Leseprobe

Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgerssons mit den Wildgänsen

Auszug aus dem Kapitel "Ein kleiner Herrenhof"

Als Nils Holgersson zu sprechen anfing, beugte sich die Eule vor und sah ihn genau an. "Er hat weder Krallen noch einen Stachel", dachte sie; "aber wer weiß, ob er nicht einen Giftzahn oder sonst eine Waffe hat, die noch gefährlicher sein könnte. Es ist gewiß am besten, ich versuche erst etwas Näheres über ihn zu erfahren, ehe ich mich mit ihm einlasse." "Der Hof heißt Mårbacka",sagte sie dann; "und in früheren Zeiten haben ausgezeichnete Menschen hier gewohnt. Aber wer bist denn du?"
"Ich habe die Absicht mich hier niederzulassen",sagte der Junge, ohne eine direkte Antwort auf die Frage der Nachteule zu geben. "Meint Ihr, das ließe sich einrichten?"
"O ja, obwohl der Hof jetzt nichts Besonderes mehr ist, im Vergleich zu dem, was er früher war", antwortete die Eule. "Aber man kann immerhin hier leben; es kommt ja auch hauptsächlich darauf an, wovon du hier leben willst. Hast du im Sinn, dich auf die Mäusejagd zu verlegen?
"Nein, Gott soll mich davor bewahren!" rief der Junge. "Die Gefahr, daß die Mäuse mich auffressen, ist wohl größer, als daß ich ihnen ein Leid antue."
´Ob er wirklich so wenig gefährlich ist, wie er sagt? Das ist doch wohl nicht möglich´, dachte die Eule; ,aber ich glaube, ich will doch einen Versuch machen.´ Sie flog auf, und im nächsten Augenblick hatte sie ihre Krallen in Nils Holgerssons Schultern geschlagen und hackte nun nach seinen Augen. Nils hielt die eine Hand zum Schutz vor die Augen, während er sich mit der anderen zu befreien suchte und zugleich aus Leibeskräften um Hilfe schrie. Er fühlte, daß er in wirklicher Lebensgefahr schwebte, und sagte sich, diesmal werde es ganz gewiß aus mit ihm sein.
Aber nun muß ich erzählen, wie wunderbar es sich traf, daß gerade in diesem Jahre, als Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, in Schweden eine Schriftstellerin war, die ein Buch über Schweden schreiben wollte, das den Kindern als Lesebuch in der Schule dienen könnte. Von Weihnachten bis zum Herbst hatte sie sich über ihre Aufgabe Gedanken gemacht, aber bis jetzt war noch nicht eine einzige Zeile an dem Buche geschrieben, und schließlich war sie der ganzen Aufgabe so überdrüssig geworden, daß sie sich sagte: "Auf diese Weise bringst du nichts zustande, setz dich lieber hin und dichte Geschichten und Märchen wie sonst und laß jemand anders dieses Buch schreiben, das lehrreich und ernst sein soll und in dem kein unwahres Wort stehen darf."
Sie war so gut wie entschlossen, ihr Vorhaben aufzugeben; aber sie hätte eben doch gar zu gerne etwas Schönes über Schweden geschrieben, und es wurde ihr sehr schwer, die Arbeit aufzugeben. Schließlich kam ihr der Gedanke, ob es am Ende deshalb mit dem Buche nicht vorangehe, weil sie in einer Stadt sitze und nichts als Straßen und Mauern vor sich sehe. ´Vielleicht geht es besser, wenn ich aufs Land reise und Felder und Wälder betrachten kann´, dachte sie.
Sie stammte aus Värmland, und sie war fest entschlossen, das Buch mit dieser Landschaft beginnen zu lassen. Und vor allem wollte sie von dem Hof erzählen, auf dem sie aufgewachsen war. Es war ein kleiner Herrenhof, der ganz einsam und weltabgeschieden dalag und auf dem sich noch viele altertümliche Sitten und Bräuche erhalten hatten.
...
Sie war im Schatten eines großen Ahorns bei der Einfahrt stehengeblieben und schaute sich nun aufmerksam um, und während sie so dastand, geschah etwas Merkwürdiges: eine Schar Tauben kam dahergeflogen und ließ sich neben ihr nieder.
...
´Wie gern möchte ich hierher zurückkehren!´, dachte sie weiter. ´Seit ich den Hof wiedergesehen habe, fällt mir das Fortgehen fast zu schwer.´
Und dann wendete sie sich an die Taubenschar und sagte zu ihr, während sie doch zugleich über sich selbst lächelte: "Fliegt zurück zu meinem Vater und sagt ihm, daß ich Heimweh habe. Nun bin ich lange genug an fremden Orten gewesen; fragt ihn, ob er es nicht einrichten könnte, daß ich bald wieder in die Heimat meiner Kindheit zurückkehren dürfe?" Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die ganze Taubenschar auch schon auf und davon flog; sie versuchte, den Vögeln mit den Augen zu folgen, aber sie verschwanden rasch; es war, als habe die ganze weiße Schar sich in der mondhellen Luft aufgelöst.
Aber kaum waren die Tauben verschwunden, als aus dem Garten laute Schreie an ihr Ohr drangen, und als sie rasch dahin eilte, woher die Rufe kamen, bot sich ihr ein merkwürdiger Anblick dar. Ein winzig kleiner Knirps, kaum eine Spanne lang, wehrte sich verzweiflungsvoll gegen eine Nachteule.
Zuerst war die Schriftstellerin so überrascht, daß sie sich nicht rühren konnte. Aber als der Kleine immer jämmerlicher schrie, legte sie sich rasch dazwischen und trennte die beiden Kämpfenden. Die Eule schwang sich auf einen Baum, aber das Männlein blieb auf dem Gartenweg stehen ohne sich zu verstecken oder davonzulaufen.
"Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe", sagte es, "aber sie hätten die Eule nicht fortfliegen lassen sollen. Nun kann ich nicht von hier weggehen, denn sie sitzt dort auf dem Baum und lauert mir auf."
"Ja, es war recht gedankenlos von mir, daß ich sie entwischen ließ. Aber kann ich dich nicht dahin begleiten, wo du zu Hause bist?" fragte sie, die so gerne Märchen ersann; sie war nicht wenig erstaunt, daß sie hier so ganz unvermutet mit einem Wichtelmännchen zusammengetroffen war. Aber eigentlich war sie nicht einmal so sehr erstaunt; es war, als habe sie, während sie da im Mondschein vor ihrer alten Heimat gestanden hatte, immerfort darauf gewartet, daß sich etwas Wunderbares zutrage.
"Eigentlich habe ich auf diesem Hofe hier übernachten wollen", sagte der Knirps. "Wenn Sie mir einen sicheren Platz zum Schlafen anweisen könnten, würde ich erst morgen früh in den Wald zurückkehren."
"Soll ich dir ein Nachtlager anweisen? Wohnst du denn nicht hier?"
"Ach, ich verstehe, Sie halten mich für ein Wichtelmännchen", sagte der Knirps jetzt. "Aber ich bin ein Mensch, gerade wie Sie, und ich bin nur in ein Wichtelmännchen verwandelt worden."
"Das ist das Wunderbarste, was ich je geträumt habe! Kannst du mir nicht erzählen, wie sich das zugetragen hat?"
Der Junge hatte nichts dagegen, seine Abenteuer zu erzählen, und je weiter er in seinem Bericht kam, desto erstaunter und verwunderter, aber auch desto vergnügter wurde die Zuhörerin.
´Ach, welch ein Glück, daß ich jemand treffe, der durch ganz Schweden auf einem Gänserücken gereist ist!´ dachte sie. ´Alles, was er mir da erzählt, kann ich ja in mein Buch schreiben! Jetzt brauche ich mir deswegen keine Sorgen mehr zu machen. Wie gut es ist, daß ich nach Hause gereist bin! Wie merkwürdig, daß die Hilfe gekommen ist, sobald ich den alten Hof betreten habe!´


© Simone Pohlink
zuletzt erneuert: 01.09.01