Die nächsten Tage und
Wochen vergingen ziemlich ereignislos. Tom setzte sich nach vier Tagen
zum ersten Mal auf, worauf ihm gleich übel wurde und nach acht Tagen
stand er unsicher auf den Beinen. Er hielt es nur in paar Sekunden aus,
bevor er umgefallen wäre, hätte ihn Oliver Hudson nicht aufgefangen.
Jennifer Sheen und Michael
Gordon wurden gefasst, als sie aus dem brennenden Haus kamen. Kelly Taylor
hatte Foster sofort alarmiert und der verfolgte seine Spur bis zu diesem
Haus. Die beiden Verbrecher waren jetzt im Gefängnis und warteten
auf ihren Prozess, in dem Tom als Zeuge aussagen sollte.
Dr. Taylor hatte Tom verziehen,
verzichtete aber darauf, irgendwie auf seine Anspielung, dass er in sie
verliebt sei, einzugehen, sondern behandelte ihn nur als Patienten und
nicht mehr. Vielleicht war das sogar gut für Tom, so hatte er genügend
Zeit nachzudenken, was mit Angela Benett und ihm war. Sie trug ein Kind
von ihm, und er hatte keine Chance mehr, es rückgängig zu machen.
Zwei Wochen, nachdem er aus
dem zweiten Koma erwacht war, konnte er ohne Probleme eine Viertelstunde
lang durch den Park joggen, ohne allzu grosse Schmerzen zu haben.
"Na, Tom, Sie können
es wohl kaum erwarten, endlich entlassen zu werden", fragte Hudson ihn,
nachdem Tom erschöpft aus dem Park zurückkam.
Tom lächelte, wischte
sich den Schweiss aus der Stirn und neigte den Kopf zur Seite.
"Ich war jetzt lange genug
hier. Für die nächsten Jahre habe ich genug von Krankenhäusern."
Oliver nickte.
"Nach mehr als fünf Monaten
hätte ich auch langsam genug, wäre ich ein Patient."
Tom starrte ihn an.
"Wie bitte? Wie lange haben
Sie gesagt, sei ich schon hier?"
Oliver sah ihn entsetzt an,
und biss sich auf die Lippen.
"Ich dachte, man hätte
es Ihnen unterdessen gesagt."
"Was gesagt?"
"Dass Sie seit fünf Monaten
im Krankenhaus sind."
Tom schüttelte den Kopf.
Er spürte einen Anfall von Schwindel, liess ihn aber nicht die Gewalt
über ihn bekommen.
"Niemand hat mir auch nur
ein Wort gesagt. Ich habe angenommen, dass es vielleicht drei Monate waren,
aber nicht fünf!"
Oliver wich seinem Blick aus.
"Als Sie das zweite Mal ins
Koma fielen, blieben Sie fast drei Monate bewusstlos. Wir hatten schon
fast die Hoffnung aufgegeben, dass Sie jemals wieder aufwachen."
Tom setzte sich auf sein Bett
und zog die Beine an.
Wenn er wirklich seit fünf
Monaten hier war, dann war alles durcheinander. In der Firma, bei Jennifer
und Winnetou, bei Angela.
"Ich muss sofort hier raus.
Ich kann nicht noch länger hier bleiben."
Tom stand auf und fing an,
seine Sachen in einen kleinen Koffer zu packen. Oliver starrte ihn erschrocken
und hilflos an.
"Sie können nicht einfach
gehen. Dr. Taylor hat Sie noch nicht entlassen. Es bestehen immer noch
Risiken."
Tom achtete nicht darauf.
Er zog seine Kleider an, nahm seine Tasche und drückte sich Oliver
vorbei.
"Was machen Sie denn?" fragte
Dr. Taylor plötzlich.
Sie war wie aus dem Nichts
vor ihm aufgetaucht und sah ihn jetzt verwundert auf.
Tom richtete seinen starren
Blick auf sie.
"Ich verschwinde von hier.
Sieht man das nicht?"
"Das kann ich nicht erlauben.
Sie sind noch nicht vollständig gesund."
"Ach nein? Auch nach einem
Sturz aus dem dritten Stock dürften fünf Monate wohl reichen,
um es zu heilen, oder?"
Es klang schärfer als
eigentlich beabsichtigt, aber die Worte verfehlten nicht ihre Wirkung.
Sie sah zuerst ihn, dann Oliver
erschrocken an.
Er schob sie zur Seite und
ging mit schnellen Schritten in den vollen Flur hinaus, in dem überall
Ärzte und Patienten herum lungerten und es aussah, als ob sie nicht
wussten, wohin sie gehen sollen.
"Mr. Penn! Warten Sie! Sie
können nicht einfach gehen. Mr. Penn! Bleiben Sie hier!"
Alle sahen sich erstaunt nach
Kelly, dann nach Tom um, aber niemand versuchte ihn aufzuhalten. Er rannte
durch die Gänge, von Kelly verfolgt, aber sie gab schnell auf.
Er nahm sich ein Taxi, das
ihn zu sich nach Hause brachte und lehnte sich von innen gegen die Haustür,
als sie hinter ihm ins Schloss fiel. Es gefiel ihm nicht, gegen den Willen
seiner Ärztin aus dem Krankenhaus zu 'fliehen', aber sie hatten ihn
angelogen, oder jedenfalls ihm etwas ziemlich wichtiges verschwiegen.
Jemand hatte sich um seine
Wohnung gekümmert, denn sie war aufgeräumt wie nie. Alles war
sauber.
Er schmiss die Tasche in die
Ecke, und nahm das Telefon in die Hand.
"Hallo? Frank? Hier ist Tom
Penn."
"Mr. Penn", entfuhr es Frank,
"Sie sind wieder zu Hause?"
"Ja, unerlaubt auf jeden Fall.
Hätten Sie einen Moment Zeit, um mich zu Angela Benett zu fahren?"
"Natürlich, Sir. Soll
ich gleich kommen?"
"Wenn es geht ..."
"Okay, ich bin in fünf
Minuten bei Ihnen."
Tom lächelte. Auf Frank
konnte man sich verlassen. Er war sich sicher, dass Frank jetzt auch nicht
gleich zu Mitchell rennen würde und alles erzählen würde.
Das war nicht sein Stil.
"Ich danke Ihnen, Frank."
Frank legte auf. Tom ging
schnell in sein Schlafzimmer und zog sich Jeans und ein Hemd an.
Gleich darauf läutete
Frank an der Haustür und Tom fuhr mit ihm in die immer gepflegteren
Viertel, zu Angela Benetts Haus.
"Soll ich warten, Sir?" fragte
Frank, als Tom ausgestiegen war.
Er überlegte einen Moment
und nickte: "Es wird nicht lange dauern."
Frank nickte.
Tom seufzte, holte tief Luft
und sah auf die Haustür. Was wollte er eigentlich hier? Zum Abtreiben
war es jetzt zu spät. Wollte er, dass Sie ihm seine Rechte als Vater
gab? Er wusste es nicht.
Zögernd drückte
er auf die Klingel. Ein Butler - ein anderer als letztes Mal - machte auf
und musterte ihn.
"Guten Tag. Ich bin Tom Penn.
Ich möchte zu Miss Benett. Ist sie da?"
Der Butler machte einen hochnäsigen
Eindruck und am liebsten würde er Tom wahrscheinlich einen Tritt versetzen,
aber er fragte trotzdem: "Erwartet Miss Benett Sie?"
Er schüttelte den Kopf
und meinte: "Ich bin sicher, dass sie Zeit für mich hat."
Der Mann hob eine Braue, machte
aber eine Geste, dass er hinein kommen soll.
"Bitte warten Sie hier, Sir."
Er ging mit eiligen Schritten
durch den grossen Raum davon. Tom erinnerte sich, als er das erste Mal
hier war, vor etwa einem halben Jahr. Angela hatte ihn in ihrem aufreizenden
Kleid empfangen, mit diesem süssen Lächeln im Gesicht. Eigentlich
hätte Tom darauf kommen müssen, dass sie nicht das wollte, was
sie sagte.
Aber es brachte nichts, jetzt
darüber nachdenken. Was passiert war, war passiert und konnte nicht
mehr rückgängig gemacht werden.
"Tom! Ich hätte nicht
gedacht, Sie hier zu sehen."
Tom drehte sich zu Angela
um, die in einem weiten Kleid vor ihm stand. Ihr Bauch hob sich schon deutlich
ab, aber sie war noch immer so bezaubernd wie zuvor.
Ihm fiel auf, dass sie ihn
wieder mit 'Sie' ansprach.
"Hat man Sie schon aus dem
Krankenhaus entlassen? Nach Ihrem Koma müssten Sie doch noch mindestens
eine Woche zur Untersuchung bleiben, oder?"
Tom nickte.
"Alle scheinen genau zu wissen,
wie lange ich im Koma lag, ausser mir."
Angela lächelte.
"Dr. Taylor sagte mir, dass
Sie zum zweiten Mal ins Koma fielen, als man Ihnen sagte, dass Sie bereits
zwei Monate im Koma lagen. Sie hielt es für sinnvoll, wenn man es
Ihnen erst sagt, wenn Sie wieder vollkommen gesund sind."
Tom zuckte mit den Schultern.
Er musterte Angela und ihre ungewohnte Figur. Sie hatte sich sehr verändert,
nicht nur rein körperlich.
"Aber warum sind Sie hier?
Ich habe Sie noch gar nicht dazukommen lassen, etwas zu sagen."
Sie lächelte entschuldigend.
Tom wünschte sich, sie hätte es diese Frage nicht gestellt.
"Nun, ehrlich gesagt, ich
weiss nicht genau, warum ich hier bin."
Ihr Lächeln wurde breiter.
"Kommen Sie, wir gehen ins
Wohnzimmer."
Er folgte ihr. Es war genau
so überwältigend wie der Rest des Hauses. Gross, aber trotzdem
nicht so, dass man sich verloren darin vorkam.
"Setzen Sie sich."
Tom nahm in einem bequemen
Sessel Platz und musterte Angela mit einem prüfenden Blick.
"Es hat sich viel verändert,
seit ich Sie zum letzten Mal gesehen habe, Tom", sagte sie und schien sich
über den Blick, den er ihr zu warf, zu amüsieren.
"Ja, sieht fast so aus."
Angela lächelte.
"Sie haben mir immer noch
nicht verziehen", stellte sie fest.
Tom hob nur eine Braue und
sah sie fast lächelnd an und meinte: "Für mich ist ein knapper
Monat vergangen, seit ..."
Er sprach nicht weiter, aber
ihnen beiden war klar, was er meinte. Angela seufzte.
"Ich kann Sie gut verstehen,
aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich werde in ein paar Wochen
von hier wegziehen und Sie werden mich noch mein Kind irgend wann wieder
sehen."
Tom hoffte, dass man ihm seinen
Schock nicht allzu sehr ansah. Er wusste nicht, warum ihn die Vorstellung
so erschreckte. Vor ein paar Wochen - Monaten, korrigierte er sich in Gedanken
- hatte er sie noch zum Teufel gewünscht, und jetzt wollte er, dass
sie da blieb. Warum fühlte er so?
"Beantworten Sie mir nur noch
eine Frage: Warum haben Sie ausgerechnet mich ausgewählt, um ... Ihr
Baby zu zeugen?" fragte er.
Angela zögerte. "Die
Wahrheit?"
Er nickte.
"Ich bewundere Sie. Ich hätte
gerne einen solchen Bruder wie Sie gehabt. Sie leben einfach so in den
Tag hinein und es ist Ihnen so egal, was andere Leute von Ihnen denken.
Sie haben ein einfaches, aber erfülltes Leben. Ich hoffe, ich kann
von meinem Kind lernen, wie man so lebt."
Verwirrt runzelte Tom die
Stirn. Beim Abendessen, als es passierte, hiess es noch, weil er der Richtige
sei, nicht irgend so ein Penner. Jetzt war er schon die Bruderfigur.
Er erinnerte sich an diese
geflüsterten Worte, wie sie leise in sein Ohr flüsterte. Dabei
spürte er den Schmerz an seinem Hinterkopf wieder.
"Was ist damals passiert,
dass ich ohnmächtig wurde?"
Ihr Lächeln wurde wieder
breiter.
"Sie haben sich den Kopf an
einem Balken angeschlagen. Es war reiner Zufall, zu meinem Glück."
Tom merkte, dass ein Reaktion
in ihm wach wurde, die er lieber verdrängen würde, es aber nicht
konnte.
"Hören Sie, Angela, ich
... ich bin Japaner. Wir haben ein ausgeprägtes Bewusstsein für
die Familie. Ich will nicht, dass mein Kind ohne Vater aufwächst."
Er gab sich eine Ohrfeige.
Sein Kind! Wie konnte er von seinem Kind reden? Er wollte es doch nicht.
Wiese sagte er so was?
Sie lächelte leicht verwirrt:
"Es wird nicht ohne Vater aufwachsen, aber das letzte Mal sagten Sie noch,
ich solle das Kind abtreiben und Sie in Ruhe lassen, erinnern Sie sich?"
Natürlich erinnerte sich
Tom daran. Er liess die Wut, die er gespürt hatte, nicht die Übermacht
gewinnen.
"Es geht nicht um Sie, sondern
um unser Kind."
Er hatte die Schritte nicht
gehört, die gekommen waren und den Mann nicht bemerkt, der plötzlich
in der Tür stand.
"Was soll das heissen? Unser
Kind?"
Angela sprang erschrocken
auf, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand ebenso rasch, wie er
gekommen war. Sie lächelte und gab dem Mann einen verführerischen
Kuss. Tom bemerkte, dass er ebenfalls Japaner war.
Er stand ebenfalls auf.
"Mark, darf ich dir Tom Penn
vorstellen? Tom, das ist Mark Niyogi."
Tom erhob sich und gab dem
Mann die Hand. Mark wandte sich gleich an Angela.
"Was soll das heissen?" wiederholte
er.
Angela lächelte ihn an.
"Tom ist ein alter Bekannter
von mir und seine Frau hat gerade herausgefunden, dass sie schwanger ist.
Jetzt wollte er sich bei mir Rat holen. Es ist für sie beide das erste
Kind."
Mark lächelte beruhigt.
Scheinbar hatte er es so gedacht, wie es eigentlich war, aber diese perfekte
Lüge von Angela beruhigte ihn.
"Wenn ich Ihnen einen Tip
geben darf: Lassen Sie das Baby einfach kommen. Alles wird sich von selbst
entwickeln."
Tom sah zögernd Angela
an, und als er ihren bittenden Blick sah, lächelte er Mark dankbar
zu.
"Ich werde versuchen, Ihren
Rat zu beherzigen."
Mark nickte Tom zu, gab Angela
einen Kuss und sagte: "Ich lasse euch dann wieder alleine. Ich wünsche
Ihnen viel Glück mit Ihrem Kind, Mr. Penn."
Tom dankte ihm, verabschiedete
sich wieder, und wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen
hatte.
"Ich danke Ihnen, dass Sie
mich nicht verraten haben."
Tom zuckte mit den Schulter
und fragte: "Nimmt er an, dass er der Vater ist?"
Angela nickte.
"Ich habe ihn vor etwa einem
Jahr kennengelernt. Er wollte ein Kind, aber er war nicht der Richtige.
Ich habe mir einen Plan ausgedacht und ihn erfolgreich durchgeführt."
Tom stand auf und sah Angela
bittend an.
"Ich habe mich damals von
meiner Wut leiten lassen. Ich möchte mich dafür entschuldigen.
Und ich möchte Sie bitten, hierzubleiben und nicht wegzuziehen."
Angela runzelte erstaunt die
Stirn.
"Ich habe Ihnen noch nie etwas
nachgetragen. Ich wusste, dass Sie so reagieren würden. Aber was das
Bleiben betrifft, ich fürchte, da kann ich nicht Ihrem Wunsch entsprechen.
Wir haben bereits alles arrangiert."
Toms Gesichtsausdruck änderte
sich nicht.
"Ich möchte mein Kind
kennen. Vielleicht ist es das einzige, das ich je haben werde", flüsterte
er fast.
Sie erhob sich ebenfalls und
kam auf ihn zu. Sie strich ihm sanft über das Gesicht.
"Vielleicht wirst du es kennenlernen.
Ich kann dir nichts versprechen."
Ihr Gesicht kam näher
und sie gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. Tom wehrte sich nicht
dagegen.
"Ich sollte jetzt gehen",
sagte er und drehte sich zur Tür um.
"Tom!"
Er drehte sich noch einmal
um.
"Ich verspreche dir, dass
ich dem Kind von dir erzählen werde. Vielleicht entscheidet es ja
selbst, ob es seinen Vater kennenlernen will."
Tom neigte den Kopf und ging
ohne ein weiteres Wort hinaus.
Frank wartete im Wagen und
fuhr los, als Tom eingestiegen war.
"Wussten Sie, dass Miss Benett
schwanger ist?" fragte Frank.
Tom lächelte leicht.
"Es ist kaum zu übersehen."
"Man sagt, dass es ein uneheliches
Kind werden soll, auch wenn sie bald heiratet."
Tom musterte Franks breiten
Rücken.
"Was meinen Sie damit?"
Er zuckte mit den Schultern
und tat so, als konzentriere er sich voll und ganz auf die Strasse.
"Nichts, Sir, aber ich kann
gut rechnen."
Tom runzelte noch verwirrter
die Stirn.
"Und was meinen Sie denn damit?"
Wieder zuckte er mit den Schultern.
"Ich kann eins und eins zusammenzählen,
und diesmal ergibt das drei."
Tom hob die Brauen. Von wo
wusste er das? Klar, er war damals so heraus gekommen, als hätte er
sich in aller Eile angezogen, was er ja auch getan hatte, aber war das
dann so offensichtlich?"
"Mich gehen Ihre Angelegenheiten
nichts an, Sir, aber die Entscheidung, die Sie jetzt treffen müssen,
ist ziemlich wichtig für Ihr weiteres Leben und Sie sollten gut darüber
nachdenken."
Er musste unwillkürlich
lächeln. Frank war sicher schon über die vierzig und hatte drei
Kinder und eine Frau, mit der er sich schon seit über zwanzig Jahren
wunderbar verstand, und Tom war sicher, dass Frank wusste, wovon er sprach.
Frank sah in den Rückspiegel
und lächelte ebenfalls ein wenig.
"Miss Benett wird heiraten,
noch in den nächsten Wochen. Vielleicht können Sie sie umstimmen."
"Warum sollte ich Sie umstimmen
wollen? Sie kann heiraten, wen sie will, das ist mir egal."
"Sind Sie sicher, Sir?"
Verwirrt runzelte Tom die
Stirn. Warum sollte er etwas von Angela Benett wollen? Er hasste sie zwar
nicht mehr so wie vor seinem ... Unfall, aber lieben tat er sie auch nicht.
Er könnte nicht mit ihr leben wie ein Paar. Warum sollte er sie dann
von ihrem Wunsch abbringen wollen, Mark zu heiraten?
Aber irgendwie machte es ihm
doch zu schaffen. Wenn sie Mark heiratete, dann würde sein Kind nie
ihn als Vater anerkennen. Vielleicht als seinen Erzeuger, aber nicht als
richtigen Vater.
"Nein, Sie haben recht, Frank.
Es ist mir nicht egal. Aber was soll ich den machen? Zu ihr gehen und einen
Heiratsantrag machen?"
Frank lächelte.
"Wenn Sie das wollen, warum
nicht? Aber mit ihr reden reicht auch schon. Glauben Sie mir, sie wird
Sie verstehen."
"Aber bei was verstehen?"
"Das müssen Sie herausfinden,
Sir."
Frank öffnete ihm die
Tür, als sie bei Tom zu Hause angekommen waren.
"Ich danke Ihnen, Frank",
sagte Tom lächelnd.
"Für was, Sir?"
Tom zuckte mit den Schulter,
schloss die Tür auf und ging hinein.
Es hätte ihn nicht überrascht,
würden Jennifer Sheen und Michael Gordon drin sein, aber ein Mann
in vollem Anzug ...
"Wer sind Sie? Und was machen
Sie hier?" fragte Tom leicht verwirrt.
Er hatte keine Angst, denn
die hatte er in der letzten Zeit zu oft gebraucht, dass er sie jetzt nicht
mehr hatte, aber auch wenn er noch so etwas wie Angst empfinden könnte,
dann hätte er es bei diesem Mann nicht gebraucht. Er gehörte
zu den sogenannten 'Guten'.
Tom legte den Mantel auf den
Tisch und setzte sich vor den Mann, der es sich in einem Sessel bequem
gemacht hatte.
"Mein Name ist Agent Ronan
Keating, Spezialeinheit der CIA. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen
stellen."
Tom seufzte. Noch ein CIA-Typ.
Er hatte unterdessen ein paar von ihnen kennengelernt und alle waren gleich.
Hart, aber nicht zu hart, und sie zogen aus jeder Bemerkung irgend etwas
heraus, dass sie verwenden konnten.
"Ich habe Mr. Foster alles
haargenau erzählt. Fragen Sie ihn."
Keating lächelte leicht.
Es war das erste Mal, dass Tom einen CIA-Agent lächeln sah.
"Es geht nicht um die beiden
Verbrecher."
Tom hob erstaunt die Brauen.
Er musterte den Mann. War es vielleicht nur jemand, der sich als Agent
ausgab? Der in Wirklichkeit nichts anderes als ein paar günstige Informationen
wollte?
"Um was geht es dann?"
"Nicht um was, um wen."
Das war keine Antwort des
CIA. Irgend etwas stimmte nicht.
"Wie ist Ihre Dienstnummer?"
fragte Tom.
Ein ziemlich ungeschickter
Zug, aber der Mann sollte ruhig merken, dass Tom ihn durchschaut hatte,
wenn es etwas zu durchschauen gab. Tom kannte die Kombinationen der Zahlen
der Spezialeinheit.
Keating nannte sie ihm. Sie
war nicht falsch. Sollte Toms Gefühl ihn etwa betrügen?
"Es geht um Angela Benett."
Es dauerte eine Weile, bis
Tom sich von seinem Hustenanfall erholt hatte.
"Was wissen Sie über
sie?"
Tom runzelte die Stirn. Was
hatte er mit Angela zu tun, wenn das Was auch etwas mit der CIA zu tun
hatte? Das machte doch keinen Sinn? Aber welchen Verbrecher würde
etwas daran liegen, etwas über sie herauszufinden?
"Vermutlich nicht mehr als
sie."
"Könnten Sie sich vorstellen,
dass sie mit Jennifer Sheen und Michael Gordon zusammenarbeitet?"
Diesmal bekam Tom zwar keinen
Hustenfall, aber er konnte doch mindestens dreissig Sekunden lang nicht
antworten.
"Warum fragen Sie mich solche
Sachen? Was kann ich Ihnen schon sagen?"
Keating seufzte und legte
die Hände in den Schoss.
"Wir wissen, dass Sie ...
ein kurzes Verhältnis mit Angela Benett hatten."
Er unterdrückte ein Grinsen
und stritt es ab: "Das ist nicht wahr! Ich hatte kein Verhältnis mit
ihr."
Der Mann liess sich nicht
beirren. Er war die Ruhe selbst. Das war eine Eigenschaft, die jeder CIA-Agent
hatte. Vielleicht war er doch einer, einfach ein bisschen ein eigenwilliger.
"Aber sie trägt jetzt
ein Kind von Ihnen, oder?"
Tom konnte nur noch über
den Mann staunen. Von wo wusste er das alles? Hatte er Frank ausgequetscht?
Nein, Frank würde so etwas nicht tun. Hatte es vielleicht Angela selbst
gesagt? Aber was würde ihr das für einen Vorteil bringen? Eher
ziemliche viele Nachteile. Wer wusste es sonst noch? Kelly Taylor? Sie
könnte es vermuten.
"Von wem haben Sie diese Informationen?"
fragte Tom zurück.
"Also stimmt es?"
"Von wem sind diese Informationen?"
beharrte Tom.
Wieder seufzte Keating.
"Wir haben überall unsere
Quellen. Unter anderem auch Ihr Computer."
Er runzelte verwirrt die Stirn.
Was sollte denn das wieder heissen? Konnte sein Computer sprechen? Das
wäre ihm neu. Er hatte doch gar nichts gespeichert, was etwas mit
dieser Sache zu tun hatte.
"Was hat das mit Ihrer eigentlichen
Frage zu tun?" fragte er und umging Keatings Frage.
"Wenn Sie ein Verhältnis
hatten oder haben, dann könnten Sie uns vielleicht sagen, ob Angela
Benett zu einem Gewaltverbrechen fähig ist und Sie glauben könnten,
dass Sie zusammen mit Sheen und Gordon arbeitet."
Tom lehnte sich in seinem
Sessel zurück. Angela und ein Gewaltverbrechen? Warum nicht? Sie hatte
ihn mehr oder weniger vergewaltigt, das ging auch unter Gewaltverbrechen.
Aber zusammen mit Sheen und Winnetou? Wohl kaum. Was hätte sie davon?
"Ich kenne Angela Benett kaum",
sagte er.
Keating atmete hörbar
ein.
"Aber Sie kennen sie besser
als wir."
Tom hob leicht die Hände,
als Zeichen dafür, dass er mit den Spielchen aufhörte.
"Okay, ich hatte kein Verhältnis
mit ihr, aber sie trägt ein Kind von mir, das ist richtig. Ich glaube
nicht, dass sie mit Sheen und Gordon zusammenarbeitet. Was würde für
herausspringen, ausser Geld, was sie schon mehr als genug hat und dem Risiko
verhaftet zu werden, das sie sicher nicht unbedingt will?"
Keating schien nur den ersten
Teil gehört zu haben.
"Sie trägt ein Kind von
Ihnen, aber Sie hatten kein Verhältnis? Nicht einmal so ein One-Night-Stand?"
"Das geht Sie nichts an, okay?"
Es klang schärfer als
gewollt, aber gerade diese Schärfe schien es zu sein, die Keating
daran hinderte, noch mehr Fragen zu stellen.
"Warum glauben Sie, dass Miss
Benett mit den beiden zusammenarbeitet?"
"Wir haben einen unserer Männer
eingeschleust, und der hat einige Gegenstände entdeckt, die sich nicht
in ihrem Besitz befinden dürften."
Ein böser Verdacht regte
sich in ihm. Es könnte doch sein, dass ...
"Wer ist dieser Mann, den
Sie eingeschleust haben?"
"Das darf ich nicht sagen."
"Dürfen Sie sagen, was
für Gegenstände er gefunden hat?"
"Ein paar Waffen, Falschgeld,
Beute von Überfällen der beiden, die vermisst wurden."
Tom sah Keating an, als könne
er so alle Antworten auf seine Fragen auf seinem Gesicht ablesen.
"Heisst der Mann, den Sie
eingeschleust haben, Mark Niyogi?"
Ein verräterisches Zucken
hob die Augenbrauen des Agent und er zögerte eine Sekunde zu lang,
bevor er fragte: "Wer fragt hier eigentlich wen aus?"
"Im Moment frage ich. Wissen
Sie, dass die beiden heiraten wollen, in ein paar Wochen?"
Keating schaltete auf stur.
"Es geht mich nichts an, wer
wen heiratet."
"Aber er wurde eingeschleust!"
Tom bemerkte erst, als er
das gesagt hatte, dass es ein Fehler war.
"Ich habe nicht gesagt, dass
dieser Mark Niyogi unser Mann ist."
Der Agent war schnell und
hatte Tom in die Falle gelockt. Und er war voll drauf reingefallen.
Tom seufzte. Er hatte vielleicht
ein paar graue Zellen mehr als andere, aber gegen diese CIA-Agenten kam
er nicht an. Die wurden für solche Wortklaubereien ausgebildet, da
hatte niemand eine Chance.
"Schon gut. Was wollen Sie
sonst noch wissen?"
"Wir möchten Sie an unsere
Bitte erinnern."
"Ihre Bitte? Ach, Sie meinen
das mit den Akten. Tut mir leid, aber ich hatte in den letzten Monaten
nicht besonders viel Zeit."
Keating lächelte und
Tom auch. Er war jetzt überzeugt, dass er wirklich ein CIA-Agent war,
denn Foster und die anderen würden bestimmt nicht dieses Geheimnis
preisgeben.
"Ich mach' es bestimmt noch,
keine Angst. Auch wenn es wahrscheinlich jetzt nicht mehr nötig ist.
Sie kommen doch sowieso ins Gefängnis."
"Aber je nach dem Inhalt der
Akten für zehn Jahre oder für hundert Jahre. Das kommt schon
darauf an."
Tom grinste leicht. Er stellte
sich Michael in schwarzweiss gestreifter Kleidung vor, den Kopf zwischen
den Gittern durchgesteckt ... Es passte nicht zu Winnetou. Es war irgendwie
... falsch.
"Würden Sie uns noch
einen kleine Gefallen tun?"
Erstaunt hob Tom die Brauen.
Noch ein Gefallen? Langsam hatte er bei der CIA genug Gefallen gut, um
jemanden umzubringen und es würde ihm nichts passieren.
"Wenn Sie zu Angela Benett
gehen, könnten Sie dann nicht ab und zu ein bisschen genau herum schauen
und ein paar Fragen stellen?"
"Glauben Sie eigentlich, dass
Sie gegen Angela Benett eine Chance haben? Sie versteckt sich hinter ihrem
Geld und ihrem Vater und schon wird jeder Verhaftungsbefehl zurückgezogen.
Da können Sie nichts machen."
Keating lächelte leicht.
"Vielleicht sind genau diese
Informationen, diese Beweise in den verschlossenen Akten der Regierung."
Tom seufzte.
"Sie wollen also, dass ich
Angela ausspioniere? Sehe ich das richtig? Und was soll das bringen? Sie
haben doch Ihren Spitzel."
Er nickte und meinte: "Das
haben wir, aber zwei sind besser als einer. Sollte Angela Benett wirklich
etwas mit Sheen und Gordon zu tun haben, dann brauchen wir mehr als einen
Zeugen."
Er stand auf und verabschiedete
sich von Tom.
"Agent Foster wird in nächster
Zeit einmal vorbei schauen und Ihnen vielleicht noch ein paar Informationen
bringen, die Ihnen helfen können, die Akten zu finden."
Er nickte ihm zu und ging.
Tom drehte sich von der Tür ab. Die Gedanken um das Gehörte schwirrten
in seinem Kopf.
Sollte Angela wirklich ihre
und die Existenz des Ungeborenen Kindes aufs Spiel setzten, nur um Geld
zu bekommen, von dem sie mehr als genug hatte? Oder wollte sie nur das
Risiko? Aber das Risiko war zu gross. Mehr als zehn Jahre Haft nahm kein
normaler Mensch aus reiner Risikolust in Kauf. Schon gar nicht, wenn er
ein Kind erwartete. Oder würde Angela das riskieren? Könnte sie
das tun?
Tom beschloss, sie darauf
anzusprechen, gleich am nächsten Tag. Er konnte nicht zulassen, dass
sie das Leben eines Ungeborenen zerstörte, schon gar nicht bei seinem
Kind.
Die Tage vergingen, genauso
wie die Wochen und Tom hatte nicht mit ihr sprechen können. Sie war
nicht da, weder am Telefon noch zu Hause. Er stürzte sich in die Arbeit,
von der es mehr als genug gab und hoffte, dass er sie vergessen konnte.
Er drang erfolgreich in die Akten der Regierung ein und holte die gewünschten
Informationen. Sheen und Gordon wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt,
aber es war nichts über Angela drin. Trotzdem hatte sie niemand in
den letzten Wochen gesehen. Sogar der Butler sagte, dass er nicht wisse,
wann sie zurück käme. So verging der Tag, an dem der Termin für
die Geburt war, zusammen mit zwei weiteren Wochen.
Es überraschte Tom nicht,
dass keine Nachricht von ihr kam, aber es schmerzte ihn trotzdem. Sie hätte
doch wenigstens eine kleine Notiz schreiben können, ob das Kind gesund
sei und ob es ein Mädchen oder eine Junge sei. Doch nichts kam.
Er sprach mit niemandem darüber,
er hätte auch gar nicht gewusst mit wem, aber er wusste, dass er etwas
unternehmen musste. Er hielt es einfach nicht aus, immer heim zu kommen
und zu hoffen, dass ein Brief von Angela da war, ohne etwas tun zu können.
Er musste herausfinden, wo sie war.
Einen Monat nach der geplanten
Geburt des Kindes raffte sich Tom dazu durch, in seinem Computer nach Angela
zu forschen. Er hatte sich vorher lange davon abgehalten, aber nun konnte
er es nicht mehr. Er musste wissen, was passiert war.
Er zögerte, tippte dann
aber die gesuchte Information ein. Ein Steckbrief von Angela Benett kam,
aber sonst nichts. Sie hatte scheinbar keine neue Adresse, oder war jedenfalls
nicht eingetragen, war in keinem Ferienhaus. Sie könnte genauso gut
tot sein und niemand würde es merken.
Tom war in der letzten Zeit
sowieso schon still gewesen aber jetzt sagte er überhaupt kein unnötiges
Wort mehr. Er wusste, dass der Chef sich Sorgen um ihn machte, aber was
konnte er dafür? Er wusste, dass er irgendwo auf der Welt ein Kind
hatte, aber nicht wusste, wo es war und nicht einmal, was für ein
Geschlecht es hatte. Das war schon zum Verzweifeln.
Würde er mit jemandem
darüber reden, würde derjenige ihn vermutlich nicht verstehen.
Er wollte das Kind nicht, hatte es nie gewollt, aber jetzt machte er sich
Sorgen darüber, wo es war und ob es ihm gut ging. Das war nicht ganz
normal, aber es waren nun mal seine Gefühle und daran konnte er nicht
ändern.
Tom seufzte. Der Computer
konnte ihm keine Informationen liefern, die er nicht hatte.
Kurz entschlossen wählte
er die Telefonnummer von Foster. Der Spitzel, es war tatsächlich Mark
Niyogi, hatte sich wieder von Angela getrennt und er war vielleicht der
einzige, der wusste, wo Angela war. Und wenn er es wusste, dann wusste
es Foster sich auch.
Er hörte eine müde
Stimme, die die von Foster war und wurde sich erst jetzt bewusst, dass
es schon nach elf Uhr abends war.
"Entschuldigen Sie, Eric,
dass ich Sie so spät anrufe, aber es ist wichtig für mich."
Er hörte ein Seufzen,
als Foster seine Stimme erkannte, aber er würde nicht einfach so auflegen.
Er hörte zu.
"Wohin wollten Mr. Niyogi
und Miss Benett auf die Hochzeitsreise?"
"Wie bitte?" entfuhr es Foster
verblüfft.
"Wo wollten sie hin in ihren
Flitterwochen?"
Foster erholte sich schnell
und sagte: "Ich glaube, sie wollten nach Hawaii. Warum?"
"Wenn Sie mich in nächster
Zeit brauchen ... Ich bin auf Hawaii."
Er legte auf und suchte nach
der Passagierliste der Flüge nach Hawaii von den letzten drei Monaten.
Vielleicht war sie unter anderem Namen geflogen. Da blieb nur noch die
Frage: Konnte er herausfinden, was für einen Namen sie gewählt
hatte? Kannte er sie so gut?
Es waren über hundert
Flüge in der letzten Zeit nach Hawaii geflogen, mit je über fünfzig
Passagieren. Da hatte er eine Menge Arbeit vor sich.
Tom fing an, die Namen der
Passagiere anzusehen. Es waren so viele. Er wusste genau, dass seine Chance,
Angela zu finden, ziemlich gering waren, aber es war besser nach ihr zu
suchen versucht zu haben, als gar nichts zu tun.
Angela Barnett! Das war es.
Business-Klasse-Flug nach Hawaii. Das Geburtsdatum stimmte auch.
Ohne viel zu Überlegen
bestellte sich Tom den ersten Flug, der in genau drei Stunden flog nach
Hawaii und buchte sich ein Zimmer im gleich Hotel wie Angela. Es wurde
bestätigt und Tom packte ein paar Sachen zusammen. Er rief in der
Firma an, und sagte, dass er sich ein paar Tage frei nehme und fuhr mit
einem Taxi zum Flughafen.
Dort war die Hölle los.
Alle Menschen eilten gestresst umher, als hätten sie nur noch fünf
Minuten, um ihre Maschine zu erreichen, oder sie lagen halb auf ihren Stühlen.
Tom kämpfte sich durch
den Strom und ging zu einem Schalter, um einzuchecken. Die junge Frau lächelte
freundlich.
"Haben Sie Gepäck, dass
Sie aufgeben wollen?"
Tom schüttelte den Kopf.
"Okay, dann sind hier Ihre
Bordkarten. Einen angenehmen Flug.
Tom dankte und ging zu einem
überfüllten Wartesaal. Sein Flug war noch nicht angekommen. Er
kaufte sich etwas zu essen.
Die Zeit, die er warten musste,
war ziemlich lang. Der Flug hatte schon bei der Ankunft eine Stunde Verspätung
und er flog drei Stunden zu spät ab. Tom wurde immer nervöser,
und er schwitzte kalten Schweiss.
Erst als er im Flugzeug sass,
beruhigte er sich halbwegs. Sie flogen in die Nacht hinein, also konnte
er den Schlaf, den er brauchte, nachholen.
Eine Stewardess weckte ihn
freundlich nach ein paar Stunden. Sie sagte lächelnd, dass sie gelandet
seien. Er nickte verschlafen und tastete nach seiner Tasche. Alles war
noch da.
Die alte Frau neben ihm lächelte
ihm zu und meinte: "Als ich noch jünger war, konnte ich auch noch
im Flugzeug schlafen. Aber jetzt muss man doch immer aufpassen, dass die
Maschine nicht abstürzt."
Tom lächelte. Sie hatte
recht, aber es war ihm egal. Jetzt waren sie ja schon gelandet und wenn
sie abgestürzt wären, wäre er bestimmt durch die Schreie
geweckt worden.
Er nickte ihr zum Abschied
zu und drängte auf den Ausgang zu. Eine angenehme Kühle empfing
ihn. Die Strassen waren hell erleuchtet, aber der helle Streifen hinter
dem Meer zeigte, dass die Sonne bald aufgehen würde.
Er fuhr mit einem Taxi zu
seinem Hotel und ging zur Rezeption. Ein Mann stand da und suchte nach
Toms Buchungsnummer.
"Sie haben Zimmer 206. Wir
wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt."
Tom nahm den Schlüssel
entgegen.
"Könnten Sie mir sagen,
welche Zimmernummer Angela Barnett hat?"
Der Mann schüttelte den
Kopf.
"Tut mir leid, aber ich darf
Ihnen diese Auskunft nicht geben."
Tom nickte und ging zum Lift.
Er hatte damit gerechnet, dass er diese Information nicht bekam, darum
hatte er einen kleinen Laptop mit genommen, um sich einzuschleusen.
Die Tür des Lifts öffnete
sich und Tom erstarrte. Er hätte damit gerechnet, dass Angela aus
dem Lift trat, oder vielleicht sogar Agent Keating. Aber die, die er jetzt
sah, mit denen hatte er ganz und gar nicht gerechnet.
Auch Jennifer und Michael
schienen einen Moment wie erstarrt zu sein, doch dann lächelte Michael
plötzlich.
"Was für ein Zufall!
Ich hätte nicht gedacht, dich so schnell wiederzusehen."
Tom schluckte schwer.
"Ich auch nicht."
Winnetou packte ihn am Arm
und zog ihn in den Lift hinein. Toms Sinne waren auf Abwehr gespannt. Aber
weder Jennifer noch Michael zogen eine Waffe aus der Tasche. Nur Michaels
Griff um seinen Oberarm war eine Gefahrenquelle.
Sie stiegen im dritten Stock
aus und Jennifer schloss - vermutlich - ihre Zimmertüre auf.
"Wie machst du das nur, Toran?
Dauernd treffen wir uns an den unmöglichsten Orten."
"Meinst du, ich mache das
aus Absicht?" gab er zurück.
Er hatte keine Ahnung, wie
es ihnen gelungen war, aus dem Gefängnis auszubrechen und dann ausgerechnet
hier unterzukommen, aber das war auch nicht sein Problem. Sein Problem
war, dass er ausgerechnet jetzt auf sie getroffen war und sie vermutlich
nicht so schnell wieder los wurde.
"Ich habe dir nie geglaubt,
als du sagtest, dass du ein Glückskind bist, aber jetzt hast du mich
dann langsam überzeugt. Aus einem brennenden Haus aus dem dritten
Stock ist nicht mutig, das ist lebensmüde. Und dann überlebst
du das ganze auch noch. Es ist kaum zu glauben."
Tom lächelte leicht.
"Ich habe es ja schon immer
gesagt."
Jennifer unterbrach ihr Gespräch.
"Was machen wir jetzt? Vielleicht
sollten wir seinem Glück endlich mal ein Ende bereiten."
Tom liess sich kein Erschrecken
nicht anmerken, denn er wusste, dass sie es ernst meinte. Sie wollte ihn
umbringen, er hatte ihnen zu oft ihre Pläne durchkreuzt.
Michael grinste Tom an und
zückte nun doch seine Pistole. Er hielt sie genau zwischen Toms Augen
gerichtet und sah ihn an.
Tom starrte ihn zurück
an, zeigte damit, dass er nicht in Panik ausbrechen würde, und er
ihn dadurch nicht erschrecken würde.
"Na los, tu' es doch. Du willst
es doch schon seit über zehn Jahren. Jetzt hast du die Gelegenheit
dazu."
Doch Michael schüttelte
nur den Kopf und entsicherte die Waffe wieder.
"Wir kriegen gleich Besuch
und wollen doch keine Sauerei machen, oder? Vielleicht solltest du dich
ins Schlafzimmer begeben und warten, bis wir fertig sind."
Er deutete mit der Waffe auf
die Tür. Tom ging langsam auf die Tür zu, aber er wusste nur
zu gut, dass er nicht herauskam, wenn Jennifer oder Michael es ihm nicht
erlaubten.
Tom musste sich aufs Bett
setzen, die Hände hinter dem Rücken an der Wand und Winnetou
fesselte ihn mit den Handschellen an das Gitter am Kopfende. Er zog ein
Taschentuch aus der Tasche und knebelte ihn damit. Die ganze Zeit über
starrte Tom ihn nur an, sagte kein Wort, was er auch jetzt nicht mehr konnte.
Mit einem Seil wurden auch
noch seine Füsse zusammen gefesselt und dann liess Winnetou ihn alleine.
"Ein Laut und du bist tot",
drohte er und schloss die Tür ab.
Tom zerrte einen Moment vergebens
an den Handschellen und versuchte auch vergeblich, den Knebel zu lösen,
so dass er es aufgab und sich auf die Geräusche im Wohnzimmer konzentrierte.
Michael und Jennifer diskutierten leise miteinander, so dass Tom kein Wort
verstand.
Etwa fünf Minuten später
klopfte es an die Tür. Sie wurde geöffnet und jemand wurde von
Jennifer herzlich begrüsst. Doch auch jetzt hörte er nur Gemurmel.
Scheinbar hatten sie die Balkontür aufgemacht, denn er hörte
das leise Rauschen des Meeres und der Autos. Trotzdem konnte er noch das
Lachen hören.
Plötzlich wurde die Tür
aufgestossen und Michael kam herein. Er löste ohne ein weiteres Wort
seinen Knebel und die Fussfesseln.
"Der Chef möchte dich
sehen", sagte Winnetou.
"Ihr habt einen Chef? Ich
habe gedacht, dass ihr alleine arbeitet."
"Ich habe nicht gesagt, dass
es unser Chef ist."
Er löste auch die Handschellen,
aber nur, um sie vom Gitter wegzunehmen und dann gleich wieder anzulegen.
Er fasste ihn am Arm und zog ihn hinaus.
"Wessen Chef ist es dann?"
"Das kann dich einen Scheissdreck
interessieren", gab Michael zurück.
Jennifer legte Tom einen langen
Mantel um die Schultern, so dass es von aussen aussehen musste, dass er
die Hände hinter dem Rücken verschränkt hatte.
"Kein Ton von Hilfe oder so
von dir, verstanden?"
Tom nickte nur und ging zwischen
Jennifer und Michael hinaus zum Lift. Sie fuhren noch zwei Etagen weiter
hinauf, und wurden von zwei Männer empfangen, die ziemlich nach Bodyguards
aussahen. Sie nahmen Jennifer und Michael die Waffen ab und liessen sie
durch.
Scheinbar gehörte diese
ganze Etage nur einem einzigen Mann, wenn der die Leute schon am Lift nach
Waffen absuchen liess.
Sie gingen auf eine der Türen
zu und dort waren drei weitere Männer. Sie standen an den Wänden
nach und beobachteten jeden Schritt, den sie machten.
Andere Schritte näherten
sich und Tom erstarrte zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten.
Angela lächelte leicht,
ebenfalls sichtlich erschrocken. Tom fiel auf, dass sie wieder so schlank
war wie damals, als er sie zum ersten Mal sah.
"Guten Morgen, Tom. Was für
eine Überraschung."
Tom erholte sich und nickte.
"Schöner Zufall, nicht?"
Angela kam näher. Sie
trug nur ein paar kurze Jeans und ihre langen, schlanken Beine kamen dadurch
gut zur Geltung.
"Machen Sie ihn los", befahl
sie Michael.
Dieser zögerte verwirrt.
"Von wo kennen Sie ihn, Angela?"
Sie lächelte leicht und
antwortete: "Das ist eine lange Geschichte. Aber machen Sie ihn los. Er
wird nicht weglaufen, bevor er nicht gesehen hat, was er sehen will."
Toms Gesicht war starr, als
Winnetou widerstrebend seine Handschellen löste. Angela blickte ihn
mit ihrem unwiderstehlichen Blick an und schickte die Leibwächter
mit Jennifer und Michael hinaus.
"Wir werden uns später
noch einmal treffen", sagte sie zu ihnen.
"Ma'am, ich halte das für
keine gute Idee. Er könnte ...", wandte ein Bodyguard ein.
Angela zwang ihn mit einem
bestimmten Blick ebenfalls hinaus zu gehen.
"Warum bist du hergekommen?"
fragte sie.
Tom antwortete nicht. Was
hätte er sagen sollen? Er wolle sein Kind sehen, wissen, ob es gesund
sei? Ausserdem wusste sie es ja schon, damit hatte sie Winnetou ja auch
schon abgespeist.
"Was haben Sie mit Sheen und
Gordon zu tun?" fragte er.
"Ich mache Geschäfte
mit ihnen. Und was hast du mit ihnen zu tun?"
Tom erinnerte sich an das
Gespräch mit Agent Keating, der sagte, dass sie vermutlich nicht wisse,
dass er von den beiden entführt wurde.
"Sie sind die, die mich entführt
haben und mich zweimal angeschossen haben", antwortete er.
Angela starrte ihn erschrocken
an. Das hatte sie scheinbar nicht erwartet. Sie schluckte und drehte sich
zu Fenster um.
"Das tut mir leid. Ich wusste
das nicht. Sie sagten zwar etwas von einer Geisel, aber ich hätte
nicht gedacht, dass du diese Geisel bist."
Tom ging nicht weiter auf
das Thema ein.
"Sie haben mir nicht einmal
geschrieben, ob das Kind lebt. Ich dachte, ich hätte deutlich gesagt,
dass ich mein Kind kennenlernen möchte."
Angela drehte sich wieder
zu ihm um.
"Es ist ein Mädchen.
Ich habe sie Sarah getauft. Sie hat genau deine Augen."
Sie lächelte.
"Komm'. Sie schläft im
Nebenzimmer."
Sie ging voraus in ein freundlich
eingerichtetes Zimmer. Tom folgte ihr langsam. Jetzt war der Moment gekommen,
ab dem er sein Kind kennenlernte und am liebsten würde er jetzt laut
schreiend davon rennen.
Angela ging auf das kleine
Bettchen zu und schlug die Decke leicht zurück. Tom sah ihn ein kleines
Gesicht, das friedlich aussah. Es hatte wirklich seine Augen, aber Angelas
Mund. Die kleinen Finger hatte es im Mund und es machte immer wieder seufzende
Geräusche.
Tom streckte langsam die Hand
aus und fuhr wie in Trance über die Wange seines Kindes. Er konnte
nicht - und wollte es auch gar nicht - verhindern, dass seine Augen sich
mit Tränen füllten. Er schluckte vor und versuchte, seine intensiven
Gefühle unter Kontrolle zu bringen, aber er konnte es nicht.
"Genauso habe ich mich auch
gefühlt, als ich sie das erste Mal sah. Sie ist das schönste
Wesen, das ich je gesehen habe", sagte Angela und legte ihm die Hand auf
den Arm.
"Lassen wir sie schlafen.
Jennifer und Michael warten sicher schon."
Abrupt wurde er in die Wirklichkeit
zurück gerissen. Er war noch immer ein Gefangener und würde es
auch noch eine Weile. Aber das war nicht mehr so wichtig. Er hatte seine
Kind gesehen, wusste, dass es gesund war und das war das einzige, was zählte.
Er folgte Angela wieder in
den anderen Raum und setzte sich in einen Sessel, während Angela Jennifer
und Michael, die vor der Tür gewartet hatten, hereinholte.
Michael musterte Tom misstrauisch
und warf auch einen Blick auf Angela, sagte aber nichts.
"Sie hätten mir sagen
müssen, wer Ihre Geisel ist, meine Herrschaften. Ich habe laut unserer
Abmachung ein Recht darauf, das zu erfahren", warf Angela den beiden vor.
"Sie haben nicht gefragt",
gab Michael zurück.
"Weil ich es nicht für
wichtig hielt. Aber Sie wussten, dass ich mit ihm arbeitete, also wäre
es Ihre Pflicht gewesen, es mir zu sagen."
Jennifer zuckte mit den Schultern.
"Jetzt wissen Sie es ja, oder?
Wir haben keine Zeit mehr. Bald wimmelt es hier nur so von Polizisten.
Wir müssen den Flug in einer halben Stunde noch erwischen. Haben Sie
alles vorbereitet?"
Angela nickte.
"Natürlich. Es ist alles
bereit."
"Bleibt nur noch die Frage:
Was machen wir mit unserem kleinen Freund hier?" sagte Winnetou grinsend.
Tom starrte ihn an und sagte,
ohne jegliches Bewegen im Gesicht: "Ich bin nicht dein Freund, und schon
gar nicht dein kleiner Freund."
Michael ging nicht darauf
ein, sondern sah nur unverwandt Angela an. Scheinbar war sie doch so eine
Art Chefin für die beiden. Jedenfalls hatte ihre Meinung viel Gewicht.
"Wir lassen ihn gehen. Die
Polizei weiss sowieso schon, dass Sie hier sind, dann kommt es nicht darauf
an, ob Tom es ihnen auch noch sagen kann oder nicht."
"Es geht mir nicht um uns",
sagte Michael, "Es geht mir um Sie. Er weiss, dass Sie mit uns zusammen
arbeiten und kann das an die Polizei weitergeben."
Angela zögerte, und meinte
dann, ohne einen einzigen Blick auf Tom zu werfen: "Er wird nichts sagen."
Und Tom widersprach nicht.
Angela hatte ihn vollkommen unter Kontrolle und das wusste sie genauso
gut wie er, aber er konnte sich nicht dagegen wehren. Sollte er seinem
Kind etwa die Zukunft vermiesen, nur weil Angela ins Gefängnis kam?
Ausserdem machte Angela ja eigentlich nichts schlimmes. Ein paar Überfälle
organisieren vielleicht, das schon, aber sie brachte niemanden um. Das
war es nicht wert, um das Leben eines Ungeborenen zu verderben.
"Gehen Sie jetzt. Wir gehen
jetzt dann auch gleich, und vermutlich wird Tom mit uns kommen."
Jennifer nickte und zog Michael
mit sich hinaus. Angela wandte sich zu Tom um.
"Was wirst du jetzt tun? Du
bist frei. Niemand hält dich auf, wenn du zur Polizei gehen willst."
Tom seufzte leise und sah
sie an.
"Sie wissen genauso gut wie
ich, dass ich das nicht tun werde und Sie nutzen das schamlos aus."
Er stand auf und ging zur
Tür. Doch bevor er hinaus ging, drehte er sich noch einmal um.
"Passen Sie gut auf Sarah
auf. Wenn ihr etwas passiert, mache ich Sie dafür verantwortlich."
Die Männer im Gang liessen
ihn in Ruhe. Einer gab ihm seine Tasche zurück, die er bei sich getragen
hatte.
Er war von einem unbeschreiblichen
Glücksgefühl gefallen, und gleichzeitig war er der Verzweiflung
nahe. Er musste Angela und Sarah vergessen und ein neues Leben anfangen.
Vielleicht konnte er auf das Angebot von Agent Foster zurückgreifen
und eine neue Identität bekommen.
Er verwarf den Gedanken so
schnell wieder, wie er gekommen war. Das war doch Schwachsinn! Eine neue
Identität! Er konnte auch einfach irgend wo anders hinziehen und schon
war das erledigt.
Zwei Tage später, wieder
zurück in den Staaten, hatte er seine neue Identität. Er hiess
jetzt Harry Tanaka und kam aus New York. Agent Foster und dessen Vorgesetzter
waren die einzigen, die wussten, wer er wirklich war und es existierten
auch keine Akten darüber, so dass man nicht an die Informationen herankam.
Tom, jetzt Harry, flog nach
New York, zu 'seiner' Wohnung. Er wollte zuerst ein bisschen abschalten,
ein bisschen herumreisen und die Welt kennenlernen, wie sie wirklich war
und nicht nur auf dem Computer. Für etwas hatte er ja sein Geld.
Er mischte sich auch ein bisschen
in seine Firma ein, aber nur solange, bis ihm der Trott auf die Nerven
ging. Er könnte das nie mehr als einen Monat aushalten.
Er nahm sich auch vor, seine
Grossmutter zu besuchen, die er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen
hatte, und musste dabei feststellen, dass sie zwar noch lebte, aber irgendwo,
wo man sie nicht finden konnte. Er liess ihr eine Nachricht dort, rechnete
aber nicht damit, dass sie sie bekam.
Nach einiger Zeit, genauer
nach mehreren Jahren, kaufte er sich ein kleines Haus in Kanada und liess
sich dort nieder. Er lernte, wie er sich selber ernähren konnte, ohne
Mikrowellen und Fast Food. Nur selten fuhr er in das etwa dreissig Kilometer
entfernte Dorf, um ein paar Sachen zu holen. Die Leute dort hielten ihn
für einen komischen Kauz und liessen ihn in Ruhe.
Manchmal verirrten sich Touristen
in der Gegend und kamen in ein Unwetter, dann konnten sie bei ihm Unterschlupf
finden. Er war ein guter Zeitgenosse, denn die Stürme gingen manchmal
mehrere Tage. Mit manchen dieser Touristen hatte er eine Zeitlang noch
Kontakt, doch auch der brach ab.
Er war nicht immer alleine
oder mit den Touristen in diesem Haus. Er hatte mehrere Beziehungen, aber
sie hielten nicht lange. Denn Harry war anders als andere Männer.
Keine der Frauen konnte seine Gedanken erkennen, fühlen, was er fühlte,
oder wissen, wie es auf dem Grund seiner Seele aussah. Manchmal hatte er
das Gefühl, dass er es selbst nicht wisse.
Fast fünfzehn Jahre später
raffte sich Harry endlich auf, sein Haus zu verkaufen und zurück nach
New York zu gehen. Er hatte seine üblen Erinnerungen erfolgreich unterdrückt
und sie besiegt, so dass er jetzt Angelas Gesicht nur noch als blasser
Schimmer in seiner geheimen Vergangenheit war.
Harry hatte schon Wochen zuvor
ein Gesuch bei der High School of New York gestellt, ob sie einen Lehrer
brauchten, der C-Sprache unterrichtete. Zuerst kam keine Antwort, dann
aber die Frage, ob er nach fünfzehn Jahren Wildnis nicht alles verlernt
habe. Harry verneinte dies, denn er hatte wohl in der Wildnis gelebt, das
hiess aber nicht, dass er keinen Computer gehabt hatte. Die Computer, die
er sich immer wieder gekauft hatte, um auf dem neusten Stand zu bleiben,
waren der einzige Luxus, den er sich gönnte.
Einen Monat nachdem er das
Gesuch geschrieben hatte, kam die Antwort, dass er die Stelle habe und
gleich in zehn Tagen anfangen könne, da dann das neue Semester begann.
So kam Harry nach New York
zurück. Zuerst fand er sich in der Welt der Technik nicht mehr aus,
aber diese Desorientierung dauerte nur ein paar Tage. Die alten Erinnerungen
kamen hoch, und er lehrte alles von neuem.
In einem Block hatte er sich
ein Apartment gemietet und dort war er nur wenige Tage ein Hinterwäldler.
Nach kaum einer Woche war er ein gern gesehener Mann, denn er trieb seine
Scherze mit jedem und brachte jeden zum Lachen. Er hatte alle seine Nachbarn
zu seinen Freunden gemacht.
Er bekam von der High School
Unterlagen zugeschickt über den Stoff, den er durchnehmen musste in
diesem Semester. Er studierte ihn und wurde gerade knapp vor Beginn des
Semester damit fertig und konnte noch die ersten Stunden vorbereiten.
Als er am Morgen des Semesteranfanges
in die High School kam, sah er nur müde Gesichter, die alle das Frühaufstehen
nach den Sommerferien nicht mehr gewohnt waren. Er schlug sich zum Büro
des Direktors durch und stellte sich ihm vor.
"Sie haben eine sehr ... ungewöhnliche
Laufbahn hinter sich, Mr. Tanaka. Besitzer der fast grössten Firmenkette
in ganz Amerika und dazu haben Sie noch mehrere Belobigungen an mehreren
Arbeitsplätzen als Computerspezialist erhalten. Sie haben in den letzten
... fünfzehn Jahren auch schon C-Kurse geleitet?"
Tom nickte.
"In einem kleinen Dorf in
Kanada für ein paar Jugendliche. Keine grosse Sache."
"Sie lebten in dieser Zeit
ziemlich zurückgezogen. Darf ich nach dem Grund fragen?"
"Dürfen Sie, aber ich
kann Ihnen nicht versprechen, zu antworten."
Der Direktor lächelte.
"Wir brauchen schlagkräftige
Lehrkräfte an dieser Schule. Die Schüler werden immer wilder
und vermutlich besuchen sie die C-Stunden nur noch, um sich damit in andere
Computer hacken zu können."
Harry zuckte mit den Schultern.
"Ich glaube nicht, dass sie
nach einem Semester wissen, wie man so etwas macht."
Der Direktor nickte.
"Da haben Sie Recht, aber
die wissen das nicht. Kommen Sie, ich bringe Sie zu Ihrem Unterrichtszimmer,
damit Sie sich noch ein bisschen einleben können."
Der Mann stand auf und führte
ihn durch die noch ruhigen und leeren Gänge der riesigen High School,
durch einen leeren Park, in dem die Blumen noch in ihrer vollen Pracht
blühten und zu seinem ziemlich grossen Zimmer, in dem auf jedem Tisch
ein Computer stand.
Harry bedankte sich und sah
sich erst einmal um. Es waren nicht mehr die neusten Computer, aber noch
gut genug für einen solchen Kurs. Die Programme waren gut, wenn auch
nicht die besten.
Er studierte noch einmal sein
Programm für die Klasse, die jetzt kam. Es war eine der Fortgeschrittenen,
die alle schon mindestens ein Semester vorher in einem solchen Kurs verbracht
hatten. Er hatte sich vorgenommen, zuerst alle ein bisschen zu testen und
zu sehen, wie weit die einzelnen Schüler waren, bevor er mit dem eigentlichen
Programm anfing.
Ein anderer Lehrer kam durch
eine kleinere Tür in sein Zimmer und blieb erschrocken stehen.
"Entschuldigen Sie, ich wusste
nicht, dass Sie schon da sind."
Er kam näher und streckte
Harry die Hand entgegen.
"Ich bin Mike Rogers. Ich
bin Ihr Kollege im C-Kurs."
Harry lächelte und stellte
sich ebenfalls vor.
"Kommen Sie doch noch mit
ins Lehrerzimmer, dann stell ich Sie den anderen noch vor."
Harry nickte und ging mit
ihm durch die Haupttür hinaus, genau auf die andere Seite des Flures.
Dort sassen mehrere Männer und Frauen, die miteinander lachten und
scheinbar ganz vergessen zu haben schienen, dass sie in ein paar Minuten
Unterricht geben mussten.
Mike stellte ihm alle vor
und die Lehrerschaft nahm ihn freundlich in ihrem Kreis auf. Als es läutete,
standen alle auf und gingen zu ihren Klassen.
"Passen Sie gut auf Ihre Klasse
auf. Sie kann ziemlich ekelhaft sein. Ich habe sie im letzten Semester
abgegeben, weil ich nicht mehr mit ihr klar kam. Hoffentlich machen Sie
es besser als ich", erzählte ihm Mike, bevor er ebenfalls zu seiner
Klasse ging.
Harry sah durch das Fenster
in der Tür und sah nichts als ein riesengrosses Chaos.
Die meisten Schüler sassen
auf ihren Bänken herum und hatten die Computer zur Seite geschoben,
während der Rest ihn schon angeschaltet hatte und mit ihm herum experimentierte.
Harry holte Luft und musste
sich beherrschen, um nicht anfangen zu grinsen. Er war genauso gewesen,
als er so alt war.
Er öffnete die Tür
und ging ohne einen Blick auf die Schüler zu werfen zu seinem Pult.
Die Tür fiel mit einem Schlag ins Schloss. Die wenigen, die ihn vorher
bemerkt hatten, aber nicht reagierten, setzten sich seufzend in ihre Stühle
und langsam sprangen auch die anderen von ihren Tischen und setzten sich.
Harry lehnte sich ans Pult
und wartete, bis die meisten ihre Aufmerksamkeit auf ihn richteten.
"Guten Morgen allerseits.
Ich hoffe, Sie hatten schöne Ferien. Mein Name ist Harry Tanaka, Ihr
neuer C-Lehrer."
Ein Murmel, das wohl ein Grus
sein sollte, ging durch die Klasse.
"Bevor wir mit dem Unterricht
anfangen, möchte ich einige Dinge klarstellen. Man hat mir gesagt,
dass ihr am liebsten nur Hacken lernen wollt. Ich könnte euch das
beibringen, aber leider steht es nicht im Lehrplan und es ist genug Stoff
da, um das ganze Semester durchzuarbeiten. Wenn ihr also hacken lernen
wollen, dann müssen wir uns beeilen, so dass wir am Schluss des Semesters,
wenn der ganze Stoff durch ist, noch Zeit haben."
Wieder durchfuhr ein Murmel
durch die Klasse. Eine Schüler murrten, dass sie das nie schaffen
können.
"Würden Sie bitte wiederholen,
was Sie gerade gesagt haben?" wandte sich Harry an einen Schüler in
der vordersten Reihe, der sich beklagt hatte.
"Wir können nie den ganzen
Lehrplan durcharbeiten, Sir, weil der viel zu lang ist."
"Wenn er so lang ist, wie
Sie behaupten, dass er ist, warum steht dann am Schluss des Plans, dass
ich auf die Wünsche der Schüler am Ende des Semesters eingehen
und mit ihnen das Thema behandeln soll, das sie wollen?"
Der Schüler zuckte mit
den Schultern.
"Vielleicht um uns zu beruhigen."
Die Schüler grinsten.
Harry musterte sie einen Moment lang.
"Okay, es ist viel, aber nicht
zu viel. Wenn ihr euch ins Zeug hängt und ich ein paar Sachen auslasse,
die sowieso Schwachsinn sind, dann haben wir noch etwa zwei Monate, in
denen ich euch die Grundkenntnisse und einige Tricks beibringen kann. Ich
muss zugeben, dass ich auch lieber hacke als gelangweilten Schülern
das Zehnfingersystem beizubringen."
Wieder ging ein Murmel durch
die Klasse.
"Können Sie überhaupt
hacken?" fragte da eine.
"Sonst hätte ich ja kaum
gesagt, dass ich das lieber mache, oder?"
"Sind Sie schon einmal in
die Akten der FBI eingedrungen?"
Harry schüttelte den
Kopf.
"Was haben Sie denn sonst
gemacht? Vielleicht in Spielcomputer kleiner Kinder mit einem Passwort
wie '1, 2, 3'?"
Harry grinste und schüttelte
wieder den Kopf.
"Nein, ich habe es mit den
Akten der Regierung versucht."
Jetzt hatte er wohl endgültig
die Aufmerksamkeit aller Schüler und Schülerinnen. Ein anderer
Schüler lehnte sich zurück und meinte: "Das sagen Sie doch nur,
damit Sie Ihren Respekt haben und einen anständigen Unterrichtsbericht
ablegen können, damit Sie befördert werden."
Harry zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht sage ich das auch
nur. Aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall habe ich nicht für
nichts drei Jahre im Gefängnis wegen Spionage verbracht."
Der Lärm verstummte abrupt.
Harry seufzte. Vermutlich hielten ihn die Schüler für einen wahnsinnigen
Angeber, aber wenigstens schwiegen sie jetzt.
"Wir haben es auch schon mal
versucht", meldeten sich zwei Schüler.
Harry hob erstaunt die Brauen
und sah sie an. Es war ein Junge und Mädchen. Die anderen Schüler
schienen davon zu wissen und warfen ihnen Sprüche zu, dass das blosse
Angeberei sei und so.
"So, habt ihr? Und wie habt
ihr das angestellt?"
Das Mädchen lächelte
ihn an. Ein Vorfahre von ihr musste ebenfalls Japaner oder Chinese gewesen
sein.
"Wir haben einen Computer
genommen, mit einer Tastatur und einer Maus, haben die Codes geknackt und
sind hineingegangen."
Harry lächelte leicht
und hob demonstrativ die Brauen.
"Natürlich. Dann habt
ihr euch ein bisschen umgesehen, alles Interessante ausgedruckt und seid
wieder abgehauen."
Der Junge grinste nun auch.
"Wir sind bei den Codes steckengeblieben.
Die ersten zwei haben wir noch geschafft, aber ich denke, es kamen noch
ein paar mehr."
"Neun, um genau zu sein."
Harry wandte sich wieder an
die ganze Klasse.
"Ich kann euch verstehen,
wirklich. Als ich in der High School war, habe ich während den Stunden
kaum etwas mitbekommen, was der Lehrer gesagt hat. Es machte auch nichts
aus, nur auf die Prüfungen hat es sich ausgewirkt. Wenn ihr also im
ersten Quartal das macht, was ich will, dann machen wir im nächsten
Quartal das, was ihr wollt."
Ein anderer Schüler meldete
sich wieder.
"Das ist Erpressung."
Harry zuckte mit den Schultern.
"Das ganze Leben ist eine
Erpressung. Wenn man nicht das tut, was die Starken wollen, geht man unter.
So einfach ist das."
Wieder murrten einzelne Schüler,
aber diesmal ging er nicht darauf ein. Er erklärte eine Aufgabe und
begann damit, die Schüler einzeln nach ihrem Namen auszufragen und
ihre Fähigkeiten zu testen.
Er kam zu den zwei, die behaupteten,
die ersten beiden Codes der Regierung geknackt zu haben.
"Und wie heisst ihr?" fragte
er.
"Ich bin Lucas Walenczek,
das ist Sarah Aiken."
"Wo habt ihr das Hacken gelernt?
Seid ihr auch schon in Akten hinein gekommen?"
"Nein, wir sind immer an den
Codes gescheitert. Wir haben es uns selbst beigebracht. Das heisst, Sarah
hat es sich beigebracht und dann mir."
Er sah sie erstaunt.
"Sie haben sich alles selbst
beigebracht?"
"Na ja, nicht ganz alles",
sagte Sarah leicht verlegen.
"Hören Sie nicht auf
sie", mischte sich Lucas ein, "Sie ist zu bescheiden. Sie hat nur einen
Hundertstel von ihrer Mutter gelernt, der Rest hat sie sich selbst beigebracht."
"Lucas! Halt den Mund!"
Harry unterdrückte ein
Grinsen, als er die beiden streiten sah.
"Schon gut. Es kommt nicht
darauf an. Ihr könnt das, das ist das wichtige daran, und gleichzeitig
das Problem."
"Warum das Problem?"
"Ihr könnt zuviel. Ich
muss dafür sorgen, dass ihr nur gerade soviel lernt, um gut mit einem
Computer umgehen zu können. Wenn ihr besser als sehr gut seid, ist
das nicht gut."
"Keine Sorge, Mr. Tanaka,
wir machen Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten."
"Das habe ich auch gesagt,
als ich in eurem Alter war. Dann habe ich es nicht geschafft einen Code
zu knacken und habe mein Versprechen gebrochen, aus reiner Neugier."
"Wir halten aber unsere Versprechen.
Wir werden sicher noch einmal versuchen, die Codes zu knacken, aber erst,
wenn wir es besser beherrschen. Wir wollen schliesslich nicht erwischt
werden."
Lucas grinste ihn vielsagend
an.
"Okay, aber wenn ihr etwas
macht, das euch in Schwierigkeiten bringt, ist es nicht meine Schuld."
Sarah nickte.
"Sicher nicht. Wir übernehmen
für unser Handeln selbst die Verantwortung. Wir sind schliesslich
keine kleinen Kinder mehr."
Harry nickte und wandte sich
noch den restlichen Schülern zu. Viele waren frech und hatten keinen
Respekt, aber das war Harry eigentlich egal. Er war lange alleine gewesen
und erst jetzt bemerkte er, wie sehr er die Gesellschaft der anderen Menschen
brauchte. Als er noch jung war, in seinem alten Leben, da dachte er, es
wäre kein Problem, alleine zu sein. Aber das war es nicht, ganz und
gar nicht.
So gab er mit schnellen Schlägen
die Stösse der Schüler zurück und zeigte ihnen, dass er
vielleicht aus ihrer Sicht ein alter Mann war, aber noch lange kein Greis.
Er konnte sich wehren, und liess sich nicht unterdrücken.
Es läutete und die Schüler
stürmten sofort aus dem Zimmer. Etwa fünf Sekunden danach, war
das Zimmer leer, ausser einem jungen Mann, den Harry als Dean Cain in Erinnerungen
hatte.
"Haben Sie einen Moment Zeit?"
Harry hob die Hände.
"Sicher."
"Wissen Sie, mein Vater ist
auch Computerspezialist. Er arbeitet bei einer Firma, die Sicherheitssysteme
anderer prüft. Im Moment haben sie eine ziemliche Krise. Ich weiss,
ich dürfte Ihnen das gar nicht erzählen, aber wenn die Firma
bankrott geht, ist mein Vater arbeitslos. Ich habe mir gedacht, vielleicht
könnten Sie .... Ich meine, Sie würden auch dafür bezahlt
...."
Harry lächelte.
"Ich habe auch einmal bei
einer solchen Firma gearbeitet. Ich werde Ihrem Vater und der Firma helfen,
das ist klar. Sie müssen mir nur die Adresse der Firma geben und ich
werde in der nächsten Zeit mal vorbei schauen."
Das Gesicht des Jungen heiterte
sich sofort auf.
"Ich danke Ihnen, Sir. Ich
danke Ihnen vielmals, Sir."
Er lächelte nur und sah
dem Jungen nach, wie er hinaus ging. Seufzend packte er seine Sachen zusammen
und ging in das Lehrerzimmer.
Mike sass schon grinsend da.
"Sie sehen abgeschafft aus.
Haben sie Sie fertig gemacht?"
Harry lächelte und schüttelte
den Kopf.
"Nein, aber dauernd auf Offensive
sein ist anstrengend. Sie haben recht, was die Schüler angeht. Es
geht ihnen nur ums Hacken."
Mike nickte: "Ja, und sie
wollen nichts anderes."
"Haben Sie gewusst, dass zwei
schon einmal die Akten der Regierung knacken wollte und auch relativ weit
kamen?"
Er nickte wieder: "Ja, sie
sind kleine Naturgenies. Sarah erfindet die Techniken und Lucas führt
sie mit einer fast unglaublichen Präzision aus. Es wundert mich, dass
sie es noch nicht geschafft haben."
Harry setzte sich hin. Er
hatte jetzt ein leere Stunde, die er vielleicht damit verbringen sollte,
die nächste Klasse zu studieren, wenigstens die Namen.
Doch er hatte Glück.
Es hatte zu jedem Namen auch noch ein Bild des Schülers dabei. Er
prägte sich gewisse Merkmale ein und hatte dank seines guten Gedächtnis
keine allzu grosse Probleme damit.
Bei einem Foto stütze
er. Er hatte das Gefühl, dieses Mädchen, die junge Frau, schon
einmal gesehen zu haben, vor langer Zeit.
Erinnerungen kamen hoch, solche,
die er verdrängt hatte und die jetzt lange geschlummert hatten. Doch
jetzt kamen sie wieder hoch, und er erinnerte sich an alles, als ob es
gestern gewesen wäre.
Er musste lange vor sich hin
gestarrt haben, denn als er sich endlich wieder erholte, waren alle seine
Blätter auf den Boden gefallen und von dem nur leichten Wind des offenen
Fensters durch das Zimmer gestreut worden.
Schnell sammelte er sie wieder
ein, betrachtete noch einmal die junge Frau, verdrängte den Gedanken
aber wieder, und machte sich für die nächste Stunde bereit.