...by Erich Kassing  

DIE SCHLACHT UM VERDUN - EIN BEITRAG ZUR MILITÄRGESCHICHTE DES ERSTEN WELTKRIEGES 1914 - 1918  

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DIE SCHLACHT UM VERDUN 
FRONTALLTAG 
DOKUMENTE
FELDPOST
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Zu Beginn des Ersten Weltkrieges nahm die deutsche Feldpost umgehend ihre Tätigkeit auf. Schon am 3. August konnte man die ersten Kriegspostkarten mit den schönen Bildchen in den Schaufenstern betrachten. 250 größere Verlage und etliche Kleinbetriebe teilten sich die Postkartenherstellung.

Die deutsche Feldpost beförderte pro Tag fast 16,7 Millionen Feldpostkarten, Briefe, Päckchen, Zeitungen und Pakete in beide Richtungen. Die französische Feldpost transportierte täglich ca. 4 Millionen Sendungen. 

Hunderte von Soldaten waren damit beschäftigt, die unzähligen Postsendungen an die Front und in die Heimat zu befördern, ein erheblicher organisatorischer Aufwand. Der Bewegungskrieg und der Mangel an Transportfahrzeugen führte Anfang des Krieges noch zu Problemen der Feldpostbeförderung.
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Bildpostkarten mit verträumt blickenden Kriegerfrauen, heroischen Feldgrauen Fern der Kriegsrealität. Deutsche Feldpostkarte: Ein Soldatenquartier vor Verdun, 1916 und Ansichten von zerstörten Städten wurden massenhaft produziert, gekauft und von den Soldaten in die Heimat verschickt.

Die illustrierte Feldpostkarte war auch ein Instrument der Kriegspropaganda, hatte aber mit der Kriegsrealität wenig zu tun. Nicht selten verunglimpften diese Hetzpostkarten den Gegner. Andere Karten zeigen Ruhestellungen und Unterstände wie harmlose touristische Attraktionen.

Nicht jede Sendung erreichte ihren Empfänger an der Front. Oft änderte sich die Adresse, die Einheit, oder die Sendungen wurden durch Feindeinwirkungen Postanstalt der Sanitätskompanie 50 im Dorf Damloup bei Verdun, 1916 vernichtet. Sehnlichst erwartete man Karte, Brief oder Päckchen.

Die Päckchen enthielten zumeist Tabak, Eßwaren oder auch einige Kleidungsstücke. Die Feldpost war bis 50 Gramm für die Soldaten portofrei und wurde im ersten leichtsinnigen Aufbruch zum Krieg, der viele aus einem lästigen Arbeitsalltag zum Abenteuer zu führen schien, naiv konsumiert. 

Die Feldpost bildete den einzigen Kontakt zwischen der kämpfenden Truppe und ihren Angehörigen, zwischen Front und Heimat, war oft deren einziges Lebenszeichen und sollte die Alltagskommunikation ersetzen. Die Ankunft des Feldbriefträgers war eines der glücklichen Momente eines Soldaten im Schützengraben. Vor Verdun konnten die Soldaten in den Etappendörfern in kleinen Marketenderläden ihre Feldpostkarten zumeist in Sechserserien kaufen. Geschrieben wurden die unzähligen Karten und Briefe in den Ruhepausen zwischen den Fronteinsätzen.

Die Post wurde eingesammelt oder konnte vor Ort in die dafür vorgesehenen  Behälter geworfen werden. In der Regel waren beide Seiten bemüht, den Adressaten nicht zu beunruhigen. Daher findet man oft die stereotypische Formulierungen wie: Mir geht es hier gut oder Macht Euch keine Sorgen. Ende des Krieges erhielten Briefe (Jammerbriefe) aus der Heimat immer öfter Klagen über die schlechte Ernährungslage oder den Heldentod eines Angehörigen.

Etappenstation der Feldpost in einem Dorf vor Verdun, 1916

Etappenstation der deutschen Feldpost in einem Dorf vor Verdun, 1916

Deutsche Feldpostkarte: Marktplatz des Dorfes Damvillers vor Verdun, 1916

Deutsche Feldpostkarte: Das zerstörte Dorf Forges vor Verdun, 1916

Die Nachrichten der einfachen Soldaten von der Front galten in der Heimat als authentisches Zeugnis vom Frontalltag und standen oft in krassem Gegensatz zu den Heeresberichten und der offiziellen Propaganda.

War der Empfänger gefallen, ging der Brief mit dem Vermerk tot oder gefallen bei ... zurück an die Angehörigen. Später bekamen unzustellbare Briefe den Vermerk + fürs Vaterland oder + auf dem Feld der Ehre.

Natürlich wurde die Feldpost stichprobenartig zensiert oder gesperrt: Sie unterlag dem Strafgesetzbuch und der Militärzensur. Zensiert wurden u.a.: Kampfdarstellungen jeglicher Art, Bilder vom Tod an der Front, Abbildungen der Todesthematik. Während des Ersten Weltkrieges verhängte man auf deutscher Seite 600 Feldpostsperren. Vor der Textzensur erfolgte also die Bildzensur.

Jede bildliche Darstellung militärischer Art musste vor ihrer Veröffentlichung vom Hersteller einer Prüfstelle vorgelegt werden. Die Militärkommandos hatten ein dichtes Netz der Zensur eingeführt. Ein dicker schwarzer Strich löschte unpatriotische Mitteilungen. Während des Ersten Weltkrieges wurden über 600 Postsperren verhängt, erlassen von der Obersten Heeresleitung oder den einzelnen Armeeführern. Truppenverlegungen oder Angriffspläne sollten so verheimlicht werden. Die Zensur erfolgte aber eher unkoordiniert und dilettantisch. Den Soldaten war in der Regel eine mögliche Kontrolle ihrer Briefe bekanntzugeben.
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Zensur- und zwei Poststempel von Feldpostkarten, aufgegeben vor Verdun, 1915/16


Der Disziplinarvorgesetzte durfte die Briefe lesen und Streichungen durch- führen!

  • Restriktions- und Kontrollmechanismen, Schikanen, Zensur und Selbstzensur, beeinflußten den Schreiber, der nicht selten Angst vor Kontrollen oder Zensur hatte.

  • Genaue Angaben oder Beschreibungen zur konkreten Frontsituation wurden strengstens vermieden. 

  • Päckchen, Briefe und Karten waren mit offenen oder getarnten Absendern versehen. 

  • Rückschlüsse auf den Zielort der Sendung sollten unmöglich ein.

Die Sammlung von Kriegsbriefen begann nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914/18 häuften sich die Veröffentlichungen von Feldpostbriefen. Gegen Ende der 20er Jahre dienten diese Briefe dann wieder als Propagandamittel, wie schon während des Ersten Weltkrieges.

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm das Reichsarchiv die Sammlungen von Feldpostbriefen. Feldpostbriefe sind faszinierende Quellen und Sammlerobjekte, deren Aussagen man aber nicht überschätzen sollte. Eine Auswertung von Feldpostbriefen kann daher nur im engen Verbund mit anderen Quellen stattfinden. Feldpostbriefe können uns aber etwas über den Frontalltag mitteilen. Der Feldpostbrief offenbart uns z.B. in Grenzen das leidende Individum. Es sind nur kleine Ausschnitte der militärischen Wirklichkeit. Briefe oder Karten des einfachen Soldaten sind nicht die Quellen strategischer Überlegungen!

Als historische Quelle und autobiographische Zeugnisse sind Feldpostbriefe bisher aber nur selten ausgewertet worden. Als Darstellung der Kriegserlebnisse und Reflexion über den Sinn des Krieges kommt ihnen aber eine zentrale Bedeutung zu.
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 Französischer Feldpostbrief (1916)

Der Briefschreiber Coquelin de Lisle, Kommandeur der 255. Infanterie-Brigade, fiel am 11. Juni 1916 bei Fleury vor Verdun:

Meine sehr teuere und sehr geliebte Marie, Gott hat es so gewollt; dieser Brief ist der letzte, den Sie von mir lesen werden! Ich schreibe ihn, nachdem ich den Befehl bekommen habe, einen Angriff anzuführen, welcher die größten Opfer mit sich bringen wird - meines insbesondere. Ich vertraue ihn einem Offizier der 232., Leutnant Ruez an, der ihn Ihnen überbringen wird, wenn mein Opfer vollbracht sein wird. Ich gebe gern mein Leben für Frankreich. für dessen Größe ich immer gearbeitet und gelebt habe. Ich werde als Christ scheiden, nachdem ich meine religiösen Pflichten erfüllt habe ...

 Deutsche Feldpostbriefe (1916)

Der Briefschreiber Franz Marc (1880-1916), Maler und Grafiker, starb am 4. März 1916 vor Verdun. Seine "Briefe aus dem Feld" gehören heute zu den Schätzen des 20. Jahrhunderts:

27.II.16. Liebste, nun sind wir mitten drin in diesem ungeheuerlichsten aller Kriegstage. Die ganzen französischen  Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen Wut und Gewalt Dichter Franz Marc (1880-1916) des  deutschen Vorsturmes kann sich kein Mensch einen Begriff machen, der das nicht mitgemacht hat. Wir sind im wesentlichen Verfolgungstruppen ... Verdun, - das hätte niemand geahnt, das ist das Unglaubliche ... Mit Küssen Dein Fz.

Der Briefschreiber Heinz Pohlmann, Philosophiestudent, fiel am 1. Juni 1916 auf dem "Toten Mann" vor Verdun:

Innigste geliebte Eltern!

Wenn Ihr diese Nachricht von mir erhaltet, dann ist wohl herbes Leid über Euch gekommen, denn dann bin ich nicht mehr in dieser Welt. Ich kann es verstehen, aber um eins bitte ich Euch: beklagt mich nicht. Trauert um mich, aber seid ruhig und gefaßt; zeigt, daß Ihr Deutsche seid, die das Leid tragen können. Deutsche Eltern, die das Wertvollste, was sie besitzen, hingeben für das Wertvollste, unser herrliches Vaterland. Denn trotz aller trüben Erfahrungen und Nachrichten glaube ich doch an eine Zukunft Für das neue, größere, bessere Vaterland gebe ich gern mein junges Leben. Ich gehe ganz gefaßt in den Kampf und zittere nicht, dem Tod ins Angesicht zu blicken, denn ich fühle mich geborgen in Gottes Hand ... Noch eins: Wenn ich Euch früher kränkte und wehe tat, so verzeiht mir. Ich war eigensinnig oft und habe oft einen unrechten Weg eingeschlagen, aber ich habe es bereut, glaubt es mir, und verzeiht mir. Und nun bleibt mir nichts mehr als Euch trotz allem zuzurufen: Auf Wiedersehen! ... 

Euer Heinz

Der Briefschreiber Johannes Haas fiel am 1. Juni 1916 vor Verdun:

1. Juni 1916. Liebe Eltern! Ich liege auf dem Schlachtfeld mit Bauchschuß. Ich glaube, ich muß sterben. Bin froh, noch einige Zeit zu haben, mich auf die himmlische Heimkehr vorzubereiten. Dank Euch, Ihr lieben Eltern! Gott befohlen. Hans.

Brief des zwanzigjährigen Theologiestudenten Paul Boelicke, gefallen am 12. Oktober 1918 im Wald von Sivry vor Verdun:

Verdun, ein furchtbares Wort! Unzählige Menschen, jung und hoffnungsvoll, haben hier ihr Leben lassen müssen ihre Gebeine verwesen nun irgendwo, zwischen Stellungen, in Massengräbern, auf Friedhöfen. Kommt der Soldat morgens aus seinem Granatloch (viele sind ganz voll Wasser), so sieht er im hellen Sonnenschein die Türme des Douaumont oder eines anderen Forts, die ihre Augen drohend ins Hinterland richten. Ein Schütteln packt ihn, wenn er seine Blicke rundum schickt: hier hat der Tod seine Knochensaat ausgesät. Die Front wankt, heute hat der Feind die Höhe, morgen wir, irgendwo ist hier immer verzweifelter Kampf. Mancher, der sich eben noch der warmen Sonne freute, hörte es schon irgendwo brüllen und heulend herankommen. Dahin sind alle Träume von Frieden und Heimat, der Mensch wird zum Wurm und sucht sich das tiefste Loch. Trommelfelder-Schlachtfelder, auf denen nichts zu sehen ist als ersticken der Qualm-Gas-Erd-Klumpen- Fetzen in der Luft, die wild durcheinander wirbeln: das ist Verdun.

Quellen und Literatur:
  • Brocks, Christine: Der Krieg auf der Postkarte-Feldpostkarten im Ersten Weltkrieg, in: Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914-1918, hg. v. Rolf Spilker und Bernd Ulrich, Bramsche 1998, S. 154-163.
  • Flemming, Thomas / Ulf, Heinrich: Grüße aus dem Schützengraben, Berlin 2004.
  • Gueno, Jean-Pierre / Laplume, Yves (Hg.): Paroles de poilus. Lettres et carnets du front 1914-1918, Paris: 1998.  
  • Hüppauf, Bernd (Hg.): Ansichten vom Krieg: Vergleichende Studien zum Ersten Weltkrieg in Literatur und Gesellschaft, Königstein / Ts. 1884.
  • Marc, Franz: Briefe aus dem Feld, hg. v. Klaus Lankheit und Uwe Steffen, München 1982.
  • Schracke, K.: Geschichte der deutschen Feldpost im Kriege 1914/18, Berlin 1921. 
  • Ulrich, Bernd: Feldpostbriefe im Ersten Weltkrieg-Bedeutung und Zensur, in: Kriegsalltag, hg. v. Peter Knoch, Stuttgart 1989, S. 40-83.

 

Weiterführende Literatur:

  • Adler, Jeremy (Hg.): August Stramm: Briefe aus dem Krieg, Zürich 1988.  

  • Anderson, H.-J.: Die deutsche Feldpost im Ersten Weltkrieg. Handbuch und Katalog, hg. von der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Feldpost 1914-1918 e.V., Münster 2000.

  • Barbusse, Henri: Briefe von der Front an seine Frau 1914-1917, Leipzig 1987.  

  • Beckmann, Max: Briefe im Kriege, gesammelt von Minna Tube, München/Zürich 1984.

  • Brocks, Christine / Ziemann, Benjamin: Vom Soldatenleben hätte ich gerade genug. Der Erste Weltkrieg in der Feldpost von Soldaten, in: Die letzten Tage der Menschheit. Bilder des Ersten Weltkrieges, hg. v. Rainer Rother, Berlin 1994.

  • Buschmann, Nikolaus: Der verschwiegene Krieg. Kommunikation zwischen Front und Heimatfront, in: Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, hg. v. Gerhard Hirschfeld u.a., Essen 1997.

  • Flemming, Thomas u.a.: Grüße aus dem Schützengraben, Berlin 2004.

  • Hirschfeld, Gerhard u.a. (Hg.): Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkrieges, Essen 1997. 

  • Hank, Sabine & Hermann Simon (Hg.): Feldpostbriefe jüdischer Soldaten 1914-1918: Briefe ehemaliger Zöglinge an Sigmund Feist, Direktor des Reichenheimischen Waisenhauses der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Jüdische Memoiren, Sonderband. 2002.

  • Maier, R.: Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1966.

  • Roth, Alfred: Briefe aus dem Felde und aus den Lazaretten. So sah ich den Krieg, Leipzig 1930.  

  • Schiel, Eberhard: Mein lieber Sohn und Kamerad. Stralsunder Briefe aus dem Ersten Weltkrieg, Kückenshagen 1996.

  • Ulrich, Bernd: Die Augenzeugen. Deutsche Feldpostbriefe in Kriegs- und Nachkriegszeit 1914-1933, Essen 1997.

  • Ulrich, Bernd: Eine wahre Pest in der öffentlichen Meinung. Zur Rolle von Feldpostbriefen während des Ersten Weltkrieges und der Nachkriegszeit, in: Lernen aus dem Krieg? Deutsche Nachkriegszeiten 1918/1945, hg. v. Gottfried Niedhart und Dieter Riesenberger, München 1992.

  • Ulrich, Bernd: Feldpostbriefe des Ersten Weltkrieges-Möglichkeiten und Grenzen einer alltagsgeschichtlichen Quelle, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 53 (1994).

  • Ulrich, Bernd / Ziemann, Benjamin (Hg.): Krieg im Frieden. Die umkämpfte Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, Frankfurt/M. 1997. 

  • Witkop, Philipp (Hg.): Kriegsbriefe gefallener Studenten, München 1933.

  • Wolfangel, Ottmar: Kriegsjahre zählen doppelt. Feldpost aus den Jahren 1914-1918, Norderstadt 2003.

weiter mit Frontalltag:

Kriegstagebücher

Das persönliche Fronttagebuch, der Kalender, das Taschenbuch oder Notizbuch, dienten dem Soldaten als Gedächtnisstütze: Daten wie Ortsnamen, Marschbewegungen und Namen von Vorgesetzten und Kameraden wurden in den Ruhepausen schnell fixiert. Grundsätzlich war das Führen eines Tagebuches aber verboten. Aus diesem Grund sind die meisten Texte erst Tage oder Wochen später niedergeschrieben oder zumindest ergänzt worden. Kriegstagebücher wirken daher oft unstimmig und unglaubhaft.

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