Gegen das Vergessen

Bündnis gegen Rechts

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Jahreswechsel
2000/2001:
Drohungen und
rechte Gewalt
in der
Oberpfalz

Redemanuskript Kundgebung 17.12.1995 Schwandorf:

BI Asyl Regensburg

"ZUM GEDENKEN AN DIE
SCHRECKLICHE BRANDNACHT VOM 17.DEZEMBER 88"

Ich freue mich, daß  zum heutigen Gedenken (an die schreckliche Brandnacht vom 17.Dezember 1988) unser Bündnis von Parteien und Organisationen gemeinsam den Rassismus der Straße  und die auländerfeindliche und rassistische Regierungspolitik so deutlich anklagt.

Wir müssen uns alle darum bemühen, daß unsere gemeinsamen klaren Worte im Aufruf und unsere Redebeiträge der heutigen Kundgebung für uns in der Oberpfalz und in ganz Deutschland alltäglicher werden und wir auch entsprechend handeln. Dann haben es die rassistischen Täter auf der Straße, in der CDU/CSU und in der Regierung wesentlich schwerer. Und nur dann kommen wir vorwärts in Richtung einer gemeinsamen Zukunft ohne Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus

Die Täter mit rechtsextremistischem und faschistischem Gedankengut werden durch die staatliche Politik ermutigt. Vorreiter und konsequentester Vertreter dieser Politik ist die CDU/CSU.So haben wir es in unserem gemeinsamen Aufruf geschrieben.

Otto Zeitler, der CSU-Landtagsabgeorndnete aus Nabburg und CSU-Landtagskandidat für den Landkreis Schwandorf ist nur ein kleines Beispiel vor Ort. Manche Ursachen für die hohe Arbeitslosigkeit liegen darin, daß Ausländer und Asylanten hier arbeiten, erklärte er kürzlich. Nein: Die Ursachen für die Arbeitslosigkeit sind im System begründet.

Bei Gedenk- und Mahnkundgebungen zu Solingen hieß es vielfach:

"Die Brandstifter sitzen in Bonn". Ergänzend sage ich: Die Brandstifter sitzen auch in München und in der Oberpfalz und überall in der CSU. Wer Ausländer und Flüchtlinge zu Sündenböcken für die vielen Mißstände in unserem Land erklärt und eine entsprechende Politik betreibt, der ist mitverantwortlich dafür, daß rassistische Gewaltäter mit Zündhölzern und Baseballschlägern zu Mörder werden.

Die CDU/CSU betreibt seit mindestens 15 Jahren eine Kampagne gegen die mit uns lebenden Ausländer und insbesondere gegen die Flüchtlinge, um von den tatsächlichen Ursachen der großen Arbeitslosigkeit, der Wohnungsnot und der Armut und der vielen sozialen Problemen in diesem reichen Land abzulenken. Dabei werden systematisch Vorurteile geschürt, Halbwahrheit und offene Lügen verbreitet. Diese Kampagne ist auf einen fruchtbaren Boden gefallen, nicht zuletzt, weil viel zu viele viel zu lange geschwiegen haben und immer noch schweigen.

Und auch deshalb, weil für den Großteil der Bevölkerung kein Ausweg aus der wirtschaftlichen und politischen Krise erkennbar ist. Um dem Rassismus entgegenzuwirken, müssen wir tatsächliche Auswege aus dieser Krise suchen und finden.

Rassistische und neofaschistische Gewalttäter haben schon viel zu viel Menschen auf deutschen Strafen umgebracht.

Unzählig mehr Menschenleben sind der deutschen Staatspolitik zum Opfer gefallen.

Durch die Grundgesetzänderung, die faktische Abschaffung des Grundrechtes auf Asyl wurde politisch Verfolgten der Zutritt nach Deutschland verunmöglicht. Europa schottet sich auf Kosten der ärmsten Länder und auf Kosten der Flüchtlinge ab. Diese Opfer werden nun in Türkischen Gefängnissen gefoltert, in Kurdistan bombardiert, in Afrika ermordet oder sind im Krieg in Ex-Jugoslawien gefallen...usw....

Diese Opfer der staatlichen Gewalt sind für uns nur nicht so direkt sichtbar, wie die Tat eines Gewaltäters auf der Straße.

Wer von Flüchtlingen spricht, muß auf die in unserem Land liegenden Fluchtursachen eingehen. Die Ausbeutung und Verschuldung der sogenannten Dritten Welt und nun auch der Ländern des Ostens durch die westlichen Industrienationen steigt von Tag zu Tag. Daran profitiert Deutschland in Milliardenbeträgen.

Zum anderen werden aus Deutschland Terror- und Unterdrückungsregime auf der ganzen Welt ideologisch, finanziell und militärisch unterstützt. Die Rüstungsexporte wurden verdoppelt. Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt. Ich möchte hier nur an die Waffenlieferungen in Milliardenhöhe an die Türkische Regierung erinnern, oder daß die CSU - Hans-Seidl-Stiftung die schreckliche Diktatur Eyadema's in Togo massiv fördert.

Die deutsche Ökonomie und die deutsche Politik sind somit direkt mitverantwortlich, daß Verelendung, Unterdrückung und politische Verfolgung und damit die Zahl der Flüchtlinge zunehmen.

Die Fluchtursachen beseitigen, nicht die Flüchtlinge bekämpfen, heißt die Parole der Flüchtlingssolidaritätsbewegung. Viele Fluchtursachen hängen mit den bestehenden Herrschaftsverhältnissen und Srukturen in unserem Land zusammen. Solange diese nicht beseitigt sind, haben wir eine besondere Verantwortung für die Opfer der deutschen Politik, das sind die Flüchtlinge. Dieser Verantwortung wurde der Staat noch nie gerecht. Und seit der Grundgesetzänderung noch viel weniger.

Bei steigenden Fluchtursachen kommen nun jährlich dreihundertausend Flüchtlinge weniger nach Deutschland. Aber uns geht es doch seither nicht besser, im Gegenteil. Die Arbeitslosigkeit ist weiter gestiegen, die Sozialabgaben steigen und Sozialleistungen werden drastisch abgebaut. Das hat also nichts damit zu tun, ob Flüchtlinge oder wieviel Flüchtlinge zu uns kommen. Es hat vielmehr etwas mit dem System zu tun, in dem wir leben.

Die Flüchtlinge, die noch nach Deutschland konmmen, sind einem Asylverfahren und einer Asylunrechtssprechung ausgeliefert, die mit rechtsstaatlichen Prinzipien unvereinbar sind und zu einem Asylausschlußverfahren verkommen sind. Ohne Rechtsanwalt hat ein Asylbewerber sowieso keine Chance. Mit Anwalt auch fast keine. Erlittene Folter ist noch lange kein Grund für eine Asylanerkennung und trotz erlittener und drohender menschenrechtswidrige Behandlungwird abgeschoben.

Und wie ein Flüchtling mit 80 DM Taschengeld im Monat den Anwalt bezahlen, um seine minimalen Chancen zu wahren?

Durch das Asylbewerberleistungs wird den Betroffenen auch noch per Gesetz ein menschenwürdiges Leben verweigert. Nun soll dieses rassistische Sondergesetz auf einen noch größeren Personenkreis ausgedehnt werden. Hoffentlich stimmt die SPD dem nicht zu.

Die nach diesem Gesetz zustehenenden Leistungen entsprechen ca. 60 Prozent der Leistungen, die nach dem Bundessozialhilfegegesetz zustehen. Das war bisher das offizielle Existenzminimum.

Über 20 Flüchtlinge haben sich aus Angst vor der Abschiebung das Leben genommen, drei davon in Regensburg, ihre Namen möchte ich hier wenigsten noch nennen: Emanuel Ei, Flüchtling aus Nigeria, 26 Jahre, hat sich im Dezember in der Abschiebhaft Regensburg erh„ngt; Yohannes Alemu, 27 Jahre, Flüchtling aus Äthiopien im Februar 95 von der Nibelungenbrücke in die Donau gesprungen und ertrunken, Yaswant Singh, 33 Jahre, Flüchtling aus Indien hat sich im Mai 95 erhängt..

Für die menschenverachtende Behandlung, der hier noch lebende Flüchtlinge alltäglicheräglich ausgeliefert sind nur ein Beispiel: Im Sammellager Greflingstraáe in Regensburg sind ca. 150 Flüchtlinge untergebracht. Seit Winterbeginn hat die Heizung nicht mehr funktionniert. Die zuständige Regierung der Oberpfalz hat trotz massivem Drängen lange nichts unternommen mit dem Argument, das Lager werde bald geräumt. Es hat noch Wochen gedauert, bis den frierenden Flüchtlingen wenigstens die im Lager aufbewahrten Decken zum Einwickeln gegen die Kälte herausgegeben wurden. Seit einer oder zwei Wochen geht die Heizung wieder. Es war anscheinend nur ein kleiner Defekt.

Hier unter uns ist die Familie Rasiti aus Maxhütte. Ich begrüße sie ganz herzlich. Sie sind albanische Volksangehörige und stammen aus Skopje, Ex-Jugoslawien, jetzt Makedonien. Der neue Staat Makedonien verweigert ihnen die Staatsangehörigkeit und damit bei Arbeitsverbot selbst minimale Sozialleistungen,auch eine Krankenversicherung ist nicht möglich. Damit ist die notwendige „ärztliche Behandlung und Versorgung mit Medikamenten in ihrer Heimat unmöglich, weil unbezahlbar.Trotzdem wollte das Landratsamt die Familie am 19. Juli Mazedonien abschieben, ohne den gestellten Duldungsantrag zu behandeln. Diese menschenrechtswidrige Abschiebung konnte dadurch verhindert verhindert werden, in dem die Familie unmittelbar zuvor versteckt werden konnte. 18 lange und sehr belastende Wochen mußte die Familie im versteckten Schutz der Oberpfälzer Bevölkerung bleiben. Stellvertretend fr die vielen, vielen Menschen, die sich für die Rasitis einsetzten, bedanke ich mich hier bei Frau Irmgart Gietl aus Maxhütte, Frau Irene Sturm aus Schwandorf, pax christi und der Regensburger Netzvertretung des bayerischen ökumenischen Kirchenasylnetztes. Nach langen, intensiven Interventionen hat das Landratsamt Anfang Dezember die Tatsachen zumindest teilweise respektiert und endlich eine vorläufig auf drei Monate befristete Duldung mit verschiedenen Auflagen erteilt.

Es war ein immenser und zeitraubender Aufwand für das jetzt Erreichte erforderlich und noch gibt es keine längerfistige Perspektive. Ich frage mich immer wieder aufs Neue, warum wird es uns so schwer gemacht, wenn es um Menschenleben geht? Ein gleiches Trauerspiel läuft in Regensburg bei dem kurdischen Flüchtling Nuri Bekiroglu.

Den Zustand in unserem Land und politisch Verantwortliche und Entscheidungsträger beurteilen wir u.a. auch danach, wie einfach oder wie schwierig Lösungen gefunden werden, die unter humanistischen und demokratischen Aspekten eigentlich eine Selbstverständlichlkeit sein müßten. Und sehr konkret müssen wir diesbezüglich viele negative Erfahrungen machen.

Wir appellieren eindringlich an die Öffentlichkeit: Mischen Sie sich ein.Bitten und verlangen Sie von den zuständigen Behörden und Gerichten politische Verfolgung und Abschiebungshindernisse genauer zu prüfen. Protestieren Sie gegen ergangene Unrechtsentscheidungen. Bieten, suchen und melden Sie auch Herbergsplätze, wo von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge vorübergehend versteckt werden können.

Die Kirchengemeinden bitten wir Kirchenasylüberlegungen zu konkretisieren.

An die SPD, die Grünen und die Gewerkschaften appellieren wir, sich politisch dem Asylunrecht, den Abschiebungen und der menschenverachtenden CSU-Politik entgegenzustellen. Analog dem Kirchenasyl können aber auch sie und andere Institutionen Flüchtlingen öffentlichen Schutzraum vor Abschiebung bieten

Nun nochmals zum konkreten Anlaß unseres heutigen Gedenkens. Es ist schon mehr als beschämend, daß die Stadt Schwandorf hier noch kein Mahn- und Gedenkstein angebracht hat.

Denn tatsächlich, viel zu viel haben vergessen, was hier vor 7 Jahren passiert ist und seither wie ein Flächenbrand weiter in Deutschland ausbreitet. Ich hoffe, daß bald ein würdiger Gedenkstein hier steht.

Enden möchte ich mit einer Schönen und richtigen Parole, die von den Jusos stammt: Die Grenze verläuft nicht zwischen den Nationen, sondern zwischen uns da unten und denen da oben.

Danke.

Gotthold Streitberger