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'Nackte' Gegenwart
Genau 18 Jahre nach der IFMA-Präsentation der legendären Z 1 stehen
wieder zwei unverkleidete Kawasaki-Modelle im Rampenlicht der Kölner
Messe - die Zephyr 750 und die kleinere Schwester Zephyr 550. Das
Fachpublikum ist sich einig: Keine andere Marke hat es ähnlich gut
verstanden, klassische Optik zeitgerecht mit moderner Technik zu
verbinden und dabei wieder eine neue »alte« Motorrad-Kategorie zu
schaffen, die sich erfrischend vom kunststoffverschalten Einerlei
der Szene abhebt. Zwar hat BMW schon seit Jahrzehnten stets unverkleidete
Tourer im Programm, aber hier handelt es sich eben nicht um luftgekühlte
Vierzylinder mit Big Bike-Charme. Auch Suzuki geht mit der GSF 400
Bandit einen ähnlichen Weg, doch sieht man der Maschine schon auf
den ersten Blick die modernen Attribute wie etwa der Stahlrohr Brückenrahmen
mit direkter Verbindung von Lenkkopf und Schwingenlagerung, Zentralfederbein
oder die Wasserkühlung des Triebwerks an. Kawasaki hingegen geht
konsequent klassische Wege:
Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen mit zwei Federbeinen hinten und
ein luftgekühlter Motor mit richtigen Kühlrippen, der direkt von
den alten Aggregaten der siebziger und achtziger Jahre abgeleitet
wurde. Das Konzept ist bis zur Namensgebung hin gut durchdacht -
vom Duden wird »Zephyr« als »milder, leichter Wind« oder in der
Sprache der Antike als »warmer Westwind« übersetzt. Zugunsten dieser
ausgewählten Modellbezeichnung verzichtet Kawasaki anfangs sogar
auf das Firmenemblem an den Tankflanken. Erst ab Modelljahrgang
1992 wird man den Zephyr-Schriftzug auf die Seitendeckel verbannen.
Kawasakis Ingenieure haben neben der traditionell sportlichen Schiene
der Firma die klassisch orientierte wiederentdeckt. Hier wird die
Tradition des unverkleideten Big Bikes vom Schlage einer Z 1 fortgesetzt,
wenn ihr auch das direkte Pendant in der Gegenwart noch fehlen mag
- die 1100er Zephyr lässt noch knapp zwei Jahre auf sich warten.
So muß zunächst die 750er in den Köpfen von Redakteuren und Kunden
als direkte Z 1-Nachfolgerin herhalten, obwohl sie eigentlich von
der ehrwürdigen Z 650 abstammt.
Die kleinere Ausgabe mit 550 Kubik steht etwas im Schatten der großen,
wahrscheinlich weil sie auch in einer 27-PS-Version erhältlich ist
und daher von manchen Redakteuren und Kunden von vornherein zum
Anfängerfahrzeug abgestempelt wird. Völlig zu Unrecht, wie sich
bei Testfahrten der Motorrad Zeitschriften noch rausstellen wird.
Natürlich ist sie wegen ihres vergleichsweise geringen Gewichts,
der niedrigen Sitzposition und der versicherungsgünstigen 27-PS-Leistungsvariante
ideal geeignet für Fahranfänger. Dennoch stellt sie vor allem in
der offenen Version von den Fahreigenschaften her klar die sportlichste
Interpretation des Zephyr-Themas dar. Mit keiner der drei Varianten
lassen sich auf der Rennstrecke so atemberaubende Schräglagen realisieren,
keine ist so leichtfüßig um die Ecken zu schwenken.
In Japan macht die dort wegen der Führerscheinbestimmungen auf 400
Kubik reduzierte, ansonsten aber ganz der deutschen 550er entsprechende
Variante 1989 sogar den Anfang allen Zephyr Rauschs. Hier räumt
sie als wahrer Verkaufsrenner ordentlich ab. Schlendert man durch
Tokyos Straßen oder hält man beispielsweise die Sonderausgabe der
japanischen Zeitschrift Clubman (Kawasaki Part 2,1992.8) in der
Hand, so stößt man immer wieder auf bis ins kleinste Detail sportlich
herausgeputzte 400er - aber auch 750er und 1100er -, die stark an
die Superbike-Jahre eines Eddie Lawson erinnern. Japanische Veredler
ahmen auch die Lackierungen längst vergangener Z-Jahre nach und
fertigen stabile Superbike-Schwingen für die heutigen Modelle nach.
Der Enthusiasmus in Japan kennt keine Grenzen, es werden sogar richtige
Zephyr Clubrennen organisiert.
In Europa spielt sich vieles wesentlich kühler ab, der Zephyr- oder
- allgemeiner ausgedrückt – Naked Bike-Boom ist aber auch hier nicht
aufzuhalten. Die Alltagstauglichkeit kommt den neuen Klassikerinnen
dabei zugute. Die Konkurrenz reagiert wenig später mit ähnlichen
Konzepten wie etwa Hondas Seven Fifty oder CB 1000 und Suzukis GSX
1100 G.
Zephyr 750: Die Elegante
Gleich bei ihrer Präsentation im Herbst 1990 auf der Kölner IFMA nennt
man den Namen der 750er in einem Atemzug mit dem der legendären Z
1. Und das, obwohl die Maschine bis dato noch nicht einen Testkilometer
absolviert hat. Die Wiedergeburt des klassischen Outfits mit einteiligem,
auf der oberen Gabelbrücke geklemmten Stahlrohrlenker, Stufensitzbank,
Entenbürzel und formschönem, bauchigen Tank reicht aus, um Fachwelt
und Publikum in größte Verzückung zu versetzen und zu derartigen Vergleichen
hinzureißen. Das neoklassische Naked Bike ist geboren und wird in
den darauffolgenden Jahren die Motorradszene in Deutschland gehörig
durcheinanderwirbeln.
Das technische Grundkonzept der 750er geht aber nicht auf die 900
Z 1, sondern auf die Z 650 zurück, ein Motorrad, das trotz seines
Hubraum-Handicaps in der Lage war, 750er Vierzylinder-Maschinen das
Leben Schwerzumachen. Heute ist das kein Thema mehr, die Zephyr schöpft
ganz aus dem Dreiviertelliter-Hubraum und kann sich lässig auf deutsche
Landstraßen begeben. Sie will und kann auch gar nicht mehr mit aktuellen
sportlichen-750ern konkurrieren.
Wie bei der Z 750 E - der unmittelbaren Nachfolgerin der Z 650 - ergeben
sich bei 66 Millimetern Bohrung und 54 Millimetern Hub exakt 739 Kubikzentimeter
Hubraum. Die Verdichtung ist mit 9,5:1 gleich. Die Neue atmet aber
aus Keihin-Vergasern mit kleinerem Durchlass (32 mm, Z 750 E: 34 mm).
Dadurch erhöhen sich die Strömungsgeschwindigkeiten, der Drehmomentverlauf
wird günstiger. Einbußen hinsichtlich der Höchstleistung werden dabei
in Kauf genommen.
Die Zephyr ist eine Landstraßen-Sprinterin, die kurze Endübersetzung
und die enge Getriebeabstufung ermöglichen Fahrleistungen, die manch
hubraumstärkeren Maschine gut zu Gesicht stünden. Schon ab 2.000 Touren
prescht der Vierzylinder derart vehement nach vorne, dass der unerfahrene
Fahrer regelrecht an der Lenkstange Halt suchen muss. Hohe Drehzahlen
müssen dem Reihenvierer nur bei flotter Autobahnfahrt abverlangt werden.
Bei 9.500 U/min sind es gesunde 72 PS, die an der Antriebskette zerren.
Schnellstraßen sind aber wegen des ungeschützten Arbeitsplatzes eh
nicht das bevorzugte Terrain eines dem »warmen Westwind« (»Zephyr«)
folgenden Fahrers.
Er verlagert seine Suche eher auf gewundene Landstraßen mit kurzen
Geraden, wo Motor und 17-ZollFahrwerk ihre Qualitäten voll ausspielen
können. Denn auch der Cocktail aus Doppelschleifenrahmen, 41-Millimeter-Telegabel
und massiver Exzenter-Leichtmetallschwinge mit vielfach verstellbaren
Duo-Federbeinen funktioniert ausgezeichnet. Die Zephyr ist dabei noch
relativ komfortabel ausgelegt. Lediglich bei harten Bremsmanövern
mit der ausgezeichnet verzögernden Dreischeiben-Bremsanlage und leichten
Bodenwellen geht die Gabel auf Block. Ein Übel bei allen Zephyr-Modellen,
das sich mit progressiven Tragfedern von White Power beziehungsweise
Wirth oder Verringern des Luftvolumens abstellen lässt.
Die hinteren Federbeine genügen im Solobetrieb vollauf. Sie bieten
vielfache Verstellmöglichkeiten (Dämpfungszugstufe vierfach, -Druckstufe
vierfach, Vorspannung fünffach), sind aber in vollbeladenem Zustand
mit Reisegepäck und Sozius auf schlechten Wegstrecken mit nur 88 Millimetern
Federweg schlichtweg überfordert. Hochgeschwindigkeitsverhalten und
Handling hingegen sind in dieser Hubraumklasse ein Gedicht - unter
anderem ein Verdienst des mit 215 Kilogramm vergleichsweise geringen
Gewichts. Die gleiche Ausstattung wie bei der 550er - die 750er hat
außerdem eine wartungsfreie Batterie - macht einem die Entscheidung
zwischen diesen beiden Modellen nicht unbedingt leichter.
Eine weitere Gemeinsamkeit: Ähnlich wie die 550er
kränkelt die 750er Zephyr an undichten Ventildeckeldichtungen, die
mit Metallgewebe-verstärkten, dickeren ab 1993 behoben werden. Ansonsten
gibt sich der Vierzylinder als problemloses Alltagsmotorrad, das bei
richtiger Justierung des Fahrwerks viel Fahrspaß vermitteln und auch
bedingt für Touren genutzt werden kann. Zu einem ähnlichen Urteil
kommt die langjährige Mitarbeiterin der Zeitschrift »Tourenfahrer«,
Ingrid Zuzok-Stimmer, beim Vergleich des alten Z 650-Konzepts mit
dem der Neuen (Heft 3/1991): »Modernster Standard und bewährte Technik
sind in der Kawasaki Zephyr zu einer gelungenen Symbiose verschmolzen.
Sie wird nicht gerade wenige in ihrer Einsicht bestärken, dass 'mehr
Kubik' und 'mehr PS' allein noch lange nicht den Spaß am Motorradfahren
ausmachen.«
Ihren Spaß am Verkauf dürften die Kawasaki-Kalkulatoren haben, denn
die Zephyr-Modelle gehen schon im ersten Verkaufsjahr gut - so gut,
dass man mit den Lieferungen aus Japan gar nicht hinterherkommt. Sehr
zum Ärgernis der Händler, die das 750er Modell nach einem Einstandspreis
von 9.990 Mark 1993 für 11.170 Mark inklusive Nebenkosten in den Farben
Dunkelrot-Metallic, Dunkelblau-Metallic und Dunkelgrün-Metallic anbieten.
Aus: Seiler Motorräder die Geschichte machten KAWASAKI von der Z1
zur Zephyr
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