Leseprobe
Gösta Berling
Auszug aus dem ersten Kapitel "Der Prediger"
Endlich stand der Prediger auf der Kanzel.
Die Leute in der Kirche hoben den Kopf. Nun, da war er also doch! So fiel denn diesen
Sonntag die Predigt nicht wieder aus, wie am vorigen Sonntag und an vielen Sonntagen
vorher.
Der Prediger war jung, groß, schlank und strahlend schön. Wenn man ihm einen
Helm auf den Kopf gesetzt und ihm ein Schwert und einen Panzer umgehängt hätte,
so würde man ihn in Marmor haben hauen und die Statue nach dem Schönsten der
Griechen haben benennen können.
Der Prediger hatte die tiefen Augen eines Dichters und das feste runde Kinn eines
Feldherrn. Alles bei ihm war schön, fein, ausdrucksvoll, durchglüht von
Genialität und geistigem Leben.
Die Leute in der Kirche fühlten sich sonderbar beschämt, als sie ihn so sahen.
Sie waren mehr daran gewöhnt, daß er schwankend aus dem Krug kam, in
Gesellschaft lustiger Kameraden wie Beerencreutz, der Oberst mit dem dicken,
weißen Schnurrbart, und der starke Hauptmann Bergh.
Er hatte so unmäßig getrunken, daß er seit mehreren Wochen sein Amt
nicht hatte verrichten können; die Gemeinde hatte sich über ihn beklagen
müssen. Zuerst bei seinem Probst und dann bei dem Bischof und dem Domkapitel.
Jetzt war der Bischof in das Kirchspiel gekommen, um Visitation abzuhalten. Er saß
im Chor mit dem goldenen Kreuz auf der Brust. Geistliche aus Karlstad und den benachbarten
Kirchspielen saßen rings um ihn herum.
Es herrschte kein Zweifel darüber, daß das Benehmen des Predigers die
Grenzen des Erlaubten überschritten hatte. Damals - es war im Jahre achtzehnhundert
und einige zwanzig - nahm man es nicht so genau damit, wenn die Leute tranken; aber
dieser Mann hatte sein Amt vernachlässigt, um des Trinkens willen. Und nun sollte
er es verlieren.