Die Entführung - Teil 4
by Tia



Die nächsten Tage und Wochen vergingen ziemlich ereignislos. Tom setzte sich nach vier Tagen zum ersten Mal auf, worauf ihm gleich übel wurde und nach acht Tagen stand er unsicher auf den Beinen. Er hielt es nur in paar Sekunden aus, bevor er umgefallen wäre, hätte ihn Oliver Hudson nicht aufgefangen.
Jennifer Sheen und Michael Gordon wurden gefasst, als sie aus dem brennenden Haus kamen. Kelly Taylor hatte Foster sofort alarmiert und der verfolgte seine Spur bis zu diesem Haus. Die beiden Verbrecher waren jetzt im Gefängnis und warteten auf ihren Prozess, in dem Tom als Zeuge aussagen sollte.
Dr. Taylor hatte Tom verziehen, verzichtete aber darauf, irgendwie auf seine Anspielung, dass er in sie verliebt sei, einzugehen, sondern behandelte ihn nur als Patienten und nicht mehr. Vielleicht war das sogar gut für Tom, so hatte er genügend Zeit nachzudenken, was mit Angela Benett und ihm war. Sie trug ein Kind von ihm, und er hatte keine Chance mehr, es rückgängig zu machen.
Zwei Wochen, nachdem er aus dem zweiten Koma erwacht war, konnte er ohne Probleme eine Viertelstunde lang durch den Park joggen, ohne allzu grosse Schmerzen zu haben.
"Na, Tom, Sie können es wohl kaum erwarten, endlich entlassen zu werden", fragte Hudson ihn, nachdem Tom erschöpft aus dem Park zurückkam.
Tom lächelte, wischte sich den Schweiss aus der Stirn und neigte den Kopf zur Seite.
"Ich war jetzt lange genug hier. Für die nächsten Jahre habe ich genug von Krankenhäusern."
Oliver nickte.
"Nach mehr als fünf Monaten hätte ich auch langsam genug, wäre ich ein Patient."
Tom starrte ihn an.
"Wie bitte? Wie lange haben Sie gesagt, sei ich schon hier?"
Oliver sah ihn entsetzt an, und biss sich auf die Lippen.
"Ich dachte, man hätte es Ihnen unterdessen gesagt."
"Was gesagt?"
"Dass Sie seit fünf Monaten im Krankenhaus sind."
Tom schüttelte den Kopf. Er spürte einen Anfall von Schwindel, liess ihn aber nicht die Gewalt über ihn bekommen.
"Niemand hat mir auch nur ein Wort gesagt. Ich habe angenommen, dass es vielleicht drei Monate waren, aber nicht fünf!"
Oliver wich seinem Blick aus.
"Als Sie das zweite Mal ins Koma fielen, blieben Sie fast drei Monate bewusstlos. Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass Sie jemals wieder aufwachen."
Tom setzte sich auf sein Bett und zog die Beine an.
Wenn er wirklich seit fünf Monaten hier war, dann war alles durcheinander. In der Firma, bei Jennifer und Winnetou, bei Angela.
"Ich muss sofort hier raus. Ich kann nicht noch länger hier bleiben."
Tom stand auf und fing an, seine Sachen in einen kleinen Koffer zu packen. Oliver starrte ihn erschrocken und hilflos an.
"Sie können nicht einfach gehen. Dr. Taylor hat Sie noch nicht entlassen. Es bestehen immer noch Risiken."
Tom achtete nicht darauf. Er zog seine Kleider an, nahm seine Tasche und drückte sich Oliver vorbei.
"Was machen Sie denn?" fragte Dr. Taylor plötzlich.
Sie war wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht und sah ihn jetzt verwundert auf.
Tom richtete seinen starren Blick auf sie.
"Ich verschwinde von hier. Sieht man das nicht?"
"Das kann ich nicht erlauben. Sie sind noch nicht vollständig gesund."
"Ach nein? Auch nach einem Sturz aus dem dritten Stock dürften fünf Monate wohl reichen, um es zu heilen, oder?"
Es klang schärfer als eigentlich beabsichtigt, aber die Worte verfehlten nicht ihre Wirkung.
Sie sah zuerst ihn, dann Oliver erschrocken an.
Er schob sie zur Seite und ging mit schnellen Schritten in den vollen Flur hinaus, in dem überall Ärzte und Patienten herum lungerten und es aussah, als ob sie nicht wussten, wohin sie gehen sollen.
"Mr. Penn! Warten Sie! Sie können nicht einfach gehen. Mr. Penn! Bleiben Sie hier!"
Alle sahen sich erstaunt nach Kelly, dann nach Tom um, aber niemand versuchte ihn aufzuhalten. Er rannte durch die Gänge, von Kelly verfolgt, aber sie gab schnell auf.
Er nahm sich ein Taxi, das ihn zu sich nach Hause brachte und lehnte sich von innen gegen die Haustür, als sie hinter ihm ins Schloss fiel. Es gefiel ihm nicht, gegen den Willen seiner Ärztin aus dem Krankenhaus zu 'fliehen', aber sie hatten ihn angelogen, oder jedenfalls ihm etwas ziemlich wichtiges verschwiegen.
Jemand hatte sich um seine Wohnung gekümmert, denn sie war aufgeräumt wie nie. Alles war sauber.
Er schmiss die Tasche in die Ecke, und nahm das Telefon in die Hand.
"Hallo? Frank? Hier ist Tom Penn."
"Mr. Penn", entfuhr es Frank, "Sie sind wieder zu Hause?"
"Ja, unerlaubt auf jeden Fall. Hätten Sie einen Moment Zeit, um mich zu Angela Benett zu fahren?"
"Natürlich, Sir. Soll ich gleich kommen?"
"Wenn es geht ..."
"Okay, ich bin in fünf Minuten bei Ihnen."
Tom lächelte. Auf Frank konnte man sich verlassen. Er war sich sicher, dass Frank jetzt auch nicht gleich zu Mitchell rennen würde und alles erzählen würde. Das war nicht sein Stil.
"Ich danke Ihnen, Frank."
Frank legte auf. Tom ging schnell in sein Schlafzimmer und zog sich Jeans und ein Hemd an.
Gleich darauf läutete Frank an der Haustür und Tom fuhr mit ihm in die immer gepflegteren Viertel, zu Angela Benetts Haus.
"Soll ich warten, Sir?" fragte Frank, als Tom ausgestiegen war.
Er überlegte einen Moment und nickte: "Es wird nicht lange dauern."
Frank nickte.
Tom seufzte, holte tief Luft und sah auf die Haustür. Was wollte er eigentlich hier? Zum Abtreiben war es jetzt zu spät. Wollte er, dass Sie ihm seine Rechte als Vater gab? Er wusste es nicht.
Zögernd drückte er auf die Klingel. Ein Butler - ein anderer als letztes Mal - machte auf und musterte ihn.
"Guten Tag. Ich bin Tom Penn. Ich möchte zu Miss Benett. Ist sie da?"
Der Butler machte einen hochnäsigen Eindruck und am liebsten würde er Tom wahrscheinlich einen Tritt versetzen, aber er fragte trotzdem: "Erwartet Miss Benett Sie?"
Er schüttelte den Kopf und meinte: "Ich bin sicher, dass sie Zeit für mich hat."
Der Mann hob eine Braue, machte aber eine Geste, dass er hinein kommen soll.
"Bitte warten Sie hier, Sir."
Er ging mit eiligen Schritten durch den grossen Raum davon. Tom erinnerte sich, als er das erste Mal hier war, vor etwa einem halben Jahr. Angela hatte ihn in ihrem aufreizenden Kleid empfangen, mit diesem süssen Lächeln im Gesicht. Eigentlich hätte Tom darauf kommen müssen, dass sie nicht das wollte, was sie sagte.
Aber es brachte nichts, jetzt darüber nachdenken. Was passiert war, war passiert und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.
"Tom! Ich hätte nicht gedacht, Sie hier zu sehen."
Tom drehte sich zu Angela um, die in einem weiten Kleid vor ihm stand. Ihr Bauch hob sich schon deutlich ab, aber sie war noch immer so bezaubernd wie zuvor.
Ihm fiel auf, dass sie ihn wieder mit 'Sie' ansprach.
"Hat man Sie schon aus dem Krankenhaus entlassen? Nach Ihrem Koma müssten Sie doch noch mindestens eine Woche zur Untersuchung bleiben, oder?"
Tom nickte.
"Alle scheinen genau zu wissen, wie lange ich im Koma lag, ausser mir."
Angela lächelte.
"Dr. Taylor sagte mir, dass Sie zum zweiten Mal ins Koma fielen, als man Ihnen sagte, dass Sie bereits zwei Monate im Koma lagen. Sie hielt es für sinnvoll, wenn man es Ihnen erst sagt, wenn Sie wieder vollkommen gesund sind."
Tom zuckte mit den Schultern. Er musterte Angela und ihre ungewohnte Figur. Sie hatte sich sehr verändert, nicht nur rein körperlich.
"Aber warum sind Sie hier? Ich habe Sie noch gar nicht dazukommen lassen, etwas zu sagen."
Sie lächelte entschuldigend. Tom wünschte sich, sie hätte es diese Frage nicht gestellt.
"Nun, ehrlich gesagt, ich weiss nicht genau, warum ich hier bin."
Ihr Lächeln wurde breiter.
"Kommen Sie, wir gehen ins Wohnzimmer."
Er folgte ihr. Es war genau so überwältigend wie der Rest des Hauses. Gross, aber trotzdem nicht so, dass man sich verloren darin vorkam.
"Setzen Sie sich."
Tom nahm in einem bequemen Sessel Platz und musterte Angela mit einem prüfenden Blick.
"Es hat sich viel verändert, seit ich Sie zum letzten Mal gesehen habe, Tom", sagte sie und schien sich über den Blick, den er ihr zu warf, zu amüsieren.
"Ja, sieht fast so aus."
Angela lächelte.
"Sie haben mir immer noch nicht verziehen", stellte sie fest.
Tom hob nur eine Braue und sah sie fast lächelnd an und meinte: "Für mich ist ein knapper Monat vergangen, seit ..."
Er sprach nicht weiter, aber ihnen beiden war klar, was er meinte. Angela seufzte.
"Ich kann Sie gut verstehen, aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich werde in ein paar Wochen von hier wegziehen und Sie werden mich noch mein Kind irgend wann wieder sehen."
Tom hoffte, dass man ihm seinen Schock nicht allzu sehr ansah. Er wusste nicht, warum ihn die Vorstellung so erschreckte. Vor ein paar Wochen - Monaten, korrigierte er sich in Gedanken - hatte er sie noch zum Teufel gewünscht, und jetzt wollte er, dass sie da blieb. Warum fühlte er so?
"Beantworten Sie mir nur noch eine Frage: Warum haben Sie ausgerechnet mich ausgewählt, um ... Ihr Baby zu zeugen?" fragte er.
Angela zögerte. "Die Wahrheit?"
Er nickte.
"Ich bewundere Sie. Ich hätte gerne einen solchen Bruder wie Sie gehabt. Sie leben einfach so in den Tag hinein und es ist Ihnen so egal, was andere Leute von Ihnen denken. Sie haben ein einfaches, aber erfülltes Leben. Ich hoffe, ich kann von meinem Kind lernen, wie man so lebt."
Verwirrt runzelte Tom die Stirn. Beim Abendessen, als es passierte, hiess es noch, weil er der Richtige sei, nicht irgend so ein Penner. Jetzt war er schon die Bruderfigur.
Er erinnerte sich an diese geflüsterten Worte, wie sie leise in sein Ohr flüsterte. Dabei spürte er den Schmerz an seinem Hinterkopf wieder.
"Was ist damals passiert, dass ich ohnmächtig wurde?"
Ihr Lächeln wurde wieder breiter.
"Sie haben sich den Kopf an einem Balken angeschlagen. Es war reiner Zufall, zu meinem Glück."
Tom merkte, dass ein Reaktion in ihm wach wurde, die er lieber verdrängen würde, es aber nicht konnte.
"Hören Sie, Angela, ich ... ich bin Japaner. Wir haben ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Familie. Ich will nicht, dass mein Kind ohne Vater aufwächst."
Er gab sich eine Ohrfeige. Sein Kind! Wie konnte er von seinem Kind reden? Er wollte es doch nicht. Wiese sagte er so was?
Sie lächelte leicht verwirrt: "Es wird nicht ohne Vater aufwachsen, aber das letzte Mal sagten Sie noch, ich solle das Kind abtreiben und Sie in Ruhe lassen, erinnern Sie sich?"
Natürlich erinnerte sich Tom daran. Er liess die Wut, die er gespürt hatte, nicht die Übermacht gewinnen.
"Es geht nicht um Sie, sondern um unser Kind."
Er hatte die Schritte nicht gehört, die gekommen waren und den Mann nicht bemerkt, der plötzlich in der Tür stand.
"Was soll das heissen? Unser Kind?"
Angela sprang erschrocken auf, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand ebenso rasch, wie er gekommen war. Sie lächelte und gab dem Mann einen verführerischen Kuss. Tom bemerkte, dass er ebenfalls Japaner war.
Er stand ebenfalls auf.
"Mark, darf ich dir Tom Penn vorstellen? Tom, das ist Mark Niyogi."
Tom erhob sich und gab dem Mann die Hand. Mark wandte sich gleich an Angela.
"Was soll das heissen?" wiederholte er.
Angela lächelte ihn an.
"Tom ist ein alter Bekannter von mir und seine Frau hat gerade herausgefunden, dass sie schwanger ist. Jetzt wollte er sich bei mir Rat holen. Es ist für sie beide das erste Kind."
Mark lächelte beruhigt. Scheinbar hatte er es so gedacht, wie es eigentlich war, aber diese perfekte Lüge von Angela beruhigte ihn.
"Wenn ich Ihnen einen Tip geben darf: Lassen Sie das Baby einfach kommen. Alles wird sich von selbst entwickeln."
Tom sah zögernd Angela an, und als er ihren bittenden Blick sah, lächelte er Mark dankbar zu.
"Ich werde versuchen, Ihren Rat zu beherzigen."
Mark nickte Tom zu, gab Angela einen Kuss und sagte: "Ich lasse euch dann wieder alleine. Ich wünsche Ihnen viel Glück mit Ihrem Kind, Mr. Penn."
Tom dankte ihm, verabschiedete sich wieder, und wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.
"Ich danke Ihnen, dass Sie mich nicht verraten haben."
Tom zuckte mit den Schulter und fragte: "Nimmt er an, dass er der Vater ist?"
Angela nickte.
"Ich habe ihn vor etwa einem Jahr kennengelernt. Er wollte ein Kind, aber er war nicht der Richtige. Ich habe mir einen Plan ausgedacht und ihn erfolgreich durchgeführt."
Tom stand auf und sah Angela bittend an.
"Ich habe mich damals von meiner Wut leiten lassen. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Und ich möchte Sie bitten, hierzubleiben und nicht wegzuziehen."
Angela runzelte erstaunt die Stirn.
"Ich habe Ihnen noch nie etwas nachgetragen. Ich wusste, dass Sie so reagieren würden. Aber was das Bleiben betrifft, ich fürchte, da kann ich nicht Ihrem Wunsch entsprechen. Wir haben bereits alles arrangiert."
Toms Gesichtsausdruck änderte sich nicht.
"Ich möchte mein Kind kennen. Vielleicht ist es das einzige, das ich je haben werde", flüsterte er fast.
Sie erhob sich ebenfalls und kam auf ihn zu. Sie strich ihm sanft über das Gesicht.
"Vielleicht wirst du es kennenlernen. Ich kann dir nichts versprechen."
Ihr Gesicht kam näher und sie gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. Tom wehrte sich nicht dagegen.
"Ich sollte jetzt gehen", sagte er und drehte sich zur Tür um.
"Tom!"
Er drehte sich noch einmal um.
"Ich verspreche dir, dass ich dem Kind von dir erzählen werde. Vielleicht entscheidet es ja selbst, ob es seinen Vater kennenlernen will."
Tom neigte den Kopf und ging ohne ein weiteres Wort hinaus.
Frank wartete im Wagen und fuhr los, als Tom eingestiegen war.
"Wussten Sie, dass Miss Benett schwanger ist?" fragte Frank.
Tom lächelte leicht.
"Es ist kaum zu übersehen."
"Man sagt, dass es ein uneheliches Kind werden soll, auch wenn sie bald heiratet."
Tom musterte Franks breiten Rücken.
"Was meinen Sie damit?"
Er zuckte mit den Schultern und tat so, als konzentriere er sich voll und ganz auf die Strasse.
"Nichts, Sir, aber ich kann gut rechnen."
Tom runzelte noch verwirrter die Stirn.
"Und was meinen Sie denn damit?"
Wieder zuckte er mit den Schultern.
"Ich kann eins und eins zusammenzählen, und diesmal ergibt das drei."
Tom hob die Brauen. Von wo wusste er das? Klar, er war damals so heraus gekommen, als hätte er sich in aller Eile angezogen, was er ja auch getan hatte, aber war das dann so offensichtlich?"
"Mich gehen Ihre Angelegenheiten nichts an, Sir, aber die Entscheidung, die Sie jetzt treffen müssen, ist ziemlich wichtig für Ihr weiteres Leben und Sie sollten gut darüber nachdenken."
Er musste unwillkürlich lächeln. Frank war sicher schon über die vierzig und hatte drei Kinder und eine Frau, mit der er sich schon seit über zwanzig Jahren wunderbar verstand, und Tom war sicher, dass Frank wusste, wovon er sprach.
Frank sah in den Rückspiegel und lächelte ebenfalls ein wenig.
"Miss Benett wird heiraten, noch in den nächsten Wochen. Vielleicht können Sie sie umstimmen."
"Warum sollte ich Sie umstimmen wollen? Sie kann heiraten, wen sie will, das ist mir egal."
"Sind Sie sicher, Sir?"
Verwirrt runzelte Tom die Stirn. Warum sollte er etwas von Angela Benett wollen? Er hasste sie zwar nicht mehr so wie vor seinem ... Unfall, aber lieben tat er sie auch nicht. Er könnte nicht mit ihr leben wie ein Paar. Warum sollte er sie dann von ihrem Wunsch abbringen wollen, Mark zu heiraten?
Aber irgendwie machte es ihm doch zu schaffen. Wenn sie Mark heiratete, dann würde sein Kind nie ihn als Vater anerkennen. Vielleicht als seinen Erzeuger, aber nicht als richtigen Vater.
"Nein, Sie haben recht, Frank. Es ist mir nicht egal. Aber was soll ich den machen? Zu ihr gehen und einen Heiratsantrag machen?"
Frank lächelte.
"Wenn Sie das wollen, warum nicht? Aber mit ihr reden reicht auch schon. Glauben Sie mir, sie wird Sie verstehen."
"Aber bei was verstehen?"
"Das müssen Sie herausfinden, Sir."
Frank öffnete ihm die Tür, als sie bei Tom zu Hause angekommen waren.
"Ich danke Ihnen, Frank", sagte Tom lächelnd.
"Für was, Sir?"
Tom zuckte mit den Schulter, schloss die Tür auf und ging hinein.
Es hätte ihn nicht überrascht, würden Jennifer Sheen und Michael Gordon drin sein, aber ein Mann in vollem Anzug ...
"Wer sind Sie? Und was machen Sie hier?" fragte Tom leicht verwirrt.
Er hatte keine Angst, denn die hatte er in der letzten Zeit zu oft gebraucht, dass er sie jetzt nicht mehr hatte, aber auch wenn er noch so etwas wie Angst empfinden könnte, dann hätte er es bei diesem Mann nicht gebraucht. Er gehörte zu den sogenannten 'Guten'.
Tom legte den Mantel auf den Tisch und setzte sich vor den Mann, der es sich in einem Sessel bequem gemacht hatte.
"Mein Name ist Agent Ronan Keating, Spezialeinheit der CIA. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen."
Tom seufzte. Noch ein CIA-Typ. Er hatte unterdessen ein paar von ihnen kennengelernt und alle waren gleich. Hart, aber nicht zu hart, und sie zogen aus jeder Bemerkung irgend etwas heraus, dass sie verwenden konnten.
"Ich habe Mr. Foster alles haargenau erzählt. Fragen Sie ihn."
Keating lächelte leicht. Es war das erste Mal, dass Tom einen CIA-Agent lächeln sah.
"Es geht nicht um die beiden Verbrecher."
Tom hob erstaunt die Brauen. Er musterte den Mann. War es vielleicht nur jemand, der sich als Agent ausgab? Der in Wirklichkeit nichts anderes als ein paar günstige Informationen wollte?
"Um was geht es dann?"
"Nicht um was, um wen."
Das war keine Antwort des CIA. Irgend etwas stimmte nicht.
"Wie ist Ihre Dienstnummer?" fragte Tom.
Ein ziemlich ungeschickter Zug, aber der Mann sollte ruhig merken, dass Tom ihn durchschaut hatte, wenn es etwas zu durchschauen gab. Tom kannte die Kombinationen der Zahlen der Spezialeinheit.
Keating nannte sie ihm. Sie war nicht falsch. Sollte Toms Gefühl ihn etwa betrügen?
"Es geht um Angela Benett."
Es dauerte eine Weile, bis Tom sich von seinem Hustenanfall erholt hatte.
"Was wissen Sie über sie?"
Tom runzelte die Stirn. Was hatte er mit Angela zu tun, wenn das Was auch etwas mit der CIA zu tun hatte? Das machte doch keinen Sinn? Aber welchen Verbrecher würde etwas daran liegen, etwas über sie herauszufinden?
"Vermutlich nicht mehr als sie."
"Könnten Sie sich vorstellen, dass sie mit Jennifer Sheen und Michael Gordon zusammenarbeitet?"
Diesmal bekam Tom zwar keinen Hustenfall, aber er konnte doch mindestens dreissig Sekunden lang nicht antworten.
"Warum fragen Sie mich solche Sachen? Was kann ich Ihnen schon sagen?"
Keating seufzte und legte die Hände in den Schoss.
"Wir wissen, dass Sie ... ein kurzes Verhältnis mit Angela Benett hatten."
Er unterdrückte ein Grinsen und stritt es ab: "Das ist nicht wahr! Ich hatte kein Verhältnis mit ihr."
Der Mann liess sich nicht beirren. Er war die Ruhe selbst. Das war eine Eigenschaft, die jeder CIA-Agent hatte. Vielleicht war er doch einer, einfach ein bisschen ein eigenwilliger.
"Aber sie trägt jetzt ein Kind von Ihnen, oder?"
Tom konnte nur noch über den Mann staunen. Von wo wusste er das alles? Hatte er Frank ausgequetscht? Nein, Frank würde so etwas nicht tun. Hatte es vielleicht Angela selbst gesagt? Aber was würde ihr das für einen Vorteil bringen? Eher ziemliche viele Nachteile. Wer wusste es sonst noch? Kelly Taylor? Sie könnte es vermuten.
"Von wem haben Sie diese Informationen?" fragte Tom zurück.
"Also stimmt es?"
"Von wem sind diese Informationen?" beharrte Tom.
Wieder seufzte Keating.
"Wir haben überall unsere Quellen. Unter anderem auch Ihr Computer."
Er runzelte verwirrt die Stirn. Was sollte denn das wieder heissen? Konnte sein Computer sprechen? Das wäre ihm neu. Er hatte doch gar nichts gespeichert, was etwas mit dieser Sache zu tun hatte.
"Was hat das mit Ihrer eigentlichen Frage zu tun?" fragte er und umging Keatings Frage.
"Wenn Sie ein Verhältnis hatten oder haben, dann könnten Sie uns vielleicht sagen, ob Angela Benett zu einem Gewaltverbrechen fähig ist und Sie glauben könnten, dass Sie zusammen mit Sheen und Gordon arbeitet."
Tom lehnte sich in seinem Sessel zurück. Angela und ein Gewaltverbrechen? Warum nicht? Sie hatte ihn mehr oder weniger vergewaltigt, das ging auch unter Gewaltverbrechen. Aber zusammen mit Sheen und Winnetou? Wohl kaum. Was hätte sie davon?
"Ich kenne Angela Benett kaum", sagte er.
Keating atmete hörbar ein.
"Aber Sie kennen sie besser als wir."
Tom hob leicht die Hände, als Zeichen dafür, dass er mit den Spielchen aufhörte.
"Okay, ich hatte kein Verhältnis mit ihr, aber sie trägt ein Kind von mir, das ist richtig. Ich glaube nicht, dass sie mit Sheen und Gordon zusammenarbeitet. Was würde für herausspringen, ausser Geld, was sie schon mehr als genug hat und dem Risiko verhaftet zu werden, das sie sicher nicht unbedingt will?"
Keating schien nur den ersten Teil gehört zu haben.
"Sie trägt ein Kind von Ihnen, aber Sie hatten kein Verhältnis? Nicht einmal so ein One-Night-Stand?"
"Das geht Sie nichts an, okay?"
Es klang schärfer als gewollt, aber gerade diese Schärfe schien es zu sein, die Keating daran hinderte, noch mehr Fragen zu stellen.
"Warum glauben Sie, dass Miss Benett mit den beiden zusammenarbeitet?"
"Wir haben einen unserer Männer eingeschleust, und der hat einige Gegenstände entdeckt, die sich nicht in ihrem Besitz befinden dürften."
Ein böser Verdacht regte sich in ihm. Es könnte doch sein, dass ...
"Wer ist dieser Mann, den Sie eingeschleust haben?"
"Das darf ich nicht sagen."
"Dürfen Sie sagen, was für Gegenstände er gefunden hat?"
"Ein paar Waffen, Falschgeld, Beute von Überfällen der beiden, die vermisst wurden."
Tom sah Keating an, als könne er so alle Antworten auf seine Fragen auf seinem Gesicht ablesen.
"Heisst der Mann, den Sie eingeschleust haben, Mark Niyogi?"
Ein verräterisches Zucken hob die Augenbrauen des Agent und er zögerte eine Sekunde zu lang, bevor er fragte: "Wer fragt hier eigentlich wen aus?"
"Im Moment frage ich. Wissen Sie, dass die beiden heiraten wollen, in ein paar Wochen?"
Keating schaltete auf stur.
"Es geht mich nichts an, wer wen heiratet."
"Aber er wurde eingeschleust!"
Tom bemerkte erst, als er das gesagt hatte, dass es ein Fehler war.
"Ich habe nicht gesagt, dass dieser Mark Niyogi unser Mann ist."
Der Agent war schnell und hatte Tom in die Falle gelockt. Und er war voll drauf reingefallen.
Tom seufzte. Er hatte vielleicht ein paar graue Zellen mehr als andere, aber gegen diese CIA-Agenten kam er nicht an. Die wurden für solche Wortklaubereien ausgebildet, da hatte niemand eine Chance.
"Schon gut. Was wollen Sie sonst noch wissen?"
"Wir möchten Sie an unsere Bitte erinnern."
"Ihre Bitte? Ach, Sie meinen das mit den Akten. Tut mir leid, aber ich hatte in den letzten Monaten nicht besonders viel Zeit."
Keating lächelte und Tom auch. Er war jetzt überzeugt, dass er wirklich ein CIA-Agent war, denn Foster und die anderen würden bestimmt nicht dieses Geheimnis preisgeben.
"Ich mach' es bestimmt noch, keine Angst. Auch wenn es wahrscheinlich jetzt nicht mehr nötig ist. Sie kommen doch sowieso ins Gefängnis."
"Aber je nach dem Inhalt der Akten für zehn Jahre oder für hundert Jahre. Das kommt schon darauf an."
Tom grinste leicht. Er stellte sich Michael in schwarzweiss gestreifter Kleidung vor, den Kopf zwischen den Gittern durchgesteckt ... Es passte nicht zu Winnetou. Es war irgendwie ... falsch.
"Würden Sie uns noch einen kleine Gefallen tun?"
Erstaunt hob Tom die Brauen. Noch ein Gefallen? Langsam hatte er bei der CIA genug Gefallen gut, um jemanden umzubringen und es würde ihm nichts passieren.
"Wenn Sie zu Angela Benett gehen, könnten Sie dann nicht ab und zu ein bisschen genau herum schauen und ein paar Fragen stellen?"
"Glauben Sie eigentlich, dass Sie gegen Angela Benett eine Chance haben? Sie versteckt sich hinter ihrem Geld und ihrem Vater und schon wird jeder Verhaftungsbefehl zurückgezogen. Da können Sie nichts machen."
Keating lächelte leicht.
"Vielleicht sind genau diese Informationen, diese Beweise in den verschlossenen Akten der Regierung."
Tom seufzte.
"Sie wollen also, dass ich Angela ausspioniere? Sehe ich das richtig? Und was soll das bringen? Sie haben doch Ihren Spitzel."
Er nickte und meinte: "Das haben wir, aber zwei sind besser als einer. Sollte Angela Benett wirklich etwas mit Sheen und Gordon zu tun haben, dann brauchen wir mehr als einen Zeugen."
Er stand auf und verabschiedete sich von Tom.
"Agent Foster wird in nächster Zeit einmal vorbei schauen und Ihnen vielleicht noch ein paar Informationen bringen, die Ihnen helfen können, die Akten zu finden."
Er nickte ihm zu und ging. Tom drehte sich von der Tür ab. Die Gedanken um das Gehörte schwirrten in seinem Kopf.
Sollte Angela wirklich ihre und die Existenz des Ungeborenen Kindes aufs Spiel setzten, nur um Geld zu bekommen, von dem sie mehr als genug hatte? Oder wollte sie nur das Risiko? Aber das Risiko war zu gross. Mehr als zehn Jahre Haft nahm kein normaler Mensch aus reiner Risikolust in Kauf. Schon gar nicht, wenn er ein Kind erwartete. Oder würde Angela das riskieren? Könnte sie das tun?
Tom beschloss, sie darauf anzusprechen, gleich am nächsten Tag. Er konnte nicht zulassen, dass sie das Leben eines Ungeborenen zerstörte, schon gar nicht bei seinem Kind.
 

Die Tage vergingen, genauso wie die Wochen und Tom hatte nicht mit ihr sprechen können. Sie war nicht da, weder am Telefon noch zu Hause. Er stürzte sich in die Arbeit, von der es mehr als genug gab und hoffte, dass er sie vergessen konnte. Er drang erfolgreich in die Akten der Regierung ein und holte die gewünschten Informationen. Sheen und Gordon wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt, aber es war nichts über Angela drin. Trotzdem hatte sie niemand in den letzten Wochen gesehen. Sogar der Butler sagte, dass er nicht wisse, wann sie zurück käme. So verging der Tag, an dem der Termin für die Geburt war, zusammen mit zwei weiteren Wochen.
Es überraschte Tom nicht, dass keine Nachricht von ihr kam, aber es schmerzte ihn trotzdem. Sie hätte doch wenigstens eine kleine Notiz schreiben können, ob das Kind gesund sei und ob es ein Mädchen oder eine Junge sei. Doch nichts kam.
Er sprach mit niemandem darüber, er hätte auch gar nicht gewusst mit wem, aber er wusste, dass er etwas unternehmen musste. Er hielt es einfach nicht aus, immer heim zu kommen und zu hoffen, dass ein Brief von Angela da war, ohne etwas tun zu können. Er musste herausfinden, wo sie war.
Einen Monat nach der geplanten Geburt des Kindes raffte sich Tom dazu durch, in seinem Computer nach Angela zu forschen. Er hatte sich vorher lange davon abgehalten, aber nun konnte er es nicht mehr. Er musste wissen, was passiert war.
Er zögerte, tippte dann aber die gesuchte Information ein. Ein Steckbrief von Angela Benett kam, aber sonst nichts. Sie hatte scheinbar keine neue Adresse, oder war jedenfalls nicht eingetragen, war in keinem Ferienhaus. Sie könnte genauso gut tot sein und niemand würde es merken.
Tom war in der letzten Zeit sowieso schon still gewesen aber jetzt sagte er überhaupt kein unnötiges Wort mehr. Er wusste, dass der Chef sich Sorgen um ihn machte, aber was konnte er dafür? Er wusste, dass er irgendwo auf der Welt ein Kind hatte, aber nicht wusste, wo es war und nicht einmal, was für ein Geschlecht es hatte. Das war schon zum Verzweifeln.
Würde er mit jemandem darüber reden, würde derjenige ihn vermutlich nicht verstehen. Er wollte das Kind nicht, hatte es nie gewollt, aber jetzt machte er sich Sorgen darüber, wo es war und ob es ihm gut ging. Das war nicht ganz normal, aber es waren nun mal seine Gefühle und daran konnte er nicht ändern.
Tom seufzte. Der Computer konnte ihm keine Informationen liefern, die er nicht hatte.
Kurz entschlossen wählte er die Telefonnummer von Foster. Der Spitzel, es war tatsächlich Mark Niyogi, hatte sich wieder von Angela getrennt und er war vielleicht der einzige, der wusste, wo Angela war. Und wenn er es wusste, dann wusste es Foster sich auch.
Er hörte eine müde Stimme, die die von Foster war und wurde sich erst jetzt bewusst, dass es schon nach elf Uhr abends war.
"Entschuldigen Sie, Eric, dass ich Sie so spät anrufe, aber es ist wichtig für mich."
Er hörte ein Seufzen, als Foster seine Stimme erkannte, aber er würde nicht einfach so auflegen. Er hörte zu.
"Wohin wollten Mr. Niyogi und Miss Benett auf die Hochzeitsreise?"
"Wie bitte?" entfuhr es Foster verblüfft.
"Wo wollten sie hin in ihren Flitterwochen?"
Foster erholte sich schnell und sagte: "Ich glaube, sie wollten nach Hawaii. Warum?"
"Wenn Sie mich in nächster Zeit brauchen ... Ich bin auf Hawaii."
Er legte auf und suchte nach der Passagierliste der Flüge nach Hawaii von den letzten drei Monaten. Vielleicht war sie unter anderem Namen geflogen. Da blieb nur noch die Frage: Konnte er herausfinden, was für einen Namen sie gewählt hatte? Kannte er sie so gut?
Es waren über hundert Flüge in der letzten Zeit nach Hawaii geflogen, mit je über fünfzig Passagieren. Da hatte er eine Menge Arbeit vor sich.
Tom fing an, die Namen der Passagiere anzusehen. Es waren so viele. Er wusste genau, dass seine Chance, Angela zu finden, ziemlich gering waren, aber es war besser nach ihr zu suchen versucht zu haben, als gar nichts zu tun.
Angela Barnett! Das war es. Business-Klasse-Flug nach Hawaii. Das Geburtsdatum stimmte auch.
Ohne viel zu Überlegen bestellte sich Tom den ersten Flug, der in genau drei Stunden flog nach Hawaii und buchte sich ein Zimmer im gleich Hotel wie Angela. Es wurde bestätigt und Tom packte ein paar Sachen zusammen. Er rief in der Firma an, und sagte, dass er sich ein paar Tage frei nehme und fuhr mit einem Taxi zum Flughafen.
Dort war die Hölle los. Alle Menschen eilten gestresst umher, als hätten sie nur noch fünf Minuten, um ihre Maschine zu erreichen, oder sie lagen halb auf ihren Stühlen.
Tom kämpfte sich durch den Strom und ging zu einem Schalter, um einzuchecken. Die junge Frau lächelte freundlich.
"Haben Sie Gepäck, dass Sie aufgeben wollen?"
Tom schüttelte den Kopf.
"Okay, dann sind hier Ihre Bordkarten. Einen angenehmen Flug.
Tom dankte und ging zu einem überfüllten Wartesaal. Sein Flug war noch nicht angekommen. Er kaufte sich etwas zu essen.
Die Zeit, die er warten musste, war ziemlich lang. Der Flug hatte schon bei der Ankunft eine Stunde Verspätung und er flog drei Stunden zu spät ab. Tom wurde immer nervöser, und er schwitzte kalten Schweiss.
Erst als er im Flugzeug sass, beruhigte er sich halbwegs. Sie flogen in die Nacht hinein, also konnte er den Schlaf, den er brauchte, nachholen.
Eine Stewardess weckte ihn freundlich nach ein paar Stunden. Sie sagte lächelnd, dass sie gelandet seien. Er nickte verschlafen und tastete nach seiner Tasche. Alles war noch da.
Die alte Frau neben ihm lächelte ihm zu und meinte: "Als ich noch jünger war, konnte ich auch noch im Flugzeug schlafen. Aber jetzt muss man doch immer aufpassen, dass die Maschine nicht abstürzt."
Tom lächelte. Sie hatte recht, aber es war ihm egal. Jetzt waren sie ja schon gelandet und wenn sie abgestürzt wären, wäre er bestimmt durch die Schreie geweckt worden.
Er nickte ihr zum Abschied zu und drängte auf den Ausgang zu. Eine angenehme Kühle empfing ihn. Die Strassen waren hell erleuchtet, aber der helle Streifen hinter dem Meer zeigte, dass die Sonne bald aufgehen würde.
Er fuhr mit einem Taxi zu seinem Hotel und ging zur Rezeption. Ein Mann stand da und suchte nach Toms Buchungsnummer.
"Sie haben Zimmer 206. Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt."
Tom nahm den Schlüssel entgegen.
"Könnten Sie mir sagen, welche Zimmernummer Angela Barnett hat?"
Der Mann schüttelte den Kopf.
"Tut mir leid, aber ich darf Ihnen diese Auskunft nicht geben."
Tom nickte und ging zum Lift. Er hatte damit gerechnet, dass er diese Information nicht bekam, darum hatte er einen kleinen Laptop mit genommen, um sich einzuschleusen.
Die Tür des Lifts öffnete sich und Tom erstarrte. Er hätte damit gerechnet, dass Angela aus dem Lift trat, oder vielleicht sogar Agent Keating. Aber die, die er jetzt sah, mit denen hatte er ganz und gar nicht gerechnet.
Auch Jennifer und Michael schienen einen Moment wie erstarrt zu sein, doch dann lächelte Michael plötzlich.
"Was für ein Zufall! Ich hätte nicht gedacht, dich so schnell wiederzusehen."
Tom schluckte schwer.
"Ich auch nicht."
Winnetou packte ihn am Arm und zog ihn in den Lift hinein. Toms Sinne waren auf Abwehr gespannt. Aber weder Jennifer noch Michael zogen eine Waffe aus der Tasche. Nur Michaels Griff um seinen Oberarm war eine Gefahrenquelle.
Sie stiegen im dritten Stock aus und Jennifer schloss - vermutlich - ihre Zimmertüre auf.
"Wie machst du das nur, Toran? Dauernd treffen wir uns an den unmöglichsten Orten."
"Meinst du, ich mache das aus Absicht?" gab er zurück.
Er hatte keine Ahnung, wie es ihnen gelungen war, aus dem Gefängnis auszubrechen und dann ausgerechnet hier unterzukommen, aber das war auch nicht sein Problem. Sein Problem war, dass er ausgerechnet jetzt auf sie getroffen war und sie vermutlich nicht so schnell wieder los wurde.
"Ich habe dir nie geglaubt, als du sagtest, dass du ein Glückskind bist, aber jetzt hast du mich dann langsam überzeugt. Aus einem brennenden Haus aus dem dritten Stock ist nicht mutig, das ist lebensmüde. Und dann überlebst du das ganze auch noch. Es ist kaum zu glauben."
Tom lächelte leicht.
"Ich habe es ja schon immer gesagt."
Jennifer unterbrach ihr Gespräch.
"Was machen wir jetzt? Vielleicht sollten wir seinem Glück endlich mal ein Ende bereiten."
Tom liess sich kein Erschrecken nicht anmerken, denn er wusste, dass sie es ernst meinte. Sie wollte ihn umbringen, er hatte ihnen zu oft ihre Pläne durchkreuzt.
Michael grinste Tom an und zückte nun doch seine Pistole. Er hielt sie genau zwischen Toms Augen gerichtet und sah ihn an.
Tom starrte ihn zurück an, zeigte damit, dass er nicht in Panik ausbrechen würde, und er ihn dadurch nicht erschrecken würde.
"Na los, tu' es doch. Du willst es doch schon seit über zehn Jahren. Jetzt hast du die Gelegenheit dazu."
Doch Michael schüttelte nur den Kopf und entsicherte die Waffe wieder.
"Wir kriegen gleich Besuch und wollen doch keine Sauerei machen, oder? Vielleicht solltest du dich ins Schlafzimmer begeben und warten, bis wir fertig sind."
Er deutete mit der Waffe auf die Tür. Tom ging langsam auf die Tür zu, aber er wusste nur zu gut, dass er nicht herauskam, wenn Jennifer oder Michael es ihm nicht erlaubten.
Tom musste sich aufs Bett setzen, die Hände hinter dem Rücken an der Wand und Winnetou fesselte ihn mit den Handschellen an das Gitter am Kopfende. Er zog ein Taschentuch aus der Tasche und knebelte ihn damit. Die ganze Zeit über starrte Tom ihn nur an, sagte kein Wort, was er auch jetzt nicht mehr konnte.
Mit einem Seil wurden auch noch seine Füsse zusammen gefesselt und dann liess Winnetou ihn alleine.
"Ein Laut und du bist tot", drohte er und schloss die Tür ab.
Tom zerrte einen Moment vergebens an den Handschellen und versuchte auch vergeblich, den Knebel zu lösen, so dass er es aufgab und sich auf die Geräusche im Wohnzimmer konzentrierte. Michael und Jennifer diskutierten leise miteinander, so dass Tom kein Wort verstand.
Etwa fünf Minuten später klopfte es an die Tür. Sie wurde geöffnet und jemand wurde von Jennifer herzlich begrüsst. Doch auch jetzt hörte er nur Gemurmel. Scheinbar hatten sie die Balkontür aufgemacht, denn er hörte das leise Rauschen des Meeres und der Autos. Trotzdem konnte er noch das Lachen hören.
Plötzlich wurde die Tür aufgestossen und Michael kam herein. Er löste ohne ein weiteres Wort seinen Knebel und die Fussfesseln.
"Der Chef möchte dich sehen", sagte Winnetou.
"Ihr habt einen Chef? Ich habe gedacht, dass ihr alleine arbeitet."
"Ich habe nicht gesagt, dass es unser Chef ist."
Er löste auch die Handschellen, aber nur, um sie vom Gitter wegzunehmen und dann gleich wieder anzulegen. Er fasste ihn am Arm und zog ihn hinaus.
"Wessen Chef ist es dann?"
"Das kann dich einen Scheissdreck interessieren", gab Michael zurück.
Jennifer legte Tom einen langen Mantel um die Schultern, so dass es von aussen aussehen musste, dass er die Hände hinter dem Rücken verschränkt hatte.
"Kein Ton von Hilfe oder so von dir, verstanden?"
Tom nickte nur und ging zwischen Jennifer und Michael hinaus zum Lift. Sie fuhren noch zwei Etagen weiter hinauf, und wurden von zwei Männer empfangen, die ziemlich nach Bodyguards aussahen. Sie nahmen Jennifer und Michael die Waffen ab und liessen sie durch.
Scheinbar gehörte diese ganze Etage nur einem einzigen Mann, wenn der die Leute schon am Lift nach Waffen absuchen liess.
Sie gingen auf eine der Türen zu und dort waren drei weitere Männer. Sie standen an den Wänden nach und beobachteten jeden Schritt, den sie machten.
Andere Schritte näherten sich und Tom erstarrte zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten.
Angela lächelte leicht, ebenfalls sichtlich erschrocken. Tom fiel auf, dass sie wieder so schlank war wie damals, als er sie zum ersten Mal sah.
"Guten Morgen, Tom. Was für eine Überraschung."
Tom erholte sich und nickte.
"Schöner Zufall, nicht?"
Angela kam näher. Sie trug nur ein paar kurze Jeans und ihre langen, schlanken Beine kamen dadurch gut zur Geltung.
"Machen Sie ihn los", befahl sie Michael.
Dieser zögerte verwirrt.
"Von wo kennen Sie ihn, Angela?"
Sie lächelte leicht und antwortete: "Das ist eine lange Geschichte. Aber machen Sie ihn los. Er wird nicht weglaufen, bevor er nicht gesehen hat, was er sehen will."
Toms Gesicht war starr, als Winnetou widerstrebend seine Handschellen löste. Angela blickte ihn mit ihrem unwiderstehlichen Blick an und schickte die Leibwächter mit Jennifer und Michael hinaus.
"Wir werden uns später noch einmal treffen", sagte sie zu ihnen.
"Ma'am, ich halte das für keine gute Idee. Er könnte ...", wandte ein Bodyguard ein.
Angela zwang ihn mit einem bestimmten Blick ebenfalls hinaus zu gehen.
"Warum bist du hergekommen?" fragte sie.
Tom antwortete nicht. Was hätte er sagen sollen? Er wolle sein Kind sehen, wissen, ob es gesund sei? Ausserdem wusste sie es ja schon, damit hatte sie Winnetou ja auch schon abgespeist.
"Was haben Sie mit Sheen und Gordon zu tun?" fragte er.
"Ich mache Geschäfte mit ihnen. Und was hast du mit ihnen zu tun?"
Tom erinnerte sich an das Gespräch mit Agent Keating, der sagte, dass sie vermutlich nicht wisse, dass er von den beiden entführt wurde.
"Sie sind die, die mich entführt haben und mich zweimal angeschossen haben", antwortete er.
Angela starrte ihn erschrocken an. Das hatte sie scheinbar nicht erwartet. Sie schluckte und drehte sich zu Fenster um.
"Das tut mir leid. Ich wusste das nicht. Sie sagten zwar etwas von einer Geisel, aber ich hätte nicht gedacht, dass du diese Geisel bist."
Tom ging nicht weiter auf das Thema ein.
"Sie haben mir nicht einmal geschrieben, ob das Kind lebt. Ich dachte, ich hätte deutlich gesagt, dass ich mein Kind kennenlernen möchte."
Angela drehte sich wieder zu ihm um.
"Es ist ein Mädchen. Ich habe sie Sarah getauft. Sie hat genau deine Augen."
Sie lächelte.
"Komm'. Sie schläft im Nebenzimmer."
Sie ging voraus in ein freundlich eingerichtetes Zimmer. Tom folgte ihr langsam. Jetzt war der Moment gekommen, ab dem er sein Kind kennenlernte und am liebsten würde er jetzt laut schreiend davon rennen.
Angela ging auf das kleine Bettchen zu und schlug die Decke leicht zurück. Tom sah ihn ein kleines Gesicht, das friedlich aussah. Es hatte wirklich seine Augen, aber Angelas Mund. Die kleinen Finger hatte es im Mund und es machte immer wieder seufzende Geräusche.
Tom streckte langsam die Hand aus und fuhr wie in Trance über die Wange seines Kindes. Er konnte nicht - und wollte es auch gar nicht - verhindern, dass seine Augen sich mit Tränen füllten. Er schluckte vor und versuchte, seine intensiven Gefühle unter Kontrolle zu bringen, aber er konnte es nicht.
"Genauso habe ich mich auch gefühlt, als ich sie das erste Mal sah. Sie ist das schönste Wesen, das ich je gesehen habe", sagte Angela und legte ihm die Hand auf den Arm.
"Lassen wir sie schlafen. Jennifer und Michael warten sicher schon."
Abrupt wurde er in die Wirklichkeit zurück gerissen. Er war noch immer ein Gefangener und würde es auch noch eine Weile. Aber das war nicht mehr so wichtig. Er hatte seine Kind gesehen, wusste, dass es gesund war und das war das einzige, was zählte.
Er folgte Angela wieder in den anderen Raum und setzte sich in einen Sessel, während Angela Jennifer und Michael, die vor der Tür gewartet hatten, hereinholte.
Michael musterte Tom misstrauisch und warf auch einen Blick auf Angela, sagte aber nichts.
"Sie hätten mir sagen müssen, wer Ihre Geisel ist, meine Herrschaften. Ich habe laut unserer Abmachung ein Recht darauf, das zu erfahren", warf Angela den beiden vor.
"Sie haben nicht gefragt", gab Michael zurück.
"Weil ich es nicht für wichtig hielt. Aber Sie wussten, dass ich mit ihm arbeitete, also wäre es Ihre Pflicht gewesen, es mir zu sagen."
Jennifer zuckte mit den Schultern.
"Jetzt wissen Sie es ja, oder? Wir haben keine Zeit mehr. Bald wimmelt es hier nur so von Polizisten. Wir müssen den Flug in einer halben Stunde noch erwischen. Haben Sie alles vorbereitet?"
Angela nickte.
"Natürlich. Es ist alles bereit."
"Bleibt nur noch die Frage: Was machen wir mit unserem kleinen Freund hier?" sagte Winnetou grinsend.
Tom starrte ihn an und sagte, ohne jegliches Bewegen im Gesicht: "Ich bin nicht dein Freund, und schon gar nicht dein kleiner Freund."
Michael ging nicht darauf ein, sondern sah nur unverwandt Angela an. Scheinbar war sie doch so eine Art Chefin für die beiden. Jedenfalls hatte ihre Meinung viel Gewicht.
"Wir lassen ihn gehen. Die Polizei weiss sowieso schon, dass Sie hier sind, dann kommt es nicht darauf an, ob Tom es ihnen auch noch sagen kann oder nicht."
"Es geht mir nicht um uns", sagte Michael, "Es geht mir um Sie. Er weiss, dass Sie mit uns zusammen arbeiten und kann das an die Polizei weitergeben."
Angela zögerte, und meinte dann, ohne einen einzigen Blick auf Tom zu werfen: "Er wird nichts sagen."
Und Tom widersprach nicht. Angela hatte ihn vollkommen unter Kontrolle und das wusste sie genauso gut wie er, aber er konnte sich nicht dagegen wehren. Sollte er seinem Kind etwa die Zukunft vermiesen, nur weil Angela ins Gefängnis kam? Ausserdem machte Angela ja eigentlich nichts schlimmes. Ein paar Überfälle organisieren vielleicht, das schon, aber sie brachte niemanden um. Das war es nicht wert, um das Leben eines Ungeborenen zu verderben.
"Gehen Sie jetzt. Wir gehen jetzt dann auch gleich, und vermutlich wird Tom mit uns kommen."
Jennifer nickte und zog Michael mit sich hinaus. Angela wandte sich zu Tom um.
"Was wirst du jetzt tun? Du bist frei. Niemand hält dich auf, wenn du zur Polizei gehen willst."
Tom seufzte leise und sah sie an.
"Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich das nicht tun werde und Sie nutzen das schamlos aus."
Er stand auf und ging zur Tür. Doch bevor er hinaus ging, drehte er sich noch einmal um.
"Passen Sie gut auf Sarah auf. Wenn ihr etwas passiert, mache ich Sie dafür verantwortlich."
Die Männer im Gang liessen ihn in Ruhe. Einer gab ihm seine Tasche zurück, die er bei sich getragen hatte.
Er war von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl gefallen, und gleichzeitig war er der Verzweiflung nahe. Er musste Angela und Sarah vergessen und ein neues Leben anfangen. Vielleicht konnte er auf das Angebot von Agent Foster zurückgreifen und eine neue Identität bekommen.
Er verwarf den Gedanken so schnell wieder, wie er gekommen war. Das war doch Schwachsinn! Eine neue Identität! Er konnte auch einfach irgend wo anders hinziehen und schon war das erledigt.
 

Zwei Tage später, wieder zurück in den Staaten, hatte er seine neue Identität. Er hiess jetzt Harry Tanaka und kam aus New York. Agent Foster und dessen Vorgesetzter waren die einzigen, die wussten, wer er wirklich war und es existierten auch keine Akten darüber, so dass man nicht an die Informationen herankam.
Tom, jetzt Harry, flog nach New York, zu 'seiner' Wohnung. Er wollte zuerst ein bisschen abschalten, ein bisschen herumreisen und die Welt kennenlernen, wie sie wirklich war und nicht nur auf dem Computer. Für etwas hatte er ja sein Geld.
Er mischte sich auch ein bisschen in seine Firma ein, aber nur solange, bis ihm der Trott auf die Nerven ging. Er könnte das nie mehr als einen Monat aushalten.
Er nahm sich auch vor, seine Grossmutter zu besuchen, die er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, und musste dabei feststellen, dass sie zwar noch lebte, aber irgendwo, wo man sie nicht finden konnte. Er liess ihr eine Nachricht dort, rechnete aber nicht damit, dass sie sie bekam.
Nach einiger Zeit, genauer nach mehreren Jahren, kaufte er sich ein kleines Haus in Kanada und liess sich dort nieder. Er lernte, wie er sich selber ernähren konnte, ohne Mikrowellen und Fast Food. Nur selten fuhr er in das etwa dreissig Kilometer entfernte Dorf, um ein paar Sachen zu holen. Die Leute dort hielten ihn für einen komischen Kauz und liessen ihn in Ruhe.
Manchmal verirrten sich Touristen in der Gegend und kamen in ein Unwetter, dann konnten sie bei ihm Unterschlupf finden. Er war ein guter Zeitgenosse, denn die Stürme gingen manchmal mehrere Tage. Mit manchen dieser Touristen hatte er eine Zeitlang noch Kontakt, doch auch der brach ab.
Er war nicht immer alleine oder mit den Touristen in diesem Haus. Er hatte mehrere Beziehungen, aber sie hielten nicht lange. Denn Harry war anders als andere Männer. Keine der Frauen konnte seine Gedanken erkennen, fühlen, was er fühlte, oder wissen, wie es auf dem Grund seiner Seele aussah. Manchmal hatte er das Gefühl, dass er es selbst nicht wisse.
 

Fast fünfzehn Jahre später raffte sich Harry endlich auf, sein Haus zu verkaufen und zurück nach New York zu gehen. Er hatte seine üblen Erinnerungen erfolgreich unterdrückt und sie besiegt, so dass er jetzt Angelas Gesicht nur noch als blasser Schimmer in seiner geheimen Vergangenheit war.
Harry hatte schon Wochen zuvor ein Gesuch bei der High School of New York gestellt, ob sie einen Lehrer brauchten, der C-Sprache unterrichtete. Zuerst kam keine Antwort, dann aber die Frage, ob er nach fünfzehn Jahren Wildnis nicht alles verlernt habe. Harry verneinte dies, denn er hatte wohl in der Wildnis gelebt, das hiess aber nicht, dass er keinen Computer gehabt hatte. Die Computer, die er sich immer wieder gekauft hatte, um auf dem neusten Stand zu bleiben, waren der einzige Luxus, den er sich gönnte.
Einen Monat nachdem er das Gesuch geschrieben hatte, kam die Antwort, dass er die Stelle habe und gleich in zehn Tagen anfangen könne, da dann das neue Semester begann.
So kam Harry nach New York zurück. Zuerst fand er sich in der Welt der Technik nicht mehr aus, aber diese Desorientierung dauerte nur ein paar Tage. Die alten Erinnerungen kamen hoch, und er lehrte alles von neuem.
In einem Block hatte er sich ein Apartment gemietet und dort war er nur wenige Tage ein Hinterwäldler. Nach kaum einer Woche war er ein gern gesehener Mann, denn er trieb seine Scherze mit jedem und brachte jeden zum Lachen. Er hatte alle seine Nachbarn zu seinen Freunden gemacht.
Er bekam von der High School Unterlagen zugeschickt über den Stoff, den er durchnehmen musste in diesem Semester. Er studierte ihn und wurde gerade knapp vor Beginn des Semester damit fertig und konnte noch die ersten Stunden vorbereiten.
 

Als er am Morgen des Semesteranfanges in die High School kam, sah er nur müde Gesichter, die alle das Frühaufstehen nach den Sommerferien nicht mehr gewohnt waren. Er schlug sich zum Büro des Direktors durch und stellte sich ihm vor.
"Sie haben eine sehr ... ungewöhnliche Laufbahn hinter sich, Mr. Tanaka. Besitzer der fast grössten Firmenkette in ganz Amerika und dazu haben Sie noch mehrere Belobigungen an mehreren Arbeitsplätzen als Computerspezialist erhalten. Sie haben in den letzten ... fünfzehn Jahren auch schon C-Kurse geleitet?"
Tom nickte.
"In einem kleinen Dorf in Kanada für ein paar Jugendliche. Keine grosse Sache."
"Sie lebten in dieser Zeit ziemlich zurückgezogen. Darf ich nach dem Grund fragen?"
"Dürfen Sie, aber ich kann Ihnen nicht versprechen, zu antworten."
Der Direktor lächelte.
"Wir brauchen schlagkräftige Lehrkräfte an dieser Schule. Die Schüler werden immer wilder und vermutlich besuchen sie die C-Stunden nur noch, um sich damit in andere Computer hacken zu können."
Harry zuckte mit den Schultern.
"Ich glaube nicht, dass sie nach einem Semester wissen, wie man so etwas macht."
Der Direktor nickte.
"Da haben Sie Recht, aber die wissen das nicht. Kommen Sie, ich bringe Sie zu Ihrem Unterrichtszimmer, damit Sie sich noch ein bisschen einleben können."
Der Mann stand auf und führte ihn durch die noch ruhigen und leeren Gänge der riesigen High School, durch einen leeren Park, in dem die Blumen noch in ihrer vollen Pracht blühten und zu seinem ziemlich grossen Zimmer, in dem auf jedem Tisch ein Computer stand.
Harry bedankte sich und sah sich erst einmal um. Es waren nicht mehr die neusten Computer, aber noch gut genug für einen solchen Kurs. Die Programme waren gut, wenn auch nicht die besten.
Er studierte noch einmal sein Programm für die Klasse, die jetzt kam. Es war eine der Fortgeschrittenen, die alle schon mindestens ein Semester vorher in einem solchen Kurs verbracht hatten. Er hatte sich vorgenommen, zuerst alle ein bisschen zu testen und zu sehen, wie weit die einzelnen Schüler waren, bevor er mit dem eigentlichen Programm anfing.
Ein anderer Lehrer kam durch eine kleinere Tür in sein Zimmer und blieb erschrocken stehen.
"Entschuldigen Sie, ich wusste nicht, dass Sie schon da sind."
Er kam näher und streckte Harry die Hand entgegen.
"Ich bin Mike Rogers. Ich bin Ihr Kollege im C-Kurs."
Harry lächelte und stellte sich ebenfalls vor.
"Kommen Sie doch noch mit ins Lehrerzimmer, dann stell ich Sie den anderen noch vor."
Harry nickte und ging mit ihm durch die Haupttür hinaus, genau auf die andere Seite des Flures. Dort sassen mehrere Männer und Frauen, die miteinander lachten und scheinbar ganz vergessen zu haben schienen, dass sie in ein paar Minuten Unterricht geben mussten.
Mike stellte ihm alle vor und die Lehrerschaft nahm ihn freundlich in ihrem Kreis auf. Als es läutete, standen alle auf und gingen zu ihren Klassen.
"Passen Sie gut auf Ihre Klasse auf. Sie kann ziemlich ekelhaft sein. Ich habe sie im letzten Semester abgegeben, weil ich nicht mehr mit ihr klar kam. Hoffentlich machen Sie es besser als ich", erzählte ihm Mike, bevor er ebenfalls zu seiner Klasse ging.
Harry sah durch das Fenster in der Tür und sah nichts als ein riesengrosses Chaos.
Die meisten Schüler sassen auf ihren Bänken herum und hatten die Computer zur Seite geschoben, während der Rest ihn schon angeschaltet hatte und mit ihm herum experimentierte.
Harry holte Luft und musste sich beherrschen, um nicht anfangen zu grinsen. Er war genauso gewesen, als er so alt war.
Er öffnete die Tür und ging ohne einen Blick auf die Schüler zu werfen zu seinem Pult. Die Tür fiel mit einem Schlag ins Schloss. Die wenigen, die ihn vorher bemerkt hatten, aber nicht reagierten, setzten sich seufzend in ihre Stühle und langsam sprangen auch die anderen von ihren Tischen und setzten sich.
Harry lehnte sich ans Pult und wartete, bis die meisten ihre Aufmerksamkeit auf ihn richteten.
"Guten Morgen allerseits. Ich hoffe, Sie hatten schöne Ferien. Mein Name ist Harry Tanaka, Ihr neuer C-Lehrer."
Ein Murmel, das wohl ein Grus sein sollte, ging durch die Klasse.
"Bevor wir mit dem Unterricht anfangen, möchte ich einige Dinge klarstellen. Man hat mir gesagt, dass ihr am liebsten nur Hacken lernen wollt. Ich könnte euch das beibringen, aber leider steht es nicht im Lehrplan und es ist genug Stoff da, um das ganze Semester durchzuarbeiten. Wenn ihr also hacken lernen wollen, dann müssen wir uns beeilen, so dass wir am Schluss des Semesters, wenn der ganze Stoff durch ist, noch Zeit haben."
Wieder durchfuhr ein Murmel durch die Klasse. Eine Schüler murrten, dass sie das nie schaffen können.
"Würden Sie bitte wiederholen, was Sie gerade gesagt haben?" wandte sich Harry an einen Schüler in der vordersten Reihe, der sich beklagt hatte.
"Wir können nie den ganzen Lehrplan durcharbeiten, Sir, weil der viel zu lang ist."
"Wenn er so lang ist, wie Sie behaupten, dass er ist, warum steht dann am Schluss des Plans, dass ich auf die Wünsche der Schüler am Ende des Semesters eingehen und mit ihnen das Thema behandeln soll, das sie wollen?"
Der Schüler zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht um uns zu beruhigen."
Die Schüler grinsten. Harry musterte sie einen Moment lang.
"Okay, es ist viel, aber nicht zu viel. Wenn ihr euch ins Zeug hängt und ich ein paar Sachen auslasse, die sowieso Schwachsinn sind, dann haben wir noch etwa zwei Monate, in denen ich euch die Grundkenntnisse und einige Tricks beibringen kann. Ich muss zugeben, dass ich auch lieber hacke als gelangweilten Schülern das Zehnfingersystem beizubringen."
Wieder ging ein Murmel durch die Klasse.
"Können Sie überhaupt hacken?" fragte da eine.
"Sonst hätte ich ja kaum gesagt, dass ich das lieber mache, oder?"
"Sind Sie schon einmal in die Akten der FBI eingedrungen?"
Harry schüttelte den Kopf.
"Was haben Sie denn sonst gemacht? Vielleicht in Spielcomputer kleiner Kinder mit einem Passwort wie '1, 2, 3'?"
Harry grinste und schüttelte wieder den Kopf.
"Nein, ich habe es mit den Akten der Regierung versucht."
Jetzt hatte er wohl endgültig die Aufmerksamkeit aller Schüler und Schülerinnen. Ein anderer Schüler lehnte sich zurück und meinte: "Das sagen Sie doch nur, damit Sie Ihren Respekt haben und einen anständigen Unterrichtsbericht ablegen können, damit Sie befördert werden."
Harry zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht sage ich das auch nur. Aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall habe ich nicht für nichts drei Jahre im Gefängnis wegen Spionage verbracht."
Der Lärm verstummte abrupt. Harry seufzte. Vermutlich hielten ihn die Schüler für einen wahnsinnigen Angeber, aber wenigstens schwiegen sie jetzt.
"Wir haben es auch schon mal versucht", meldeten sich zwei Schüler.
Harry hob erstaunt die Brauen und sah sie an. Es war ein Junge und Mädchen. Die anderen Schüler schienen davon zu wissen und warfen ihnen Sprüche zu, dass das blosse Angeberei sei und so.
"So, habt ihr? Und wie habt ihr das angestellt?"
Das Mädchen lächelte ihn an. Ein Vorfahre von ihr musste ebenfalls Japaner oder Chinese gewesen sein.
"Wir haben einen Computer genommen, mit einer Tastatur und einer Maus, haben die Codes geknackt und sind hineingegangen."
Harry lächelte leicht und hob demonstrativ die Brauen.
"Natürlich. Dann habt ihr euch ein bisschen umgesehen, alles Interessante ausgedruckt und seid wieder abgehauen."
Der Junge grinste nun auch.
"Wir sind bei den Codes steckengeblieben. Die ersten zwei haben wir noch geschafft, aber ich denke, es kamen noch ein paar mehr."
"Neun, um genau zu sein."
Harry wandte sich wieder an die ganze Klasse.
"Ich kann euch verstehen, wirklich. Als ich in der High School war, habe ich während den Stunden kaum etwas mitbekommen, was der Lehrer gesagt hat. Es machte auch nichts aus, nur auf die Prüfungen hat es sich ausgewirkt. Wenn ihr also im ersten Quartal das macht, was ich will, dann machen wir im nächsten Quartal das, was ihr wollt."
Ein anderer Schüler meldete sich wieder.
"Das ist Erpressung."
Harry zuckte mit den Schultern.
"Das ganze Leben ist eine Erpressung. Wenn man nicht das tut, was die Starken wollen, geht man unter. So einfach ist das."
Wieder murrten einzelne Schüler, aber diesmal ging er nicht darauf ein. Er erklärte eine Aufgabe und begann damit, die Schüler einzeln nach ihrem Namen auszufragen und ihre Fähigkeiten zu testen.
Er kam zu den zwei, die behaupteten, die ersten beiden Codes der Regierung geknackt zu haben.
"Und wie heisst ihr?" fragte er.
"Ich bin Lucas Walenczek, das ist Sarah Aiken."
"Wo habt ihr das Hacken gelernt? Seid ihr auch schon in Akten hinein gekommen?"
"Nein, wir sind immer an den Codes gescheitert. Wir haben es uns selbst beigebracht. Das heisst, Sarah hat es sich beigebracht und dann mir."
Er sah sie erstaunt.
"Sie haben sich alles selbst beigebracht?"
"Na ja, nicht ganz alles", sagte Sarah leicht verlegen.
"Hören Sie nicht auf sie", mischte sich Lucas ein, "Sie ist zu bescheiden. Sie hat nur einen Hundertstel von ihrer Mutter gelernt, der Rest hat sie sich selbst beigebracht."
"Lucas! Halt den Mund!"
Harry unterdrückte ein Grinsen, als er die beiden streiten sah.
"Schon gut. Es kommt nicht darauf an. Ihr könnt das, das ist das wichtige daran, und gleichzeitig das Problem."
"Warum das Problem?"
"Ihr könnt zuviel. Ich muss dafür sorgen, dass ihr nur gerade soviel lernt, um gut mit einem Computer umgehen zu können. Wenn ihr besser als sehr gut seid, ist das nicht gut."
"Keine Sorge, Mr. Tanaka, wir machen Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten."
"Das habe ich auch gesagt, als ich in eurem Alter war. Dann habe ich es nicht geschafft einen Code zu knacken und habe mein Versprechen gebrochen, aus reiner Neugier."
"Wir halten aber unsere Versprechen. Wir werden sicher noch einmal versuchen, die Codes zu knacken, aber erst, wenn wir es besser beherrschen. Wir wollen schliesslich nicht erwischt werden."
Lucas grinste ihn vielsagend an.
"Okay, aber wenn ihr etwas macht, das euch in Schwierigkeiten bringt, ist es nicht meine Schuld."
Sarah nickte.
"Sicher nicht. Wir übernehmen für unser Handeln selbst die Verantwortung. Wir sind schliesslich keine kleinen Kinder mehr."
Harry nickte und wandte sich noch den restlichen Schülern zu. Viele waren frech und hatten keinen Respekt, aber das war Harry eigentlich egal. Er war lange alleine gewesen und erst jetzt bemerkte er, wie sehr er die Gesellschaft der anderen Menschen brauchte. Als er noch jung war, in seinem alten Leben, da dachte er, es wäre kein Problem, alleine zu sein. Aber das war es nicht, ganz und gar nicht.
So gab er mit schnellen Schlägen die Stösse der Schüler zurück und zeigte ihnen, dass er vielleicht aus ihrer Sicht ein alter Mann war, aber noch lange kein Greis. Er konnte sich wehren, und liess sich nicht unterdrücken.
Es läutete und die Schüler stürmten sofort aus dem Zimmer. Etwa fünf Sekunden danach, war das Zimmer leer, ausser einem jungen Mann, den Harry als Dean Cain in Erinnerungen hatte.
"Haben Sie einen Moment Zeit?"
Harry hob die Hände.
"Sicher."
"Wissen Sie, mein Vater ist auch Computerspezialist. Er arbeitet bei einer Firma, die Sicherheitssysteme anderer prüft. Im Moment haben sie eine ziemliche Krise. Ich weiss, ich dürfte Ihnen das gar nicht erzählen, aber wenn die Firma bankrott geht, ist mein Vater arbeitslos. Ich habe mir gedacht, vielleicht könnten Sie .... Ich meine, Sie würden auch dafür bezahlt ...."
Harry lächelte.
"Ich habe auch einmal bei einer solchen Firma gearbeitet. Ich werde Ihrem Vater und der Firma helfen, das ist klar. Sie müssen mir nur die Adresse der Firma geben und ich werde in der nächsten Zeit mal vorbei schauen."
Das Gesicht des Jungen heiterte sich sofort auf.
"Ich danke Ihnen, Sir. Ich danke Ihnen vielmals, Sir."
Er lächelte nur und sah dem Jungen nach, wie er hinaus ging. Seufzend packte er seine Sachen zusammen und ging in das Lehrerzimmer.
Mike sass schon grinsend da.
"Sie sehen abgeschafft aus. Haben sie Sie fertig gemacht?"
Harry lächelte und schüttelte den Kopf.
"Nein, aber dauernd auf Offensive sein ist anstrengend. Sie haben recht, was die Schüler angeht. Es geht ihnen nur ums Hacken."
Mike nickte: "Ja, und sie wollen nichts anderes."
"Haben Sie gewusst, dass zwei schon einmal die Akten der Regierung knacken wollte und auch relativ weit kamen?"
Er nickte wieder: "Ja, sie sind kleine Naturgenies. Sarah erfindet die Techniken und Lucas führt sie mit einer fast unglaublichen Präzision aus. Es wundert mich, dass sie es noch nicht geschafft haben."
Harry setzte sich hin. Er hatte jetzt ein leere Stunde, die er vielleicht damit verbringen sollte, die nächste Klasse zu studieren, wenigstens die Namen.
Doch er hatte Glück. Es hatte zu jedem Namen auch noch ein Bild des Schülers dabei. Er prägte sich gewisse Merkmale ein und hatte dank seines guten Gedächtnis keine allzu grosse Probleme damit.
Bei einem Foto stütze er. Er hatte das Gefühl, dieses Mädchen, die junge Frau, schon einmal gesehen zu haben, vor langer Zeit.
Erinnerungen kamen hoch, solche, die er verdrängt hatte und die jetzt lange geschlummert hatten. Doch jetzt kamen sie wieder hoch, und er erinnerte sich an alles, als ob es gestern gewesen wäre.
Er musste lange vor sich hin gestarrt haben, denn als er sich endlich wieder erholte, waren alle seine Blätter auf den Boden gefallen und von dem nur leichten Wind des offenen Fensters durch das Zimmer gestreut worden.
Schnell sammelte er sie wieder ein, betrachtete noch einmal die junge Frau, verdrängte den Gedanken aber wieder, und machte sich für die nächste Stunde bereit.
 
 

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