Leseprobe
Herrn Arnes Schatz
"Im Pfarrhof von Solberga"
1
Zur Zeit, als König Friedrich der Zweite von Dänemark Bohuslän regierte,
wohnte in Marstrand ein armer Fischkrämer, der Torarin hieß. Er war ein
schwacher und geringer Mann, sein einer Arm war lahm, so daß er weder zur
Fischerei noch zum Rudern taugte. Er konnte seinen Unterhalt nicht auf der See verdienen
wie die anderen Inselbewohner, sondern er zog umher und verkaufte gesalzene und
getrocknete Fische an die Leute auf dem Festlande. Er war nicht viele Tage des Jahres
daheim, er zog ständig von Dorf zu Dorf mit seinem Fischwagen.
An einem Februartage, als die Dämmerung hereinbrach, kam Torarin den Weg gefahren,
der von Kunghäll nach dem Kirchspiel Solberga führte. Es war ganz einsam und
menschenleer auf dem Wege, aber Torarin brauchte sich deshalb nicht Schweigen
aufzulegen. Er hatte neben sich auf dem Wagen einen verläßlichen Freund,
mit dem er Zwiesprach pflegen konnte. Das war ein kleiner schwarzer Hund mit
buschigem Fell, den Torarin Grim nannte. Er lag meistenteils still da, den Kopf
zwischen die Beine geklemmt, und blinzelte nur zu allem, was sein Herr sagte.
Aber wenn er etwas zu hören bekam, was ihm nicht behagte, dann stellte er sich
auf dem Wagen auf, streckte die Schnauze in die Luft und heulte ärger als ein
Wolf.
"Nun will ich dir erzählen, Grim, mein Hund," sagte Torarin, "daß ich heute
große Neuigkeiten gehört habe. Sowohl in Kunghäll als in Kareby sagten
sie mir, daß das Meer zugefroren sei. Es ist nun eine Zeitlang ruhiges,
schönes Wetter gewesen, daß weist du ja am besten, der du alle Tage
drauß gewesen bist, und das Meer soll nicht nur in den Buchten und Sunden
zugefroren sein, sondern weit hinaus ins Kattegatt. Es gibt jetzt zwischen den
Schären keinen Weg für Boote und Schiffe, da ist überall nur starkes
hartes Eis, und man kann nun mit Schlitten und Pferd bis hinaus nach Marstrand und
zur Paternosterschäre fahren."
Alles dies hörte der Hund, und es schien ihm nicht zu mißfallen. Er lag
still da und blinzelte Torarin an.
"Wir haben nicht mehr sonderlich viel Fische hier auf der Fuhre übrig", sagte
Torarin gleichsam überredend. "Was würdest du nun dazu sagen, wenn wir beim
nächsten Kreuzweg einbögen und nach Westen zum Meere führen? Wir fahren
an der Solberger Kirche vorbei und hinunter nach Ödmalsskil, und dann werden es
nicht viel mehr als fünfviertel Meilen Wegs nach Marstrand sein. Es wäre
doch eine schöne Sache, einmal heimkommen zu können, ohne Boot oder Fähre
zu benutzen."
...
"Da wir am Solberger Pfarrhof vorbeikommen," sagte Torarin, "werde ich wohl dort
vorsprechen und fragen, ob es sicher ist, daß das Eis bis nach Marstrand
trägt. Dort werden sie wohl darüber Bescheid wissen."
Torarin hatte dies mit leiser Stimme gesagt, ohne daran zu denken, ob der Hund ihn
hörte oder nicht. Aber kaum waren die Worte ausgesprochen, als der Hund sich
auf die Fuhre aufstellte und ein entsetzliches Geheul ausstieß.
Das Pferd machte einen Sprung zur Seite, und auch Torarin erschrak und drehte sich
um, um zu sehen, ob ihm Wölfe nachjagten. Aber als er merkte, daß Grim
es war, der so heulte, versuchte er ihn zu beruhigen.
"Lieber", sagte er zu ihm, "wie viele Male sind wir, du und ich, im Pfarrhof von
Solberga eingekehrt. Ich kann ja nicht sagen, ob Herr Arne weiß, wie es mit
dem Eise steht, aber das weiß er sicher, daß er uns ein gutes Abendbrot
vorsetzt, ehe wir unsere Seereise antreten."
Doch seine Worte vermochten den Hund nicht zu beschwichtigen. Er richtete die
Schnauze empor und heulte immer furchtbarer.
Da fehlte nicht viel, daß es Torarin unheimlich zumute geworden wäre. Es
war nun beinahe dunkel geworden, aber Torarin konnte doch die Kirche von Solberga sehen
und die weite Ebene ringsherum, die nach der Landseite von breiten bewaldeten
Höhen geschützt dalag, und von runden nackten Felsenklippen nach dem Meere
zu. Wie er da ganz mutterseelenallein über die weite weiße Ebene fuhr, kam
er sich wie ein ganz geringes und kleines Gewürm vor, aber von den dunklen
Wäldern und den öden Felsenklippen rückten große Ungeheuer und
Trolle aller Art an, die sich nach Anbruch der Dunkelheit hinaus ins Land wagten.
Und auf der ganzen Ebene gab es sonst niemand, auf den sie sich stürzen konnten,
als den armen Torarin.
Aber zu gleicher Zeit versuchte er den Hund zu beruhigen.
"Lieber, was hast du gegen Herrn Arne? Er ist der reichste Mann im Lande. Er ist aus
hohem Geschlecht, und wäre er nicht Geistlicher, so würde er ein mächtiger
Feldherr geworden sein."
Aber damit konnte er den Hund nicht zum Schweigen bringen. Da riß Torarin die
Geduld, so daß er den Hund beim Nackenfell packte und ihn vom Wagen hinunterwarf.
Der Hund lief ihm nicht nach, als er weiter fuhr, sondern blieb auf dem Wege stehen
und heulte, bis Torarin durch ein dunkles Tor einfuhr und in den Hof des Pfarrhauses
kam, der von vier langen niedrigen Holzbauten eingeschlossen wurde.