Leseprobe

Gösta Berling

Auszug aus dem Kapitel "Liliencronas Heim"

... bis er früh am Morgen mit den Sonnenaufgang an ein kleines Gut Lövdala kam, das ihm gehörte.
Es war so früh, daß noch kein Mensch wach war. Liliencrona setzte sich dort auf die grüne Wippe vor dem Wohnhaus und betrachtete sein Eigentum. Herr Gott, einen schöneren Ort gab es wohl nicht. Der Rasenplatz vor dem Hause lag auf einem ebenen Abhang und war mit feinem, lichtgrünen Gras bedeckt. Einen ähnlichen Rasenplatz gab es nicht. Die Schafe durften darauf grasen, und die Kinder durften sich mit ihrem Spielzeug dort tummeln. Aber er blieb doch immer gleich licht und grün. Er wurde niemals gemäht. Aber wenigstens einmal in der Woche ließ die Hausfrau alle Stöcke und Strohhalme und welken Blätter von dem frischen Gras wegfegen.
Er sah den Kiesweg vor dem Hause an und zog plötzlich die Füße zurück. Die Kinder hatten ihn spät am Abend in Muster geharkt, und seine großen Füße hatten der feinen Arbeit großen Schaden getan.
Mårbacka vorm Umbau
Wie doch alles hier wuchs! Die wilden Ebereschen, die den Platz bewachten, waren so hoch wie Buchen und so breitkronig wie Eichen. Solche Bäume hatte man wohl nie zuvor gesehen. Prächtig waren sie mit den dicken Stämmen, die mit gelben Flechten bewachsen waren, und mit den großen Blütendolden, die aus dem dunklen Laub hervorguckten. Er mußte an den Himmel und seine Sterne denken. Es war wunderbar, wie die Bäume dort wuchsen. Da stand eine alte Weide, so dick, daß zwei Knechte sie nicht umspannen konnten. Sie war jetzt morsch und hohl, und der Blitz hatte ihr den Wipfel weggenommen. Aber sie sollte doch nicht sterben. Jeden Frühling schoß ein Bündel frischen Grüns aus dem abgebrochenen Hauptstamm auf, um zu zeigen, daß er das ganze Haus überschattete. Das ganze Grassodendach war weiß von seinen herabsickernden Blütenblättern, denn der Faulbaum war schon abgeblüht. Und die Birken, die in großen Gruppen hier und da auf den Feldern standen, die hatten ganz sicher ihr Paradies auf diesem Gut. Sie wuchsen da auf so viele verschiedene Weise, als ob sie sich vorgenommen hatten, allen anderen Bäumen nachzuäffen.
Eine glich einer Linde, dicht und laubreich mit einer großen Krone, eine andere stand aufrecht und pyramidenförmig da wie eine Pappel, und eine ließ die Zweige hängen wie eine Trauerweide. Da waren nicht zwei die gleich waren, aber schön waren sie alle.
...
Was war Ekeby gegen Lövdala? Das Haus war mit Grassoden bedeckt und nur ein Stockwerk hoch. Es lag am Waldesrande, den Berg dahinter und das lange Tal davor. Und es war nichts besonderes dabei zu bemerken. Da war kein See, kein Wasserfall, keine Strandwiesen und Parks, aber es war trotzdem schön. Es war schön, weil es ein gutes und freundliches Heim war. Das Leben dort war leicht zu leben. Aber was an anderen Orten Bitterkeit und Haß erzeugt haben würde, wurde hier mit Milde geschlichtet. So soll es in einem Heim sein.


© Simone Pohlink
zuletzt erneuert: 01.09.01