im auge des universums

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S Y L P H E N

[ träume ]

 

Marta Nowicki .:blue angel:. Wieder hat Luisa ihre Wellensittiche vergessen. Wie viele Tage sind sie dieses Mal ohne Futter geblieben? Sie hetzt zu ihrem Terrarium, da sitzen sie: ein blauer und ein winziger grüner, halb verhungert, wie verwelkte Blüten. Luisa macht sich schwere Vorwürfe. Sie versteht nicht, wie sie wieder und wieder für so lange Zeit vergessen kann, ihre Vögel zu füttern. Sie hat Angst. Angst, diese Aufgabe nie zu bewältigen. Angst, dass ihre schönen, fröhlichen Vögel sterben. Zum ungezählten Mal füllt sie eilig ihre Näpfe mit frischem Futter, glänzenden runden Körnchen, gibt ihnen frisches Wasser. Hofft, dass sie fressen und bald wieder gesund sind. Die Vögel fressen und werden langsam wieder gesund.

Erleichtert wendet Luisa sich ab. Da entdeckt sie den großen grünen Papagei mit roten und gelben Flecken am Kopf am Rand des Käfigbodens, der völlig verschrumpelt da liegt wie ein weggeworfener Lumpen. Ihr wird übel. Ihr Magen krampft sich zusammen: Ja, sie hat auch einen Papagei, größer und schöner als alle Wellensittiche. Die vergisst sie ganze Tage lang, was schlimm genug ist, den Papagei jedoch hatte sie fast schon aus dem Gedächtnis verloren. Es sind Jahre, wahrscheinlich viele Jahre, dass sie nicht einmal an ihn gedacht hat. Luisa wusste nichts mehr von ihrem Papagei, sie hatte ihn vergessen. Jetzt, da sie das, was von ihm übrig ist, liegen sieht, kommt die Erinnerung wieder: Dieser Papagei konnte noch nie ordentlich fressen, weil er krank ist. Er hat eine Stoffwechselkrankheit, kann kein Futter verwerten, scheidet alles wieder nahezu unverdaut aus. Mittlerweile erstickt er fast an den großen graubraunen Kotkugeln. Die Kugeln bestehen aus lauter unverdauten Körnchen, und jede ist mit einer Art Henkel versehen. Sylvia hebt eine Kugel nach der anderen hoch. Ihr Gesicht ist von Ekel verzerrt. Sie ist ganz außer sich:
"Mein Gott, sind die widerlich, igitt, so etwas Ekliges!"

Luisa ist sicher, dass der Papagei tot ist. Kein Wesen überlebt mehrere Jahre ohne Nahrung. Ihr schönstes Tier ist verhungert, und schuld daran ist sie. Sie hat es umgebracht mit ihrer Gedankenlosigkeit, ihrem Desinteresse, ihrem Mangel an Liebe.

Fast will sie es nicht glauben, als der Papagei sich unmerklich bewegt. Luisa beugt sich tief zu ihm hinunter, vorbei an den stinkenden Kotkugeln. Ganz leise und flach hört sie ihn atmen. Der Papagei lebt noch. Es ist ein Wunder. Aber nicht ihrs, sondern das des Lebenswillens des prächtigen Vogels. Luisa ist fest entschlossen, ihn nie wieder zu vergessen, nie wieder zu vernachlässigen. Eilfertig stellt sie ihm einen Napf mit Futter hin, aber das nützt gar nichts: Die Körner rutschen einfach durch den Vogel durch. Was kann man tun? Luisa wendet sich an Sylvia, ihr kommt ein vager Gedanke. Sie schickt Sylvia zu Unserer Tierheilerin. Die wird hier auch nichts machen können, aber man weiß ja nie. Wenigstens soll nichts unversucht bleiben. Nach kurzer Zeit kommt Sylvia zurück. Sie bringt eine dunkelrote Astilbe mit.

Eine Astilbe! Luisa ist ebenso begeistert wie überrascht:
"Unsere Tierheilerin versteht ihr Fach!"
Es ist die perfekte homöopathische Verordnung. Die Astilbenblüten sehen fast genauso aus wie der Papageienkot - lauter winzige Kügelchen -, nur die Farbe ist eine andere: Ähnliches werde mit Ähnlichem geheilt.

Marta Nowicki .:green angel:. Erleichtert streckt Luisa dem Papagei die Astilbe zum Fressen hin, doch bevor sie sich's versehen hat, hat ihr Reh sie stibitzt. Der kleine schlammbraune See in Luisas großem Terrarium, aus dessen Mitte ein rundes, braunes Inselchen ragt, ist von dichtem Wald, Grashügeln und Gebüsch umgeben. Die beiden Wellensittiche stecken irgendwo in den Zweigen und Bäumen droben, der Papagei liegt ganz vorn an der Glaswand, und auf einem Grashügel am Waldrand steht das Reh, das jetzt an der Astilbe knabbert. In dem Schlammtümpel jedoch schwimmt ein Tier immer rings um die Insel herum, von dem nur ein glatter, brauner Buckel aus dem Wasser ragt. Das ist Luisas Dackel.

Als auch er sich auf die Astilbe stürzen will, greift Luisa durch. Sie verscheucht die beiden Tiere, und endlich gelingt es ihr, die Blume dem Papagei zu geben, der sich sofort mit dem Rücken zur Glasscheibe dreht und in gebeugter Haltung ganz langsam, konzentriert und genüsslich daran knabbert.

Jetzt wird alles wieder gut.

 

 

 

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