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Zunächst einmal ist zu sagen, dass es nicht möglich ist, den wahren Grund für das Fehlen weiterer Steine endgültig zu klären. Alle der angebotenen Thesen können sich der Wahrheit annähern. Vielleicht haben alle ein Stück der Wahrheit oder auch keine. Es kann an dieser Stelle also nur deutlich gemacht werden, welche unserer Thesen die wahrscheinlich der Realität am Nächsten kommt. Einen Herstellungsstop nach ideologischer Wende kann ich mir nur schwerlich vorstellen, da die Zeitspanne zwischen Herstellung des Steines von Rosette und dem Tod von Ptolemaios V. Epiphanes, der ja durchaus eine Zäsur darstellte, relativ groß ist. Nehmen wir diesen als ideologische Wende an, so hätten nach seinem Tode jedoch schon mehr Steine existieren müssen. Ein weiteres wichtiges Gegenargument ist, dass der Text schließlich noch an andernorts aufgetaucht ist, wie in den Philea-Dekreten. Das Dekret Philensis I ist immerhin zwölf Jahre jünger als Rosettana und damit lange nach der Machtübernahme des Polykrates entstanden. Die Produktion wurde folglich nicht infolge von Machtpolitik vorzeitig eingestellt. Auf Philae ist das Dekret jedoch nur in Sandstein gehauen, was dafür spricht, dass es lediglich nicht möglich war, das Dekret in großer Auflage in harten Basalt zu schlagen. Für den Grund des Scheiterns aufgrund technischer Probleme spricht ja zudem der Stein von Nobaireh, der als einziger Schwesterstein dessen von Rosette gilt, jedoch völlig zerstört ist. Hier tut sich jedoch das Gegenargument auf, dass sie ohnehin schon hoch entwickelten technischen Fertigkeiten der alten Ägypter in dieser Zeit mit den Neuentwicklungen der Griechen zusammentrafen. Basalt fand schon in der Vorgeschichte Ägyptens Verwendung. Ist also doch nur mit weniger Eifer und Nachdruck gearbeitet worden? Auf der anderen Seite hat sie die Bearbeitung von Hartgesteinen wie Basalt im Laufe der alt-ägyptischen Geschichte nur sehr wenig weiterentwickelt. Erst in der römischen Zeit wurden die Dolerit-Keile durch Metallmeißel ersetzt. Mit plumpem Steinwerkzeugen lässt sich jedoch bei weitem weniger präzise arbeiten. Es ist daher aufgrund der spröden Struktur von Basalt durchaus denkbar, dass die technischen Mittel für eine größere Auflage des Steines von Rosette nicht ausreichte. Sollten sie dennoch hergestellt worden sein, müssen sie entweder natürlich oder durch Menschenhand den Weg alles Irdischen gegangen sein. Es ist bekannt, dass sehr Vieles von Grabräubern und ähnlichen rücksichtslosen Personen zur persönlichen Bereicherung entwendet wurde, vieles dabei auch einfach zerstört. Die Zerstörung von menschlicher Hand ist also einer näheren Betrachtung zu unterziehen. In Kapitel 4.6.4 wird über die Wirren nach dem Tode von Ptolemaios V. Epiphanes berichtet. Allein der Fakt seiner Ermordung zeigt, dass dieser "Pharao" Feinde hatte, die vor Nichts zurückschreckten. Sind diese Feinde noch einen Schritt weiter gegangen? Hier ist die bereits erklärte religiöse Bedeutung der Hieroglyphen zu beachten. Die Zerstörung der Schriftzeugnisse über das Leben des Herrschers würde seiner zweiten Ermordung gleichkommen, wäre sogar schlimmer, da er damit seine Seele verlöre, aus dem Paradies in das Nichts herabgestoßen würde. Auch die Möglichkeit einer Wiederverwendung ohne boshafte Absichten ist möglich, auch Philensis I wurde ja für einen späteren Herrscher einfach überschrieben. Alles unterliegt ab dem Zeitpunkt seiner Fertigstellung einer natürlichen Verwitterung. Sie fand also in jedem Fall statt, falls wirklich weitere Steine hergestellt wurden. Doch muss beachtet werden, dass ein verwitterungsbeständiges Gestein wie Basalt innerhalb von 2200 Jahren nicht vollständig verwittern dürfte. Unter sehr ungünstigen Bedingungen ist dies jedoch durchaus soweit möglich, bis dass die Schriftzeichen nicht mehr als solche erkennbar sind. Betrachtet man, dass vom Stein von Rosette mindestens ein drittel der ursprünglichen Textmenge überhaupt nicht mehr entzifferbar ist und auch der Rest großflächig angegriffen, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass sich bei nur etwas größerem Textverlust der lesbare Text zu fragmentarisch wird, um noch sinnrichtig rekonstruiert zu werden. Die Entscheidung, ob weitere Steine nur verwittert sind, absichtlich zerstört wurden oder aufgrund von Materialeigenschaften ohne Absicht schon bei der Produktion, könnte an dem Stein von Nobaireh geprüft werden. Leider ist über diesen so gut wie nichts bekannt und findet so gut wie nirgends Erwähnung. Es bleiben hier nun drei Thesen übrig. Der Herstellungsstop würde die beiden anderen Thesen ausschließen, ansonsten fand die Verwitterung in jedem Fall statt und auch die Zerstörung von Menschen ist wahrscheinlich. Das ist nicht das erhoffte eindeutige und unumstößliche Ergebnis, aber dennoch wurde der Kanon der Möglichkeiten stark eingegrenzt. Am wahrscheinlichsten ist eine Kombination: Nach der Herstellung nur weniger Steine wurden einige von Menschen zerstört und der Rest verwitterte. Unter Beobachtung der Vorraussetzungen und Begebenheiten dort und zu dieser Zeit ist eine genauere Aussage wohl nicht möglich. Es dennoch zu versuchen wäre Determinismus, doch dieser wurde schon lange verworfen. Ein Hintertürchen bleibt jedoch offen: wenn weitere Steine gefunden werden, ist der Stein zwar kein Unikat mehr und unsere Thesen eigentlich sämtlich widerlegt. Doch ist in unserer Überlegung durchaus das überdauern einiger Exemplare eingerechnet, so manche aufgeworfene Frage könnte erst hierdurch beantwortet werden. | |