Schlusswort zur Broschüre "17. Juni 1953 - Arbeiteraufstand oder Konterrevolution?"

Für uns ist der Grund für die Beschäftigung mit den Kämpfen der Vergangenheit, daß wir sehen wollen, wer sie bestimmte, welche Ziele und Orientierung sie hatten, was sie erreichten und warum sie sich entwickelten wie sie sich entwickelten - kurz: uns geht es darum die Lehren aus ihnen zu ziehen, ihre Erfahrungen für die Kämpfe und Diskussionen der Gegenwart und Zukunft "fruchtbar" zu machen. Der 17. Juni gehört für uns mit zu den Kämpfen und Erfahrungen der Klasse, deren Andenken wir erhalten wollen, weil wir sie für wichtig halten. Er war, wie Marx es für andere Kämpfe ausgedrückt hat, "ein menschlicher Protest gegen ein unmenschliches Leben". Wie wir gesehen haben, hat die Klasse sich aus eigener Kraft gegen die Bevormundung und Ausbeutung durch ihre selbsternannten "Freunde" und "Vorkämpfer" gewendet. Dieser Kampf ist ein Schlüssel zum Verständnis, wie Klassenkämpfe und Revolutionen entstehen. Der 17. Juni wie auch viele andere Kämpfe haben gezeigt, daß Revolutionen nicht von "bewußten" Revolutionären gemacht werden, daß das Bewußtsein ständig Entwicklungen unterlegen ist und daß es nicht die revolutionäre Theorie ist, welche die Voraussetzung für revolutionäre Taten ist. Wir haben aber auch gesehen, daß es verschiedene Vorstellungen von dem gibt, was unter "Sozialismus" zu verstehen ist. Für uns ist die Bewertung der DDR als Sozialismus ein Beispiel für einen Trugschluß. Es ist der alte Trugschluß, daß der Sozialismus gleichgesetzt wird mit der Herrschaft der "Partei der Arbeiterklasse" und der Verstaatlichung der Produktionsmittel. Wer allerdings wirklich Verfügungsgewalt über die Betriebe und den gesellschaftlichen Reichtum hat, wer wirklich den Plan bestimmt, das wird niemals beleuchtet. Dann müßte nämlich entweder eingestanden werden, daß die Arbeiterklasse in der DDR und anderswo gar keine Macht in Händen hielt oder die sozialstaatliche Reglementierung müßte zum Sozialismus ernannt werden. Sicher war in der DDR nicht alles schlecht und sicher war einiges besser als in der BRD, aber deshalb muß man nicht gleich von Sozialismus reden. Es ist eine Frage, was man unter Sozialismus versteht: eine Menge blutloser Gesetze und staatliche Reglementierungen oder die Rätedemokratie und die Initiative und Selbstorganisation der Massen? Wenn man sich einigen kann, daß man unter Sozialismus ein System versteht, in dem Ausbeutung, Entfremdung, Hierarchien, Klassen-Unterschiede, Lohnarbeit und Stellvertreterpolitik der Vergangenheit angehören und Selbstbestimmung und nicht nur "Mitbestimmung" zum Alltag gehören, dann hat in der DDR (gleiches trifft auf Kuba zu, das sicherlich im Vergleich zu anderen Ländern Lateinamerikas eine bessere soziale Versorgung hat) kein Sozialismus existiert, sonder nur eine "sozialere" und bürokratischere Form der Ausbeutung. Die Bürokraten der SED mögen einen anderen Weg als den der BRD eingeschlagen haben, aber die Arbeiterklasse war im Osten ebenso politisch und wirtschaftlich entmündigt wie im Westen und im Osten noch dazu im Namen eines nicht vorhandenen Sozialismus, der sich in vorgefertigten Resolutionen und organisierten Demonstrationen abfeiern ließ. Statt zu glorifizieren, wo es nichts zu glorifizieren gibt, sollten wir die Vergangenheit besser betrachten und die nötigen Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen. Die wirkliche Initiative und Kreativität der Massen wurden ebenso unterdrückt wie die Forderungen der Arbeiterklasse immer wieder ignoriert wurden (wie auch 1953). Wenn wir hier die DDR kritisieren, so tun wir dies nicht um der Kritik willen. Wenn wir klären wollen, was wir im Gegensatz zu den vorherrschenden leninistischen Gruppen unter Sozialismus verstehen, kommen wir auch nicht umhin zu erklären, was Sozialismus nicht ist. Unserer Meinung nach muß es heute darum gehen: Nicht rückwärts zur DDR, sondern vorwärts zum Sozialismus, einem Sozialismus, der durch die Initiative Massen und nicht auf Kosten der Massen und zugunsten der Bürokraten lebt! Das ist unser Verständnis von sozialistischer Politik im Jahre 2000.

Wir haben mit dieser Broschüre versucht Bilanz zu ziehen, was den 17. Juni angeht. 1953 zeigte unserer Meinung nach den einzigen Weg auf, wie der Sozialismus erreicht werden kann und wie eine Rekonstruktion des privaten Kapitalismus (unter Mithilfe der Stalinisten wie derzeit teilweise praktiziert in China und Kuba) verhindert werden kann: indem das Proletariat sich selbst emanzipiert und die ihm angelegten Ketten sprengt und abwirft. Es ist uns wichtig eine unabhängige Position zu entwickeln und zu bewahren und nicht irgendwelchen Mythen hinterherzulaufen, die einen bei ihrem eigenen Fall mit sich in die Versenkung ziehen werden, weil an ihnen alles Selbstverständnis und Selbstbewußtsein hängt. Wir denken in diesem Zusammenhang an die sich noch "sozialistisch" nennenden Staaten China, Kuba und Nordkorea, in denen sich allerdings die sozialen Unterschiede immer klarer entwickeln. In China z.B. bildet sich aus den Reihen der Partei eine Art neuer Managerklasse heraus, welche die Ausbeutung verschärft und die Betriebe fast wie privates Eigentum behandelt. Wer nicht klare Position zu diesen staatskapitalistischen Systemen einnimmt, wird mit diesen Mythen fallen wie ein großer Teil der Linken nach 1989 mit den osteuropäischen Staaten gefallen ist, weil er unkritisch den osteuropäischen Regimen gegenübergestanden hatte und Kompromisse eingegangen war, wo es keine geben darf.

Die Vergangenheit enthält bekanntlich stets ein Stück der Zukunft. Und so sind es die Möglichkeiten und die Erfahrungen von 1953, von denen wir heute lernen können. Die Klasse selbst wird sich in der Zukunft wie in den Kämpfen der Vergangenheit ihre Organe (ob dies zwangsläufig Räte sein werden, diese Frage wird der Lauf der Geschichte beantworten, wir wollen auf jeden Fall nicht in einen neuen Fetisch verfallen) schaffen und sich selbst aus ihren eigenen Reihen ihre eigene Führung geben. Dazu bedarf sie keiner wie auch immer gearteten Führung, die ihr von außen aufgesetzt wird. Daß sich Revolutionäre bereits im Hier und Jetzt organisieren sehen wir nur als konsequent an. Allerdings ist die Art der Organisierung entscheidend. Die revolutionäre Organisation darf weder Avantgarde sein noch einen bloßen Beobachterstatus einnehmen. Wir verstehen uns als Teil der Klasse, denn wir stammen aus ihr, sind wie unsere Klassenbrüder zur Lohnarbeit oder eben zur "Arbeitslosigkeit" verdammt. So ist es nur natürlich, daß wir an den Kämpfen unserer Klasse teilnehmen, also stets dort, wo wir auch betroffen sind. Daß wir andere Kämpfe der Klasse kritisch begleiten und nach unseren Möglichkeiten unterstützen werden, ist für uns auch klar. Nur gehen wir nicht an Kämpfe und Bewegungen mit organisationsegoistischen Zielsetzungen heran, sondern sind entweder Teil dieser oder sympathisieren mit ihnen. Für uns ist es nicht wichtig in Vereinsmeierei zu verfallen, eine Organisation mit bürokratischem Wasserkopf aufzubauen und uns ständig darum zu bemühen mehr Zeitungen zu verkaufen, mehr "Genossen" zu rekrutieren und mehr Spenden zu sammeln. Es darf nicht darum gehen Bewegungen zu vereinnahmen oder zu verleumden und zu zerstören, wenn sie einem nicht in den Kram passen. Das ist nicht "moralisch" gemeint, sondern unsere Erfahrung und Erkenntnis aus unserer langjährigen Zugehörigheit zur linken Szene und linken Organisationen. Wir kämpfen nicht für die Macht einer neuen Elite, sondern für die Sache der Revolution und der Arbeiterklasse, also für unsere Sache, weil wir ein Teil der Klasse sind. "Die Revolution ist keine Parteisache!" wußte schon Otto Rühle Anfang des letzten Jahrhunderts den Charakter der Revolution klar zu verdeutlichen. Wir wissen sehr gut, daß sich Klassenkämpfe nicht planen lassen. Entweder die Klasse kämpft oder sie kämpft nicht. Es muß für uns als Marxisten darum gehen die marxistische Methode zu benutzen, nicht um neue Herrschaft und Unterdrückung zu rechtfertigen, sondern um die Verhältnisse zu analysieren, Tendenzen festzustellen und Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten zu erfassen. Wir wollen uns ebenfalls nicht bloß mit der Rolle als Beobachter zufrieden geben. Niemand kann die Befreiung der Arbeiterklasse an ihrer Stelle erringen. Dies ist nur der Arbeiterklasse selbst möglich, die sich nur selbst befreien kann. Die Partei allerdings begeht den Fehler stellvertretend für die Klasse handeln und Probleme lösen zu wollen, wo es doch gerade darum gehen müßte die Klasse zu befähigen, so daß sie keiner Führer mehr bedarf und ihre Probleme selbst zu lösen. An uns sollte es sein, alles zu fördern und zu unterstützen, was der Selbstorganisation der Klasse nützt und alles zu unterlassen bzw. zu bekämpfen, was der Selbstorganisation schadet und der alten Ordnung der Ausbeutung, Bevormundung und Unterdrückung dienlich ist. "Revolutionäre Prozesse bestehen darin, daß die Massen in die Lage versetzt werden, selbständig organisiert zu handeln. Diese Selbstorganisation können wir nicht vorwegnehmen oder ersetzen. Wir können uns nur bemühen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen und ständig zu erneuern: eine ausreichende Zahl geeigneter Informationswege." (98) Dies alles schließt für uns nicht aus bereits im Hier und Heute aktiv dort zu handeln, wo wir als Teil der Klasse von der Politik der Herrschenden betroffen sind (99). Wir verfallen allerdings nicht der Illusion im Hier und Jetzt durch Kompromisse langfristige und weitreichende Veränderungen herbeiführen zu können. Diese Illusion überlassen wir dann doch lieber den Avantgarden in Parteien und Gewerkschaften.

Es ist wichtig den Marxismus von seinem Ballast zu befreien, der die Herrschaft im ehemaligen Ostblock und nun in China, Kuba und Nordkorea rechtfertigen soll. Der Marxismus muß wieder von einer Rechtfertigungsideologie zu einer lebendigen Methode und Theorie zur Befreiung der Arbeiterklasse werden. Und es ist auch wichtig, daß sich Marxisten von bürgerlichem Denken trennen, wozu gehört, daß die Position zur Arbeit (Stichwort: bürgerlicher Arbeitsethos), zum Staat (Stichwort: Staatsfetisch), zur revolutionären Organisation (Stichwort: Organisationsegoismus, Autoritätsgläubigkeit, bürgerliche Stellvertreterpolitik), zur bürgerlichen Politik (Stichwort: bürgerliche Stellvertreterpolitik, Parlamentarismus), zum Begriff der Arbeiterklasse (Stichwort: Fixierung auf die weiße, männliche Arbeiterklasse, zumeist bestehend aus Facharbeitern) überdacht, kritisch hinterfragt und neue Ansätze geschaffen werden. Positive Ansätze sehen wir bei den Rätekommunisten der KAPD und der AAU, bei Cajo Brendel, Maurice Brinton, Paul Mattick, Anton Pannekoek und Otto Rühle, bei der englischen Gruppe "Solidarity" (RIP), bei der französischen Gruppe "Socialisme ou barbarie" (RIP), aber auch bei Rudolf Rocker, Emma Goldman oder Volin. Aber es darf nicht darum gehen an die Stelle der einen Führer oder Vordenker andere zu setzen, genauso wenig wie es darum gehen darf die eine Unterdrückung durch die andere zu ersetzen, was wir bereits oben kritisierten. Der Kampf gegen die Unterdrückung, die Ausbeutung und die Lebens- und Arbeitsbedingun-gen ist ein fester Bestandteil aller Klassengesellschaften. Und dieser Kampf beseitigt stets die vorhandenen und herrschaftssichernden Mythen und Illusionen. So war es auch im Juni 1953, als alles mit Resolutionen begann und es mit totaler Ablehnung des Systems und seiner Vertreter endete. Die Arbeiterklasse kann sich nur befreien, indem sie ihre eigene Macht verwirklicht, und das kann ihr keiner abnehmen. Ansonsten endet solch ein Versuch in einem ähnlichen Desaster wie die staatskapitalistischen Staaten, welche nur einen bürokratischen Witz darstellen im Gegensatz zu dem, was Sozialismus wirklich sein könnte. Das ist die Erkenntnis der Kämpfe der Vergangenheit. Um die Freiheit zu erreichen muß die Arbeiterklasse alle beiseite fegen, die ihr vorschreiben wollen, wie sie zu leben habe. Die Freiheit zu erkämpfen, das muß die Arbeiterklasse schon selbst, das kann ihr keiner abnehmen. Wir sehen uns als Teil der Klasse und wollen als solcher an den Kämpfen teilnehmen, sie versuchen voranzubringen und kritisch zu begleiten im Sinne der Sache und nicht irgendeiner Gruppe oder neuen Herrschaft. Solange wie eine Gesellschaft auf der Lohnarbeit basiert, wird das Schicksal solch einer Gesellschaft verbunden sein mit der Revolte der Lohnabhängigen, die um Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben ringen. Diese Gefahr - für uns diese Erkenntnis der Kämpfe der Vergangenheit und Gegenwart - schwebt wie ein Damoklesschwert über der kapitalistischen Gesellschaft. Für uns ist es die Hoffnung auf ein lebenswertes Dasein, für die Herrschenden der Alptraum einer privilegienfreien Gesellschaft, in der die Menschen keines Staates, keiner Vermittler und Chefs mehr bedürfen. RED DEVIL

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