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Auszug aus
Mauern des Schweigens
(umgearbeitet zu HTML)
ie Gottesanbeterin wartet mit leicht gehobenen Klauen auf ihr Opfer. Schlaglöcher zeichnen die Straße. Vögel zirpen im Gestrüpp, das den Wegesrand säumt. Überall, wo sich keine Wagenspuren eingegraben haben, haben Gras und Kamille die Fahrbahn erobert.
Noch wenige Fingerbreit trennen die Gottesanbeterin von ihrem Opfer. Gerade wollen die Klauen vorschießen, da schrecken Jäger wie Opfer hoch: Stampfen und Knarzen kündigen das Kommen eines Fuhrwerkes an. Es ist ein Tuchhändler, der mit seiner Ware dahinzieht.
Beobachten wir den Wagen, fällt uns zunächst nichts Ungewöhnliches auf. Die Maultiere zerren an ihren Riemen. Der Mann auf dem Kutschbock scheint mit Gott und der Welt zufrieden zu sein. Ein Bewaffneter gibt ihm Geleit und reitet immer wieder ein Stück voraus. Er hält Ausschau, bis der Karren aufgeschlossen hat.
Trotz seiner Begleitung sieht sich der Händler ständig nach allen Seiten um, als befürchte er, verfolgt zu werden. Auch dies mögen wir noch als normal beurteilen, schließlich transportiert er eine wertvolle Ladung Tuche und Stoffe. Doch als sein Begleiter ihm ein Zeichen macht, sagt er ein Wort hinter sich, wo sich seine Ware türmt. Die Abdeckplane ruckt ein wenig und erstarrt wieder. Wenige Augenblicke später taucht eine Gruppe fremder Reiter auf der Straße auf.
Und als die Fremden vorbeigezogen sind und die Straße wieder frei ist, wird unsere Geduld belohnt: Unter der Plane blickt das Gesicht eines Jungen hervor. Es ist von Düsternis erfüllt. Der Händler spricht Worte voll Mitleid und Anteilnahme zu seinem verborgenen Gast.
Noch seltsamer mag uns diese Gegebenheit erscheinen, wenn wir einen Blick weit hinter den Händlerkarren werfen: Dort, hinter den Mauern einer Stadt, suchen bewaffnete Büttel und aufgebrachte Bürger in jedem Winkel nach einem verschwundenen Jungen.
... ein kleiner Sprung ...
Vorsichtig tappte Martin zur Treppe. Er kannte die Dielen genau und wusste, welche knarrten und welche nicht. Durch die Luke tastete er sich auf die Treppe hinaus, hinunter in den Hof. Der Mond spendete wenig Licht, gerade genug, um sich orientieren zu können. Martin blieb am Fuß der Treppe stehen, steifte sich den Kittel und den Mantel über und schlich durch die Diele auf die Straße. Furcht und Aufregung vor dem, was er und Johnathan da vorhatten, schnürten ihm die Kehle zu.
Er huschte von Ecke zu Ecke, nutzte jedes Fass und jede Nische als Deckung. Zu dieser Stunde patroullierte die Nachtwache durch die Stadt. Wenn die ihn ohne Laterne auf der Straße erwischte, dann würde er für die nächsten Tage im Kerker sitzen.
Martin schauderte. Einmal wäre er fast auf etwas pelziges, weiches getreten und schrak im letzten Augenblick zurück. Doch zu seinem Glück jaulte der Hund nur träge und schlief weiter.
Die Straßen hatten sich zu finsteren Schluchten voller bizarrer Schattenskulpturen verwandelt. Man konnte kaum glauben, daß hier vor ein paar Stunden noch buntes Menschentreiben geherrscht hatte, dachte Martin. Etwas Schmieriges klebte an seiner Fußsohle.
Zum Glück war die Inselstadt nicht groß. Der Straßenzug, in dem er wohnte, mündete südöstlich in die Stadtmauerstraße, westlich aber in den Marktplatz. Der Gestank verrottender Marktabfälle war weithin zu riechen. Eine Gasse weiter kam er auf die Austraße, deren Häuser an die gegenüberliegende Stadtmauer anschlossen. Jetzt war es nicht mehr weit.
Schließlich stand er vor dem viereckigen, etwas abseits von den anderen gebauten Haus, das im Erdgeschoß ganz aus Stein erbaut war. Ein mächtiges Tor, halb so breit wie das ganze Gebäude, versperrte den Weg in die Schmiede selbst.
Ein Kieselstein traf Martin. Als er sich umdrehte, trat Johnathan aus dem Schatten des Hauses und winkte ihm zu. Johnathan grinste wie ein Jäger auf der Lauer, der das Wild kommen hört.
"Bis jetzt ist noch nichts passiert", flüsterte er, "die Lehrjungen und der Schmied schlafen oben, das Erdgeschoß ist leer! Wenn der Schmied etwas tun will, dann wird er es sowieso erst tun, wenn die Jungen schlafen. Also jetzt irgendwann. Los, komm!"
"Da kommen wir doch nie rein!", flüsterte Martin. Es beruhigte ihn ein wenig, daß er seinen Freund bei sich hatte.
"Ach was", raunte Johnathan, "ich habe mich ein wenig umgesehen, bei Tag. Hinten im Hof läßt die Schmiedfrau ein Fenster offen. Es ist sehr klein, aber wir könnten uns durchzwängen! Komm!"
Martin machte ein unglückliches Gesicht und folgte Johnathan, der zur Mauer des Hofes schlich.
"Haben die keinen Hund?", flüsterte Martin aufgeregt.
"Doch! Aber da habe ich vorgesorgt! Und jetzt hebe mich hoch!"
Nachdem Martin Johnathan auf die Mauer hatte steigen lassen und selbst mit Johnathans Hilfe heraufgekommen war, zog sein Freund ein Tuch aus seinem Beutel. Es stank derart bestialisch, daß es Martin schier den Atem verschlug. Und dann rieb sich Johnathan damit ein!
"Gegen den Hund", flüsterte er erklärend, als er Martins Blick auffing, der nichts außer Verständnislosigkeit ausdrückte, "der ist sowieso schon ziemlich alt. Mit dem Tuch hier wird er keinen Muchs tun! Reib dich damit ein!"
Martin fragte lieber nicht, mit was dieses Stück Stoff getränkt war: Es roch genau so wie das, womit Hunde Häuserecken...
Er unterdrückte ein Würgen im Hals, überwand sich und tat, wie ihm geheißen.
Johnann ließ sich von der Mauer in den Hof herab und ging auf den Hund zu, der als kleiner Hügel vor der Schmiede lag. Und tatsächlich: Der Hund sprang hoch, bellte ein Mal, stutzte -- und rannte schwanzwedelnd auf sie beide und das Tuch zu!
Johnathan streichelte ihn und ließ ihn mit dem Tuch allein, während er Martin zuwinkte. Solange der Hund beschäftigt war, mussten sie verschwinden. Johnathan trat zu dem Fenster und schob langsam, Stück für Stück, den Holzladen beiseite. Dann zwängte er sich hindurch. Martin folgte ihm und schob die Arme, den Kopf durch das Fenster, glaubte schon, mit den Hüften steckenzubleiben. Hätte Johnathan ihn nicht von innen gehalten, wäre er kopfüber auf den Steinboden gefallen.
"Das nächste Mal mit den Füßen voran", zischte Johnathan belustigt.
Sie sahen sich um. Das gesamte Untergeschoß bestand aus dem Martin bereits bekannten Raum, der von der übriggebliebenen Glut in der Esse in ein rötliches Licht getaucht wurde. Es verwandelte all die Geräte und Werkzeuge in grauenhafte Teufelsfratzen und Spinnenfiguren.
Der Ambos, mit dem Martin schon so unangenehme Bekanntschaft gemacht hatte, saß wie ein geduckter Gnom auf seinem Sockel. Es war heiß.
"Und jetzt?", fragte Martin. Bis hierher war alles klar gewesen: Bei Nacht und Nebel unbemerkt zur Schmiede kommen, den Hund überlisten, in das Haus eindringen. Und jetzt?
Martin sah, wie Johnathan plötzlich grinsen musste. Alles hatte wunderbar geklappt, aber -- was wollten sie eigentlich hier? Sich umschauen etwa? Oder warten, bis sie Wurzeln schlugen?
Da ließ sie ein Poltern aufschrecken. Über ihren Köpfen knarrte die Holzdecke. Eine Tür wurde geöffnet. Schritte suchten ihren Weg eine Treppe hinunter.
Johnathan fuchtelte aufgeregt mit der Hand. Sie mussten sich verstecken!
An den Wänden boten genügend Gerätschaften Deckung. Am günstigsten erschien Martin der Platz zwischen dem Hausaltar und einer offenstehenden Truhe. Schon hatte er sich dahinter zusammengekauert und hielt den Atem an.
Das Hoftor zur Schmiede wurde geöffnet. Der Schein einer Laterne erweckte die Schatten zum Leben. Jemand trat zu einer Werkbank und stellte etwas darauf ab. Martin lugte vorsichtig hinter seinem Versteck vor und zog sofort wieder den Kopf zurück. Dort stand der alte Gundolf mit seinem Sohn Georg.
Sein Herz verkrampfte sich. Er erstarrte zur Salzsäule, als die beiden genau auf sein Versteck zugingen. Keine Armlänge entfernt hörte er Kupferschlager an der Truhe herummachen - an der Truhe, die ihm als Versteck diente! Wenn er den Deckel zuwarf, würde er Martin unbedingt entdecken. Martin machte sich so klein, wie es ihm nur möglich war, und verdrängte das Reißen in den Sehnen. Ein schabendes Geräusch erklang vom Boden der Truhe, und dann das zufriedene Grunsen des Schmiedes: Die Truhe hatte also ein Geheimfach vorne zwischen den Beschlägen. Kupferschlager entnahm etwas und entfernte sich. Martin atmete erleichtert auf.
Die beiden schienen irgend etwas in die Esse zu werfen: Immer wieder flackerte ein Feuerschein auf, zuckte und erlosch. Dann das Rascheln von Pergament, und die Geräusche, die man beim Anbringen eines Siegels verursacht.
Nach einer schieren Ewigkeit - Martin tat der Rücken weh, die Beine schliefen ihm ein, sein Genick war wie gelähmt - raunte Kupferschlager seinem Sohn zu:
"Wir müssen den Siegelstempel möglichst bald vernichten, und den anderen auch. Morgen wirfst du die Typare in die Regnitz! Das war das letzte Dokument. Dann kann uns nichts mehr passieren." Kupferschlager machte eine Pause und murmelte, "Wer hätte das von einem Schneiderjungen erwartet..."
Wieder ging er zu Martins Versteck, wieder biss Martin die Zähne zusammen und schwitze Angstschweiß. Wieder das Schaben des Geheimfaches. Und wieder interessierte der Truhendeckel den Schmied nicht! Ein zweites Mal durfte Martin erleichtert sein.
Die beiden nahmen die Laterne und gingen wieder hinauf. Kaum war die Tür zugefallen, sprang Johnathan auf und rannte zur Truhe. Zögernd verließ Martin sein Versteck.
"Schau her! Sie haben ein Geheimfach!", zischte Johnathan. Tatsächlich: Er drückte sachte gegen das Brett vorne links zwischen den Stahlbeschlägen der Truhe - und es bewegte sich! Das Brett glitt nach oben und gab eine kleine Schublade frei. Darin lag eine Ledertasche mit vielen Werkzeugen, ein Döschen mit weißem Pulver und einige Wachssiegel auf ausgerissenen Dokumentstreifen. Im hinteren Bereich der Schublade lagen außerdem ein kurzes, sehr scharfes Messer, ein Tiegelchen, zwei in Tuch eingeschlagene, gut fingerlange Siegelstempel - Typare - und eine Dose mit gelblichem Siegelwachs. Johnathan nahm die Siegelstempel an sich und betrachtete sie. In dem Halbdunkel der Glut konnte er jedoch die Prägung nicht erkennen. Jedenfalls war das eine größer als der Typar eines gewöhnlichen Schmiedes, aber zu klein, um das Zunftsiegel zu sein; das andere hatte die Größe eines gewöhnlichen Familiensiegels.
"Das reicht für heute!", zischte Martin aufgeregt, "Komm! Lass uns verschwinden! Komm!"
Johnathan wollte protestieren, aber als er die Angst in Martins Augen sah, gab er widerwillig nach.
"Zur Sicherheit nimmt jeder von uns einen Stempel, alles andere bleibt da. Hier, nimm den großen! Und jetzt komm! Wir müssen uns beeilen, wenn wir erst einmal wieder draußen sind", zischte Johnathan, "Das Tuch verliert schnell seine Wirkung!"
Martin verstaute den Typar in seiner Gürteltasche. Sie schlichen zum Fenster, spähten hinaus - alles war ruhig, Kupferschlager und sein Sohn mussten schon oben im Bett sein - und zwängten sich in den Hof. Martin stieß dabei mit dem Fuß gegen einen kleinen Eimer, der mit einem Scheppern umstürzte. Sie beeilten sich.
"Wir haben vergessen, das Geheimfach zu schließen!", zischte Johnathan erschrocken, gerade, als sie die Mauer erreicht hatten und hastig emporkletterten. Martin sah ihn entsetzt an. Ehe er reagieren konnte, erklang ein zorniger Schrei, der ihm durch Mark und Bein ging.
"Halt!"
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