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Schwerpunkte der Kirchenarchäologie in Oberösterreich. Rudolf Koch, Wien


Kirchenarchäologie vom frühen Christentum bis zum Beginn des Hochmittelalters

kirchenarch1.jpgMaria Anger Kirche, Grabungsplan

Noch vor dem 2. Weltkrieg publizierte E. Swoboda seine Grabungsergebnisse über die nach 1792 profanierte Maria-Anger-Kirche in Enns-Lorch. [7] Der Grabungsbefund ist symptomatisch für den Stand der älteren Kirchenarchäologie, indem er lediglich die älteste Phase, eine frühchristliche Saalkirche mit eingestellter Priesterbank und nördlichen Annexräumen, wiedergibt, auf Angaben über die sicherlich vorhandene mittelalterliche Verbauung jedoch verzichtet. Mit Recht kritisiert L. Eckhart diesen Umstand, hätte doch die Grabung in dem wahrscheinlich im 5. Jh. als Kirche des Legionslagers errichteten Gebäude eine Bau- und Kultkontinuität bis in die Barockzeit ergeben, wie sie in Oberösterreich vergleichsweise nur in der St. Laurentius-Kirche von Enns-Lorch-Lauriacum vorzufinden ist. [8]

Die St. Laurentius-Kirche zu Lorch-Enns gehört wohl zu den mit den meisten Publikationen bedachten Objekten der Kirchenarchäologie in Österreich. Seit dem Beginn der archäologischen Untersuchungen im Jahre 1960 und dem ersten Grabungs-Vorbericht von 1961 erschienen vom Ausgräber L. Eckhart in fast jährlichem Abstand, und hier oft mehrfach, Arbeiten über Archäologie, Baugeschichte und historische Probleme, welche ihren ersten Höhepunkt in der Vorlage des Grabungsbefundes und der Funde im Jahre 1981 erreichten. [9] Dazu kommen noch einzelne Nachträge über denkmalpflegerische Aspekte und die Heiligenlegende der Lorcher Märtyrer. [10]

kirchenarch2.jpgLorch, St. Laurentius, 3 Bauphasen (vgl. OÖHbl. 1982. Heft 1/2. S. 28 ff) Alle Skizzen nach L. Eckhart. Aus: Zeitschrift Oberösterreich. 32. Jg. Heft l. 1982

Die Abfolge von gallo-romischem Umgangstempel (zwischen 175 bis 192 n. Chr.), Basilika I (um 370 n. Chr.), Basilika II (nach 451/53 n. Chr.), Frühmittelalterkirche I (Mitte 8. Jh.), Frühmittelalterkirche II (spätes 10. Jh.) und die im Aufgehenden nachweisbaren spätmittelalterlichen Bauphasen ab dem 13. Jh. belegen ein Bau- und Kultkontinuum von beeindruckender Konsequenz. Berechtigte Einwände gegen die Deutung der Befunde und die Rekonstruktion der Frühmittelalterkirche II, insbesondere was die Verdoppelung des Südwestturmes ? nach Eckhart vermutlich ein römischer Wachturm ? zu einer Art betürmter Westanlage mit offener Vorhalle betrifft, hat zuletzt H. Ubl geltend gemacht. [11] Eine Lösung dieser Frage nach einer frühen Doppelturmanlage in Österreich wäre besonders im Hinblick auf die kunsthistorische Problemstellung mit dem Westwerk des Salzburger Domes von Bedeutung, sie steht jedoch bis jetzt noch aus.

kirchenarch3.jpgLorch, St. Laurentius

Eine 1953 im Ostteil der Kirchengruft der Stiftskirche von St. Florian durch L. Eckhart ausgeführte Untersuchung ergab unter dem im Barock zerstörten gotischen Horizont mehrere vorgotische Perioden, welche L. Eckhart ebenfalls mit einer Baukontinuität in Verbindung bringt.[12] Vom römerzeitlichen Steinbau über einen vorkarolingischen Holzbau mit sakraler Funktion (wahrscheinlich um 700 n. Chr. durch die Awaren zerstört), einer ersten frühmittelalterlichen Steinkirche bis zur romanischen Steinkirche und dem gotischen Neubau, wäre seiner Meinung nach eine ab der Zeit um 700 n. Chr. nachweisbare Kultkontinuität festzustellen, welche u. a. in der "peinlich fortgesetzten Architekturortung" zum Ausdruck kommt. Die karolingische Anlage vergleicht Eckhart der Situation nach mit St. Martin in Linz und bringt die Bautätigkeit mit der Niederlegung der Reliquien des hl. Florian in Zusammenhang.[13] Leider reichen die Befunde nicht für eine nur annähernd konkrete Rekonstruktion der älteren Kultbauten aus.

kirchenarch4.jpgSt. Georg am Georgenberg bei Micheldorf Bauphasenplan (nach R. Sennhauser, F. Oswald, L. Schaefer, Vorromanische Kirchenbauten 1966)

Ein letztes Beispiel zur allerdings umstrittenen und nicht voll ausdiskutierten Bau- und Kultkontinuität ab dem Frühchristentum stellt die Kirchengrabung in und um die Filialkirche St. Georg am Georgenberg bei Micheldorf dar .[14] In den seit 1955 publizierten Grabungsberichten kommt der Ausgräber H. Vetters zu dem Schluß, daß zunächst eine Burgkapelle, welche zum römischen Kommandantenhaus gehört hatte, bestand, von der Teile der Tuffapsis erhalten blieben. In einer zweiten Phase wurde an diesen Bauteil eine Holzkirche angefügt, welche aufgrund ihrer aus dem Felsen gesprengten Pfostenlöcher im Grundriß einen querschiffartigen Raum vor der Apsis aussparte. Diese frühmittelalterliche Stein-Holz-Kirche bringt H. Vetters mit Gräbern der Köttlacher Kultur in zeitlichen Zusammenhang. Der Bau wird in der 2. H. d. 12. Jh. unter Einbeziehung der älteren Apsis durch einen einschiffigen Saalraum in Stein ersetzt und schließlich Ende des 15. H. um einen gotischen Polygonchor erweitert. Das bestehende Langhaus stammt erst aus dem frühen 17. Jh. Durch den unter der Kirche nachgewiesenen gallo-römischen Umgangstempel des l. bis 2. Jh. n. Chr. ergäbe sich eine Bau-und Kultkontinuität, welche von der Spätantike über 2000 Jahre anhielte. [15]

Vor allem L. Eckhart, B. Ulm und H. Ubl haben sich gegen diese Rekonstruktion der Bauabfolge und gegen eine ununterbrochene Kultkontinuität ausgesprochen. [16] B. Ulm nimmt von kunsthistorischer Seite her eine Abfolge von Holzkirche (9. bis 10. Jh.), romanischer Chorquadratkirche und später angefügter Halbkreisapsis an. Die Verwendung einer frühchristlichen Apsis bis ins Hochmittelalter hält er für unwahrscheinlich. Zusammen mit den Ergebnissen einer Notgrabung im Jahre 1981 lehnt K. Holter erneut eine ununterbrochene Kultkontinuität über die Zeit des 6. bis 8. Jh. ab. [17]

Probegrabungen in der Pfarrkirche von Heiligenkreuz bei Micheldorf, also in unmittelbarer Nähe des Georgenberges, im Jahre 1954 dienten ebenfalls der Untersuchung einer Kult- und Baukontinuität ab der Römerzeit. [18] Da die spätgotische, 1534 geweihte Kirche in ihren Baufluchten dem spätantiken Schema der Quadrafluren entsprach, lag die Vermutung nahe, daß auch hier ein römisches Gebäude für die Orientierung der spätmittelalterlichen Kirche ausschlaggebend gewesen sei. Dem Fundbericht von G. Trathnigg ist jedoch zu entnehmen, daß in dem als zweiphasig angenommenen Bau keine vormittelalterlichen Phasen gefunden werden konnten.

kirchenarch5.jpgLinz, St. Martin, Bauphasenplan (nach Österr. Kunsttopographie XXXVI, 1964)

Das Hauptwerk der frühmittelalterlichen Kirchenarchäologie in Oberösterreich ist die seit ihrer ersten Untersuchung durch F. Juraschek und W. Jenny im Jahre 1947 im Brennpunkt der karolingischen Kirchenforschung stehende St. Martinskirche in Linz. Die im Abstand von mehreren Jahren durchgeführten Forschungen seitens der Archäologie, Geschichte, Kunstgeschichte und Gesteinskunde erbrachten ein in noch vielen Fragen offenes Gesamtbild, welches gleichsam als Querschnitt durch die Möglichkeiten und Grenzen der Interpretierbarkeit aller betroffenen Fachsparten angesehen werden kann. [19] Als vorläufiges Ergebnis über die 799 urkundlich genannte Kirche ergab sich ein erster sakraler Hallenbau, der über einem vom 1. bis 5. Jh. n. Chr. benützten römischen Haus errichtet worden war und dessen Spuren im Aufgehenden in den gedrungenen Quaderpfeilern erhalten blieben. Die Rekonstruktion dieses Bauwerks reicht von einer mit Flechtwerkwänden umstellten Pfeilerhalle (L. Eckhart) [20] bis zu einer regulären dreischiffigen Steinkirche (R. Egger).[21] Die Datierung des Hallenbaus konnte bis dato nicht mit Sicherheit geklärt werden und schwankt zwischen der Frühdatierung K. Ginharts [22] (spätrömisch) und der Zuordnung ins Frühmittelalter durch R. Egger. L. Eckhart hat aus der Sicht des klassischen Archäologen auf die als barbarisch - im Sinne von unrömisch - zu bezeichnenden gedrungenen Proportionen des Bauwerks hingewiesen.[23] Die Möglichkeit einer einschiffigen Anlage und ihrer Deutung als agilolfingische Dinghalle sieht Eckhart im Grabungsbefund widerlegt. [24]

In einer zweiten Bauphase wurde der Mittelraum der Pfeilerhalle geschlossen und mit Bogennischen versehen. Im Osten fügte man eine hufeisenförmige Apsis an, welche mit seitlichen Bogennischen eine Art Dreiapsidensaal ausbildet. Auch hier schwankt die Datierung in Abhängigkeit vom Hallenbau. F. Juraschek macht überzeugend karolingische Vergleichsbeispiele geltend, während K. Ginhart unter Hinweis auf Regensburger Bauten die Mitte des II. Jh. für die Zeit des Umbaus in Anspruch nimmt. [25]

kirchenarch6.jpgLinz, St. Martin, Rekonstruktion, Grabungsplan (nach J. Offenberger FÖ 1972)

Einen völlig neuen und überraschenden Befund zur Problematik der Martinskirche publizierte der Grabungstechniker J. Offenberger anläßlich eines Vorberichts zu Grabungen in den Jahren 1977 bis 1979.[26] Seinem, dem Bericht beigelegten Rekonstruktionsplan ist zu entnehmen, daß dem wohl als karolingisch anzusprechenden Nischenbau ein kleeblattförmiger Zentralbau mit drei Konchen in den Hauptachsen und Eingang im Westen voranging. Über dieses Ergebnis und seine Bedeutung für die frühmittelalterliche Architekturforschung ist noch die vollständige Publikation der Befunde abzuwarten, da die schematische Abbildung bei Offenberger nur ein Minimum an Aufschlüssen gibt.

Fortsetzung: Kirchenarchäologie des Hochmittelalters, Holzkirchen und Klosteranlagen


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