| Seite zurück | Nächste Seite |
"Sie amputierten ihm sein letztes Bein, doch jetzt kniet er sich wieder mächtig rein" entschärft und zu "Sie operierten ihm sein Bein usw." bgewandelt. Ähnliches ließ sich bei dem Song "Sascha" der "Toten Hosen" Anfang der 90er Jahre konstatieren, die einige Passagen abänderten, um sich nicht dem Vorwurf der Gewaltaufforderung ausgesetzt zu sehen.
Neben solchen Beispielen, wo der Hörer die Eingriffe zumeist gar nicht bemerkt, gibt es auch skurrile Ausnahmen einer betont offensichtlichen Vorzensur, wie durch die nachträg-liche akustische Textüberblendung mit Huptönen im Song "Polizei SA-SS" der deutschen Punk-Rock-Band "Slime" bei der Neuauflage der bereits erwähnten LP "Soundtracks zum Untergang" mit diesem Song. Der konkrete Anlaß für diesen Eingriff war die Indizierung der gesamten Platte am 22.5.1982 aufgrund dieses Stückes. Anstoß nahm die BPS vor allem an den Formulierungen "Bullenschweine", "Ihr seid moderne Nazis", "Scheiß-Staat" und "Baader-Meinhof hingerichtet im Stammheimer KZ", die in der zensierten Fassung vom Hersteller K. Walterbach des Labels "Erste Aggressive Rock-Produktion" überblendet wurden. Solche plakativen Reaktionen der Betroffenen, die damit ein akustisches Pendant zu den Ausbalkungen etwa im Comicbereich darstellen, werden aber auch bewußt als Mittel der Erregung von Aufmerksamkeit auf ihre Zensurierung verwendet. Es existieren zwei Versionen auf dem Markt: die legal entstellte und die wenigen noch verbliebenen Originale, die nur noch zu Liebhaberpreisen auf Sammlerbörsen zu finden sind. Derartige Vorkommnisse sind allerdings sehr selten, weil die Prozedur zu aufwendig ist und zu entlarvend wirkt, da sie gegenläufig die Neugier weckt, herauszufinden, was unterdrückt werden soll.
Auch die Weigerung von Plattenläden, Tonträger mit möglicherweise anstößigen Covern zu vertreiben, kann zu verharmlosenden Eingriffen führen, wie aktuell das Beispiel des Motivs der aktuellen Platte "Til Death Do Us Unite" der Gruppe "Sodom" zeigt. Das deutsche Label "GUN Records" ("Great Unlimited Noise") in Witten applizierte zunächst einen balkenartigen Aufkleber mit der ironischen Aufschrift "Selbstzensur wegen 'unanständigem' Cover" über die beanstandete Stelle, was jedoch die Händler nicht überzeugte. Um den Absatz nicht zu gefährden, tauschten die Betreiber schließlich das Originalmotiv mit einem Totenkopf zwischen den Photographien zweier sich entgegenwölbender männ-licher und weiblicher Bäuche gegen ein neues Motiv aus, das das "Knarrenheinz" genannte Band-Maskottchen zeigt. Dieser Vorfall steht durchaus in einer bekannten Tradition von Repressalien gegen Independent-Musik, denn schon früher wurden Covermotive, die wegen der üblichen Gründe öffentliches Aufsehen erregten, in späteren Auflagen vom Produzenten entschärft. Als Beispiele seien die Bands "Roxy Music" und "Moby Grape" erwähnt. Während bei der LP "Country Life" das Umschlagmotiv mit zwei Bikini-Girls in leicht aufreizender Pose vor einer Baumreihe die Plattenfirma veranlaßte, in einer späteren Auf-lage nur noch die Nadelbäume des Hintergrundes abzubilden, erregte bei der zweiten genannten Musik-Gruppe ein ausgestreckter Mittelfinger vor der amerikanischen Flagge den Unbill. Da die Musiker ihrem Unmut über die Retuschierung dieses Protestsymbols Ausdruck verleihen wollten, schwärzten sie bei der Nachpressung der Platte nicht nur den pejorativen 'Stinkefinger', sondern auch gleich die 'Stars and Stripes'. Ähnliche Empfindlichkeiten wie die Amerikaner in bezug auf ihre Nationalsymbole kennzeichnet die Deutschen vor allem im Umgang mit ihren Hoheitszeichen und den Symbolen der NS-Zeit. Neben den diskutablen Vertriebsbeschränkungen und Verboten tatsächlicher Nazi-Propaganda zeitigt dieses Generalverdikt gelegentlich aber auch eigentüm-liche Blüten, wie folgendes Beispiel verdeutlichen mag: Die US-Avantgarde-Band "The Residents" brachte 1976 ein Album mit dem Titel "The Third Reich´n´Roll" heraus. Wegen des mißverständlichen Titels und des mit verfassungsfeindlichen Symbolen (Haken-kreuzen) versehenen Covers war die Scheibe zensurbedingt jahrelang in Deutschland nicht erhältlich, in Israel z.B. aber schon. Diese Zensur mag durchaus erstaunen, denn natürlich sind die "Residents" keine Nazis. Vielmehr wollten sie "Kritik an der fortschreitenden Gleichschaltung in der Popmusik" (ZHIEN 1993, S. 15) durch große Labels üben. So stehen die Hakenkreuze weder für eine reine Provokationspose - wie etwa bei Sid Vicious von
Seite zurück ------------Nächste Seite
Vgl. HERRATH/SIELERT (Hg.) 1990, S. 202-213.