Leseprobe
Gösta Berling
Auszug aus dem Kapitel "Die Landschaft"
Am liebsten würde ich mich damit begnügen, von dem See zu erzählen,
daß er der
Löfsee
heißt, daß er lang und schmal ist,...
... Die Quellen des Sees liegen hoch oben im Norden, und da ist ein herrliches Land
für einen See. Wald und Berge werden niemals fertig, Wasser für ihn zu
sammeln, Elfe und Bäche stürzen das ganze Jahr hindurch nieder. Er hat
seinen weißen Sand, auf dem er sich ausstrecken kann, Landzungen und Inseln,
die er umspielen kann, da ist freier Spielraum für den Wassermann und die
Meerfrau, und er wächst groß und schön heran. Da oben im Norden
ist er munter und freundlich. Ihr solltet ihn nur an den Sommermorgen sehen, wenn
er ganz wach daliegt und unter dem Nebelschleier blitzt, wie lustig er da ist; er
verbirgt sich erst eine Weile, dann schlüpft er leise, ganz leise aus seiner
lichten Hülle heraus, so bezaubernd schön, daß man ihn kaum
wiedererkennen kann.

Aber dann mit einem Ruck wirft er die ganze Decke ab. Liegt
da, bloß und frei und bricht sich einen Weg durch einige Sandhügel nach
Süden zu, schnürt sich zu einem engen Sund zusammen und sucht sich ein
neues Reich. Das findet er, wird bald wieder groß und mächtig, hat
eine bodenlose Tiefe auszufüllen und eine fleißige Gegend, die er
schmücken muß. Aber nun wird das Wasser auch dunkler und das Ufer
weniger abwechselnd, die Winde schärfer, der ganze Charakter strenger. Aber
er ist noch immer ein stattlicher und herrlicher See. Mannigfach sind die Schiffe
und die Holzflöße, die auf ihm fahren, und er hat selten Zeit, sich zur
Winterruhe zu legen vor Weihnachten. Oft ist er schlechter Laune, er kann bisweilen
Boote umstürzen, aber er kann auch in traumloser Ruhe daliegen und den Himmel
abspiegeln.
Aber der See will noch weiter hinaus in die Welt, obwohl die Berge stiller sind und
der Platz eben wird, je weiter hinab er kommt, so daß er schließlich wie
ein schmaler Sund zwischen sandigen Ufern dahinkriechen muß. Dann breitet er
sich zum dritten Mal aus, aber nicht mit Herrscherschönheit und Macht.
Die Ufer liegen flach und einförmig da, silberne Weiden wehen, und der See legt
sich früh zur Winterruhe. Er ist noch schön, aber er hat die Wildnis seiner
Jugend und die Kraft seines Mannesalters verloren. Er ist ein See wie alle anderen.
Mit zwei Armen tastet er sich nach dem Wenersee hin, und wenn er den gefunden hat,
stürzt er sich in Altersschwäche von steilen Abhängen hinab, um mit
seiner letzten gesunden Tat begabt, sich zur Ruhe zu begeben. ...