DAS LETZTE ABENTEUER

IM JAHR DES BLUTES

WER SUCHET, DER FINDET



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Je näher ich der Hazienda kam, desto schwerer trug ich an meiner Last. Jesús wog wohl kaum 100 Pfund und mich nannten die Compañeros nicht umsonst "El Toro". Dennoch schien es mir, als wollte mich mein blutender Kamerad mit jedem Schritt tiefer in die schlammige Erde drücken. Während die Erschöpfung feurige Kreise in meine Augen brannte und mir das Pochen des Herzens wie eine Serie von Fehlzündungen im Schädel dröhnte, fragte ich mich, was aus dem Rest unserer Marschkolonne geworden sein mochte.

Als die 5 Kampfhubschrauber hornissenartig über dem Flußufer aufgetaucht waren und die ersten Raketen in unserem Zwischenlager detonierten, hockte ich gerade halbnackt 50 Meter flußabwärts, wo meine Sachen am Strand trockneten. Ich rollte mich ins Wasser und schmiegte mich eng an die Böschung. Durch den Rauch erkannte ich jetzt einen behäbig niedergehenden Mannschaftstransporter, aus dem sich brüllende Infanteristen in Kriegsbemalung ergossen, die sofort zu feuern begannen.

Comandante Basilio hatte den Lagerplatz gewählt. Er war das erste Opfer seiner Unvorsichtigkeit. Noch bevor er eine abgezogene Granate auf die Infanteristen schleudern konnte, warf ihn eine Maschinengewehrgarbe nach hinten. Omar "el chino" trat die Granate von sich weg in meine Richtung. Ich zog den Kopf ein und preßte mich in die weiche Erde. Jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen. Die Detonation war weniger laut als erwartet. Ich war halb taub durch die vorangegangenen Explosionen. Wie durch Watte drang der Kampflärm. Ich nahm die Hände von den Ohren und legte sie schützend auf den Kopf. Blut, Erde und Steine regneten vom Himmel. Die Schreie der Infanteristen hörten sich weit entfernt an, doch als ich wieder den Kopf hob, stellte ich fest, daß sie das Camp gestürmt hatten und größtenteils meine fliehenden Kameraden in den Urwald hinein verfolgten. Zehn Meter vor mir lag Marta, eingerollt wie ein Embryo, die kleine knochige Hand um die Kalaschnikow gekrallt. Daneben zuckte einer am Boden, den ich nur an seinem kahlen Schädel als Boris erkannte.

Der Transporter erhob sich eben wieder schwerfällig in die Luft. Fünf Mann sicherten das Ufer. Zwei zählten die Toten und durchsuchten sie nach Dokumenten und Zigaretten, doch schienen sie nicht fündig zu werden. Zigaretten hatten wir schon monatelang nicht gesehen. Einer schlenderte in meine Richtung, entdeckte den zuckenden Fleischklumpen, mit dem ich noch gestern Karten gespielt hatte, und schoß ihn zweimal in den Kopf.

Ich ließ mich vorsichtig die Böschung hinuntergleiten und tauchte ins lehmige warme Wasser. Die Strömung erfaßte mich und trieb mich dahin. Ein Soldat trat ans Ufer, doch er schien mich nicht zu bemerken.

Einige hundert Meter flußabwärts schwemmte mich der Strom ans Ufer. Ich kroch an Land und schüttelte mich wie ein Hund. Erst jetzt stellte ich fest, daß ich nur mit einer Unterhose bekleidet war. Hemd, Hose und Stiefel lagen samt und sonders bei unserem Lager. Die Sonne stand schon tief und ich beschloß die Nacht abzuwarten. Den Rest des Tages verbrachte ich im Schatten und Schutz eines fleischblättrigen Strauches, dessen Namen mir nicht einfiel. Das Knattern der Hubschrauberrotoren war einige Male gekommen und gegangen. Aus dem Dschungel waren zunächst noch einige ferne Schüsse zu hören, doch bald gab es nur mehr das Kreischen der Papageien, das Summen der tausend Insekten und alle anderen Äußerungen des Waldes, die das Gehör normalerweise aus der Wahrnehmung filterte.

Mit der Dunkelheit kamen die Moskitos. Bald hörte ich auf, sie zu hunderten auf meiner entzündeten Haut zu zerquetschen und spuckte nur noch die aus, die mir in den Mund gerieten, bald nicht einmal das. Ich erhob mich und wandte mich zum Fluß, auf dessen trägen Wassern ein riesiger Mond schwamm. Ich verfluchte die Helligkeit und watete vorsichtig flußaufwärts. Als ich den Ort des Lagers erreichte, schien die Stille die Geräusche des Waldes aufzusaugen. Brandgeruch hing in der schwülen Luft. Meine Kleidung war verschwunden. Ich stellte fest, daß man die Toten auf einem Ort aufgestapelt, mit Treibstoff übergossen und angezündet hatte. Doch das Feuer war wohl ausgegangen und der Treibstoff knapp. Meine menschlichen Gefühle unterdrückend näherte ich mich dem Haufen und durchwühlte ihn zunächst von Ekel und Grauen geschüttelt, doch bald mit schweißtriefender Energie. Je tiefer ich grub, desto unversehrter waren die Leichen. Drillichhose und Hemd hatte ich bald gefunden, doch erst Basilio besaß die passende Schuhgröße. Ich war eben fertig angekleidet, als ich ein Rascheln im nahen Busch vernahm. Ich warf mich zu Boden und lauschte. Da war ein Stöhnen. Ich robbte vorsichtig darauf zu. Das Stöhnen leitete mich. "Toro!" Der Ruf war kaum mehr als ein Flüstern. Ich sprang auf und öffnete das Gesträuch mit beiden Händen. Jesús lag seitlings, seine Linke auf den verletzten Oberschenkel gepreßt, in wenigen Stunden war sein fünfzehnjähriges Gesicht um ein Leben gealtert. Seine aufgerissenen Augen spiegelten meine Hoffnungslosigkeit. Dennoch zog ich ihn vorsichtig ins Mondlicht und entledigte ihn seiner zerfetzten Hose.

Ratlos betrachtete ich das zitternde rohe Fleisch, das den stetigen Strom des Blutes nicht zurückzuhalten vermochte. Jesús war zu schwach, um zu schreien. Auch zu schwach zu leiden, hoffte ich. Meine Trauer machte sich in sanften, sinnlosen Worten Luft, die ich wie eine Decke über ihn breitete, während ich die Wunde so gut ich konnte versorgte. Als ich seinen zerbrechlichen Körper aufhob, mir auf den Rücken lud und mit einem Gürtel in dieser prekären Position sicherte, war er nicht bei Bewußtsein und ich dankte Gott dafür, an den ich nicht glaubte.

Ich marschierte flußabwärts, in der Absicht über eine vortags entdeckte Schneise in westlicher Richtung zu den Bananenplantagen zu gelangen, wo man uns retten oder verraten konnte. Die Schneise fand ich auch und nachts wie im Morgengrauen stapfte ich mechanisch dahin. Jesús war abwechselnd bei Bewußtsein und bewußtlos. War er wach, schrak ich bei jedem fast unhörbaren Stöhnen zusammen. Hörte ich nichts, wurde mir die Last schwerer und schwerer. Die Sonne war plötzlich da und hinter uns. Um uns dampfte der Urwald. Ich rechnete mit einem mehrtägigen Marsch, wenn mein Instinkt mich richtig leitete oder einem langen Sterben, wenn ich in die Irre ging. Um so erstaunter war ich, schon gegen Mittag deutliche Zeichen regelmäßiger menschlicher Tätigkeit zu erkennen. Maisfelder fraßen sich ins Grün des Waldes, Traktorspuren zerhackten die Schneise, die immer mehr zur Straße wurde. Hungrig, ausgedörrt in Geist und Gurgel, den verblutenden Jungen auf dem gebeugten Rücken, war ich doch im Denken noch nicht tot und fragte mich verwundert, warum ich keinen je von dieser Ansiedlung erzählen gehört hatte, die hier irgendwo im Urwald auf uns wartete. Ein verdammtes Wunder, sozusagen.

Plötzlich wußte ich mich beobachtet, wandte den Kopf nach rechts. Ein Indio tauchte mit schreckstarren Augen aus dem Mais auf und brachte sich mit langen Gazellensätzen in Sicherheit. Selbst in der Stumpfheit der Müdigkeit und des Leidens flößte mir das Grauen Angst ein, das sich für wenige Sekundenbruchteile in seinen geweiteten Augen gezeigt hatte, und der Umstand, daß es uns galt, überstieg mein Verständnis.

Die in den Wald gebrannte, getretene und gefahrene Straße bog nach links ab und stieg vor meinen Augen leicht an zu einer weitläufigen Hazienda, die von mehreren Wachtürmen gesichert wurde.

Die Erleichterung trat nicht ein. Im Gegenteil, je näher ich der Hazienda kam, die wie ein verirrtes Schiff die Maispflanzungen durchpflügte, desto niederdrückender war das Gewicht meines Freundes. Seine Gliedmaßen pendelten an meiner Seite, sein Kopf ruhte auf meiner Schulter. Der Gürtel, der ihn hielt, schnitt mir ins Fleisch. Und ich schritt voran, die Hazienda vor Augen. Die mit Wachposten bemannten Türme wuchsen aus dem Mais. "Jesús," murmelte ich, "halte durch, zweihundert Meter noch und wir sind da. Sie werden uns ausliefern, Jesús, aber wen kümmert das? Nur das Leben zählt."

Das Tor unter dem Rundbogen öffnete sich. Zwei Schatten kamen auf mich zu. Ich kämpfte um mein Bewußtsein, doch vor meine Augen schob sich eine blutrote Wolke, bis ich mich und uns vergaß.

"Er kommt zu sich, Direktor," waren die ersten Worte, die in mein entleertes Gehirn drangen. In der Tat fühlte ich, wie ein neues Leben sich in mir breit machte. Ich verstand nicht, warum mich dies nicht freute. Meine Augen gingen auf und sahen eine Gruppe sportlich aber teuer gekleideter Menschen, die mich mit kühler Freundlichkeit musterten. Der, den sie Direktor nannten, war ein sonnenverbrannter Blonder mit grauen Strähnen, der mich an die amerikanischen Filmstars meiner Jugend erinnerte. Ich lag im Schatten eines riesigen Patios. Jesús war nirgends zu sehen.

Auf meine Frage schüttelte der Direktor bedauernd den Kopf. Mein Kamerad war schon tot, als ich die Hazienda erreicht hatte. Man hatte ihn sofort begraben müssen, der Hitze wegen. Zu trauern war ich nicht mehr gewohnt.. Der Tod war alltäglich und allgegenwärtig. Dennoch erfüllte mich die Erfahrung, den Sterbenden einen halben Tag auf dem Rücken seiner Erlösung entgegengetragen zu haben, mit Schaudern.

Die Gemeinschaft, die die Hazienda bewohnte, schien an meiner Identität nicht interessiert zu sein. Ohne lästige Fragen, allerdings auch, ohne meine Fragen zu beantworten, führte man mich ins einfach und geschmackvoll ausgestattete Innere des Hauses, wo mich attraktive Mädchen in weißen Shorts verwöhnten. Ich aß Mais und Bohnen, sowie ein exquisites Filet, dessen Herkunft ich nicht bestimmen konnte. Die Mädchen legten lockere Sitten an den Tag, betasteten zärtlich meine Muskeln und ich bedauerte meinen Erschöpfungszustand zutiefst. Trotz dieser scheinbaren Liberalität war aber eine strikte Disziplin nicht zu übersehen. Die Hazienda mußte wohl der Stützpunkt einer protestantischen Sekte sein, wie sie der CIA zu Dutzenden in unserer Region etabliert, um die aufsässigen Basisgemeinden zu schwächen.

Im Laufe des nächsten Tages wuchs in mir der Verdacht, daß der Direktor und seine Delegierten, wie er seine leitenden Mitbrüder nannte, nicht nur vom CIA finanziert waren, sondern auch dessen Geschäfte verrichteten.

Die Bewaffnung der männlichen Bewohner war vom Feinsten, die Hazienda wurde Tag und Nacht bewacht und bald wußte ich, auch wenn es mir keiner sagte, daß ich auf unbestimmte Zeit ein Gefangener dieser Leute war. In dem Maße, wie meine Lebenskräfte zurückkehrten, machte ich mir Sorgen um mein Leben. Auch wenn der Tod zum Alltag gehörte, galt es den eigenen hinauszuschieben. Falls sich meine Befürchtungen bestätigten, konnte ich mit baldiger Auslieferung an die Folterknechte der Armee rechnen.

Doch vielleicht würde es dazu gar nicht kommen, denn in der darauffolgenden Nacht weckte mich ein Schrei, jäh zerhackt von zwei Pistolenschüssen. Hatte es noch einen weiteren Gefangenen gegeben? War vielleicht Jesús doch nicht auf meinem Rücken gestorben? War dieser Todesschrei der seine oder der eines anderen und wieviel Zeit blieb mir noch? Wie ein Tier in der Falle begann ich mich zu fühlen und beschloß, mich tags darauf umzusehen, soweit dies meine seltsamen Gastgeber zuließen.

Meine Erkundungen erbrachten nur wenige konkrete Ergebnisse. Der Wohnbereich, in dem nahezu alle Gemeindemitglieder wie eine große Familie lebten, stand mir offen. Ein isoliertes mit massiven Fenstergittern gesichertes Gebäude beherbergte den Direktor und die Delegierten. Die kleinen Fenster des langgestreckten Lagergebäudes waren ebenfalls vergittert. Möglicherweise enthielt es das Waffenlager, vermutlich auch das Schlachthaus, da ab und zu Männer mit blutbespritzten Schürzen ins Freie traten. Ich fragte mich, wo die Tiere gehalten wurden.

Mir kam der Gedanke, ein scheußliches Experiment könnte der Grund der Geheimnistuerei sein. Vor wenigen Wochen war ein Packen Zeitschriften in unsere Hände gelangt, und in einem zerfledderten Exemplar las ich voll Abscheu von unnatürlichen Kreuzungen, bedenkenlosen Veränderungen an in Jahrtausenden und Jahrmillionen entwickelten Lebensformen. Als ich dies las, fragte ich mich unwillkürlich, ob unser Dschungelkampf nicht dem des dürren Quijote ähnelte, auch wenn Comandante Basilio die Meldungen als Gringoproganda abtat.

Meine Nervosität stieg stündlich, da ich die Bedrohung zwar instinktiv erfühlte, doch nicht zu benennen wußte. Militante Sekte, CIA-Stützpunkt, Zentrum verbotener Forschungen oder bloße Ausgeburt meiner Paranoia. Wie Schatten folgten mir meine Bewacher auf Schritt und Tritt. Dieser Raum war zugänglich, jener andere tabu. Halbvergessene Nachrichten des Guayana-Massakers schossen mir durch den Kopf.

Den ganzen Tag durchstreifte ich ziellos das von elektrisch gesicherten Mauern umgebene Anwesen. Beim Abendessen war mein Platz zufällig oder absichtlich gegenüber dem des Direktors, und ich ließ alle Zurückhaltung fallen, überschüttete ihn mit Fragen und forderte lautstark meine Freiheit. "Die Freiheit ist kein geographisches Phänomen," stoppte der Direktor meinen Redeschwall, "Freiheit entsteht durch das Überschreiten innerer Grenzen.. Sie werden alles rechtzeitig erfahren. Haben Sie Geduld, wie wir sie Ihnen ebenfalls entgegenbringen!"

Offen auf den Schrei und die Schüsse angesprochen, zuckte mein Gegenüber fragend mit den Achseln, wandte sich an seine Delegierten, worauf diese unisono ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen. Als ich die sonderbaren Heiligen als CIA-Schergen beschimpfte, erntete ich lächelndes Kopfschütteln. Ich ließ mein Essen nahezu unberührt und begab mich in meine Kammer. Wie immer folgte mir einer der Delegierten und schloß hinter mir ab. Ich stutzte. Das Geräusch schien anders als sonst. Heftig atmend erhob ich mich und drückte die Klinke. Die Tür war nicht abgeschlossen. Hatte ich einen heimlichen Verbündeten und wenn ja: wie war dieser Umstand zu nützen?

Als jedes Geräusch im Haus erstorben war und nur noch die sich einmal nähernden, einmal entfernenden Schritte der patrouillierenden Wächter über den zentralen Platz der Hazienda hallten, machte ich mich auf und drückte von neuem die Klinke. Die Tür ging auf, scharrte nur leise im Scharnier, ich glitt bloßfüßig in den dunklen Gang, wandte mich nach links zum Tor. Auch dieses war unverschlossen, doch als ich eben auf den Platz treten wollte, vernahm ich die dumpfen Schritte der Zweierpatrouille. Ich zuckte zurück.

Durch den Türspalt sah ich den doppelten Schatten der vorübergehenden Wächter. Mein Herz klopfte, doch war es nicht die Angst sondern der unwiderstehliche Drang, zu handeln und nicht behandelt zu werden. Die Schritte verhallten, ich überquerte nach allen Seiten spähend rasch und lautlos den Platz und näherte mich dem Lagergebäude, das meine Neugier geweckt hatte. Das Dunkel hinter den Gitterfenstern war undurchdringlich.

Als ich das Tor des Gebäudes erreichte, glaubte ich schleichende Schritte zu hören. Doch als ich mich umwandte, war da nur das Rauschen des Urwalds im auffrischenden Wind und das ferne Summen eines Generators. Ohne viel Hoffnung ergriff ich die Klinke des Tors und drückte sie hinunter. Das Tor blieb unbeweglich. Die Schritte der Wächter kamen wieder näher. Der Platz bot keinerlei Deckung. Schweiß trat auf meine Stirn. Ich preßte meinen Körper gegen den Torflügel und war selbst überrascht, als er sich schwerfällig öffnete.

Obwohl der Raum gekühlt war, schlug mir ein ekelhafter süßlicher Geruch entgegen. Ich entzündete ein Streichholz und drang ins Innere vor. Offensichtlich handelte es sich um eine Metzgerei. Meine nackten Füße sanken ein in blutgetränktem Sägemehl. Links und rechts konnte ich im flackernden Licht der schwachen Flamme undeutlich hängende Tierkörper ausmachen. Der Bericht über genetische Experimente kam mir wieder in den Sinn. Ein riesiger Tisch im Hintergrund mußte der Zerlegung des Fleisches dienen. Ich nahm das noch brennende Zündholz zwischen die Zähne und riß ein neues an. Ich ging auf einen der hängenden Körper zu. Ein Gedanke schoß mir noch durch den Kopf, doch da wurde das Tor aufgerissen.

Hundert Lichter schleuderten mich in eine Wirklichkeit, auf die ich nicht gefaßt war. An den Fleischerhaken baumelten menschliche Leichen, nicht alle vollständig. Alles drehte sich um mich. Jede der Leichen schien Jesús zu sein. Ohne auf die näherkommenden Delegierten zu achten, übergab ich mich in den blutigen Staub.

Die Männer mußten mich stützen, als sie mich aus dem Schlachthaus führten. Durch meinen leeren Schädel fetzten leere Gedanken. Die Gebäude der Hazienda drehten sich um den Patio und jedes Fenster glotzte mich neugierig an. Ich lachte und der schwarze Urwald erwiderte mein Lachen. Als die Drehung zum Stillstand kam und sich die Gedanken zu setzen begannen, fand ich mich im Versammlungssaal wieder, mir gegenüber der Direktor und seine zwölf Delegierten.

Der Direktor betrachtete mich nicht unfreundlich und sagte schließlich: "Willkommen im Rat. Du wirst hoffentlich verzeihen, daß wir dich auf die Probe stellen mußten. Meine Einschätzung hat sich bestätigt. Du bist ein mutiger Mann, der Erkenntnis sucht, leider mit Vorurteilen behaftet und daher ein Risiko für unsere Gemeinschaft. Dennoch sind wir bereit, dir eine Chance zu geben."

Auf sein Zeichen trat eine katzenäugige Mulattin auf den Tisch zu, an dem wir saßen und stellte einen Teller mit einem dampfenden Fleischgericht vor mich hin. Ich schloß die Augen und schüttelte langsam den Kopf. Meine Gedanken verschwammen wie brauner Schlamm. "Fressen oder gefressen werden," scherzte der Direktor gutmütig. Mein Kopfschütteln hatte sich verselbständigt. Die klangvolle Stimme des Kannibalen wurde ernst, fast salbungsvoll. "Welches Fleisch hast du in den vergangenen Tagen gegessen? Warum hast du dich so schnell von deiner Erschöpfung erholt? Nur Menschenfleisch kann der Auserwählten Speise sein. Nur durch dieses wird uns die Nahrung zur geistigen Erfrischung. In dir kann dein Freund weiterleben. Und wenn du stirbst, wirst du in uns existieren."

"Das ist Barbarei!" rief ich unwillkürlich aus.

"Barbarei? Wir töten um zu essen, und aus welchem Grund tötest du? Du bist ein sogenannter Freiheitskämpfer ist es nicht so? Unsere Freiheit ist tiefer, denn sie richtet sich nach innen, in den Magen. Nach außen benötigen wir keine Freiheit, ganz im Gegenteil. Keiner von uns kann je die Hazienda verlassen, es sei denn zur Jagd oder zur Feldarbeit, begleitet von seinen Brüdern und Schwestern. Keiner von uns - auch ich nicht - kann je in die Außenwelt zurückkehren. Jeder von uns ist verpflichtet, jeden zu töten - auch mich - der eine Gefahr für unsere Gemeinschaft darstellt. Wir haben dies freudig auf uns genommen und sind in der Wachsamkeit unserer Brüder und Schwestern geborgen." Die Delegierten murmelten zustimmend.

Ich öffnete die Augen und zwang mich, das vor mir stehende Fleisch zu betrachten. Eisiger Schweiß stieg aus meinen Poren und schien alle Kraft aus meinem Inneren zu saugen doch plötzlich klärte sich der Schlamm in meinem Gehirn und ich hörte meine Stimme sagen: "All Ihre Wachsamkeit wird vergeblich sein. Es ist richtig, ich gehöre dem revolutionären Volksbefreiungsheer an. Vor wenigen Tagen wurde meine Marschkolonne von den Militärs am Ufer des Río Sangre aufgerieben. Ich gehe davon aus, daß dies nur das Vorspiel zu einer größeren Offensive der Streitkräfte zur Säuberung der gesamten Region ist. Und warum? Wenn Sie hier in die Tiefe bohren könnten, würden Sie auf Erdöl stoßen. Die Erde schwimmt förmlich auf Öl, sagte Comandante Basilio. Zuerst kommt das Militär, dann die Vermessungsingenieure, Straßenbauer, der gesamte Urwald wird niedergewalzt, niedergebrannt, ... Was glauben Sie, wie lange Sie hier Ihr kannibalisches Idyll verteidigen werden?"

Wie zu Bestätigung meiner Worte ertönte von ferne das sich nähernde Knattern von Hubschrauberrotoren. Meinen Zuhörern wurde bewußt, daß ich nicht nur ein Sektenkandidat oder eine mögliche Bereicherung ihres Speisezettels sondern auch der Vorbote neuer Entwicklungen sein konnte. Auch wenn sich der Hubschrauber bald wieder entfernte, war deutlich zu erkennen, daß meine Logik ihre Wirkung nicht verfehlt hatte.

Während die Delegierten ihre minderen Brüder und Schwestern aus den Betten und zu den Waffen riefen und die Hazienda in aller Eile für die Verteidigung vorbereiteten, warf man mich wieder in meine Kammer. Diesmal war sie abgeschlossen.

Dort ließ mich die überraschende Klarheit meiner Gedanken sofort in Stich. Zwischen Wachen und Schlafen war kein Unterschied. Meine Alpträume waren nicht schlimmer als die Bilder, die in der Dunkelheit vor meinen offenen Augen durchzogen. Die Nacht ging vorüber, die Sonne brannte auf das Dach.

Ich erhielt weder Nahrung noch Trank. Die Zunge lag wie Leder in meinem Mund. Draußen herrschte nach wie vor aufgeregte Geschäftigkeit. Einmal gegen Abend glaubte ich das Knattern des Helikopters zu hören, doch vielleicht war mein Wunsch der Vater der Einbildung. Die Schwärze der Nacht fiel über die Hazienda. Ich kauerte in einer Ecke und wartete auf die Bilder des Grauens.

Schritte näherten sich.. Ich schloß die Augen. Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Ein Flüstern: "Fremder!" Ich reagierte nicht. Eine Hand rüttelte an meiner Schulter. "Steh auf!" Die Dunkelheit war undurchdringlich, doch etwas sagte mir, daß es die Katzenäugige war. War dies eine weitere Prüfung? Eine Falle? Es kümmerte mich kaum. Auf einmal fühlte ich kaltes Metall in meiner Hand. Der Revolver flößte mir ein beruhigendes Gefühl ein und die Aussicht auf Initiative löschte die Erinnerung.

Ich folgte der Frau durch unbekannte Gänge, stolperte eine Treppe hinunter, durch einen modrigen Keller, dessen Gebrauch mir unklar war. Immer enger wurde der Gang. Links und rechts streiften meine Schultern die feuchten Mauern. Vor mir tanzte vor dem flackernden Licht einer Kerze der schlanke Schatten meiner Retterin. Ich stieß mir den Kopf an der Decke, hastete geduckt weiter. Mein Atem ging schwer, füllte sich mit zähen Spinnweben. Ein unterdrückter Ausruf, das Licht verlöschte. Ich kroch auf allen Vieren weiter. Meine Hände griffen in nasse Erde.

Plötzlich ein Luftzug. Das Dunkel wurde durchlässig. Mein Gesicht streifte kühle Blätter. Ich hielt inne und lauschte. Dicht vor mir vernahm ich das heftige Atmen der Mulattin, die mit geschlossenen Augen an einem Baum lehnte. Ich trat auf sie zu und ergriff ihre Hand. "Bring mich hier weg," sagte sie. Wir warfen einen langen Blick zurück in die Vergangenheit und verschwanden im Urwald. Einige erschöpfende Tage später stießen wir auf den Unterlauf des Río Sangre und folgten ihm bis zu Küste.

Heute leben wir in liebloser Verbundenheit in Puerto Futuro. Trotz einer neuen Identität unter einem angenommenen Namen bin ich jederzeit gewärtig, von einem ehemaligen Mitkämpfer als Deserteur, von einer Todesschwadron als Subversiver oder von einem Menschenfresser als potentieller Verräter hingerichtet zu werden. Ich könnte die Region oder das Land verlassen, doch die Erinnerung lähmt mich. Eine nicht unangenehme Gleichgültigkeit bemächtigt sich meiner. Ich betreibe ein schlechtgehendes vegetarisches Lokal für magenkranke Esoteriker. Juana ist die Seele des Unternehmens, doch wenn sie sich unbeobachtet glaubt, kaut sie melancholisch an einem blutigen Steak und des Nachts spüre ich ihre gierigen Blicke auf meiner Haut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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