DAS LETZTE ABENTEUER

IM JAHR DES BLUTES

WER SUCHET, DER FINDET



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Als er ihr an jenem Sommernachmittag begegnete, ahnte er noch nichts vom Schokoladenaroma der kommenden Nacht. Und noch weniger liess er sich träumen, was danach ... doch besser hören wir die Geschichte Schritt für Schritt, um uns nicht rettungslos in ihr zu verstricken, wie dies ihrem traurigen Helden vorbestimmt war.
Er näherte sich der U-Bahnstation nach einem im Takt der PC-Tasten vergeudeten Tag. Sein vorzeitig gealtertes Bubengesicht begann sich nach achtstündiger Schmierenkomödie zu entspannen.

Er fischte in seinen ausgebeulten Sakkotaschen zwischen Zetteln, Kugelschreibern, Kaugummis und Zigaretten nach einer Zehnschillingmünze, um den Ägypter zu beglücken, der ihn wie jeden Nachmittag mit den Schlagzeilen einer Tageszeitung ansprang, die noch feucht nach druckfrischen Lügen roch.

Als er im Begriff war, die Stufen zur Station hinabzusteigen, berührte ihn jemand an der Schulter und plötzlich sah er sich zwei dunklen Augen gegenüber.

"Kennst du mich noch, Rafael?"

"Klar doch, wie geht's denn so immer ... Luisa?" antwortete er versuchsweise und war seinem guten Gedächtnis dankbar, als sie ihn mit einem rätselhaften Lächeln beschenkte, das ihn an Zufallsbegegnungen erinnerte, mal im Eingang eines Innenstadtkinos, dann am Donauufer oder bei einer Demo für irgendeine verlorene Sache, Begegnungen, die nun zu seiner Überraschungen im Bewusstsein auftauchten.

"Was ist los mit dir, Rafa, du bist ja total weggetreten?"

"Nichts ist los," sagte er und dachte, dass tatsächlich rein gar nichts los war. Er küsste Luisa auf beide Wangen und atmete dabei einen Wiener Herbstduft, obwohl ihm der Sommer auf den Rücken brannte. Das Gespräch stolperte unentschlossen durch Arbeit, Freundeskreis und Latinotratsch.

Rafael fand nicht zu seiner gewohnten Redegewandtheit, durch die er üblicherweise Gespräche mit aggressiven, langweiligen oder gleichgültigen Menschen in den Griff bekam, wie sie sein Büro in so reichem Masse bevölkerten. Luisa liess den Dialog verhungern, doch ihr Lächeln schien eine Botschaft zu enthalten, die sich nicht fassen liess.

Sie spendeten sich den obligaten Abschiedskuss, und er - oder sie? - verlängerte diesen Augenblick um einen Sekundenbruchteil, so dass sein Geruchssinn die verschiedensten Nuancen ihres herbstlichen Aromas registrierte.

Als er die Stufen hinabschritt, versuchte er sich dieser vermischten Aromen zu erinnern, doch gab es eine Ingredienz, die ihm immer wieder entglitt, und als er die U-Bahn bestieg, hatte sich seine Geruchserinnerung zur Gänze verflüchtigt.

Er setzte sich ans Fenster, in dem sich das Gesicht einer prächtigen Perserin spiegelte und versuchte sich in ihren melancholischen Blick zu versenken. Die Orientalin widerstand seinen Bemühungen und verbarg sich schliesslich hinter einer Zeitung voller exotischer Schriftzeichen.

Enttäuscht griff Rafael in seine Manteltasche nach einem Kaugummi und spürte ein unbekanntes Objekt. Er zog er eine Karte aus der Tasche und las: "wenn du mich suchst, wirst du mich finden."

Eine Telefonnummer stand daneben.

"Wann hat sie mir das bloss zugesteckt?" fragte er sich halb erschrocken halb neugierig. Von wo hatte sie denn überhaupt die Karte? War alles im vorhinein arrangiert und zu welchem Zweck? Ob sie ihn an der Station erwartet oder ihm vom Büro aus gefolgt war ...

Rafael war in Gedanken versunken, stieg zwei Stationen zu spät aus und fuhr daher in ihm fremden Strassenbahnlinien nach Hause. Seit vielen Jahren hatte er seine Route nicht mehr geändert, seit vielen Jahren hatte sich überhaupt nicht viel in seinem Leben verändert.

Mit Sympathie betrachtete er die nachdenklichen Bauerngesichter alter Türken und hörte er den türkisch-wienerischen Slang ihrer Enkel, die baseballbemützt der Rapmusik lauschten, die aus einem Kassettenrecorder dröhnte, bis der Fahrer mit der Polizei drohte.

Die Luft war schwer von Zwiebel, Knoblauch und billigem Rasierwasser. Rafael dachte, wie sich doch die Stadt von ihm völlig unbemerkt verwandelt hatte und lächelte grundlos.

Von neuem studierte er Luisas Botschaft, erkannte, dass sie auf der Rückseite einer Karte mit einem Selbstbildnis Egon Schieles geschrieben war. Wie konnte sie wissen, dass Schiele schon immer zu seinen Lieblingsmalern gezählt hatte, oder war dies bloss als Hommage an dieses Land gemeint, wo sie beide lebten, ohne dass es ihnen zur Heimat wurde.

Rafael betrachtete die ausdrucksvollen Gesichtszüge jenes von Widerspruch und Widerstand zerrissenen Künstlers. Er erinnerte sich der Zeit, als auch er den Ehrgeiz gehegt hatte, Maler zu werden, ausschließlich aus diesem Grund nach Wien gekommen war und sein Ziel auch erreicht hatte, ohne aber damit jemanden zu überzeugen, am wenigsten sich selbst.

Auch er war ja so radikal gewesen, doch - wie er zu sagen pflegte - war er ein Schönwetterpilot und Süsswassermatrose. Schliesslich hatte er den bequemeren Weg gewählt, und die Rebellion versteckte sich im entferntesten Winkel seines Herzens, um seinen Frieden nicht zu stören.

Frieden? Frieden oder langsamer Tod, in jedem Fall eine geistige Unbeweglichkeit, die in Widerspruch zu seinem Gesicht und seinem eigentlichen Charakter stand. Frieden, um mit 37 Jahren allein zu leben, wenn man von Edgar Allan, seinem bildschönen und selbstverständlich rabenschwarzen Kater absah. Frieden für die unendliche Komödie, jene Show übelster Sorte, die er Tag für Tag in der Firma abzog. Frieden für Freundschaften und Bekanntschaften, die von der Haut seines Bewusstseins wie Ping-Pong-Bälle abprallten, ohne dass er sie weiters zur Kenntnis nehmen oder gar ihretwegen sein Leben ändern musste: Peter, Conny, Bugs Bunny, Tanja, der Spinner und seine Spinnerin, Dr.Müller alias Frankenstein, die Brüder Padilla, Ibrahim, ... Luisa ..., Namen über Namen, Menschen, von denen sich Rafael allmählich zurückgezogen hatte und die nun aus den dunklen Wassern seiner Erinnerung an die Oberfläche trieben.

Rafael stieg aus und blieb unschlüssig stehen, während sich die roten Waggons der 5er-Linie mit all ihren exotischen und widersprüchlichen Stimmen und Aromen entfernten.

"Wenn du mich suchst, wirst du mich finden," doch er suchte schon lang nicht mehr. Und dennoch beunruhigte und faszinierte ihn die Einladung auf wundersame Weise, und er sagte: "wenn du mich findest, werde ich dich suchen," und wiederholte diesen Spruch in Gedanken, während er sich seinem Haus näherte. "Wenn du mich findest, werde ich dich suchen," diese Umkehrung des Satzes dünkte ihn geistreich und noch als er vor seinem Fernsehgerät fremde Leiden in Somalia, Bosnien und Kolumbien über sich ergehen liess, sprach er diese Zauberformel und wusste selbst nicht, warum.

"Na dann, mein verehrter Edgar Allan," wandte er sich an den Kater, der seine Gleichgültigkeit fremden Leiden gegenüber teilte, "na dann, wer sucht denn hier und wer wird finden?"

Edgar A. zog sich zurück, ohne auf diese absurde Frage zu reagieren. Rafael drehte den Fernseher ab, goss sich eine grosszügige Dosis kubanischen Rums ein, öffnete das Fenster, rauchte eine Zigarette an und beobachtete mit unverhohlener Missbilligung das Hinundher der Menschen und des Verkehrs.

Plötzlich durchfuhr ihn eine Inspiration. Er stöberte in seinen alten LPs, ohne seine umfangreiche CD-Sammlung eines Blickes zu würdigen, bis er einer zerkratzten Scheibe von Richie Ray habhaft wurde. Er schenkte sich noch einen Schluck ein, rauchte eine weitere Zigarette und während die Klaviersynkopen und die entfesselten Trompeten des Salseros die laue Luft des Raumes zerfetzten, wanderte Rafael nervös und ziellos umher, rauchte in gierigen Zügen, sah aus dem Fenster, kehrte zum Plattenspieler zurück, konnte den Aschenbecher nicht finden und katapultierte den Stummel schliesslich aus dem Fenster.

Er sah auf die Uhr. 19 Uhr 30. "Zu früh, um anzurufen, oder doch nicht? Ob ich allzu interessiert erscheine oder zu gleichgültig? Wen schert es, was ich zu sein scheine ...? Ich warte noch fünf Minuten, mal sehen, was passiert. Na was sollte denn passieren? Mein verehrter Edgar Allan, du hast es gut, ich wollt' ich wär ein Kater! Schluss mit dem Zaudern, vorwärts Kameraden bis zum Endsieg! Patria o Muerte! Dort steht das Telefon, worauf wartest du eigentlich?"

Er stellte sich vor den Spiegel, um zu sehen, ob in seinen Augen bereits das Feuer der Entschlossenheit brannte, doch der Spiegel zeigte ihm nur einen Kerker gefangener Träume, ein Jedermannsgesicht. Dennoch war da tief, ganz tief drinnen ein unbestimmtes Begehren, das ihn zum Telefon trieb, ihn zwang, die sieben Ziffern zu wählen, ihm den Atem stocken liess, während er wartete.

"Halo, quién habla?"

"Na, wer soll's schon sein? Der dich sucht ..."

"Ah, Rafael!"

"Derselbe."

"Na dann ..."

"Na dann, was?"

"Rafael, das kommt auf dich an."

"Kann ich dich sehen?"

"Si quieres ..."

"Was heisst: wenn ich will, ich brauch die komplette Story. Können wir uns sehen?"

"Bei dir oder bei mir?"

"Vielleicht besser an einem neutralen Ort."

"Warum, hast du Schiss?"

"Miedo de qué?"

"Du wirst schon wissen, wovor ..."

Rafael hatte keine Ahnung, wohin dieser Dialog führte, es war ihm auch egal. Er schwebte gleichsam in einer unbekannten Dimension. Zugleich erschien ihm aber dieses Spiel der Andeutungen als unsinnig und er sagte trocken:

"Weisst du was, gib mir deine Adresse und in einer Stunde bin ich bei dir!" "Ich glaub kaum, dass du eine Stunde brauchst. Ich wohne im Sechzehnten," antwortete Luisa mit einer Stimme, die ihm die Lust auf die gekräuselte Haut trieb. Er notierte die Anschrift, verabschiedete sich und legte auf.

Er pflasterte das Parkett mit seiner Bürokleidung, warf die Krawatte nach Edgar Allan und trat auf sein blütenweisses Hemd. Er duschte kurz, schlüpfte mit nasser Haut in Jeans und T-Shirt, verliess das Haus und rannte los, wie von Dämonen gejagt.

Es war eine laue Sommernacht, eine jener Nächte, wo alles möglich ist, weil dich die Luft berauscht, eine Nacht, wo alles geschehen kann, doch meistens nicht geschieht, weil es den Menschen an Instinkt und Verrücktheit mangelt. "In einer Nacht wie dieser ...," sagte Rafael, doch er beendete den Satz nicht, ein Schatten legte sich in die Luft, eine Erinnerung, ein Schmerz.

Doch in einer solchen Nacht kann es keine Erinnerung mit der Gegenwart aufnehmen und Rafael begrub seinen Schmerz, bevor er noch an die Oberfläche gedrungen war und lief die Strasse entlang, ohne Taxis und Tramways Beachtung zu schenken.

Sein Blick blieb an einem nachtschwarzen Mercedes hängen, der langsam auf gleicher Höhe fuhr. Diesen Wagen hatte er doch schon heute in der Nähe des Büros gesehen. Ob es derselbe war? Rafael bog in eine Seitengasse ein, während der Mercedes wie ein riesiger Rabe durch die Währingerstrasse entschwebte.

Es war schon halb neun, als Rafael Luisas Bezirk erreichte. Er durchquerte das Marktgebiet, wo die Sandler in den Abfällen nach Essbarem wühlten.. Aus den offenen Fenstern drangen Stimmen, Rhythmen und Harmonien arabischer, türkischer oder bulgarischer Herkunft, und die Fäulnisgerüche des Marktes verbanden sich aufs Wunderbarste mit dem köstlichen Aroma gebratenen Lamms und den tausendundein unbekannten Gewürzen der Einwanderer.

Er fand Strasse und Haus ohne Schwierigkeiten. Das Gebäude war offensichtlich in die Hände von Immobilienspekulanten gefallen, die nur auf den langsamen Verfall lauerten, um später für betuchtere Kundschaft neu bauen zu können.

Das Tor stand offen. Bevor er das Gebäude betrat, drehte er sich um und sah einen Wagen, der hundert Meter weiter auf der anderen Strassenseite parkte. Für einen Augenblick hatte er die absurde Vorstellung, es könnte derselbe schwarze Mercedes sein, den er vor einer halben Stunde bewundert hatte, doch in der Dunkelheit der spärlich beleuchteten Strasse war kaum etwas wahrzunehmen und ausserdem war dies ohnehin bedeutungslos.

Das Stiegenhaus war finster, so dass sich Rafael seinen Weg ertasten musste, während er die kalte Feuchtigkeit des Wiener Winters atmete, die noch an den dicken Mauern des Gebäudes klebte. Nach dem Grad der Verwahrlosung zu schliessen, gab es kaum noch Mieter und die Spekulationsgeier würden bald am Ziel ihrer Wünsche sein. Er erreichte den dritten Stock und hielt inne, um Atem zu holen. Sich jung zu fühlen und jung zu sein waren doch zweierlei.

Er suchte die Wohnung, indem er jede Tür mit der Flamme seines Feuerzeugs beleuchtete. Endlich sah er einen mit Klebeband an der Tür befestigten Zettel: LUISA.

"Kein Familienname und nichts dergleichen, typisch Luisa ...," murmelte er und da er keine Türklingel fand, klopfte er dreimal. Er lauschte in die Stille hinein. Schliesslich näherten sich Schritte, ein Schlüssel knarrte im Schloss, die Tür ging auf.

"Hola, Luisa?"

"Qué tal, Rafael ..."

Gesittete Küsse auf beide Wangen. "Kommst du nicht rein oder was ...?"

Rafael sah sie an. Sie gab seinen Blick zurück. Sie trug ein schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen, schwarz wie Augen und Haar.

"Du siehst meinem Kater ähnlich."

"Wie galant!"

Rafael trat auf Luisa zu und ergriff sie an den Schultern, nur um sie sogleich wieder loszulassen. Die Frau nahm seine Hand und bat ihn, einzutreten. Ihre Wohnung war von einem vertrauten bitteren Geruch durchdrungen, der in ihm Erinnerungen an seine ferne Heimat weckte. Nun erkannte er jene Geruchsnuance, die er am Nachmittag nicht zu fassen vermocht hatte und die nichts dem Wiener Herbst verdankte.

"Du rauchst noch immer filterlose "Pielroja"?"

"Sie schicken sie mir aus Kolumbien ..."

Die Wohnung bestand aus einer schäbigen Kleinstküche, in der sich schmutziges Geschirr und leere Flaschen türmten, und einem grossen Zimmer mit Bett, drei Stühlen und Schreibtisch. Einzige Dekoration war ein Plakat von Arthur Rimbaud, sowie ein zerbrochener Spiegel, vermutlich vom Flohmarkt.

"Gefällt dir meine Behausung?"

"Ja, gefällt mir," sagte er und meinte es auch so. Er setzte sich aufs Bett und beobachtete Luisa, die ihre Küche unter beträchtlicher Lärmentwicklung nach Trinkbarem durchforschte und bald mit zwei Gläsern von zweifelhafter Reinheit und einer je nach Standpunkt halbleeren oder halbvollen Cognacflasche zurückkam.

Die Flüssigkeit strömte wie Feuer durch seine Kehle und riss einige der Mauern fort, die er in den letzten acht Jahren um seine Gefühle aufgebaut hatte. Luisa setzte sich zu seiner Linken und lehnte sich leicht an seine Seite, als Einladung zu einer Umarmung, die auch nicht lange auf sich warten liess.

Während Rafael mit der Rechten das magische Getränk im Glas schwenkte und intensiv betrachtete, wie um dort die Lösung aller Rätsel zu finden, liebkoste er mit der Linken geistesabwesend den Nacken der Frau.

"Ich bin nur gekommen, um herauszufinden, was du von mir willst," sagte er endlich und leerte sein Glas.

"Nur dazu?"

"Du glaubst mir nicht?"

"Ich weiss nicht, was ich glauben soll," antwortete Luisa und betonte jedes einzelne Wort.

Die Stille war tief, doch ihnen nicht unangenehm. Dann ertappte Luisa den Mann bei einem düsteren Blick auf das Bild Rimbauds. Rafael fühlte, wie ihn ein Schatten der Vergangenheit in eben diesem Augenblick gestreift hatte.

"... denkst du noch an Adriana?"

"Kaum, nach so vielen Jahren. Aber ... woher wusstest du davon?" Sie ergriff seine Hand und sagte, ohne ihn anzusehen:

"Ich war ... ihre beste Freundin, ihre Vertraute. Du hast ihr das verdammte Herz gebrochen."

Rafael stellte das leere Glas auf das Parkett, schluckte seinen Speichel, sah zu Boden.

"... ich hätte ihr in jedem Fall nicht gut getan, ich war damals schon so tot wie heute, unfähig zu geben oder zu empfangen. Oder war es nur die Angst ...?"

"... deine Freiheit zu verlieren?"

"Vielleicht, obwohl ... doch was soll's, es ist vorbei und ich will nicht an sie zurückdenken, wozu auch? Das wär die Liebe meines Lebens gewesen und ich konnte sie nicht halten ..."

"Die Liebe deines Lebens? Es war doch deine Gleichgültigkeit, die ihr keinen Ausweg liess."

"La vida es absurda, Luisa. Als sie damals ins Flugzeug stieg, wusste ich: wir haben diese Liebe ermordet. Glaub mir, ich zahle dafür. Hast du eigentlich je wieder von ihr gehört?"

Ein Schatten im Blick, ein Glanz.

"Niemals."

Jetzt hob Luisa den Kopf und sah ihn an. "Willst du noch was trinken, es ist Rotwein im Haus."

Sie schenkte den Wein in dieselben Gläser ein, stellte einen Kassettenrecorder aufs Parkett und legte ein Band ein. Während sie sich schweigend betrachteten, schlugen die zerrissenen Verse eines kubanischen Sängers eine Schneise in Rafaels Bannwald: " ... was dir fehlt, kannst du nicht verlieren ... deine Zeit verschmolz mit der meinen ... dich zu lieben, auch wenn es das Ende ist ... "

Als Silvio Rodríguez sang: "... Träume baut man von Hand und unerlaubt ... " hatte man sowohl ihn als auch den roten Billigsdorfer aus dem Supermarkt schon längst vergessen.

Luisa und Rafael lagen auf dem Bett, den Blick auf die von Sprüngen durchzogene Zimmerdecke gerichtet, hielten sich bei der Hand, teilten sich einander ohne Worte mit. Es verging eine Stunde oder vielleicht auch nur zehn Minuten. Wer sah schon auf die Uhr ... Schliesslich setzte sich Luisa auf, zog ihr T-Shirt aus und der schwarze Stoff flog in eine Ecke wie ein grosser plumper Vogel.

Rafael senkte den Kopf und verbarg ihn zwischen den lauen duftenden Brüsten, dachte nichts, fühlte alles. Das Zerbrochene wuchs zusammen und brach von neuem, doch weinte er nicht deswegen. Er weinte, ohne zu wissen warum, während die Frau Dinge murmelte, die er nicht verstand.

Luisa schob ihn kurz von sich und erhob sich, um das Licht zu löschen. Beide entkleideten sich und warfen sich in den süssen Abgrund.

Sie liebten sich geduldig und verzweifelt, unschuldig und wie von Sinnen. Luisas Haut roch nach Kakao und Rafael tauchte in die Nacht wie in flüssige bitterschwarze Schokolade. Sie standen auf, um Wasser zu trinken und kehrten ins Bett zurück, um die Stunden mit ihrer absurden Leidenschaft zu erfüllen.

Als sie einschliefen, zeichnete schon die Morgendämmerung die unscharfen Umrisse ihrer nackten Körper.

Rafael erwachte und seine Hand fand die nächtliche Gefährtin nicht mehr. Er setzte sich auf und sah, wie die Augustsonne jeden staubigen Winkel des Zimmers in ihr Licht tauchte. Er rief nach Luisa, doch kam keine Antwort. Er hätte gerne die Kassette mit Silvio Rodríguez' Musik angehört, doch war sie nicht mehr im Recorder.

Er zog sich hastig an, voll dunkler Ahnungen, die dem prachtvollen Sommer widersprachen, der durch das Zimmer flutete.

Als er am Spiegel vorbeikam, stand auf diesem etwas geschrieben: Er erkannte Luisas ungleichmässige Schrift: "deine Zeit ist die Unzeit!" Er versuchte den Satz zu löschen, doch beschmierte er nur seine Hand mit Lippenstift. Achselzuckend verliess Rafael die Wohnung, ging die Stiege hinunter wie einer, der aus einem Traum nicht erwachen kann, und trat durch das Haustor ins Freie.

Als er die Strasse überquerte, kam plötzlich wie aus dem Nichts ein grosser schwarzer Wagen auf ihn zu. Rafael erkannte ihn wieder, bevor er wie eine Puppe durch die Luft flog und sein Schädel auf dem Pflaster aufschlug. Das letzte, was er fühlte, war, dass er nicht mehr fühlen konnte und in freiem Fall durch ein Universum aus bitterer Schokolade stürzte.

Wenige Tage danach standen um sein Grab die Freunde, die sich noch seiner erinnerten: Conny, Bugs Bunny, der Spinner ohne seine Spinnerin, Ibrahim mit fünf arabischen Freunden, die auf dieser Hochzeit eigentlich nichts verloren hatten, und ... Luisa.

Es war ein wolkenloser Mittag im August und manch einer hätte den Tag wohl lieber auf der Donauinsel verbracht. Dennoch kamen sie ihrer Pflicht nach und als der Sarg langsam ins Grab hinabgelassen wurde, gab es sogar Tränen oder zumindest redliches Bemühen. Einer nach dem anderen traten sie zum Grab und jeder warf mit einer kleinen Schaufel Erde auf den Sarg.

Luisa war die letzte, nahm mit Würde die Schaufel entgegen, scharrte mit schatzgräberischer Konzentration in der sandigen Erde und liess sie schliesslich auf den Sarg prasseln. Dann zog sie mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung einen kleinen Gegenstand aus der Tasche und warf die Kassette des kubanischen Sängers ins Grab. Sie drehte sich um und sagte mit süsser Gleichgültigkeit: "Wer suchet, der findet, doch manche finden, auch ohne gesucht zu haben ..." und wandte ihre Schritte zum Ausgang des Zentralfriedhofs.

Als die Freunde ans Hauptportal gelangten, sahen sie einen rabenschwarzen Mercedes, der sich majestätisch entfernte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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