmal eingetreten war, noch hören
konnte. Jemand legte ihr eine Dekke um die Schultern und sprach ein paar
Worte zu ihr, die sie aber nicht verstehen konnte, und ging wieder. Alle
Geräusche um sie herum wurden von ihrem Schluchzen erstickt. Sie verschwammen
zu einem einzigen, ununterbrochenen Summen, das sie fast nicht mehr wahrnehmen
konnte. Sie konnte nur noch sich selbst hören.
Ein sanfter Arm half ihr aufzustehen. Willenlos liess
sie sich führen. Sie wusste nicht, wohin sie gebracht wurde; es war
ihr auch egal. Ihr wurde sanft durchs Haar gestrichen, während jemand
auf sie einflüsterte.
„Miss Cormack, es tut mir leid, dass es so weit kommen
musste. Ich habe ihn nicht erschiessen wollen, aber es blieb uns leider
keine andere Wahl.“
Die Stimme drang in ihr Bewusstsein. Verständnislos
blickte sie den Mann an, den sie von irgendwoher kannte. Sie verstand ihn,
die einzelnen Wörter, die er sagte, aber der Zusammenhang kapierte
sie nicht.
Sein Gesicht war nass wie das ihre, aber im Gegensatz
zu ihr hatte er keine roten Augen. „Ich möchte Ihnen nur noch sagen,
dass Marcano, bevor er starb, noch etwas gesagt hat. ‚Ich liebe Reggie‘,
hat er gemurmelt. Ich dachte, vielleicht wollten Sie das wissen.“
Noch immer blickte sie ihn mit grossen, nassen Augen
an, bis er sich umdrehte und wegging. ‚Ich liebe Reggie‘ ging es ihr durch
den Kopf und ein erneuter Tränenanfall schüttelte sie durch.
Er hatte seine letzte Kraft gebraucht um ‚Ich liebe Reggie‘ zu sagen.
„Komm, Reggie, lass uns hineingehen. Du solltest nicht
hier draussen bleiben“, sagte eine neue Stimme.
Sie spürte einen sanften Druck in ihrem Rücken,
gab ihm aber nicht nach. Sie drehte sich um und sah über die grosse
Wiese zum Eingang, wo die Krankenwagen gerade losfuhren. In einem von ihnen
lag ein toter Mann, der nur tot war, weil er jemanden geliebt hatte.
‚Ich liebe Reggie‘ tönte noch immer in ihrem Kopf,
als sie sich wieder umdrehte und ihrem Führer folgte.