E-Mail   Seite zurück Vorderes Menue Nächste Seite   E-Mail

 

 

3. den "Sex Pistols" oder "Siouxie and the Banshees" - und schon gar nicht für eine rechte Ideologie, sondern als Symbol für die Unterdrückung alternativer (musikalischer) Formen durch die Industrie. Nach der mit "Censored!"-Schriftzügen übersäten Version von 1980, die rasch vergriffen war, durfte die Platte mit den Songs "Hitler Was A Vegetarian" und "Swastikas On Parade" erst 1993 auch hier vertrieben werden, nachdem ein entschärftes Cover für die Neuauflage kreiert worden war. Neben Umänderungen einzelner Textpassagen kann die Selbstzensur auch zur Herausnahme ganzer Stücke und zum Zurückziehen einer kompletten Platte führen, wenn das Werk in die öffentliche Kritik gerät. Die amerikanische Rockgruppe "Guns'n'Roses" rief 1993 ihre CD "The Spaghetti Incident?" zurück, weil der in St. Quentin einsitzende Massenmörder und Sektenguru Charles Manson an einer Aufnahme mitgewirkt hat. Das Album mit Cover-Versionen alter Rock- und Punk-Stücke solle künftig ohne den umstrittenen Song "Look at your game girl" ausgeliefert werden. Ein Vertreter der Plattenfirma erklärte, es sei unerträglich, wenn Manson auf diese Weise aus seinem Ruf als einer der schlimmsten Verbrecher des Jahrhunderts Geld machen sollte. Ende der 60er Jahre hatten Mitglieder seiner Sekte "The Family" sechs Menschen - darunter die hochschwangere Frau von Roman Polanski, Sharon Tate - grausam ermordet.

Nach Protesten jüdischer Organisationen änderte das Pop-Idol Michael Jackson im Sommer 1995 seinen aktuellen Song "They don't care about us". Durch Textstellen, die als abfällig deutbar sind, wie "jew me" und "kike me" - "Kike" ist ein pejoratives US-Wort für Jude - kämen antisemitische Tendenzen zum Ausdruck. Jackson bedauerte und änderte das Stück ab.

Auch die um ihr sauberes Image bemühte Disney-Company schreckt vor Rückholaktionen nicht zurück. So ließ sie alle 100.000 Exemplare der von der Tochterfirma "Hollywood Records" produzierten Platte "The Great Milenko" von der Rap-Gruppe "In-sane Clown Posse" wieder einziehen und vernichten, da Disney-Chef Michael Eisner erst nach Fertigstellung bemerkt hatte, daß das Werk mit derben Obszönitäten gespickt war. Durch die gesellschaftliche Sensibilisierung und Stigmatisierung rechtsideologischen Liedguts und die damit einhergehenden Indizierungen läßt sich in der Skinhead-Szene ein Abschwächen der Texte feststellen, da auch diese Branche auf die möglichst breite und ungehinderte Verkaufbarkeit ihrer Produkte bedacht ist.

Wie dem VERFASSUNGSSCHUTZ-BERICHT NRW (1995, S. 150ff.) zu entnehmen ist, schalten nicht wenige Bands vor der Veröffentlichung einen Rechtsanwalt ein, der den Inhalt auf mögliche strafbare Passagen überprüfen soll, die dann für die offizielle Version abgeändert werden. Währenddessen erzielt die soziale Ächtung durch Indizierung oder Verbot im Schwarzmarkthandel die umgekehrte Wirkung: Verdikte bewirken Umsatzsteigerung, verleihen sie den inhibierten Produkten doch das Flair des Verbotenen. 7.5.4 Sonstige Zensurmöglichkeiten: Da der Erfolg auf dem Musikmarkt von einer möglichst großen Verbreitung via Hörfunk- und Fernsehsender aber auch von der Möglichkeit öffentlicher Auftritte abhängt, kommt ein Spielverbot oder ein senderinterner Boykott von Stücken einer Zensur gleich. Zunächst erhalten alle indizierten Stücke aufgrund der Jugendschutzbestimmungen ein totales Sendeverbot. Darüber hinaus werden, von Sender zu Sender unterschiedlich, verschiedene Stücke nicht gespielt, obwohl sie nicht offiziell indiziert sind. Diese Praxis hat durchaus Tradition, wenn man sich an die 60er Jahre erinnert, wo der Rolling Stones-Song "Let's spend the

Zum Anfang dieser Seite

Seite zurück -----Nächste Seite

Vgl. SZ, 3.12.'93. Vgl. SZ, 24.6.'95. Vgl. FOCUS 29/97, S. 136. Zumeist werden die Liedtexte - wie z.B. bei der Debüt-CD "Zerschlag deine Ketten" der Band "Sturm-wehr" - mit anwaltlicher Hilfe entschärft oder die Produktion ins liberalere Ausland verlegt. Der Bericht zweifelt aber auch an, ob die Ausweitung sozialer Ächtung auf die große Skinhead-Szene ein probates Mittel zur Entspannung der Situation sei, da die meisten jugendlichen Fans dieser Musik selten gefestigte rechtsextremistische Einstellungen hätten und durch eine Kriminalisierung erst den Neonazis in die Hände gespielt würden.