Kapitel VIII. 1 Ansätze von Selbstorganisation

Die Ereignisse des Juni 1953 waren ein Schlag ins Gesicht all der Funktionäre, die behaupteten die Arbeiterklasse hätte ihnen ihr Mandat gegeben. Es war ein Schlag in das Gesicht der Funktionäre, welche die Arbeiterklasse nicht für fähig hielten alleine (d.h. ohne fremde, aufgesetzte und selbst ernannte Führung) zu handeln und die der Arbeiterklasse lediglich trade-unionistisches Bewußtsein zutrauten. Für diese Funktionäre reduzierte sich Klassenbewußtsein auf "freiwillige Produktionsverpflichtungen" und befohlene "Demonstrationen der Stärke der Arbeiterklasse". Für sie war das Klassenbewußtsein mit der Mitgliedschaft in der Partei und der Zustimmung zu den Beschlüssen all der Beschlüsse eben dieser gleichzusetzen. Von der "schöpferischen Initiative" der Klasse war stets nur in blumiger Weise die Rede, Realität war dagegen die Allmacht der Partei und ihrer Funktionäre.

Viele Arbeiter hatten niemals zuvor an einem Streik teilgenommen. Alles war improvisiert. Es gab keine Gewerkschaft, Partei oder Organisation, welche die Interessen der Arbeiter vertrat. Die Arbeiter artikulierten ihre Mißstimmung und beanspruchten die Vertretung ihrer eigenen Interessen, welche sie der Partei, die lediglich jahrelang von Sozialismus geredet hatte, absprachen. Es gab kaum Kontakte zu anderen Städten oder Fabriken, diese wurden improvisiert. Es wurden andere Betriebe und Belegschaften kontaktiert, zur Solidarität aufgefordert. "Es war verheerend, daß es keine Organisation gab oder etwas ähnliches. In unserer Gegend hatten wir niemals zuvor an einem Streik teilgenommen. Es war alles improvisiert. Wir hatten keine Verbindung mit irgendwelchen anderen Städten oder Fabriken. Wir wußten nicht, wo wir beginnen sollten. Wir waren sehr erfreut, daß sich die Dinge entwickelten, wie sie sich entwickelten. Alles, was man in der Menge sah, waren Gesichter, welche Erregung ausstrahlten, weil jeder fühlte, daß zuletzt die Stunde gekommen, war, daß wir uns selbst vom Joch der Sklaverei befreien würden." (90)

Die kleinen und zarten Anfänge selbstbestimmten Lebens schildert der Polier Alfred folgendermaßen: "Wir erobern einen Lautsprecherwagen, der uns mit seiner dämlichen Regierungspropaganda auf die Eier geht. Mit dem geben wir unsere Parolen des Generalstreiks durch. Wer von unseren Sprechern seine Aufgabe nicht gut macht, wird von uns rausgeholt. Da herrscht schon ein Anfang von selbstbestimmter Demokratie. Immer wieder wechseln wir die Sprecher aus, bis einer endlich alle zufriedenstellt." (91) Vielerorts wurde oftmals der Werkfunk, die Telefonzentrale beschlagnahmt und von streikenden Arbeitern in Betrieb genommen. In Dresden z.B. wurde der örtliche Radiosender besetzt und es wurden die Erklärungen der Streikenden verlesen und so einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht. In Halle formierte sich ein Streikkomitee, das wie ein Arbeiterrat funktionierte. Es rief den Generalstreik aus und faßte den Beschluß, das Büro der Lokalzeitung zu besetzen. In einem Telegramm des Bitterfelder Streikkomitees wurde die "Bildung einer provisorischen Regierung der Metallarbeiter" gefordert. Dies sind alles Beispiele von Aktionen der Arbeiterklasse, an die allerdings nur schwer heranzukommen ist, weil keiner ein Interesse an der Kenntnis der Wirklichkeit der Bewegung hatte - außer den Arbeitern selbst, denen allerdings die Möglichkeiten und Mittel fehlten die Erinnerung in größerem Maße wach zu halten.

Die Revolution wurde nicht von irgendeiner Organisation durchgeführt und geplant, sondern es war die Revolution (d.h. die Arbeiter in Selbstaktion), die sich ihre eigene Organisation, ihre eigenen Organe in Form der Streik- und Initiativkomitees schuf.

Die Machtlosigkeit der Partei- und Staatsmacht wird am meisten deutlich durch den sang- und klanglosen Rückzug der meisten Funktionäre und Vopos, die erst dann wieder in das Bild vieler Städte zurücckehrten, als die russischen Panzer und Soldaten für "Ruhe und Ordnung" gesorgt hatten.

Als erste Ansätze von Selbstorganisation sind die in vielen Orten und Betrieben gegründeten Streik- und "Initiativ"-Komitees anzusehen, welche von den Arbeitern ohne Zutun irgendwelcher Vertreter spontan gebildet wurden. Diese Komitees, die man - trotz ihrer organisatorischen, räumlichen und zeitlichen Begrenztheit - als ersten Keim einer Räteherrschaft (die unter anderen Umständen wie z.B. in Ungarn 1956 möglich gewesen wäre) ansehen kann, stellten die erste selbsttätige Aktion des (ost-)deutschen Proletariats seit 1945 dar, als die Antifa- und Betriebskomitees gegründet worden waren. Die Streik- und "Initiativ"-Komitees entstanden bewußt ohne Zutun irgendwelcher politischen Kräfte und waren gegen die offiziellen "Arbeiter-"Organisationen gerichtet, denen die Arbeiter somit die Legitimation im Namen der Arbeiter zu handeln absprachen. Die kämpferischsten Teile der Arbeiterklasse gaben sich mit ihnen ihre eigene Führung und sie fingen in Ansätzen an ihre Arbeit und ihr Leben selbst zu regeln.

Allein aber schon die Arbeitsniederlegungen und der Streik wie auch die Demonstrationen waren von der Arbeiterklasse selbst, d.h. ohne Zutun der Partei oder der Gewerkschaft, organisiert. So gewannen Teile der Arbeiterklasse in den ehemaligen Hochburgen der KPD im mitteldeutschen Industriegebiet und nicht nur dort die Initiative zurück und die Arbeiterklasse war fähig die Partei und den Staatsapparat zumindest für einige Stunden zurückzudrängen und zu entmachten, so daß man ansatzweise und örtlich begrenzt von der beginnenden Herrschaft der Arbeiterklasse sprechen könnte. Die Machtlosigkeit der Partei und des Staates, das durch die Arbeiteraktionen entstandene Vakuum, wurde allerdings erst nach dem Einsatz der russischen Truppen wieder gefüllt - von den alten Herren.

In einigen Orten ist es der Arbeiterschaft gelungen nicht nur die alte Macht zu sabotieren und zum Teufel zu jagen, sondern es wurden auch eigene Organe der Macht, an den offiziellen "Arbeiterorganisationen" vorbei, geschaffen. So z.B. Streik- und Initiativkomitees. Die Bewegung schuf also aus sich selbst heraus die Organe einer neuen sozialen Ordnung und gab sich selbst eine eigene Führung. In Görlitz gab es "Ansätze zur Organisierung des Aufstandes" und die Stadtverwaltung wurde von der Menge für abgesetzt erklärt. Es wurde öffentlich ein neuer Bürgermeister gewählt und es wurde eine Art Bürgerwehr aufgestellt, welche durch die Straßen patrouillierte. In Halle bildete sich ein "Initiativ-Komitee", das "Anstalten machte, die Stadtverwaltung zu übernehmen". Auf der Insel Rügen wurde ein gemeinsames Streikkomitee aller dortigen Baustellen geschaffen. In vielen Städten und Dörfern wurden die Bürgermeister abgesetzt und neue Gemeinderäte berufen. Hinter all den neuen Organen der Macht stand der Großteil der Arbeiterschaft in den Betrieben und der Bevölkerung. Die Initiativen zu den Streiks und Demonstrationen waren aus den Betrieben gekommen und viele Belegschaften nahmen geschlossen an ihnen teil. (92)

Es gab auch einigenorts den Versuch neue Gesellschaftsstrukturen zu schaffen: "Hier und da wurde örtlich sozialisiert: Der Rat der Stadt Geising verwandelte die Zinngruben in einen städtischen Betrieb, die Motorradwerker von Zschopau bildeten ihre Fabrik zu einer Genossenschaft um - das wurde schleunigst rückgängig gemacht. Bloß keine spontanen Aktionen!" (93) Auf der Kundgebung im Walter-Ulbricht-Stadium wurde die Konstituierung von Arbeiter-Organen diskutiert. Oder in Leipzig z.B. fand vor dem Völkerschlachtdenkmal eine Kundgebung mit 24.000 Teilnehmern statt, auf der ein sozialistisches wiedervereinigtes Deutschland gefordert wurde.

Allerdings muß eingestanden werden, daß weitergehende und über Proteste, Komitees und erste Versuche hinausgehende Ansätze von Selbstorganisation nicht mehr realisiert werden konnten. Im Gegensatz zu Ungarn drei Jahre später hatte der Aufstand in der DDR keine Zeit seine Forderungen (weiter) zu entwickeln, die Bewegung fortzuführen, sich starke Organe zu schaffen und die Bewaffnung zu organisieren und somit den Fortgang des Aufstandes zu sichern.

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