[ Réunion und die drei Cirques]  

[Blick in den Cirque de Salazie]

Das Mesorelief in Réunions Westteil ist von drei großen, rundlichen Hohlformen gekennzeichnet, die bis zu 10 km Durchmesser erreichen.

Sie legen sich kleeblattförmig um den Gipfel des Piton des Neiges, den sogenannten "cirques" ("Kesseln"). Die Frage ihrer Entstehung beschäftigt die Geomorphologen schon seit über 100 Jahren.

Dabei war die Forschung lang in zwei Hauptlager gespalten, wobei die eine Seite den endogenen Kräften die Hauptrolle bei der Cirque-Genese zusprach und diese als tektonische Einbruchsformen (Calderen) deutete. Die andere Richtung machte für die Entstehung der Cirques hautpsächlich die exogenen Kräfte (rückschreitende Erosion) verantwortlich. Letztere Ansicht wird durch den aktuellen Stand der Forschung untermauert.

Eine schlüssige Erklärung für die Entstehung der Cirques leitet sich aus dem Modell der erosiven Hangentwicklung nach Alfred WIRTHMANN ab. WIRTHMANNs Modellvorstellung geht dabei von einigen Voraussetzungen aus, die Verwitterung, Abtragung, klimatische Rahmenbedingungen und Ausgangsrelief betreffen. Zunächst muß durch intensive Verwitterung genügend Material für die Ab-tragung bereitgestellt werden. Eine besondere Rolle spielt hier vor allem die chemische Verwitterung in Form der Hydrolyse, wie sie unter den feucht-warmen tropischen Klimabedingungen möglich ist. Diese schwächt den Gesteinsverband erheblich in seinem Zusammenhalt. Hohe jährliche Niederschlagsmengen sind zum einen für die chemische Verwitterung erforderlich, zum anderen, und dies vor allem in Form von zyklonalen Starkregen, für den erosiven Abtransport des Verwitterungsmateri-als. Das abfließende Niederschlagswasser konzentriert sich dabei auf einzelne linienhafte Bahnen und Gerinne, anstatt flächig wirksam zu werden, was ihm eine stark erhöhte Abtragungskapazität verleiht.

[Erste Nebesschleier bedecken die steil aufragenden Hänge des Cirque de Salazie]

Außerdem muß im Ausgangsrelief, das normalerweise aus einem durch rückschreitende Erosion entstandenen Kerbtal besteht, eine gewisse Hanghöhe und Steilheit der Hänge vorhanden sein, damit der Prozeß der erosiven Rückverlegung der Talwände beginnen kann.

Réunion eignet sich deshalb in besonderer Weise für die Überprüfung von WIRTHMANNs Modell, weil hier verschiedene Stadien der Cirque-Entstehung, und damit der von ihm beschriebenen Abtragungsmechanismen und -formen, vom initialen Kerbtal bis hin zur weitgehenden Auflösung von Zwischentalscheiden in den Cirques in geradezu idealtypischer Anordnung auf engstem Raum vor-handen sind. Das Rivière Langevin, das östlich von St. Joseph mündet, stellt das erste Stadium dar. Es hat sich durch rückschreitende Erosion ein steilwandiges Kerbtal in den Basalt gegraben, dessen Talschluß schon auf halbem Weg zum Piton de la Fournaise liegt und dessen Wände im Bereich des Oberlaufs Höhen über 1.000 m erreichen. Die nächste Entwicklungsstufe wird vom Rivière des Remparts, westlich von St. Joseph, gebildet. Hier bilden sich an den Hängen des Haupttals bereits deutlich erkennaber Runsen, die dadurch entstehen, daß destabilisiertes Hangmaterial bei exzessiven Niederschlagsereignissen in Form von Rutschungen abgeht. Ist einmal eine Runse vorhanden, führt dies zu einer noch stärkeren Konzentration des Abflusses, damit zu verstärkter Erosion, und die Runse beginnt, zu sich selbst zurückzuwandern. Dadurch bilden sich Zwischentalscheiden, die senkrecht zum Verlauf des Haupttals stehen. Im Grand Bassin, östlich des Cirque de Cilaos, ist das nächste Stadium zu sehen. Hier ist schon eine deutliche Erweiterung des Talschlusses zu erkennen, die da-durch zustande kommt, daß sich nun auch an den Zwischentalscheiden Runsen bilden, die ebenfalls zu sich selbst zurückwandern, diese so allmählich zu Graten verschärfen und schließlich ganz aufzehren.


Will man nun einen Blick in die morphologische Zukunft Réunions werfen und wendet die von WIRTHMANN postulierten Gesetzmäßigkeiten auf die derzeitige Situation an, so stellt sich die weitere Entwicklung Réunions wie folgt dar. Das Grand Bassin entwickelt sich zu einem vollständigen Cirque und wächst mit dem benachbarten Cirque de Cilaos zusammen, indem der sie trennende Grat von beiden Seiten angegriffen und aufgelöst wird. Gleichzeitig wachsen die drei bestehenden Cirques Salazie, Mafate und Cilaos zu einem "Riesencirque" zusammen. Dessen Wände wiederum wandern, angetrieben von der rückschreitenden Erosion der Gewässer an seinen Hängen, immer weiter Richtung Küste, bis schließlich die ganze Insel eingeebnet ist. Dieses Endstadium kann auf Rodrigues, der ältesten Maskareneninsel, heute beobachtet werden, während Mauritius eine Zwischenform repräsentiert.

[Drei große Talkessel]

[Erosive Hangentwicklung]

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