Leseprobe

Eine Herrenhofsage

Auszug

Entschlossen machte er seinen großen Sack auf und begann zwischen Messern, Sägen und Hämmern zu suchen, bis er einen Schraubenzieher fand. Im nächsten Augenblick war er drunten im Grabe, lag auf den Knien und begann den Sargdeckel loszuschrauben.
Er zog eine Schraube nach der anderen heraus, bis er schließlich den Deckel nach der einen Wand des Grabes zurückschlagen konnte. Zugleich glitt auch das Schweißtuch von dem Gesicht der Scheintoten weg.
Sobald die frische Luft bis zu Ingrid drang, schlug sie die Augen auf. Und nun war es ja licht um sie her. Man mußte sie fortgebracht haben. Nun lag sie in einer gelben Kammer, die eine grüne Decke hatte und einen großen Kronleuchter an der Decke.
Die Kammer war klein, aber das Bett war noch kleiner. Warum hatte sie denn das Gefühl, als ob ihre Arme und Beine gefesselt wären? War es, weil sie sich in dem kleinen, engen Bette ruhig verhalten sollte?
Wie merkwürdig, daß man ihr ein Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte! Das tat man ja sonst nur bei Toten!
Zwischen den Fingern hatte sie einen kleinen Blumenstrauß. Ihre Pflegemutter hatte ein paar Zweiglein von ihrem blühenden Myrtenstock abgeschnitten und ihr zwischen die Hände gelegt. Ingrid verwunderte sich sehr. Was war ihrer Pflegemutter nur eingefallen?
Sie sah, daß man ihr ein Kopfkissen mit breiten Spitzen gegeben hatte, sowie ein feines Leintuch, das sie in weichen Falten umgab. Sie freute sich sehr darüber; sie mochte gern etwas Feines. Aber noch lieber hätte sie eine warme Decke gehabt. Es konnte doch für Kranke nicht gut sein, wenn sie ohne Decke dalag!
Ingrid war im Begriff, die Hände vors Gesicht zu schlagen und in Tränen auszubrechen; sie fror gar so bitterlich.
Da fühlte sich plötzlich etwas Hartes und Kühles an ihrer Wange. Sie mußte lächeln; das alte, rote Holzpferdchen, die dreibeinige Kamilla, lag neben ihr auf dem Kopfkissen. Das Brüderchen, das nie einschlafen wollte, wenn es das Pferdchen nicht neben sich im Bette hatte, mußte es ihr hingelegt haben. Das war recht lieb von dem Brüderchen gewesen. Ingrid war dem Weinen noch näher, als sie begriff, daß das Brüderchen sie mit dem Pferdchen hätte trösten wollen. Aber sie brachte es nicht bis zum Weinen. Plötzlich ging ihr die Wahrheit auf. Das Brüderchen hatte ihr das hölzerne Pferd und die Mutter ihre weißen Myrtenblüten gegeben, und das Gesangbuch hatte man ihr unter das Kinn gelegt, weil man geglaubt hatte, sie sei tot.
Mit beiden Händen erfaßte Ingrid den Rand des Sargs und richtete sich auf. Das kleine schmale Bett war ein Sarg, und das gelbe Stübchen war ein Grab. Das war alles sehr schwer zu verstehen. Sie konnte gar nicht begreifen, daß dies sie selbst betraf, daß sie es war, die in ein Leintuch gehüllt und ins Grab gelegt worden war. Sie lag wahrscheinlich noch daheim in ihrem Bett und sah oder träumte dies alles. Es würde sich wohl bald zeigen, daß dies nicht die Wirklichkeit sei, sondern daß alles war wie gewöhnlich.
Plötzlich fand sie eine Erklärung für alles.
"Ich habe oft so sonderbare Träume," dachte sie. "Dies ist gewiß ein Gesicht."
Und sie seufzte froh und erleichtert auf. Sie legte sich sogar wieder in den Sarg zurück, fest überzeugt, daß es ihr eigenes Bett sei; das war doch auch nicht so sehr breit.
Während der ganzen Zeit stand der Mann im Grab, gerade zu Ingrids Füßen. Er befand sich nur wenige Fuß von ihr entfernt, aber sie hatte ihn doch nicht gesehen.
Dies kam gewiß daher, daß er, sobald die Tote in dem Sarge die Augen aufschlug und sich zu rühren begann, in einer ecke zusammenkauerte und sich zu verbergen suchte. Sie hätte ihn wahrscheinlichwohl gesehen, obgleich er den Sargdeckel wie einen Schild vor sich hielt, wenn nicht bis dahin ein weißer Nebel vor ihren Augen gewesen wäre, so daß sie nur das allernächste ganz deutlich sehen konnte. Sie hatte ja nicht einmal sehen können, daß die Wände um sie her aus Sand waren; die Sonne hatte sie für einen großen Kronleuchter und das Laubdach der Linde für eine Zimmerdecke gehalten.
Der arme junge Mann wartete und wartete, daß das, was sich in dem Sarge bewegte, endlich seines Wegs gehen würde. Er dachte nicht anders, als daß es dies von selbst tun werde. Es hatte ja geklopft, weil es heraus wollte. Lange stand er so, dem Kopf hinter dem Sargdeckel, in der Erwartung, daß es gehen würde. Und als er glaubte, jetzt werde es fort sein, lugte er hervor. Aber da hatte es sich noch nicht gerührt, sondern lag noch immer auf seinem Lager aus Hobelspänen.
Dies gefiel ihm gar nicht; er wollte, die Sache sollte bald ein Ende haben. Seine Geige hatte seit langer Zeit nicht mehr so schön gesprochen wie an diesem Tag; er sehnte sich darnach, wieder in Ruhe bei ihr zu sitzen.
Ingrid, die beinahe wieder eingeschlummert war, hörte plötzlich, daß sie in der singenden Mundart von Dalarne angeredet wurde.
"Ich meine, nun wäre es Zeit, daß du aufstehst!"
Sobald er dies gesagt hatte, verbarg er den Kopf wieder. Er zitterte so über seine Keckheit, daß er den Sargdeckel beinahe hätte fallen lassen.
Aber der weiße Nebel, den Ingrid vor den Augen gehabt hatte, verschwand vollständig, als sie einen Menschen sprechen hörte. Sie sah einen Mann, der sich am Fußende des Sarges in einem Winkel zusammendrückte und einen Sargdeckel vor sich hinhielt, und augenblicklich wurde sie sich bewußt, daß sie sich nicht hinlegen dürfe und denken, es sei ein Traumgesicht. Hier war ganz gewiß eine Wirklichkeit, die sie sich klar machen mußte. Ganz unwiderleglich schien es sich so zu verhalten, daß der Sarg ein Sarg und das Grab ein Grab war, und daß sie selbst vor ein paar Minuten noch nichts anderes gewesen war, als eine eingekleidete und begrabene Leiche.


© Simone Pohlink
zuletzt erneuert: 01.09.01