14. Die Flucht
Mehrere Male kamen Schritte
näher. Er hatte jedes Mal das Gefühl, dass es Judy mit Jessica
und Sam war, aber die Schritte gingen an der Tür vorbei und verstummten.
Judy kam erst nach einer sehr, sehr langen Stunde zurück
Sie machte die Türe auf
und deutete Sam und Jessica mit einer Pistole hineinzugehen. Sam runzelte
schon die Stirn, bevor sie Alex auch nur sah, denn dass sie ausgerechnet
hier hinein gingen, war mehr als erstaunlich.
Alex stand auf und nahm ebenfalls
seine Waffe hervor. Er zielte ohne mit der Wimper zu zucken auf Sam. Sie
starrte ihn erschrocken an, während Jessica auf ihn zusprang. Ihr
rannen vor Freude die Tränen aus die Augen. Er nahm sie in die Arme,
ohne die Pistole von Sam abzuwenden.
„Es ist in Ordnung, meine
Kleine. Es ist alles in Ordnung“, flüsterte er Jessica zu.
Sam drehte sich zu Judy um
und zischte wütend: „Verräterin!“
Judy lächelte nur leicht.
Sie liess sich nicht beirren. Wortlos ging sie zu einem Schrank und entnahm
ihm ein Paar Handschellen. Sie legte sie Sam um eine Hand und machte das
andere Ende an einem Gestell fest. Sam wehrte sich nicht, aber ihr Blick
war mehr als giftig.
„Kommen Sie. Wir müssen
uns beeilen“, sagte Judy zu Alex und dieser nickte.
Jessica starrte zuerst Sam,
dann Judy und schliesslich ihn an. Sie verstand nicht, was hier eigentlich
gespielt wurde. Warum hatten sie plötzlich ihre Mutter gefesselt?
Sie wollten sie doch nicht hier lassen? „Wir müssen Mum mitnehmen.
Wir können sie doch nicht hier lassen“, sagte sie.
Alex warf Sam einen hasserfüllten
Blick zu und sagte zu Jessica: „Das ist nicht deine Mutter, Jessi. Der
Name dieser Frau ist Samantha Bishop, nicht Nora Garcia.“
Jessica schien ihn nicht zu
verstehen und achtete auch nicht auf das, was er gesagt hatte. „Aber wir
müssen Mum mitnehmen. Dieser Cooper wird sie umbringen.“
Alex schüttelte den Kopf.
„Jessica, hör mir zu. Hör mir jetzt genau zu. Cooper ist der
Boss von ihr. Sie ist sozusagen ein Teil von ihm. Er wird ihr nichts tun,
niemals. Aber er wird dir etwas tun, wenn du nicht mit mir mitkommst. “
Sie sah ihn immer noch verständnislos
an. „Was willst du damit sagen?“ flüsterte sie zitternd, denn scheinbar
verstand sie doch mehr, als sie verstehen wollte.
Alex zögerte und antwortete
leise: „Ich will damit sagen, dass uns deine Mutter sehr lange angelogen
hat.“ Er wusste nicht, ob seine Tochter verstand, was er ihr sagen wollte.
Sie war doch schliesslich erst zehn Jahre alt.
Er sah zu Sam zurück,
die ihn nun ebenfalls mit Hass in den Augen musterte.
„Jessica ist auch meine Tochter,
Alex. Nicht nur deine“, sagte sie drohend, als ob sie damit Wirkung auf
Alex hatte.
Er zuckte mit den Schultern.
„Nein, sie ist nicht deine Tochter, Sam. Sie ist Noras Tochter, und da
Nora nicht mehr existiert, hat Jessica keine Mutter mehr.“
Er nickte Judy zu. Sie nahm
das Klebeband, das sie schon bereit hatte, und klebte es Sam über
den Mund. Alex schob Jessica aus dem Zimmer. Sie warf noch einen Blick
auf ihre Mutter. Sie verstand noch immer nicht. Er wusste, dass es für
sie schwer war das zu verstehen, viel schwerer als für ihn, aber es
war nun einmal so. Daran liess sich nichts ändern. Sie würde
sich daran gewöhnen und irgend wann einmal verstehen.
Er nahm sie an der Hand und
zog sie mit sich. Sie rannte ohne ein Wort zu sagen mit ihm.
„Hier lang! Gehen Sie gleich
da hinten links, dann kommen Sie hinaus. Aber passen Sie auf die Wachen
auf!“ riet ihnen Judy.
Alex nickte und wandte sich
in die von Judy gezeigte Richtung. Kurz vor der Ecke blieb er noch einmal
zurück und lächelte sie dankend an. Sie lächelte leicht
zurück.
Alex und Jessica rannten weiter
und wie durch ein Wunder begegnete ihnen niemand. Es schien hier alles
wie ausgestorben zu sein.
Er zog das Fenster hoch und
sah kurz hinaus. Das Fenster war auf der gleichen Seite wie das, durch
das er hineingekommen war, also im hinteren Teil des Hauses.
„Komm‘, hier raus!“ flüsterte
er.
Jessica kletterte auf den
Fenstersimms und sprang. Er setzte ihr mit einem Satz hinterher und sie
rannten schnell weiter.
Und da hatte ihre schon fast
unglaubliche Glückssträhne ein Ende. Sie hatten nun doch die
Aufmerksamkeit von mehreren Wachen auf sich gelenkt. Einige Schüsse
fielen in ihrer Richtung, doch keine der Kugeln traf.
Alex schob Jessica sofort
vor sich und deckte sie mit seinem Körper ab.
„Lauf, Jessica, lauf!“ schrie
er ihr zu und stiess sie vorwärts, während er noch den Schalldämpfer
von der Waffe schraubte, um eine grössere Schussweite zu haben.
Sie rannte, während er
sich umdrehte und die Schützen suchte, die ihn zu erschiessen versuchten.
Er schoss in die ungefähre Richtung und rannte schnell weiter. Durch
die Schüssen wurden immer mehr Wachen aufmerksam und halfen ihren
Kollegen den Eindringling zu schnappen. Einige setzten ihm nach. Alex sprintete
im Zickzack über die Wiese.
Ein Schuss traf ihn. Er unterdrückte
einen Schrei und fiel völlig lautlos hin. Er hörte, wie Jessica
nach ihm schrie. Mühsam rappelte er sich wieder auf und versuchte,
weiter zu rennen, aber er stolperte mehr vor sich hin als dass er rannte.
Ohne zu zielen schoss er dabei weiter hinter sich. Die Kugel hatte seine
linke Schulter getroffen, die bei jedem Schritt, den er machte, mehr schmerzte.
Und plötzlich fing ihn
jemand auf, während so viele Schüsse erklangen, dass er sie nicht
mehr zu zählen vermochte. Eine bekannte Stimme drang in ihn ein und
flüsterte, dass alles in Ordnung sei. Von irgendwoher tönte eine
andere, dunkle Stimme, die sagte, dass jemand das Recht zu schwiegen habe
und dass er einen Anwalt bekäme, wenn er sich keinen eigenen leisten
konnte.
Jemand rief mit schwacher
Stimme nach Jessica.
„Dad, ich bin hier“, sagte
sie leise und schluchzend.
Er hatte nach Jessica gerufen.
Er fasste ihre Hand, aber er konnte sie nicht sehen. Alles war verschleiert.
Das Einzige, was er noch sah, waren verschwommene Gestalten und Punkte,
die sich hin und her bewegten.
„Bleiben Sie bitte ganz ruhig,
Mr. Garcia. Wir haben alles unter Kontrolle. Ihre Tochter ist in Sicherheit“,
sagte eine ruhige Stimme und befahl fast gleichzeitig, dass man ihn in
den Krankenwagen bringen sollte.
Er spürte, wie er sanft
auf eine Trage gehoben und in den Krankenwaren geschoben wurde.
Woher kam dieser Krankenwagen?
Wer war dieser Mann, der behauptete, dass er alles unter Kontrolle habe?
Wer war die andere Stimme, die ihn zu beruhigen versuchte?
Er verstand auf einmal gar
nichts mehr. Der letzte Rest des Lichtes, das er noch gesehen hatte, verschwand.
Alles wurde schwarz.
15. Rettung
Alles war weiss. Die Wände,
die Decke, das Bett, einfach alles.
Zuerst konnte Alex nicht genau
erkennen, wo er war, aber dann wurde es ihm klar. Er war in einem Krankenhaus.
Alle Erinnerungen kehrten mit dieser Erkenntnis zurück.
Alles war auf einmal so schnell
gegangen. Die Wachen schossen auf ihn und trafen. Irgend jemand kam und
half ihm. Er sagte, es sei alles in Ordnung. Dann wurde er ins Krankenhaus
gebracht.
Was war mit Jessica passiert?
Er musste sie unbedingt sehen. Er musste wissen, wo sie war, ob es ihr
gut ging, ob sie in Sicherheit war.
Schnell wollte er sich aufrichten,
aber irgendein Apparat neben ihm begann wie wild zu piepsen. Fast augenblicklich
kam eine Frau herein - ebenfalls weiss gekleidet - und drückte ihn
mit einem sanften Lächeln auf das Bett zurück.
„Bleiben Sie bitte liegen,
Mr. Garcia. Es ist alles in Ordnung. Sie sind hier in guter Behandlung.
Wir sorgen für Sie.“
Er wollte sich gegen sie wehren,
aber er hatte keine Kraft dazu. Alle seine Glieder waren wie aus Gummi,
aber sie schmerzten fürchterlich. Also liess er zu, dass sie ihn wieder
zudeckte und dafür sorgte, dass das Piepsen aufhörte.
„Wo ist Jessica?“ brachte
er flüsternd hervor.
Die Schwester lächelte.
„Sie ist in guter Behandlung. Machen Sie sich keine Sorgen.“
Alex schluckte. „Bei wem?“
fragte er. Was war, wenn Sam gekommen war und gesagt hatte, sie sei Jessicas
Mutter und werde sich um sie kümmern? Dann fing alles wieder von vorne
an. Er konnte sie wieder suchen, sie zu befreien versuchen und am Schluss
würde es wahrscheinlich wieder schiefgehen.
„Eine gewisse Judy Dexter
hat sie aufgenommen. Sie sagte, sie sei Ihre Schwester und werde sich um
Ihre Tochter kümmern, bis Sie wieder gesund sind.“
Er war viel zu schwach um
zu lachen, und das war vielleicht auch gut so. Judy und seine Schwester!
Aber zum Glück war sie nicht Sam. Er konnte nur hoffen, dass sie es
nicht tat, um sich weiter bei Cooper einzuschmeicheln, denn dann begann
alles wieder von vorne.
Die Schwester lächelte
immer noch freundlich. „Ich werde Dr. Phillips vorbeischikken, in Ordnung?“
Er wusste nicht, wer Dr. Phillips
war, aber er nickte trotzdem. Vermutlich war er der Arzt hier, der ihn
behandelte. Er sah durch das Fenster hinaus. Dort draussen war grau. Der
Regen fiel in dicken Tropfen aus dunklen Wolken, die den ganzen Himmel
bedeckten.
Er sollte nicht versuchen,
gleich wieder aufstehen zu wollen. Das hatte keinen Sinn, nicht nur wegen
der Schusswunde. Er hatte in letzter Zeit so gut wie nichts geschlafen
und ziemliche körperliche Strapazen überwunden, da tat ihm ein
bisschen Erholung sicher nicht schlecht. Ein bezahlter Urlaub sozusagen.
Das einzige Problem, das seine Ruhe störte, war die Frage, ob Judy
auf seiner Seite stand oder auf der von Cooper.
„Mr. Garcia, wie ich sehe,
sind Sie aufgewacht! Wie geht es Ihnen?“ fragte eine tiefe Männerstimme,
die viel zu freundlich klang.
Er sah den Mann, der herein
gekommen war, an. Er war schon gegen die Fünfzig, vielleicht sogar
noch älter, und hatte leicht ergrautes Haar. Sein Gesichtsausdruck
war freundlich und er lächelte, aber seine Augen waren müde.
Er bräuchte vermutlich ebenso dringend Schlaf wie Alex.
„Ich bin Dr. Ethan Phillips,
Ihr Arzt. Sie hatten wirklich wahnsinniges Glück. Die Kugel hätte
fast Ihre Wirbelsäule getroffen.“
Alex versuchte ebenfalls zu
lächeln, aber vermutlich gelang es ihm nicht ganz. Phillips zog einen
Stuhl heran und setzte sich.
„Fühlen Sie sich schon
stark genug, um einige Fragen zu beantworten? Sie müssen noch nicht,
wenn Sie sich zu schwach fühlen.“
Alex wusste, was das für
Fragen waren, die der Arzt stellen wollte. Er hatte sie schon viele Male
gehört. Nach jedem Auftrag, wenn er wegen Schlafmangels und zu grosser
Erschöpfung in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste, kamen sie.
Jeder Arzt wollte ihre Antworten wissen.
Er nickte.
„Sie haben mehrere gebrochene
Rippen, fünf um genau zu sein, und auch Ihr Handgelenk ist gebrochen.
Das stammt eindeutig nicht von der Kugel.“
Alex hob die Brauen und murmelte
leise, mehr zu sich selbst: „Habe ich das etwa gesagt?“
Der Arzt schüttelte den
Kopf. „Nein, Sir, haben Sie nicht. Aber es gehört zu meinen Aufgaben
als Arzt, Ihnen zu helfen, sowohl in physischer als auch in psychischer
Hinsicht, falls das nötig sein sollte.“
Alex kannte die Reaktionen
der Ärzte, wenn er sagte, er sei einer, der Folter auf sich nahm,
um sich sein Geld zu verdienen. Sie verstanden ihn nicht. Meistens schickten
sie einen Psychiater oder, wenn es schlimm kam, einen Priester. Darum hatte
er es schon vor langer Zeit aufgegeben, die Wahrheit zu erzählen.
Es machte keinen Sinn. Sollten sie doch glauben, was sie wollten.
„Das wird nicht nötig
sein“, meinte er.
Der Arzt musterte ihn zögernd.
„Sind Sie sicher? Sie hatten schon mehrere Male solche Verletzungen. Sie
waren sogar schon viel schlimmer. Das zeigen die Röntgenaufnahmen,
die wir von Ihnen gemacht haben. Die wenigsten Ihrer Verletzungen wurden
medizinisch versorgt, obwohl sie es nötig gehabt hätten. Von
wo stammen sie?“
Das war sehr direkt gefragt.
Der Arzt hatte in seiner gesamten Arbeitsdauer sicher schon einige Patienten
wie Alex gehabt und wusste vermutlich unterdessen, was er fragen musste,
um Antworten zu bekommen. Aber es musste ja trotzdem nicht immer klappen.
Es gab in jedem Schema etwas, das aus der Reihe tanzte.
„Ist das wichtig für
Ihre Behandlung, Dr. Phillips?“ fragte Alex zurück.
Phillips zögerte. Er
wusste, wenn er jetzt nein sagte, dann würde Alex ihm nie antworten.
Wenn er aber ja sagte, dann log er und verletzte damit die Privatsphäre
seines Patienten. „Nein, eigentlich nicht.“
Alex nickte. Natürlich
war es nicht wichtig. Wie gewisse Dinge entstanden waren, war nur wichtig,
wenn es solche waren, die es noch nie gegeben hatte, wie neue Krankheiten
durch Viren, die niemand kannte. Wenn man bei diesen wusste, wie sie entstanden
waren, wusste man schon sehr viel. Aber bei ein paar Knochenbrüchen
war das nicht wichtig. Der Arzt konnte das auch ohne das Wissen, wie sie
entstanden waren, behandeln.
„Wissen Sie, wo meine ...
Schwester ist?“ fragte er.
Der Arzt seufzte. Er hatte
gehofft, dass Alex von sich aus etwas erzählen würde. „Sie sagte,
Sie wissen, wo sie zu finden sei. Sie sollen sie anrufen, sobald Sie können.“
Alex runzelte leicht die Stirn.
Er wusste, wo sie war? Von wo sollte er das wissen? Er kannte Judy ja gar
nicht. Auf einmal kam ihm eine Idee. Bei Cooper anrufen konnte er ja wohl
kaum, also blieb nur noch ein Ort, den sie beide kannten. Das CIA-Hauptquartier.
Er lächelte erfreut. Also hatte sie ihren Fall abgeschlossen und war
wieder an ihren eigentlichen Arbeitsort zurückgekehrt. Sie war mit
Jessica in Sicherheit. Das erleichterte ihn ungemein.
„Gibt es hier irgendwo ein
Telefon?“ fragte er und sah sich um.
Der Arzt schüttelte den
Kopf. „Ich halte das für keine sehr gute Idee, wenn Sie jetzt schon
telefonieren wollen. Sie können mir ja die Nummer geben und ich rufe
Ihre Schwester an, damit sie in ein oder zwei Tagen hierher kommt.“
Wie Commander Paton einmal
gesagt hatte: Wenn Judy etwas tat, dann hatte das einen Grund. Wenn sie
jetzt also sagte, er wisse, wo sie ist, und nicht die Telefonnummer gab,
dann hatte das auch einen Grund und er sollte das respektieren. Er wusste
jetzt, dass Paton damals recht gehabt hatte. Darum schüttelte er nur
den Kopf.
„Wie lange muss ich noch hierbleiben?“
Phillips zuckte mit den Schultern.
„Das hängt ganz von Ihnen ab. Sie könnten eventuell schon in
einer Woche gehen oder erst in einem Monat.“
Alex runzelte die Stirn. Was
meinte er denn damit? „Was muss ich tun, wenn ich in einer Woche gehen
will?“
Wieder zuckte der Arzt mit
den Schultern. „Gar nichts. Wenn Sie in einer Woche gehen, dann ist das
Ihre Sache, aber ich würde Sie gerne noch ein bisschen länger
hier behalten, um sicher zu gehen, dass Sie wieder in Ordnung kommen. Einige
Ihrer alten Verletzungen sind nie richtig verheilt und werden Ihnen vielleicht
einmal Probleme machen. Wenn wir sie jetzt aber noch nachträglich
behandeln, könnten sie noch richtig verheilen.“
Alex zögerte. Warum sollten
sie nicht richtig verheilt sein? Er spürte nie so etwas wie Schmerzen,
wenn er einmal zufällig keine Verletzungen hatte.
„Diese Verletzungen, von denen
Sie meinen, sie seien nicht ganz verheilt, schmerzen nicht, also sehe ich
keinen Grund länger als nötig hierzubleiben“, meinte Alex.
„Ich sagte, sie werden Ihnen
vielleicht einmal Probleme machen“, erwiderte der Arzt, „Jetzt können
Sie noch jahrelang leben, ohne etwas zu spüren, aber wenn Sie einmal
so alt sind wie ich, beginnen sie vielleicht zu schmerzen.“
„Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit
dafür?“ fragte Alex zurück.
Erneut zögerte der Arzt.
„Etwa fünfzig zu fünfzig. Vielleicht sind Ihre Knochen ja so
gut, dass sie die Verletzungen selber heilen können, bevor Sie Rheuma
bekommen.“
Alex lächelte leicht
und meinte damit: Na also. Es gab somit keinen Grund, einen Monat in diesem
Spital zu verbringen.
Phillips stand auf und hob
abwehrend die Hände. „Es war nur ein Vorschlag, mehr nicht.“ Er drehte
sich zur Tür um und blieb einen Moment lang unschlüssig stehen.
„Übrigens, Ihre Frau ist hier. Sie möchte sie sehen. Sie sitzt
schon seit Sie eingeliefert wurden im Wartesaal. Soll ich sie herein schicken?“
Fast hätte Alex den Kopf
geschüttelt. Aber warum sollte er sie nicht sehen wollen? Vielleicht
tat es gut ungestört darüber zu reden. Also nickte er.
Der Arzt ging hinaus. Alex
überlegte sich, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, mit ihr
zu reden. Was war, wenn sie ihn umbringen wollte, weil er zuviel wusste?
Er könnte sich nicht wehren. Dazu war er viel zu schwach. Aber ihr
Alibi wäre nicht das Beste, würde sie ihn umbringen, also überlegte
sie es sich das bestimmt zweimal.
„Was fällt dir eigentlich
ein, Jessica einfach mitzunehmen? Denkst du, ich würde sie schlecht
behandeln?“
Sie kam wie ein Donner hereingeplatzt
und starrte ihn wütend an. Alex reagierte nicht auf ihre Wut. Er wusste,
wenn er ruhig blieb, wurde sie um so wütender und würde bald
wieder gehen. Sie hatte es überhaupt nicht gerne, wenn sie fast an
ihrer Wut erstickte, während der andere ruhig blieb, als könne
ihn überhaupt nichts aus der Ruhe bringen.
Jedenfalls hoffte er, dass
sie danach wieder gehen würde. Vielleicht war sie als Sam ja anders
und griff zu anderen Mitteln.
„Ja, ich glaube, dass du sie
schlecht behandeln würdest“, gab er zurück.
Sie hatte die Hände verschränkt
und ging drohend hin und her. „So? Und warum glaubst du das? Ich habe sie
immer gut behandelt. Ich würde ihr nie etwas tun! Wie kannst du nur
so von mir denken?“
Alex lächelte leicht.
„Das stimmt. Du würdest ihr nie etwas tun, aber du würdest zulassen,
dass jemand anders ihr weh tut und das ist genauso schlimm, wenn nicht
noch viel schlimmer.“
Sie blieb stehen und blickte
ihn an. „Hättest du sonst etwas gesagt, Alex? Es war der einzige Weg,
dich zum Reden zu bringen.“
Alex wandte den Blick ab.
„Ich würde nie meine Tochter dazu benutzen, um andere zu erpressen,
auch wenn es wichtig wäre. Du hättest sie von Anfang da raus
halten sollen. Sie hatte nichts damit zu tun. Es war eine Sache zwischen
Cooper und mir. Am besten hättest du dich auch rausgehalten.“
Sam legte den Kopf schief
und musterte ihn. „Wo hast du Jessica hingebracht?“ wechselte sie das Thema.
Alex sah sie unschuldig an.
„Ich habe sie nirgendwo hingebracht. Wie hätte ich auch gekonnt? Ich
bin sofort in dieses Krankenhaus gebracht worden.“
Sie setzte einen mahnenden
Gesichtsausdruck auf.
„Hast du das Gefühl,
dass ich dir sage, wo sie ist, wenn ich versucht habe, sie von dir wegzubringen?“
fragte er zurück, so dass sie wie ein Idiot da stand, „Cooper scheint
dir dein geniales Hirn total verdreht zu haben.“
Sie ging nicht auf die Bemerkung
ein. „Ich bin ihre Mutter, Alex. Ich habe ein Recht darauf zu wissen, wo
sie ist.“
Alex schüttelte leicht
den Kopf. „In dem Augenblick, in dem ich erfuhr, wer du wirklich bist,
hast du alle Rechte als Mutter verloren.“
Sam konnte jeden Augenblick
platzen. Lange würde es nicht mehr dauern. „Das wird ein Gericht anders
sehen.“
Alex kannte das schon. Vor
Gericht würde es überaus schwierig und kompliziert werden. In
den meisten Fällen, bei denen nicht ganz klar war, wer das Sorgerecht
bekommen sollte, bekam es die Mutter. Aber er hatte das Gefühl, dass
das nur eine Drohung von Sam war, die sie nicht erfüllen würde.
Denn dann würde sie ihre Identität als Nora Garcia verlieren.
„Willst du vor das Friedensgericht
gehen? Willst du, dass Jessica erfährt, was ihre ach so gute Mutter
schon alles getan hat?“
Wäre Sam ein Hund gewesen,
hätte sie jetzt die Zähne gefletscht. „Ist dir eigentlich bewusst,
dass ich dich auf der Stelle umbringen könnte? Ohne dass du dich wehren
könntest?“ fragte sie in der gleichen höflichen Art wie Cooper
es immer tat.
Er nickte. „Natürlich
könntest du das. Aber ich habe hier einen Knopf, mit dem ich die Schwester
rufen könnte, und ausserdem wäre es, falls du es wirklich schaffen
würdest, mich zu töten, nicht schwer herauszufinden, wer mich
umgebracht hat. Ausserdem solltest du mir dankbar sein, dass ich dich nicht
schon lange der Polizei übergeben habe. Die suchen nämlich schon
nach dir.“
Sie schnaubte. Ihre Augen
schienen zu glühen, aber sie verlor nicht die Kontrolle, noch nicht.
„Ich habe dich wirklich geliebt, Alex, auch wenn du das vielleicht nicht
glauben wirst, aber jetzt ist vieles anders. Du weisst zuviel.“
Sie sprang in einer einzigen,
fliessenden nach vorn und riss ihm den Knopf aus der Hand. Er versuchte,
sich den Schrecken nicht anmerken zu lassen, aber vermutlich gelang es
ihm nicht. Sie hat wirklich die Absicht ihn umzubringen. Ihr Leben war
ihr egal, solange die LOTFA überlebte.
„Ich hatte nie vor, es soweit
kommen zu lassen“, seufzte sie leise. Sie bedauerte es wirklich, drückte
aber ohne zu Zögern ihre Hände an seinen Hals. Er versuchte sie
abzuwehren, aber in seinen Armen war keine Kraft. Verzweifelt starrte er
sie an und versuchte, nicht mehr atmen zu müssen. Aus ihren Augen
liefen Tränen.
„Was machen Sie da? Was soll
...?“ rief plötzlich eine tiefe Stimme und Alex wusste, dass das seine
Rettung war. Der Mann riss Sam von ihm weg und rief gleichzeitig durch
die offene Tür nach dem Sicherheitsdienst.
Alex atmete erleichtert tief
ein und hustete. Er tastete mit den Händen nach seinem Hals, um sicher
zu gehen, dass noch alles da war.
Zwei weitere Männer stürmten
herein und nahmen Sam in ihre Obhut.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte
Phillips und mass sofort besorgt seinen Puls. Alex nickte nur.
Er hasste Sam, aber deshalb
hätte er sie noch lange nicht umbringen können. Aber sie war
dazu fähig, obwohl sie behauptete, ihn geliebt zu haben. Er war sich
dessen nicht hundertprozentig sicher.
„Ein Glück für Sie,
dass Sie mir nichts erzählen wollten, denn sonst wäre ich nicht
so schnell wieder gekommen“, meinte Phillips und versuchte zu scherzen.
Alex‘ Atem beruhigte sich
langsam, aber der Schock blieb. Von der eigenen Frau ermordet werden zu
wollen war nicht gerade ein angenehmes Gefühl.
„Ein gewisser Scott Paton
möchte Sie sprechen. Er sagte, es sei wegen der Schiesserei, bei der
Sie angeschossen wurden.“
Alex nickte. Paton war bestimmt
nicht nur wegen dem hier. Er würde ihm jetzt eine Predigt halten,
gegen welche Gesetze er verstossen hatte und welche Gefängnisstrafe
auf ihn wartete.
Der Arzt zögerte wieder,
bevor er hinaus ging. „Was haben Sie getan, dass sogar der CIA nach Ihnen
sucht?“
Alex hob die Brauen. „Der
CIA sucht mich doch gar nicht. Er weiss ja, wo ich bin“, gab er zurück.
Der Arzt lächelte leicht.
„Okay, ich werde nicht weiter fragen.“ Er nickte ihm zu und ging hinaus.
Gleich darauf kam Paton hinein
und lächelte leicht, tadelnd, aber auch erleichtert, dass er noch
lebte. „Wir haben Samantha Bishop soeben festgenommen. Sie wurde schon
lange gesucht und wird nicht mehr wiederkommen.“
Alex nickte. Was machte es
schon für einen Unterschied, ob sie frei war oder nicht? Er würde
auf jeden Fall nicht zulassen, dass sie in Jessicas - oder in seine - Nähe
kam.
„Was haben Sie sich dabei
gedacht, einfach so Judys Tarnung zu gefährden?“ platzte es dann plötzlich
aus Paton heraus.
Alex sah ihn überrascht
an. „Ich habe Judys Tarnung gefährdet? Alles, was sie getan hat, hat
sie freiwillig getan. Ich habe sie zu nichts gezwungen!“
Paton erwiderte sofort: „Judy
wollte Sie in Sicherheit bringen und Sie sind trotzdem zurückgekehrt.
Sie fühlte sich verpflichtet Ihnen zu helfen. Durch Ihren verdammten
Dickkopf haben Sie alles aufs Spiel gesetzt.“
Alex zuckte mit den Schultern.
„Das ist nicht meine Schuld. Sie musste sich nicht verpflichtet fühlen.
Ausserdem glaube ich nicht, dass sie es besonders bereut, wenn sie diesen
Fall endlich los ist.“
Paton lächelte. Sein
Anfall war schon wieder vorbei „Sie sind ein cleverer Typ, Mr. Garcia.
Sie sollten sich überlegen, ob Sie das, was Sie machen, nicht legal
machen wollen.“
Alex unterdrückte ein
Lachen, denn das schmerzte mit den gebrochenen Rippen. „Das Angebot hat
mir Cooper auch schon gemacht, einfach mit illegal statt legal.“
Paton setzte sich auf den
Stuhl. „Judy sagte, sie werde mit Jessica vorbeikommen, wenn Sie entlassen
werden.“
Er nickte dankbar. „Wie geht
es ihr?“ fragte er.
Paton zuckte leicht mit den
Schultern. „Sie hat einen riesigen Schrecken davongetragen wie es nicht
anders zu erwarten war. Aber sonst geht es ihr ziemlich gut. Sie redet
jetzt sogar wieder mit Judy, obwohl sie ja gesehen hat, wie Judy Sie gefoltert
hat. Sie scheint es ihr aber noch nicht ganz verziehen zu haben, aber sie
macht Fortschritte.“
Er hoffte nur, dass Jessica
verstand, dass Judy nicht eine von den ‚Bösen‘ war und nicht einfach
abhaute. Das hatte sie schon einmal getan. Sie hatte sich schrecklich mit
ihm gestritten, weil er ihr etwas nicht kaufen wollte, das sie unbedingt
haben wollte. Sie war zwei Stunden lang nicht nach Hause gekommen und er
hatte sich Vorwürfe gemacht. Wenn ihr damals etwas passiert wäre
... Er wusste nicht, wie er reagiert hätte.
Mit leicht verzogenem Gesicht
setzte er sich auf.
„Das ist verständlich.
Ich habe es ihr auch noch nicht verziehen. Es tut verdammt weh“, sagte
er durch die zusammengepressten Lippen.
Paton lachte laut. „Natürlich
tut es das. Alles, was man bei Cooper lernt, tut weh. Ach übrigens,
was mich noch interessieren würde, was haben Sie Ihrem Arzt erzählt?
Er wird doch sicher schon nach all Ihren Verletzungen gefragt haben.“
Alex nickte bestätigend.
„Hat er, ja. Aber ich habe ihm indirekt mitgeteilt, dass ihn das nichts
angeht.“
Paton lachte wieder. „Sie
können ihm vertrauen, wirklich. Wir haben ihm schon viele Fälle
aus unserer Abteilung übergeben, und alle sind wieder gesund - vollkommen
gesund. Er ist wirklich schwer in Ordnung.“
Alex zuckte mit den Schultern.
„Es geht nicht darum, ob er in Ordnung ist oder nicht. Ich sehe einfach
keinen Grund, warum ich ihm alles erzählen sollte. Es geht ihn nichts
an, und ich brauche keinen Seelenklempner.“
„Sie müssen es nicht.
Es nahm mich nur wunder, weil er normaler Weise gleich alles von seinen
Patienten erfährt. Sie haben ihm länger als die anderen standgehalten.
Aber glauben Sie mir, Sie werden auch noch alles erzählen. Seine Art
ist einfach unwiderstehlich.“
Alex verstand nicht ganz,
was die Schwierigkeit daran war etwas nicht zu sagen, vor allem in diesem
Fall, aber er fragte nicht weiter. Es war ihm ziemlich egal.
Paton verabschiedete sich
und ging.
Alex‘ Gedanken kehrten zu
Sam zurück. Er hatte keine Ahnung mehr, wer sie eigentlich war. Sie
wollte ihn umbringen, aber ihr waren Tränen über die Wangen gelaufen,
während sie es versucht hatte. Hatte sie mit Nora gekämpft? Wollte
Nora ihn nicht umbringen, doch Sam schon, wegen Cooper, wegen seines Wissens?
Er seufzte und rieb sich seinen
Hals. Er verstand im Moment nicht mehr, was eigentlich geschah. Noch nie
hatte ihn ein Auftrag so verwirrt, was verständlich war, denn noch
bei keinem stellte sich heraus, dass seine Frau eigentlich jemand anders
war, als sie ausgab zu sein. Aber schon von dem abgesehen, nach jedem anderen
Fall war er nach einem Tag im Krankenhaus zumindest wieder geistig voll
da gewesen, aber jetzt war er immer noch wie betäubt und benebelt.
„Na, hat Ihnen Commander Paton
eine Predigt gehalten, warum Sie dieses und jenes nicht hätten tun
sollen?“ fragte Phillips und stand plötzlich vor ihm.
Alex hatte keine Ahnung, wie
lange er schon da gestanden hatte. Er hatte ihn nicht bemerkt. Es könnten
schon Minuten gewesen sein.
„Nein, hat er nicht“, antwortete
Alex und fragte sich, was Phillips tat, damit ihm immer alle alles erzählten.
Sein Charme war wirklich nicht übermässig gross.
Phillips zuckte ungerührt
mit den Schultern und wechselte das Thema. „Ihre Frau wurde gleich verhaftet
und wird mit Mr. Cooper zusammen eine Verhandlung bekommen.“
Alex fragte sich, von wo dieser
Arzt soviel wusste. Von wo kannte er zum Beispiel Cooper?
„Von wo wissen Sie, dass meine
Frau etwas mit Cooper zu tun hat?“
Phillips zuckte wieder mit
den Schultern. „Ich weiss es nicht. Es war eine Vermutung von mir. Und
eine andere Vermutung sagt mir, dass Sie ebenfalls durch Cooper Ihre Verletzungen
bekommen haben.“
Alex hob die Brauen und fragte:
„Warum fragen Sie mich dauernd danach, wie ich meine Verletzungen ‚bekommen‘
habe, wenn Sie es doch schon glauben zu wissen?“
„Dann stimmt es also. Er hat
Sie gefoltert.“
Alex erwiderte: „Das habe
ich nicht gesagt.“
Phillips lachte plötzlich
laut.
Er runzelte verwirrt die Stirn.
Was war so komisch, dass er so lachen musste? Hatte er irgendein Witz gesagt,
den er gar nicht mitbekommen hatte?
„Entschuldigen Sie bitte,
dass ich so lache, aber ...“
Ein weiterer Lachanfall unterbrach
Phillips. Alex konnte nur zusehen, wie er sich den Bauch hielt, bis er
sich wieder erholt hatte.
Bald wird er eine Sauerstoffmaske
brauchen, dachte Alex, zum Glück sind wir in einem Krankenhaus.
„Sie sind so naiv, Mr. Garcia“,
brachte Phillips dann endlich hervor.
Alex hob überrascht die
Brauen. „Naiv, Dr. Phillips?“
Der Arzt nickte. „Sie haben
das Gefühl, Sie müssen alles für sich behalten, nur weil
Sie ein paar Sachen tun, die andere Menschen normalerweise nicht tun. Dabei
wäre es viel einfacher, einmal alles zu erzählen, für Sie
und für mich. Wenn ich weiss, wie gewisse Verletzungen entstanden
sind, kann ich Ihnen auch besser helfen.“
Alex war erstaunt über
die direkte Aussprache des Doktors, liess es sich aber nicht anmerken.
„Wissen Sie denn nicht, wie man eine Schusswunde oder ein gebrochenes Handgelenk
behandelt? Das machen Sie doch jeden Tag, oder nicht?“ fragte er zurück.
Phillips machte eine unbestimmte
Geste. „Natürlich weiss ich das, aber unbewusst lenkt das Wissen,
wie etwas passiert ist, meine Behandlung. Ich kann natürlich Ihre
Hand eingipsen und Ihre Wunde versorgen, aber es geht nicht nur um meine
Behandlung. Wenn Sie sich psychisch besser fühlen, heilt Ihre Hand
auch schneller. Der Heilungsprozess ihres Körpers wird dann durch
das Gehirn wie angetrieben.“
Alex nickte. Er hatte nicht
vor, diesem wildfremden Mann sein Herz auszuschütten, denn er hatte
weder ein schlechtes Gewissen irgendwem gegenüber oder fühlte
sich seiner Arbeit wegen unwohl.
„Wenn ich merke, wie mein
Gehirn den Heilungsprozess verlangsamt, werde ich zu Ihnen kommen, das
verspreche ich Ihnen. Aber bevor das passiert habe ich nicht vor etwas
zu sagen, was nicht unbedingt notwendig ist.“
Nun schien der Arzt ebenfalls
über seine Direktheit erstaunt zu sein, aber er akzeptierte sie, denn
er hatte sie herausgefordert. „Ich kann damit leben, wenn Sie nichts erzählen
wollen. Das ist Ihre Sache. Sie müssen damit leben.“
Alex nickte erneut. „Natürlich.“
Damit ging Phillips wieder
und Alex tat es fast ein bisschen leid, dass er so hart zu ihm war. Aber
Phillips war kein kleines Kind mehr und musste verstehen, dass nicht alle
seine Patienten ein Plappermaul hatten und vielleicht lieber etwas für
sich behalten möchten. Er hatte schon bei vielen Ärzten gesehen,
wie sie einfach automatisch annahmen, dass alle irgend etwas erzählen
möchten und wenn dann einmal ein Patient kam, der nichts erzählt,
waren sie richtig frustriert. Es erschien ihnen einfach nicht logisch,
das jemand nichts erzählen will.
16. Berühmt
Alex wusste nicht, wie lange
er in einem Zustand zwischen Wachsein und Schlafen verbracht hatte, aber
solange konnte es noch nicht gewesen sein. Vermutlich ein Tag, vielleicht
zwei, aber nicht viel länger.
Seine Hand war nicht in einem
Gips, wie Phillips es gesagt hatte, sondern in einer Schiene, die es ihm
so gut wie unmöglich machte, sie noch zu benutzen.
Als er den Kopf drehte, sah
er neben sich eine junge Frau, die er bis jetzt erst einmal in seinem Leben
gesehen hatte.
„Guten Morgen. Haben Sie gut
geschlafen, Alex?“ fragte Nina Alaimo, die junge Reporterin aus dem Flugzeug,
lächelnd. Ihre Augen waren müde, als habe sie die ganze Nacht
lang neben seinem Bett gewacht.
„Es geht“, antwortete er mit
rauher Stimme.
Sie hatte es also herausgefunden.
Na ja, er hätte ihr ja auch nicht den Tip mit den Restaurants geben
müssen. Dort erfuhr man wirklich alles über illegale Aktivitäten.
„Ich hätte wirklich nicht
erwartet, dass ich neben dem Mann sitze, den ich interviewen soll. Es war
eine echte Überraschung für mich, als Sie aus diesem Haus gerannt
kamen, mit einem kleinen Kind neben sich und einer Kugel im Rücken.“
Alex verstand nicht ganz.
War sie etwa dort gewesen? Was hatte sie dort gemacht? So schnell konnte
sie das doch unmöglich erfahren haben. Allerdings, er war lange im
Haus gewesen. In dieser Zeit konnte man schon einiges in Erfahrung bringen.
„Sie waren dort und versuchten
mich zu beruhigen, nicht?“ fragte er. Er hatte ihre Stimme gehört.
Sie hatte ihn aufgefangen, als er wieder umgefallen war. Sie war also diese
Stimme gewesen.
„Ja, das war ich. Aber jetzt
möchte ich Sie etwas fragen. Warum haben Sie mir nicht Ihren richtigen
Namen gesagt? Sie haben doch noch gar nicht gewusst, dass ich nach Ihnen
suche. Wenn Sie es getan hätten, nachdem ich es Ihnen erzählt
hatte, würde ich es verstehen, aber so ...“
Warum er es getan hatte? Konnte
sie das nicht verstehen? Wenn man verdeckt arbeitete und lieber nichts
mit den Medien zu tun haben wollte, benutzte man immer einen Decknamen.
Das war in Filmen wie in der Realität so. Sah sie denn nie fern?
„Ich bin von Natur aus ein
misstrauischer Mensch. Ausserdem habe ich Sie nicht gekannt. Ich wusste
nur, dass Sie Nina Alaimo hiessen und sonst nichts.“
Es hätte ihn jetzt nicht
erstaunt, wenn sie sagte, dass ihr richtiger Name eigentlich gar nicht
Nina war. Aber das sagte sie nicht, schliesslich war sie noch neu in ihrem
Business.
„Wissen Sie, ich glaube, ich
werde eine gute Story über Sie schreiben, auch ohne ein Interview
mit Ihnen gemacht zu haben. Das, was ich erlebt habe, reicht völlig
aus.“
Alex lächelte. Das mochte
stimmen, sie musste sich nur fragen, was wahr war und was nicht. Wenn sie
die Informationen benutzte, die er ihr im Flugzeug gegeben hatte, dann
würde sie zwar eine schöne Geschichte erzählen, aber leider
würde alles falsch sein.
„Sie können ruhig auch
schreiben, dass dies mein letzter Auftrag war und man in Zukunft nichts
mehr von mir hören wird“, sagte er nach einer kurzen, betretenen Pause.
„Warum?“ fragte sie erstaunt,
während die Reporterin in ihr erwachte.
Er lächelte. Ein Bild
von Jessica stieg in ihm hoch. Sie lachte und ihre Augen glänzten.
„Ich muss mich um meine Tochter kümmern. Ihre Mutter muss für
eine ganze Weile ins Gefängnis.“
Nina lächelte leicht
zurück und nickte. „Das werde ich schreiben. Das gibt einen schönen
Schlusssatz. Darf ich Sie wörtlich zitieren?“
Alex lachte und achtete nicht
auf die Schmerzen, die ihm die Rippen bereiteten. „Natürlich.“
In seinem ganzen Leben war
er nie in der Öffentlichkeit gestanden. Niemals war er in der Zeitung
gewesen. Und jetzt, wo er sein besonderes Leben beenden wollte, wurde plötzlich
ein Zeitungsartikel über ihn geschrieben. Das würde ihn vielleicht
berühmt machen. Irgendwie war das schon komisch.
17. Heilung
Fünf Tage später
entliess Dr. Phillips seinen Patienten Alex. Er hatte nicht weiter nach
dem Grund seiner Verletzungen gefragt, aber die Frage stand ihm die ganze
Zeit über immer deutlich ins Gesicht geschrieben. Alex liess sich
nicht davon ablenken und tat, was Phillips ihm aufgetragen hatte, nämlich
schlafen, sehr viel schlafen.
Er hätte nicht gedacht,
dass er einen solchen Schlafmangel hatte, aber scheinbar war es doch so.
Er verschlief die meisten Zeit und war nur wach, um zu essen und ein paar
Untersuchungen über sich ergehen zu lassen. Jetzt freute er sich darauf,
endlich wieder einmal nach Hause gehen zu können.
Er trat in seinem Anzug aus
dem Krankenhaus und sah sich erst einmal um. Die Sonne schien, als freue
sie sich, dass er wieder gesund war. Er kniff die Augen zusammen.
Zögernd ging er vorwärts
und entdeckte Judy, die ihm zuwinkte. Jessica kam auf ihn zugelaufen und
umarmte ihn stürmisch.
Er schloss sie in seine Arme
und flüsterte leise: „Hallo, mein Schatz. Wie geht es dir?“
Ihr strahlendes Gesicht sagte
im Moment alles, aber Alex wusste schon jetzt, dass sie Sam vermissen würde.
Das Leuchten in ihren Augen würde vergehen, sobald sie wirklich verstanden
hatte, was geschehen war.
Er ging mit ihr zu Judy und
lächelte sie leicht an.
„Danke, dass Sie auf Jessica
aufgepasst haben“, sagte er und streckte ihr die Hand hin.
Sie nickte und nahm seine
Hand mit einem erstaunlich festen Griff. „Es war mir ein Vergnügen.“
Alex sah auf Jessica hinab. In ihren Augen war nichts mehr von dem alten
Hass auf Judy zu erkennen, den sie einmal gehabt hatte.
„Vielleicht freut es Sie zu
hören, dass Cooper verhaftet wurde. Das absolute Minimum seiner Strafe
liegt bei fünfzehn Jahren ohne Bewährung. Das schätzt sogar
sein Anwalt.“
Alex nickte lächelnd.
„Das freut mich für Sie. Sie haben viel für diesen Moment riskiert.“
Sie neigte den Kopf und war
eine Sekunde lang abwesend. „Ja, das habe ich.“
Alex musterte sie. Auch wenn
sie immer noch genau gleich aussah wie damals, als er ihr zum ersten Mal
begegnet war, schien sie nun doch etwas Unbekanntes an sich zu haben. Ein
neuer Teil ihres Wesens, der bisher unter ihrer Tarnung verborgen geblieben
war.
„Ich wünsche Ihnen viel
Glück, Mr. Garcia. Und dir natürlich auch Jessica“, sagte sie
lächelnd zum Abschied.
Erstaunt sah er zu, wie Jessica
sie umarmte. Sie waren sich in den paar Tagen näher gekommen, als
er es geglaubt hatte.
Er gab Judy die Hand und drückte
sie sanft. „Auf Wiedersehen, Miss Dexter.“
Sie nickte ihnen zu, ging,
ohne sich noch einmal umzudrehen, zu ihrem Auto und fuhr los.
Alex sah auf Jessica und umarmte
sie noch einmal überglücklich. Für sie beide begann jetzt
ein ganz neuer Abschnitt ihres Lebens, in dem sie noch viel zu lernen hatten.